Am Morgen des 10. August 1792 stehen bewaffnete Männer vor dem Tuilerienpalast. Nationalgardisten aus den Pariser Sektionen haben sich ihnen angeschlossen. Auch Freiwillige aus den Provinzen sind in die Hauptstadt gekommen. Im Schloss halten Schweizer Gardisten die Zugänge besetzt. Ludwig XVI. weiß, dass die Menge nicht gekommen ist, um eine Petition zu übergeben.
Der König verlässt mit seiner Familie die Tuilerien und sucht Schutz bei der Gesetzgebenden Nationalversammlung. Wenige Stunden später beginnt der Kampf um den Palast. Am Ende des Tages ist die Monarchie, die seit 1791 auf einer Verfassung beruhen sollte, politisch zusammengebrochen.
Frankreich zieht in den Krieg
Der Weg zum 10. August beginnt Monate zuvor. Seit Herbst 1791 berät die neu gewählte Gesetzgebende Nationalversammlung darüber, wie Frankreich mit den europäischen Monarchien umgehen soll. Jenseits der Grenzen leben französische Adlige, die nach ihrer Emigration gegen die Revolution arbeiten. Besonders in Paris wächst der Verdacht, ausländische Mächte könnten gemeinsam mit ihnen eingreifen.
Für einen Krieg treten sehr unterschiedliche Gruppen ein. Abgeordnete, die später als Girondisten bezeichnet werden, erwarten, dass ein Sieg die Revolution festigt und ihre Gegner im Inneren entlarvt. Ludwig XVI. stimmt einem Krieg ebenfalls zu, allerdings aus anderen Gründen. Am Hof hoffen manche, eine militärische Niederlage könne die Revolution schwächen und dem König verlorene Macht zurückgeben.
Am 20. April 1792 erklärt Frankreich dem österreichischen König von Böhmen und Ungarn den Krieg. Preußen tritt kurz darauf auf österreichischer Seite in den Konflikt ein.
Die ersten französischen Feldzüge verlaufen schlecht. Soldaten ziehen sich zurück, Offiziere werden des Verrats verdächtigt. Viele erfahrene Befehlshaber stammen aus dem Adel, und ein Teil von ihnen hat Frankreich bereits verlassen. Jede Niederlage verstärkt deshalb den Verdacht, dass die Revolution nicht nur an der Grenze, sondern auch im eigenen Land Feinde habe.
Der König benutzt sein Veto
Gleichzeitig verschärft sich der Konflikt zwischen Ludwig XVI. und der Nationalversammlung. Die Abgeordneten beschließen Maßnahmen gegen emigrierte Adlige und gegen Geistliche, die den Eid auf die neue Kirchenordnung verweigern. Der König nutzt sein aufschiebendes Veto und blockiert mehrere dieser Beschlüsse.
Rechtlich handelt er damit innerhalb der Verfassung. Politisch wird das Veto jedoch zunehmend als Beweis dafür verstanden, dass der König die Revolution behindert. Besonders in Paris wächst das Misstrauen.
Am 20. Juni ziehen Tausende Demonstranten zu den Tuilerien. Sie dringen in den Palast ein und verlangen, Ludwig solle seine Vetos zurücknehmen. Der König weigert sich. Stundenlang steht er der Menge gegenüber. Demonstranten setzen ihm eine rote Freiheitsmütze auf, doch Ludwig gibt in der Sache nicht nach.
Der Tag zeigt, wie wenig Schutz die Verfassung dem Königtum inzwischen bietet. Zugleich zeigt er, dass der König noch immer versucht, die Rechte seines Amtes auszuüben.
Das Manifest des Herzogs von Braunschweig

Anfang August erreicht Paris eine Nachricht, die das Misstrauen gegen Ludwig weiter verschärft. Der Herzog von Braunschweig, Oberbefehlshaber der preußischen und österreichischen Truppen, veröffentlicht ein Manifest an die französische Bevölkerung.
Darin droht er Paris mit schwerer Vergeltung, falls der königlichen Familie Gewalt angetan werde. Die Erklärung soll die Monarchie schützen. In Paris bewirkt sie das Gegenteil. Viele Revolutionäre sehen nun ihren Verdacht bestätigt, dass der König und die ausländischen Armeen dieselben Interessen verfolgen.
Ob Ludwig das Manifest bestellt oder seinen Wortlaut bestimmt hat, ist dafür kaum entscheidend. Seine Gegner lesen die Drohung als Verbindung zwischen dem Hof und den einmarschierenden Mächten.
