„Monsieur, ich danke Ihnen.“1 Mit diesen kühlen Worten wandte sich die Frau, die die Welt nur als Mata Hari kannte, am frühen Morgen des 15. Oktober 1917 an den befehlshabenden Offizier ihres Exekutionskommandos. In den Befestigungsanlagen von Schloss Vincennes nahe Paris verweigerte sie die Augenbinde und blickte den Männern des Erschießungspelotons direkt entgegen. Ein Seil fixierte sie am Hinrichtungspfahl, als die Salve krachte. Ein einziger Schuss traf sie direkt ins Herz; ein Unteroffizier trat vor und gab den vorgeschriebenen finalen Nahschuss ab.
Das gewaltsame Ende markierte den Schlusspunkt einer Karriere, die auf der perfekten Inszenierung von Exotik und Geheimnis aufgebaut war. Doch hinter dem Mythos der Agentin verbarg sich vor allem eine Frau, deren finanzielle Not sie in die Mühlen der Kriegspropaganda getrieben hatte.
Von Friesland nach Java
Geboren wurde die spätere Ikone am 7. August 1876 als Margaretha Geertruida Zelle im niederländischen Leeuwarden. Ihr Vater, der Hutmacher Adam Zelle, lebte verschwenderisch und ließ sich gern „Baron“ nennen. Dieses Streben nach Status prägte Margaretha früh. Nach dem Tod ihrer Mutter Antje im Jahr 1891 suchte sie den Ausbruch aus der Enge der Provinz.
Über eine Zeitungsannonce lernte sie den zwanzig Jahre älteren Kolonialoffizier Campbell Rudolph MacLeod kennen. Die Ehe, die 1895 geschlossen wurde, führte sie nach Niederländisch-Ostindien. Das Familienglück war nur von kurzer Dauer: 1899 verstarb ihr Sohn Norman in Indonesien unter ungeklärten Umständen. Die Verbindung war von Gewalt und Eifersucht geprägt, worunter auch die 1898 geborene Jeanne Louise litt. 1902 kehrte die Familie in die Niederlande zurück und trennte sich. In einem erbitterten Sorgerechtsstreit wurde Margaretha das Sorgerecht zugesprochen, doch da ihr Mann den Unterhalt verweigerte, musste sie das Mädchen bei ihm lassen. Dieser Verlust und die bittere Armut trieben sie schließlich in die französische Metropole.
Die Erfindung der Mata Hari

In Paris erfand sie sich 1905 neu. Aus der mittellosen Niederländerin wurde Mata Hari (malaiisch für „Sonne“). Im Museum Guimet präsentierte sie vor einem elitären Publikum ihre Interpretation orientalischer Tänze. Sie behauptete, in der heiligen Stadt Jaffnapatam als Tochter einer Brahmanin aufgewachsen zu sein – eine reine Erfindung, die ihren Aufstieg beschleunigte.
In den glanzvollen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg beherrschte sie die Kunst der erotischen Entkleidung und wurde zur am besten bezahlten Tänzerin ihrer Zeit. Ihr Gesicht warb für Zigaretten und Keksdosen; sie unterhielt Affären mit einflussreichen Männern aus Politik und Militär. Doch ihr Erfolg war flüchtig: Schon vor Kriegsausbruch sank ihr Stern, Konkurrentinnen kopierten ihren Stil und das Publikum suchte nach neuen Reizen.
Zwischen den Fronten

Im Mai 1914 reiste Mata Hari nach Berlin, um ein lukratives Engagement am Metropol-Theater anzutreten. Dort überraschte sie der Kriegsausbruch. Als Ausländerin ohne gültige Papiere flüchtete sie zurück in die neutralen Niederlande. Dort trat der deutsche Konsul Carl H. Cramer an sie heran und bot ihr 20.000 Francs für Informationen aus Frankreich. Mata Hari nahm das Geld an – laut späterer Aussage, um sich für beschlagnahmtes Eigentum in Berlin zu entschädigen.
Im Spätherbst 1915 trat sie offiziell in den Dienst des deutschen Geheimdienstes unter dem Decknamen H 21. Ihre agententechnische Einweisung erhielt sie im Frühjahr 1916 in Antwerpen. Zur selben Zeit versuchte der Leiter der französischen Spionageabwehr, George Ladoux, sie als Doppelagentin anzuwerben. Mata Hari ließ sich auf dieses gewagte Vorhaben ein, vermutlich getrieben von dem Wunsch, Geld für ihre Zukunft und die Reise zu ihrem Geliebten, dem russischen Offizier Wladimir Masloff, zu verdienen.
Das tödliche Telegramm

Der entscheidende Fehler unterlief dem deutschen Militärattaché Arnold Kalle in Madrid. Im Januar 1917 sandte er ein verschlüsseltes Telegramm nach Berlin, in dem er Anweisungen für H 21 erbat. Der britische Geheimdienst fing die Nachricht ab und entzifferte sie mühelos. Da die Briten wussten, dass die Franzosen denselben Code mitlasen, war ihr Schicksal besiegelt.
Am 13. Februar 1917 wurde sie in ihrer Unterkunft verhaftet. Der Prozess vor einem Militärgericht dauerte nur eineinhalb Tage. In einer Zeit, in der die französische Armee unter schweren Verlusten litt, wurde ein Sündenbock benötigt. Obwohl es bis heute Zweifel gibt, ob ihre Informationen jemals militärischen Schaden angerichtet hatten, verurteilten die sieben Richter des Militärgerichts sie zum Tode.
Mata Hari war eine Frau, die die Tragweite ihres Handelns fatal unterschätzte. Heute gilt sie als Opfer einer Justiz, die Exempel statuieren wollte. Ihre Tochter Jeanne Louise starb nur zwei Jahre nach der Hinrichtung ihrer Mutter, kurz vor ihrer geplanten Abreise nach Indonesien.
Zum Weiterlesen
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Eva-Maria Bast (2022): Die aufgehende Sonne von Paris (Bedeutende Frauen, die die Welt verändern 6): In der Stadt der Liebe wurde sie zu Mata Hari, auf den Bühnen der Welt. Roman über die legendäre Tänzerin und Spionin.*
Bildnachweis
Titel: Mata Hari, 1905.
Alles gemeinfrei.
- Obwohl dieses Zitat in zahlreichen Biografien als Ausdruck ihrer gefassten Haltung überliefert ist, findet es sich nicht in den offiziellen Hinrichtungsprotokollen und gilt daher als historisch nicht zweifelsfrei belegt. ↩︎




