Am 20. Januar 1942 trafen sich fünfzehn Männer in einer Villa am Berliner Wannsee. Staatssekretäre und hohe SS-Funktionäre nahmen an einem Tisch Platz. Reinhard Heydrich leitete die Besprechung. Adolf Eichmann führte Protokoll.
Vor den Teilnehmern lag eine Liste. Sie erfasste die jüdische Bevölkerung fast aller europäischen Staaten: mehr als elf Millionen Menschen. Selbst Juden in Ländern, die Deutschland überhaupt nicht kontrollierte, waren darin aufgeführt.
Der Holocaust war an diesem Tag bereits in vollem Gange. Im Osten erschossen deutsche Einheiten seit Monaten jüdische Männer, Frauen und Kinder. Im westpolnischen Chełmno wurden Menschen bereits mit Gaswagen ermordet.
Die Konferenz hatte eine andere Aufgabe: Heydrich wollte dafür sorgen, dass Ministerien und Behörden an einer europaweiten Deportation der Juden mitwirkten. Der Massenmord weitete sich von regionalen Aktionen zu einem arbeitsteiligen Vorhaben zahlreicher staatlicher Stellen aus.
Der Mord beginnt hinter der Ostfront

Der entscheidende Einschnitt war der Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.
Mit der Wehrmacht rückten vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD nach Osten. Rund 3.000 Männer gehörten zunächst zu diesen Verbänden. Ihre Aufgabe war weit gefasst. Sie sollten politische Funktionäre und andere vermeintliche Gegner des deutschen Herrschaftsanspruchs beseitigen.
Juden standen von Beginn an im Zentrum.
In den ersten Wochen erschossen die Einsatzgruppen vor allem jüdische Männer. Schon im Sommer weitete sich der Kreis der Opfer aus. Frauen und Kinder wurden zunehmend einbezogen.
Die Täter suchten ihre Opfer mit Hilfe örtlicher Verwaltungen und Polizeistellen. Menschen mussten sich an Sammelplätzen einfinden oder wurden aus ihren Wohnungen geholt. Anschließend brachte man sie an vorbereitete Gruben außerhalb der Ortschaften.
Dort wurden sie erschossen.
An den Massakern beteiligten sich neben den Einsatzgruppen auch Ordnungspolizei und Waffen-SS. Einheimische Hilfskräfte unterstützten die Deutschen in verschiedenen besetzten Gebieten.
Auch Teile der Wehrmacht halfen durch Transporte oder Absperrungen und übergaben Gefangene an die Mordkommandos.
Aus einzelnen Massakern wird eine Mordkampagne

Das Ausmaß der Verbrechen wuchs innerhalb weniger Monate rapide an.
Ende September 1941 ermordeten deutsche Einheiten in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew innerhalb von zwei Tagen 33.771 Juden. Männer und Frauen mussten sich an Sammelstellen melden. Von dort wurden sie zur Schlucht geführt und erschossen.
Ähnliche Massaker fanden an zahlreichen Orten statt.
Die Einsatzgruppen dokumentierten ihre Tätigkeit in Berichten nach Berlin. Dort erschienen die Ermordeten als Zahlenkolonnen. Eine Einheit konnte melden, dass ein Gebiet nun weitgehend „judenfrei“ sei.
Bis Ende 1941 hatten Einsatzgruppen und weitere deutsche Verbände bereits Hunderttausende Juden erschossen.
Damit hatte sich die Politik gegenüber den Juden grundlegend verändert. Vor Kriegsbeginn hatte das Regime sie zur Auswanderung zwingen wollen. Später entstanden Pläne, sie in weit entfernte Gebiete abzuschieben.
Im Sommer 1941 wurden ganze jüdische Gemeinden vernichtet.
Der entscheidende Befehl lässt sich nicht auf einen Tag festlegen
Ein schriftlicher Befehl Hitlers zur Ermordung aller europäischen Juden ist nicht überliefert.
Das erschwert die Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses. Die vorhandenen Quellen zeigen keinen einzelnen Moment, in dem ein fertiger Plan auf den Tisch gelegt und anschließend nur noch ausgeführt wurde.
Stattdessen verdichteten sich die Entscheidungen im Laufe des Jahres 1941.
Am 31. Juli beauftragte Hermann Göring Reinhard Heydrich damit, alle notwendigen Vorbereitungen für eine „Gesamtlösung der Judenfrage“ im deutschen Einflussgebiet Europas zu treffen.