Die politische Forderung wird entsprechend schärfer. Immer mehr Revolutionäre verlangen nun direkt die Absetzung des Königs. Die Forderung, ihn lediglich zur Einhaltung der Verfassung zu zwingen, tritt in den Hintergrund.
Die Sektionen von Paris
In den Pariser Stadtteilen übernehmen die Sektionen eine immer wichtigere Rolle. Dort beraten Bürger über Petitionen und bewaffnete Maßnahmen. Zugleich treffen Freiwillige aus anderen Teilen Frankreichs ein, die für den Krieg ausgehoben worden sind.
Besonders bekannt werden die Männer aus Marseille. Auf ihrem Marsch nach Paris singen sie ein Kriegslied, das bald unter dem Namen Marseillaise verbreitet wird.
Die Forderung nach der Absetzung des Königs gewinnt unter diesen Gruppen rasch Anhänger. In der Nacht vom 9. auf den 10. August übernehmen Vertreter radikaler Sektionen das Pariser Rathaus und bilden eine neue Kommune. Damit entsteht in der Hauptstadt eine Führung, die bereit ist, unmittelbar gegen die Monarchie vorzugehen.
Der Angriff auf die Tuilerien
Noch vor Tagesanbruch sammeln sich bewaffnete Gruppen vor dem Schloss. Ludwig XVI. verfügt dort vor allem über die Schweizer Garde. Teile der Nationalgarde, die den Palast schützen sollen, sind politisch unzuverlässig oder schließen sich den Angreifern an.
Der König entscheidet sich, mit seiner Familie die Tuilerien zu verlassen. Er geht in das nahe gelegene Gebäude der Nationalversammlung und stellt sich unter den Schutz der Abgeordneten.
Am Schloss beginnen Verhandlungen, doch bald fallen Schüsse. Die Schweizer Gardisten können die ersten Angriffe zurückschlagen. Dann erreicht sie ein Befehl des Königs, sich zurückzuziehen und in ihre Kasernen zurückzukehren.
Für viele kommt dieser Befehl zu spät. Beim Rückzug werden zahlreiche Schweizer getötet. Auch auf Seiten der Angreifer gibt es hohe Verluste. In und um die Tuilerien liegen am Ende mehrere Hundert Tote.
Der militärische Sieg gehört den Aufständischen. Entscheidend ist jedoch, was unmittelbar danach in der Nationalversammlung geschieht.

Der König wird suspendiert
Die Abgeordneten stehen nun unter dem Druck der bewaffneten Bewegung in Paris. Sie beschließen, Ludwig XVI. von seinen königlichen Aufgaben zu suspendieren. Die königliche Familie wird zunächst im Kloster der Feuillants untergebracht und wenige Tage später in den Temple überführt.
Zugleich wird die Wahl eines Nationalkonvents angekündigt. Dieses neue Parlament soll über die künftige Staatsform entscheiden. Für seine Wahl gelten weitergehende Regeln als zuvor: Die Unterscheidung zwischen aktiven und passiven Bürgern fällt für die Wahlmänner weg.
Die Verfassung von 1791 ist damit faktisch gescheitert. Weniger als ein Jahr nach ihrem Inkrafttreten hat Frankreich zwar formal noch einen König, doch Ludwig übt keine königliche Gewalt mehr aus.
Krieg und Angst
Der Sturz der Monarchie beendet die Krise nicht. Im Gegenteil: Die ausländischen Armeen rücken weiter nach Frankreich vor. Ende August fällt die Festung Longwy. Anfang September kapituliert Verdun.
In Paris verbreitet sich die Furcht, die gegnerischen Truppen könnten bald die Hauptstadt erreichen. Zugleich sitzen in den Gefängnissen zahlreiche Menschen, die als Gegner der Revolution gelten. Viele Pariser fürchten, sie könnten sich bei einem feindlichen Vormarsch bewaffnen und den Angreifern helfen.
Während Freiwillige die Stadt verlassen, um an die Front zu ziehen, wächst deshalb in Paris die Angst vor einem Gegner im eigenen Rücken.
Wenige Wochen nach dem Angriff auf die Tuilerien wird diese Angst in offene Gewalt umschlagen.
Zum Weiterlesen
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- Thamer, H. U. (2023): Die Französische Revolution.*
- Willms, J. (2025): Tugend und Terror: Geschichte der Französischen Revolution.*
Bildnachweis
Titel: Der Tuileriensturm am 10. August 1792. Im Vordergrund tote Schweizergardisten. Gemälde, Jacques Bertaux. 1793.
Alle Bilder gemeinfrei.




