Im Inneren der Pyramide des Unas laufen Hieroglyphen über die Wände der Grabkammer. Sie stehen dicht nebeneinander, in senkrechten Spalten, sorgfältig in den Kalkstein geschnitten. Wer den unterirdischen Bereich betrat, fand dort Worte für einen toten König: Sprüche sollten Unas schützen, ihn zu den Göttern führen und dafür sorgen, dass er nach seinem Tod weiter handeln konnte.
Das war neu. Frühere Könige hatten ihre Gräber mit gewaltigen Mengen Stein, kostbaren Gefäßen und aufwendigen Kultbauten ausgestattet. Die Wände ihrer Grabkammern blieben weitgehend ohne solche Texte. Unas, der letzte Herrscher der 5. Dynastie, ließ gegen Ende des 24. Jahrhunderts v. Chr. erstmals eine große Sammlung religiöser Sprüche direkt in seine Pyramide schreiben.
Damit begann die Geschichte der Pyramidentexte.
Worte für einen toten König

Unas ließ seine Pyramide in Saqqara errichten, südlich von Djosers großer Stufenpyramide. Sein Monument war erheblich kleiner als die Pyramiden der 4. Dynastie in Giza. Unter der Erde entstand jedoch etwas, das spätere Könige übernehmen sollten.
Ein Gang führte hinab in die Anlage. Dahinter lagen eine Vorkammer und die eigentliche Grabkammer mit dem Sarkophag. Auf ihren Wänden brachten Steinmetze und Schreiber Hunderte Textpassagen an.
Die Sprüche stehen in unterschiedlichen Zusammenhängen nebeneinander. Manche sprechen den toten König unmittelbar an. Andere legt der Text ihm selbst in den Mund. Götter erscheinen als Helfer oder als Wesen, mit denen Unas verkehren soll. Gefahren müssen abgewehrt werden. Nahrung und Opfer sollen dem Toten zur Verfügung stehen.
Immer wieder geht es um Bewegung. Der verstorbene König soll sein Grab verlassen können. Er steigt zum Himmel auf, fährt mit göttlichen Mächten und nimmt dort einen Platz ein, der seinem königlichen Rang entspricht.
Der Tod erscheint damit als Übergang, bei dem sehr viel geschehen muss. Der Körper liegt im Sarkophag. Gleichzeitig soll Unas essen, reisen und unter den Göttern auftreten können.
Die Texte geben ihm dafür die notwendigen Worte.
Der König spricht weiter
Für einen ägyptischen Herrscher endeten seine Aufgaben mit dem Tod nicht einfach. Sein Totenkult sollte weiterlaufen. Priester brachten Opfer an seine Grabanlage, sprachen Formeln und hielten seinen Namen präsent.

Die Pyramidentexte verlagerten einen Teil dieser gesprochenen Welt dauerhaft in das Grab.
Auf den Wänden standen nun Sprüche, die zuvor wahrscheinlich in verschiedenen Ritualen verwendet worden waren. Ihre Entstehung reicht deshalb weiter zurück als die Regierungszeit des Unas. Mit ihm sehen wir sie erstmals in dieser Form zusammengestellt und in einem königlichen Grab festgehalten.
Manche Texte erinnern deutlich an Handlungen am Leichnam oder am Sarkophag. Andere führen weit darüber hinaus. Sie beschreiben, wie der König den Himmel erreicht oder sich unter die Götter einreiht.
Dabei bleibt Unas König.
Seine Stellung im Jenseits leitet sich aus derselben Person ab, die zu Lebzeiten über Ägypten geherrscht hatte. Er begegnet den Göttern mit Ansprüchen, die ein gewöhnlicher Toter in dieser Form nicht erheben konnte. Er soll Zugang erhalten, aufgenommen werden und weiter über Kräfte verfügen.
Die Grabkammer bewahrte damit weit mehr als seinen Körper.
Essen für die Ewigkeit
Ein toter König musste versorgt werden.
Vor der Pyramide lag deshalb ein Totentempel. Priester brachten dort regelmäßig Opfer dar. Brot, Bier und andere Lebensmittel gehörten zum Kult. Stiftungen und Ländereien sollten dafür sorgen, dass auch lange nach dem Tod des Herrschers genügend Güter zur Verfügung standen.
Die Texte im Inneren greifen diese Versorgung auf. Sie nennen Speisen und Getränke, sprechen von Opferhandlungen und sichern dem König seine Nahrung zu.
Für die Menschen, die den Totenkult versahen, blieb das eine sehr konkrete Aufgabe. Jemand musste Getreide liefern. Bäcker stellten Brot her. Priester brachten die vorgesehenen Gaben an den richtigen Ort.