Gleichzeitig radikalisierten sich die Morde im Osten.
Im September und Oktober begann die Führung, Juden aus dem Deutschen Reich und anderen Teilen Europas nach Osten deportieren zu lassen. Die ursprüngliche Vorstellung, Millionen Menschen nach einem schnellen Sieg weit in sowjetisches Gebiet abzuschieben, war inzwischen unrealistisch geworden. Die Wehrmacht hatte die Sowjetunion nicht besiegt.
Damit verschwand eine der letzten praktischen Grenzen zwischen Deportation und Vernichtung.
Hitler musste seinen Untergebenen nicht jedes Detail vorgeben. Seine wiederholten Drohungen gegen die Juden und sein Wunsch nach einer möglichst radikalen Lösung setzten den Rahmen. Himmler und Heydrich trieben die Umsetzung voran. Regionale Funktionäre entwickelten eigene Mordverfahren.
Im Herbst 1941 liefen diese Entwicklungen zunehmend zusammen.
In Chełmno beginnen die Gaswagen
Massenerschießungen waren für die Täter aufwendig. Sie benötigten Munition und zahlreiche Bewacher. Manche Beteiligte zeigten psychische Reaktionen auf das unmittelbare Töten.
Die SS suchte daher nach anderen Verfahren.
Erfahrungen mit der Ermordung von Kranken und Menschen mit Behinderungen in der sogenannten Euthanasieaktion spielten dabei eine wichtige Rolle. Dort hatten deutsche Ärzte und Techniker bereits Menschen mit Kohlenmonoxid getötet.
Im Dezember 1941 nahm im westpolnischen Chełmno eine neue Mordstätte ihren Betrieb auf.
Die Opfer wurden in geschlossene Lastwagen geführt. Die Motorabgase gelangten in den Laderaum. Während der Fahrt erstickten die Menschen.
Anschließend wurden die Leichen in Massengräbern verscharrt.
Chełmno zeigte, dass große Gruppen von Menschen ermordet werden konnten, ohne sie einzeln an einer Grube zu erschießen.
Wenig später entstanden Anlagen, die ausschließlich für den Massenmord bestimmt waren.
Heydrich lädt an den Wannsee
Heydrich hatte die Konferenz ursprünglich bereits für Dezember 1941 geplant. Sie wurde verschoben und fand schließlich am 20. Januar 1942 statt.
Die Teilnehmer kamen aus Institutionen, deren Mitarbeit für die Deportationen gebraucht wurde. Vertreter des Innenministeriums saßen ebenso am Tisch wie Beamte des Auswärtigen Amtes. Auch das Justizministerium und die Verwaltung der besetzten Gebiete waren vertreten.
Heydrich beanspruchte die Federführung.
Das Protokoll sprach in bürokratischer Sprache von einer „Evakuierung nach dem Osten“. Arbeitsfähige Juden sollten in großen Kolonnen zum Arbeitseinsatz geführt werden. Dabei werde, so hieß es, ein großer Teil durch „natürliche Verminderung“ ausfallen.
Die Formulierungen verschleierten den Mord.
Auch über Menschen mit jüdischen und nichtjüdischen Großeltern wurde gesprochen. Die Nürnberger Kategorien mussten nun auf ein Programm angewendet werden, dessen Ziel weit über Entrechtung hinausging.

Die Konferenz machte sichtbar, wie viele staatliche Stellen inzwischen beteiligt waren.
In Bełżec beginnt die „Aktion Reinhardt“
Im März 1942 begannen Deportationszüge aus dem Generalgouvernement nach Bełżec zu fahren.
Dort befanden sich stationäre Gaskammern. Kohlenmonoxid aus Motoren wurde in abgeschlossene Räume geleitet. Die Menschen, die aus den Zügen stiegen, wurden innerhalb kurzer Zeit ermordet.
Kurz darauf nahm Sobibór den Mordbetrieb auf.
Im Sommer 1942 folgte Treblinka nordöstlich von Warschau. Innerhalb weniger Monate wurden dort Hunderttausende Menschen getötet.
Diese Lager gehörten zur sogenannten Aktion Reinhardt. Ihr Ziel war die Ermordung der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements.
Diese Lager unterschieden sich grundlegend von bisherigen Konzentrationslagern: Sie dienten fast ausschließlich der sofortigen Ermordung.
