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Gizeh – Auf der Baustelle des Cheops

Merer führte Buch. Tag für Tag notierte der ägyptische Aufseher, wo seine Leute arbeiteten, wann sie ablegten und wohin sie ihre Fracht brachten. Die Männer fuhren zum Kalksteinbruch von Tura am Ostufer des Nils. Dort übernahmen sie helle Steinblöcke, verluden sie auf Schiffe und brachten sie über den Fluss nach Westen. Ihr Ziel trug einen königlichen Namen: Achet-Chufu, der Horizont des Cheops.

Gemeint war die Große Pyramide von Giza.

Merers Aufzeichnungen stammen aus der Regierungszeit des Cheops und gehören zu den seltenen Dokumenten, die unmittelbar aus dem Betrieb einer königlichen Großbaustelle berichten. Sie erzählen kaum etwas über den Sinn der Pyramide. Merer interessiert, wann seine Leute fahren, wo sie übernachten und welche Arbeiten sie erledigen.

Gerade deshalb führt sein Bericht ungewöhnlich nah an den Alltag von Giza heran. Hinter der Pyramide standen Männer, die Stein brachen und Schiffe steuerten. Andere verteilten Lebensmittel oder führten Listen. Tausende solcher Arbeitstage schufen jenes Monument, das später fast alle anderen Spuren dieser Baustelle überragen sollte.

Der Nil lag näher

Wer heute vor den Pyramiden steht, blickt auf den Rand der Wüste und weit dahinter auf das Häusermeer von Kairo und Giza. Im 26. Jahrhundert v. Chr. sah die Landschaft anders aus.

Der Nil verlief näher am Plateau. Flussarme und Hafenbecken verbanden die Baustellen mit dem Tal. Über diese Wasserwege gelangten Menschen und Material nach Giza. Der Fluss änderte seine Lage im Lauf der Jahrhunderte immer wieder; Sedimente und verlassene Kanäle haben Spuren dieser Veränderungen erhalten.

Für den Pyramidenbau war die Nähe zum Wasser entscheidend. Einen großen Teil des Kalksteins brachen Arbeiter direkt auf dem Gelände. Hochwertigen weißen Kalkstein für die äußere Verkleidung holten königliche Arbeitsgruppen dagegen aus Tura. Schiffe übernahmen dort die schweren Blöcke und brachten sie bis an die Baustelle.

Merers Leute gehörten zu diesem Transportsystem. Ihre Aufzeichnungen zeigen einen geregelten Arbeitsrhythmus zwischen Steinbruch und Pyramidenbezirk. Hinter jedem Block, der Giza erreichte, standen Fahrten auf dem Nil und das Be- und Entladen der Schiffe.

Damit begann die Arbeit erst.

Stein aus dem Plateau

Cheops ließ seine Pyramide auf einem Kalksteinplateau westlich von Memphis errichten. Dort fanden die Baumeister einen erheblichen Teil ihres Materials unmittelbar vor Ort.

Südlich der Großen Pyramide schnitten Arbeiter große Mengen Stein aus dem Untergrund. Noch heute lassen sich die alten Abbauflächen erkennen. Die Baumeister mussten deshalb weniger Material über große Entfernungen transportieren, als die gewaltige Masse des Bauwerks zunächst vermuten lässt.

Im Steinbruch arbeiteten Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben. Männer lösten Blöcke aus dem Fels. Andere brachten sie auf die benötigten Maße und transportierten sie weiter. Auf dem Bauplatz übernahmen Arbeitsgruppen die Steine und setzten sie an der vorgesehenen Stelle ein.

Auch innerhalb dieser Gruppen gab es feste Einteilungen. Rote Aufschriften in den Entlastungskammern oberhalb der Königskammer nennen Arbeitsverbände und verbinden einige von ihnen ausdrücklich mit Cheops. Solche Namen halfen dabei, die Gruppen voneinander zu unterscheiden. Sie zeigen zugleich, wie genau der Bau organisiert war.

Aufseher mussten wissen, welche Gruppe wo arbeitete. Schreiber erfassten Lieferungen und Arbeitsleistungen. Sobald an einer Stelle Material fehlte, konnten andere Männer ihre Arbeit dort nicht fortsetzen.

Die Pyramide wuchs deshalb nur so schnell, wie dieses Zusammenspiel funktionierte.

Wer die Arbeiter versorgte

Die Männer auf dem Baugelände mussten jeden Tag essen. Diese einfache Tatsache hinterließ archäologische Spuren.

Südöstlich der großen Pyramiden entstand während der 4. Dynastie eine ausgedehnte Siedlung für Menschen, die im Umfeld der königlichen Bauprojekte arbeiteten. Lange Gebäudereihen boten Platz für größere Gruppen. Daneben lagen Bereiche, in denen Menschen Lebensmittel verarbeiteten. Verwaltungsgebäude gehörten ebenfalls zur Anlage.