Unas‘ Weiterleben hing damit auch an einem aufwendigen Versorgungssystem, das die Menschen im Totenkult täglich aufrechterhielten.
Seine Pyramide war Teil eines solchen Betriebs. Der König lag tief unter dem Monument, während oberhalb seiner Grabkammer Personal arbeitete und Güter in den Totenkult flossen.
Die Worte auf den Wänden ergänzten diese Handlungen. Sie versorgten den König mit dem, was Menschen allein nicht bereitstellen konnten: Schutz auf seinem Weg und Zugang zur Welt der Götter.
Ein König verschlingt die Götter
Unter den Pyramidentexten des Unas findet sich eine Passage, die besonders fremd wirkt. Sie schildert den König als mächtige Gestalt, die Götter ergreift und ihre Kräfte in sich aufnimmt. Später erhielt dieser Abschnitt in der Forschung den Namen „Kannibalenhymnus“.
Das Bild ist drastisch. Unas erscheint dort als jemand, vor dem selbst göttliche Wesen nicht sicher sind. Er eignet sich ihre Fähigkeiten an und wächst dadurch über andere Mächte hinaus.
Solche Passagen zeigen, wie weit die Texte gehen konnten. Der verstorbene Herrscher bittet nicht überall demütig um Aufnahme. Manche Sprüche lassen ihn fordern oder drohen. Seine königliche Stellung setzt sich im Umgang mit den Göttern fort.
Andere Passagen wirken wesentlich ruhiger. Der König steigt zum Himmel oder schließt sich bestimmten Gottheiten an. Verschiedene Vorstellungen stehen nebeneinander. Die Schreiber bündelten ganz unterschiedliche Sprüche, die dem König je nach Situation im Jenseits helfen sollten.
Osiris rückt näher an den König

Eine wichtige Rolle spielt dabei Osiris.
Der Gott war eng mit Tod und Wiedergeburt verbunden. Im Alten Reich gewann seine Verbindung mit dem verstorbenen König immer stärkeres Gewicht. Der tote Herrscher konnte selbst mit Osiris verbunden werden, während Horus als Sohn des Osiris zugleich eng mit dem lebenden König zusammenhing.
Damit verbanden sich zwei Generationen königlicher Herrschaft. Der tote König erhielt eine neue göttliche Rolle. Sein Nachfolger regierte als lebender Herrscher weiter.
Solche Vorstellungen blieben für die königliche Familie besonders wichtig. Ein Thronwechsel war schließlich immer auch ein Todesfall. Ein Herrscher starb, während ein anderer seinen Platz einnahm.
Rituale und Texte halfen dabei, diesen Wechsel verständlich zu machen. Der Verstorbene verschwand aus dem Palast, erhielt aber eine neue Stellung im Jenseits. Sein Nachfolger konnte zugleich seine Herrschaft antreten und den Kult seines Vorgängers weiterführen.
Die Pyramide wurde damit zu einem Ort, an dem beide Seiten dieses Übergangs dauerhaft sichtbar blieben.
Die Nachfolger übernehmen die Texte
Unas starb ohne einen Sohn, der ihm sicher auf den Thron folgte. Mit seinem Tod endete die 5. Dynastie. Die Pyramidentexte verschwanden trotzdem nicht mit ihm.
Könige der 6. Dynastie ließen ebenfalls Sprüche in ihren Pyramiden anbringen. Pepi I., Merenre und Pepi II. übernahmen die Praxis und erweiterten den Bestand. Auch in einigen Pyramiden königlicher Frauen erschienen nun solche Texte.
Damit veränderte sich ihre Verwendung. Was unter Unas erstmals im Grab eines Königs sichtbar wurde, erreichte innerhalb weniger Generationen weitere Mitglieder der königlichen Familie.
Später entwickelten sich daraus neue Sammlungen. Im Mittleren Reich begegnen vergleichbare Sprüche auf den Innenseiten von Särgen. Die Texte blieben also nicht dauerhaft an die Wände königlicher Pyramiden gebunden.
Der entscheidende Schritt lässt sich trotzdem in Saqqara beobachten.
