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Der Staatsstreich des 18. Brumaire

Am Morgen des 9. November 1799 verlassen Abgeordnete Paris. Der Rat der Alten hat beschlossen, die beiden gesetzgebenden Kammern nach Saint-Cloud zu verlegen. Offiziell soll dort sicherer beraten werden können. Angeblich droht eine jakobinische Verschwörung.

Napoleon Bonaparte erhält den militärischen Oberbefehl über Paris und die Truppen, die den Umzug schützen sollen. Noch am selben Morgen erscheinen Generäle in seinem Haus in der Rue de la Victoire. Soldaten werden in der Hauptstadt aufgestellt. Hinter der Warnung vor einem Aufstand steht ein Plan, an dem Bonaparte selbst beteiligt ist.

Das Direktorium soll beseitigt und eine neue Regierung geschaffen werden.

Sieyès sucht einen General

Die Pläne für den Staatsstreich beginnen bereits vor Bonapartes Rückkehr aus Ägypten. Emmanuel-Joseph Sieyès gehört seit Mai 1799 dem Direktorium an und hält die Verfassung von 1795 für gescheitert. Wechselnde Mehrheiten und wiederholte Eingriffe in Wahlen haben das politische System geschwächt. Sieyès will die Verfassung durch ein neues Regierungssystem ersetzen, das der Regierung mehr Handlungsspielraum gibt.

Dafür braucht er militärische Unterstützung.

Zunächst denkt Sieyès an andere Generäle. Doch im Oktober kehrt Bonaparte überraschend aus Ägypten zurück. Seine militärische Lage dort ist deutlich schwieriger, als seine Anhänger in Frankreich behaupten. Dennoch überwiegt dort der Eindruck des erfolgreichen Generals von Italien.

Bonaparte wird in Paris gefeiert. Politiker suchen seine Nähe. Für Sieyès ist er der General, der dem geplanten Machtwechsel die nötige militärische Absicherung geben kann.

Bonaparte beansprucht jedoch von Beginn an eine eigene politische Rolle und verfolgt weitergehende Ziele.

Das Direktorium zerfällt

Am 18. Brumaire des Jahres VIII, dem 9. November 1799, setzt der Staatsstreich bei den Direktoren an.

Sieyès und Roger Ducos treten zurück. Paul Barras wird unter Druck gesetzt, ebenfalls sein Amt niederzulegen. Bonapartes Vertraute suchen ihn im Palais du Luxembourg auf und machen ihm deutlich, dass seine politische Stellung zusammengebrochen ist.

Napoleon Bonaparte beim Staatsstreich vom 18. Brumaire in Saint-Cloud.

Die beiden übrigen Direktoren, Louis-Jérôme Gohier und Jean-François Moulin, verweigern zunächst ihren Rücktritt. Soldaten hindern sie jedoch daran, wirksam einzugreifen.

Damit kann das fünfköpfige Direktorium nicht mehr handeln.

Der erste Teil des Staatsstreichs gelingt nahezu ohne Gewalt. Schwieriger wird die Frage, was an die Stelle der bisherigen Regierung treten soll. Dafür brauchen die Verschwörer zumindest den Anschein einer Zustimmung durch die beiden Räte.

Deshalb verlagert sich die Entscheidung am folgenden Tag nach Saint-Cloud.

Ein schwieriger Auftritt

Am 10. November versammeln sich der Rat der Alten und der Rat der Fünfhundert im Schloss von Saint-Cloud. Soldaten stehen in den Höfen und an den Zugängen.

Die Abgeordneten sind inzwischen misstrauisch geworden. Viele wissen, dass das Direktorium praktisch aufgehört hat zu existieren. Gerüchte über einen Staatsstreich machen die Runde.

Bonaparte erscheint zunächst vor dem Rat der Alten. Er spricht von Gefahren für die Republik und versichert, Freiheit und Gleichheit schützen zu wollen. Seine Rede bleibt fahrig. Abgeordnete stellen Fragen nach der Verfassung.

Bonaparte kann ihnen keinen klaren rechtlichen Weg für die geplante Verfassungsänderung nennen.

Noch schwieriger wird sein Auftritt vor dem Rat der Fünfhundert.

Im Rat der Fünfhundert

Die Abgeordneten des Rates sitzen in der Orangerie von Saint-Cloud. Bonaparte betritt den Saal, begleitet von einigen Grenadieren.

Lucien Bonaparte, Gemälde nach 1800

Sofort brechen Rufe aus. Abgeordnete verlangen, dass er die Verfassung respektiert. Andere bezeichnen ihn als Gesetzlosen. Männer drängen auf ihn zu.

Bonaparte verliert sichtbar die Kontrolle über die Situation. Seine Begleiter führen ihn aus dem Saal.

Für einen Moment droht der Staatsstreich zu scheitern.

Eine entscheidende Rolle übernimmt nun sein Bruder Lucien Bonaparte. Er ist Präsident des Rates der Fünfhundert und versucht zunächst, die Sitzung zu führen. Als der Widerstand gegen Napoleon nicht nachlässt, verlässt auch Lucien den Saal.

Draußen wendet er sich an die Soldaten.