Bäcker produzierten große Mengen Brot. Schlachter zerlegten Rinder sowie Kleinvieh für die Versorgung der Bewohner. Die Tierknochen zeigen, dass Fleisch in beträchtlichen Mengen auf den Speiseplan gelangte.

Dafür musste jemand die Tiere nach Giza bringen.

Ein Bauprojekt wie dieses griff deshalb weit über das Gelände von Giza hinaus. Bauern produzierten Getreide für die Arbeiter. Viehhalter lieferten Tiere. Königliche Einrichtungen sammelten einen Teil dieser Erzeugnisse ein und schickten sie zur Baustelle.

Giza verbrauchte ständig Nachschub. Jeder zusätzliche Arbeiter brauchte Nahrung. Werkzeuge nutzten sich ab und mussten ersetzt werden. Die Männer, die solche Lieferungen organisierten, gehörten ebenso zum Pyramidenbau wie die Steinmetze am Monument.

Die erhaltenen Gebäude stammen zum Teil aus der Zeit der Nachfolger des Cheops und zeigen den Betrieb des Pyramidenfeldes über mehrere Generationen. Chephren und Mykerinos bauten neben der Großen Pyramide weiter. Giza blieb jahrzehntelang eine königliche Baustelle.

Arbeiten für den König

Die Pyramiden entstanden zu einer Zeit, in der der Hof Arbeitskräfte aus verschiedenen Teilen Ägyptens zusammenziehen konnte. Ein Teil der Männer arbeitete vermutlich dauerhaft als Spezialist auf königlichen Baustellen. Andere kamen für begrenzte Zeit.

Statue Chufus

Für solche Arbeitseinsätze eignete sich der Rhythmus der Landwirtschaft. Während der Nil Flächen überschwemmte, ruhte ein Teil der Feldarbeit. Der Hof konnte Menschen zeitweise für andere Aufgaben heranziehen. Wie genau die Rekrutierung in der Zeit des Cheops für jede einzelne Arbeitsgruppe funktionierte, lässt sich aus den erhaltenen Quellen allerdings nur teilweise rekonstruieren.

Die Baustelle selbst zeigt die Arbeitsteilung deutlicher. Steinmetze beherrschten ihre Werkzeuge. Schiffsbesatzungen kannten die Wasserwege. Schreiber führten Aufzeichnungen. Aufseher wie Merer koordinierten die Arbeiter.

Unter ihnen arbeiteten Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Der Bau brauchte Fachleute über viele Jahre hinweg. Gleichzeitig verlangte er große Gruppen für Transporte und andere körperliche Arbeiten.

Auf der Großbaustelle arbeiteten klar gegliederte Gruppen unter eigenen Vorgesetzten. Einige trugen eigene Namen, die sich sogar in Aufschriften erhalten haben. Manche Männer machten Karriere innerhalb der königlichen Verwaltung. Von anderen blieben nur die Spuren ihrer Arbeit.

Eine Stadt für die Baustelle

In der Siedlung am Rand des Baugeländes begann der Tag lange vor dem ersten Steintransport. Während in den Küchen die ersten Feuer brannten, stellten Handwerker Geräte bereit oder reparierten beschädigte Stücke. Verantwortliche verteilten die Arbeiter auf ihre Einsatzorte. Wer zum Steinbruch ging, hatte einen anderen Tagesablauf als eine Gruppe am Hafen.

Auch Krankheiten und Verletzungen gehörten zu diesem Leben. Skelette aus den Friedhöfen bei Giza zeigen verheilte Knochenbrüche bei einzelnen Menschen. Manche Betroffenen überlebten Verletzungen, die längere Versorgung erforderten. Die Gemeinschaft musste solche Männer über eine gewisse Zeit ernähren, obwohl sie ihre normale Arbeit kaum ausführen konnten.

Die Gräber bringen uns noch näher an die Menschen auf dem Baugelände. Einige erhielten schlichte Bestattungen. Höhergestellte Aufseher konnten aufwendigere Gräber errichten lassen. Titel auf Inschriften zeigen, dass auch innerhalb der Arbeiterschaft klare Unterschiede bestanden.

Wer Giza nur als Pyramidenfeld betrachtet, sieht deshalb nur einen Ausschnitt. Während Cheops‘ Monument in die Höhe wuchs, lebten am Fuß des Plateaus Menschen, die morgens zur Arbeit gingen und abends zurückkehrten. Bäcker heizten Öfen an. Schreiber warteten auf Lieferungen. Am Wasser legten Transportgruppen mit neuen Steinblöcken an.

Die Pyramide stand mitten in diesem Betrieb.

Der König bleibt unsichtbar

Cheops selbst begegnet uns auf seiner eigenen Großbaustelle kaum. Von ihm ist nur wenig zeitgenössische Bildkunst erhalten. Eine kleine Elfenbeinstatuette, deren sichere Datierung und ursprünglicher Zusammenhang diskutiert werden, ist zu einem der bekanntesten Bilder des Königs geworden. Neben seiner Pyramide wirkt sie beinahe absurd klein.

Umso deutlicher tritt der Hof hervor, der in seinem Namen arbeitete.

