Bei Einbruch der Dunkelheit wird das Tor des Peterhofs geschlossen. Die deutschen Kaufleute bleiben über Nacht in ihrem umfriedeten Viertel. Hinter den Zäunen liegt Nowgorod, eine der größten Handelsstädte des europäischen Nordens. Im Hof verstauen die Männer ihre Waren und bringen Geld sowie wichtige Schriftstücke in die steinerne Peterskirche.
Für einen Winterfahrer beginnt nun ein Aufenthalt, der mehrere Monate dauern kann.
Über Ladoga nach Nowgorod
Der Weg aus der Ostsee führt über die Newa in den Ladogasee und von dort den Wolchow hinauf. Nowgorod liegt weit im Binnenland, ist durch Flüsse und Seen aber mit der Ostsee verbunden. Auf diesen Wasserwegen gelangen Waren aus den Waldgebieten der Rus bis an die Küste.
Die westlichen Händler reisen in Gruppen. Gemeinsam können sie Schiffe ausrüsten und sich unterwegs besser gegen Überfälle schützen. Im Spätsommer kommen die Winterfahrer an. Sie bleiben während der kalten Monate in Nowgorod und kehren im Frühjahr zurück. Die Sommerfahrer nutzen die eisfreie Zeit und überlassen den Hof vor dem nächsten Winter der folgenden Gruppe.
Der Peterhof liegt auf der Handelsseite Nowgorods nahe dem großen Markt. Sein Mittelpunkt ist die Kirche des heiligen Petrus, nach der die Niederlassung benannt ist. Wohnhäuser und Speicher drängen sich auf dem begrenzten Gelände. Ein Zaun und bewachte Tore trennen den Hof von den umliegenden Straßen. Später zählt der Peterhof zu den vier großen Kontoren der Hanse.
Wachs gegen Tuch

Aus der Rus kommen Pelze und große Blöcke aus Bienenwachs. Besonders gefragt sind die Felle von Eichhörnchen und Mardern. Das Wachs wird für Kerzen gebraucht und findet in Kirchen ebenso wie in wohlhabenden Haushalten Abnehmer.
Die deutschen Händler bringen vor allem Tuche aus dem Westen mit. Hinzu kommen Salz und Metallwaren. Nowgoroder Kaufleute verteilen diese Güter weiter ins Binnenland. Umgekehrt sammeln sie die Erzeugnisse entfernter Regionen und bringen sie zum Markt am Wolchow.
Bevor ein Geschäft abgeschlossen wird, prüfen die Käufer die Ware. Pelze können beschädigt oder falsch gebündelt sein. Bei einem Wachsblock muss erkennbar sein, ob er sauber gegossen wurde oder Fremdstoffe enthält. Solche Mängel führen immer wieder zu Streit, weil sich Fehler oft erst nach dem Öffnen eines Pakets zeigen.
Die meisten deutschen Händler reisen von Nowgorod aus kaum weiter nach Osten. Sie sind auf einheimische Geschäftspartner angewiesen, die über eigene Verbindungen und Kenntnisse verfügen. Ebenso brauchen die Nowgoroder den Zugang zu den Schiffen, die ihre Waren über die Ostsee tragen.
Regeln hinter dem Tor
Im Peterhof gelten schriftlich festgehaltene Vorschriften, die sogenannte Schra. Sie bestimmt, wer den Hof betreten darf und wie Wachen eingeteilt werden. Auch der Umgang mit Feuer ist streng geregelt, denn zwischen den dicht stehenden Holzbauten könnte sich ein Brand rasch ausbreiten.
Gewählte Ältermänner leiten die Gemeinschaft. Sie nehmen Beschwerden entgegen und verhängen Geldstrafen. Größere Konflikte müssen mit den Nowgoroder Behörden oder den beteiligten Heimatstädten geklärt werden.
Die Peterskirche dient zugleich als besonders sicherer Aufbewahrungsort. In ihr lagern Verträge und Privilegien, auf die sich die Händler bei einem Streit berufen können. Wertvolle Waren und die gemeinsame Kasse finden dort ebenfalls Schutz. Die Schlüsselgewalt teilen sich deshalb mehrere Männer.
Das abgeschlossene Gelände schützt die Gäste, begrenzt aber auch ihren Alltag. Wer hier lebt, teilt Schlafräume und muss sich an gemeinsame Wachzeiten halten. Der Erfolg eines Geschäfts hängt damit ebenso von den anderen Hofbewohnern ab wie vom eigenen Verhandlungsgeschick.
Am Morgen öffnet sich das Tor wieder. Nowgoroder Händler betreten den Hof, Dolmetscher werden gerufen und die ersten Wachsblöcke auf den Prüftisch gelegt.
Zum Weiterlesen
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Hammel-Kiesow, R. (2025): Die Hanse.*
Wubs-Mrozewicz, J.; Jenks, S. (Hrsg.) (2013): The Hanse in Medieval and Early Modern Europe.*
Bildnachweis
Titel: Marktplatz in Nowgorod. Gemälde 1908/09.
Alle Bilder gemeinfrei.