Soldaten räumen den Saal

Lucien erklärt den Truppen, eine Minderheit von Abgeordneten bedrohe die Volksvertretung und habe versucht, Napoleon anzugreifen. Er stellt den Einsatz des Militärs als Schutz des Parlaments dar.

Die Darstellung ist mindestens stark zugespitzt. Sie erfüllt jedoch ihren Zweck.

General Joachim Murat erhält den Befehl, mit Grenadieren in die Orangerie einzurücken. Die Soldaten betreten den Sitzungssaal. Die Abgeordneten werden aufgefordert, das Gebäude zu verlassen.

Viele fliehen durch Türen und Fenster in den Park von Saint-Cloud.

Damit entscheidet nicht mehr eine Abstimmung über das Schicksal des Direktoriums. Bewaffnete Soldaten haben die gewählte Kammer auseinandergetrieben.

Später am Abend werden einige Abgeordnete zurückgeholt. In einer stark verkleinerten Versammlung billigen sie Beschlüsse, die das Direktorium abschaffen und eine provisorische Regierung einsetzen.

Drei Konsuln sollen Frankreich vorläufig führen: Bonaparte, Sieyès und Ducos.

Sieyès verliert die Kontrolle

Sieyès hatte den Staatsstreich vorbereitet, doch schon bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung zeigt sich, wer daraus den größten Nutzen zieht.

Sein eigener Entwurf sieht ein kompliziertes Gefüge verschiedener Ämter vor. Bonaparte lehnt vor allem eine Ämterverteilung ab, die ihm eine repräsentative Rolle ohne unmittelbare Regierungsgewalt geben würde.

Er setzt sich durch.

Die Verfassung des Jahres VIII schafft drei Konsuln, doch ihre Macht ist äußerst ungleich verteilt. Bonaparte wird Erster Konsul. Er ernennt Minister und verfügt über großen Einfluss auf Gesetzgebung und Verwaltung. Die beiden anderen Konsuln besitzen vor allem beratende Aufgaben.

Sieyès zieht sich aus der unmittelbaren Regierung zurück. Bonaparte hat innerhalb weniger Wochen die Stellung übernommen, die der eigentliche Planer des Staatsstreichs für sich nicht vorgesehen hatte.

Eine Republik mit einem Ersten Konsul

Die neue Verfassung hält an republikanischen Bezeichnungen fest. Es gibt keinen König. Wahlen und Volksabstimmungen bestehen ebenfalls weiter.

Die politische Entscheidungsmacht konzentriert sich jedoch beim Ersten Konsul. Auch die örtliche Verwaltung wird nun straff von Paris aus gelenkt: Präfekten vertreten die Regierung in den Départements.

Zugleich wird die öffentliche Zustimmung organisiert. Die neue Verfassung wird einer Volksabstimmung vorgelegt. Die Regierung veröffentlicht später eine überwältigende Zustimmung, wobei die offiziellen Zahlen manipuliert werden.

Bonaparte braucht dennoch mehr als eine gefälschte Statistik. Nach Jahren politischer Gewalt und wirtschaftlicher Unsicherheit wünschen sich viele Franzosen eine Regierung, die Ruhe schafft und die seit 1789 erworbenen Veränderungen schützt.

Genau dieses Versprechen bietet der Erste Konsul.

Was bleibt von 1789?

Bonaparte bewahrt zentrale Errungenschaften der Revolution. Die rechtliche Abschaffung der Ständeprivilegien bleibt bestehen. Käufer ehemaliger Kirchengüter dürfen ihren Besitz behalten. Auch die neue Verwaltung und die Vorstellung rechtlicher Gleichheit gelten weiterhin.

Gleichzeitig endet die Phase, in der wechselnde gewählte Versammlungen das politische Zentrum Frankreichs bilden. Oppositionelle Zeitungen werden geschlossen, politische Gegner überwacht. Volksvertretungen verlieren gegenüber der Regierung an Gewicht.

Mit dem 18. Brumaire verbindet Bonaparte die Ergebnisse der vergangenen zehn Jahre mit einer stark konzentrierten Regierung.

Vom Konsul zum Kaiser

Napoleon, 1803

Schon bald wird sichtbar, dass das neue Regierungssystem auf Napoleon zugeschnitten ist. 1802 lässt er sich zum Konsul auf Lebenszeit ernennen. Zwei Jahre später erhält Frankreich erneut einen erblichen Monarchen.

Am 2. Dezember 1804 setzt sich Napoleon in Notre-Dame die Kaiserkrone auf.

Zwischen dem Sturm auf die Bastille und dieser Krönung liegen gut fünfzehn Jahre. Viele Institutionen des alten Frankreich sind verschwunden, Eigentumsverhältnisse haben sich verändert und Millionen Menschen leben unter neuen Gesetzen.

Die Revolution mündet in einen neuen Staat, dessen Herrscher seine Macht auf Armee und Verwaltung stützt und zugleich beansprucht, wesentliche Errungenschaften von 1789 zu bewahren.

Genau dieser Widerspruch wird Napoleons Herrschaft prägen.


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Bildnachweis

Titel: Napoleon Bonaparte, Lithographie, 1798.

Alle Bilder gemeinfrei.

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