Sneferu

Merers Leute transportierten Verkleidungssteine für Achet-Chufu. Andere Beamte koordinierten Vorräte. Auf dem Baugelände beaufsichtigten Männer die einzelnen Arbeitsgruppen. Cheops musste dabei keinen Stein selbst bewegen. Seine Rolle bestand darin, Ressourcen des Königshauses für ein Bauprojekt zu bündeln, das viele Jahre dauerte.

Darin lag die eigentliche Voraussetzung der Großen Pyramide. Ägyptische Steinmetze verfügten bereits über Erfahrungen aus den Pyramidenprojekten Djosers und Sneferus. Unter Cheops kamen diese Kenntnisse auf einem einzigen Bauplatz in gewaltigem Umfang zum Einsatz.

Das Monument wuchs aus Millionen einzelner Handgriffe.

Nach Cheops wird weitergebaut

Mit dem Tod des Königs verstummte Giza nicht.

Chephren ließ südwestlich der Großen Pyramide seinen eigenen Komplex errichten. Später folgte Mykerinos mit einer kleineren Pyramide. Neben den königlichen Monumenten entstanden Gräber für Mitglieder des Hofes. Priester hielten die Totenkulte verstorbener Könige in Betrieb.

Damit veränderte sich auch die Arbeit auf dem Plateau. Manche Gruppen bauten weiter, während andere ältere Anlagen versorgten. Aus der Baustelle wurde zugleich ein Ort, an dem die Erinnerung an verstorbene Herrscher täglich gepflegt werden musste.

Merers Papyrus blieb weit entfernt von Giza erhalten. Seine Leute hatten ihn nach Abschluss ihrer Arbeiten nicht für spätere Leser geschrieben. Trotzdem bewahrt gerade dieses nüchterne Arbeitsbuch einen seltenen Blick auf die Menschen hinter der Pyramide.

Ein Schiff legt in Tura ab. Männer bringen Kalkstein zum Nil. Merer vermerkt die Fahrt.

Am anderen Ufer wächst der Horizont des Cheops.


Altes Reich

Die 4. Dynastie Ägyptens

Königsnamen, Datierungen und historische Zeugnisse im Überblick

Herrschertabelle anzeigen
Datierung Namen Historische Hinweise
4. Dynastie
um 2670–2620 (2614–2579) v. Chr. SnofruHorusname: Neb-maat; griechisch: Soris Drei Pyramiden (Meidum und Dahschur [2 ×]), Wechsel von Stufen- zu Echter Pyramide.
um 2620–2580 (2579–2556) v. Chr. ChufuAuch: Chnumchufu; Horusname: Mededju; griechisch: Cheops*, Suphis Erbauer der Cheops-Pyramide; Expeditionen nach Nubien und auf den Sinai, Handel mit Byblos.
um 2580–2570 (2556–2547) v. Chr. RadjedefAuch: Djedefre; Horusname: Cheper; griechisch: Ratoises Pyramide in Abu Roasch (evtl. unvollendet).
um 2570–2530 (2547–2521) v. Chr. ChafreHorusname: User-ib; griechisch: Chephren*, Suphis II. Nur durch seine Pyramide in Gizeh bekannt. Handel mit Syrien und Byblos.
um 2530 (2521–2514) v. Chr. BakaAuch: Bakare; griechisch: Bicheris Existenz unsicher, da zeitgenössisch nicht belegt. Möglicherweise unfertige Pyramide in Saujet el-Arjan.
um 2530–2510 (2514–2486) v. Chr. MenkaureHorusname: Ka-chet; griechisch: Mykerinos*, Mencheres Hauptsächlich durch seine Pyramide in Gizeh bekannt. Pharaonen werden jetzt als „Sohn des Re“ verehrt.
um 2510–2500 (2486–2479) v. Chr. SchepseskafHorusname: Schepse-chet; griechisch: Sebercheres Große Mastaba in Sakkara-Süd.
um 2500 (2479–2477) v. Chr. Thamphthis Existenz unsicher, da zeitgenössisch nicht belegt. Vielleicht mit Königin Chentkaus I. identisch.

Bei mehreren Herrschern sind Namen, Datierung oder Identität unsicher. Die Hauptformen folgen der international gebräuchlichen Schreibweise; deutsche und griechische Formen stehen als Varianten dabei. Mit * markierte Namen sind die im Deutschen geläufigsten Formen. Datierungen in Klammern geben eine alternative Chronologie an.

Zum Weiterlesen

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Schnurr, E.-M. (2025): Das Alte Ägypten: Wie die Menschen im Reich der Pharaonen lebten.*

Hornung, Erik (2010): Einführung in die Ägyptologie. Stand – Methoden – Aufgaben*

Bildnachweis

Titel: Cheops-Pyramide, 2023.

Chufru: Wikimedia Commons, UserPpPp. CC BY-SA 4.0.

Sneferu: Wikimedia Commons, Richard Mortel. CC BY-SA 4.0.

Alles weitere eigene Aufnahmen.

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