Die 5. Dynastie Ägyptens
Königsnamen, Datierungen und historische Zeugnisse im Überblick
Herrschertabelle anzeigen
| Datierung | Namen | Historische Hinweise |
|---|---|---|
| 5. Dynastie | ||
| um 2500–2490 (2479–2471) v. Chr. | UserkafHorusname: Hor-iri-maat; griechisch: Usercheres | Pyramide in Sakkara, Sonnenheiligtum in Abusir. |
| um 2490–2475 (2471–2458) v. Chr. | SahureHorusname: Neb-chau; griechisch: Sephres | Pyramide in Abusir, Sonnenheiligtum (verschollen). Expeditionen in den Sinai und nach Nubien, Handel mit Vorderasien, evtl. Krieg gegen die Libyer. |
| um 2475–2465 (2458–2438) v. Chr. | KakaiThronname: Nefer-ir-ka-Re; Horusname: User-chau; griechisch: Nephercheres | Pyramide in Abusir, Sonnenheiligtum (verschollen). |
| um 2465–2460 (2438–2431) v. Chr. | NetjeruserThronname: Schepses-ka-Re; Horusname: Sechem-chau; griechisch: Sisiris | Nur durch Siegelabdrücke aus Abusir bezeugt. |
| um 2460–2455 (2431–2420) v. Chr. | IsiThronname: Re-nefer-ef (Nefer-ef-Re); Horusname: Chau-nefer; griechisch: Cheres | Pyramide in Abusir (unvollendet), Sonnenheiligtum (verschollen). |
| um 2455–2420 (2420–2389) v. Chr. | IniThronname: Ni-user-Re; Horusname: Set-ib-taui; griechisch: Rathures | Pyramide in Abusir, Sonnenheiligtum in Abu Ghurab. |
| um 2420–2410 (2389–2380) v. Chr. | KaiuThronname: Men-kau-Hor; Horusname: Men-chau; griechisch: Mencheres | Pyramide vielleicht mit der Lepsius-L-Pyramide in Dahschur oder der Lepsius-XXIX-Pyramide in Sakkara-Nord identisch. Sonnenheiligtum (verschollen). |
| um 2410–2380 (2380–2342) v. Chr. | IsesiThronname: Djed-ka-Re; Horusname: Djed-chau; griechisch: Tancheres | Pyramide in Sakkara-Süd. |
| um 2380–2350 (2342–2322) v. Chr. | UnasAuch: Unis; Horusname: Wadj-taui; griechisch: Onnos | Pyramide in Sakkara mit ältesten Pyramidentexten. |
Bei mehreren Herrschern sind Namen, Datierung oder Identität unsicher. Die Hauptformen folgen der international gebräuchlichen Schreibweise; Thron-, Horus- und griechische Formen stehen als Varianten dabei. Datierungen in Klammern geben eine alternative Chronologie an.
Hinter verschlossenen Türen
Die meisten Menschen im Alten Reich bekamen die Texte des Unas wohl nie zu Gesicht.
Nach der Bestattung verschloss man die unterirdischen Räume. Besucher des Pyramidenbezirks sahen den Totentempel und die aufragende Pyramide. Die Hieroglyphen lagen tief im Inneren des Bauwerks.
Ihre Wirkung hing deshalb nicht davon ab, dass eine große Öffentlichkeit sie las. Sie waren für den toten König und für die Rituale um ihn bestimmt.
Gerade darin unterscheiden sie sich von vielen königlichen Bildern auf Tempeln oder öffentlichen Monumenten. Dort zeigte ein Herrscher seinen Sieg oder seine Nähe zu den Göttern vor einem Publikum. In der Pyramide des Unas richteten sich die Worte in einen abgeschlossenen Raum.
Der König sollte sie dort brauchen.
Sein Sarkophag stand an der Westseite der Grabkammer. Um ihn herum bedeckten die Hieroglyphen die Wände. Über der Kammer erhob sich die Pyramide und markierte weithin den Ort seines Grabes.
Unas hatte ein vergleichsweise kleines Monument bauen lassen. Im Inneren hinterließ er jedoch etwas, das die Könige nach ihm weiterführten: Der tote Herrscher bekam nun seine eigenen Worte mit ins Grab.

Zum Weiterlesen
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Schnurr, E.-M. (2025): Das Alte Ägypten: Wie die Menschen im Reich der Pharaonen lebten.*
Hornung, Erik (2010): Einführung in die Ägyptologie. Stand – Methoden – Aufgaben*
Bildnachweis
Titel: Pyramide des Unas. Wikimedia Commons, Olaf Tausch. CC BY-SA 3.0.
Karte: Wikimedia Commons, Mr rnddude. CC BY-SA 4.0.
Grabkammer: Wikimedia Commons, Vincent Brown. CC BY-SA 2.0.
Osiris: Wikimedia Commons, Jeff Dahl. CC BY-SA 4.0.
Aufweg zur Pyramide des Unas in Sakkara: Wikimedia Commons, Orell Witthuhn. CC BY-SA 4.0.