Die Züge kamen an. Die Menschen mussten Gepäck und Kleidung abgeben. Danach wurden sie zu den Gaskammern getrieben.
Nur kleine Häftlingsgruppen blieben zunächst am Leben, weil die SS sie für Arbeiten benötigte.
Deportation wird zur europäischen Aufgabe
Der Mord weitete sich nun über Polen und die besetzten Gebiete der Sowjetunion hinaus aus.
Züge fuhren fortan auch aus Deutschland nach Osten. Jüdische Familien mussten ihre Wohnungen verlassen und sich an Sammelstellen melden. Gepäckmengen waren vorgeschrieben. Vermögen und Wohnungen fielen anschließend an den Staat oder wurden weiterverwertet.
Die Reichsbahn stellte Züge bereit.
Polizeibehörden organisierten Sammelstellen. Finanzämter erfassten Eigentum. Stadtverwaltungen regelten Wohnungen und zurückgelassene Gegenstände.
In den besetzten Ländern benötigten die Deutschen häufig Unterstützung vor Ort.
Französische Behörden beteiligten sich an Verhaftungen. In den Niederlanden halfen vorhandene Melderegister den Besatzern, jüdische Einwohner zu erfassen.
Andere Menschen versteckten Verfolgte oder halfen ihnen bei der Flucht. Ihre Möglichkeiten hingen stark davon ab, wie eng die Besatzungsmacht die Bevölkerung kontrollierte und ob staatliche Stellen mitwirkten.
Der Holocaust wurde dadurch zu einem europaweiten Vorgang, dessen Durchführung weit mehr Menschen erforderte als die SS-Männer in den Vernichtungslagern.
Auschwitz wird zum größten Mordzentrum
Auschwitz hatte 1940 zunächst als Konzentrationslager für polnische Gefangene begonnen.
Nach dem Angriff auf die Sowjetunion veränderte sich seine Funktion. Im September 1941 erprobte die SS dort Zyklon B zur Tötung von Gefangenen.
In Auschwitz-Birkenau entstanden später große Gaskammern und Krematorien.
Deportationszüge aus weiten Teilen Europas trafen dort ein. An der Rampe entschied die SS häufig unmittelbar nach der Ankunft, wer zunächst zur Arbeit eingesetzt wurde.
Ein großer Teil der Deportierten wurde direkt in die Gaskammern geschickt.
Arbeitsfähige Häftlinge konnten in Lagern oder Industriebetrieben eingesetzt werden. Krankheit und Entkräftung konnten später ebenfalls zum Tod führen.
Damit verband Auschwitz Zwangsarbeit und systematische Vernichtung in einem bis dahin beispiellosen Ausmaß.
Vor allem 1943 und 1944 wurde der Lagerkomplex zum wichtigsten Mordzentrum des Holocaust.

Mord als Verwaltungsaufgabe
Die Dimension des Holocaust reichte weit über die eigentlichen Vernichtungslager hinaus.
Zwischen einer jüdischen Familie in Berlin oder Amsterdam und einer Gaskammer im besetzten Polen lagen zahlreiche Entscheidungen.
Jemand stellte eine Deportationsliste zusammen. Ein Beamter sperrte Vermögen. Polizeikräfte bewachten die Menschen auf dem Weg zum Bahnhof. Die Reichsbahn plante die Fahrt.
Die meisten Beteiligten sahen die spätere Ermordung ihrer Opfer nicht mit eigenen Augen.
Gerade diese Arbeitsteilung erleichterte die Durchführung. Jeder Einzelne konnte sich auf einen begrenzten Teil seiner Aufgabe konzentrieren.
Die Vernichtung beruhte deshalb zugleich auf ideologischem Fanatismus und gewöhnlicher Verwaltungsarbeit.
Der Mord läuft weiter, obwohl der Krieg kippt
Im Laufe des Jahres 1942 verschlechterte sich Deutschlands militärische Lage.
Der erwartete schnelle Sieg über die Sowjetunion war ausgeblieben. Die Vereinigten Staaten waren in den Krieg eingetreten. Die Wehrmacht benötigte immer mehr Soldaten und Arbeitskräfte.
Die Ermordung der europäischen Juden wurde dennoch fortgesetzt.
Züge und Bewachungspersonal standen für Deportationen bereit. Menschen wurden aus kriegswichtigen Betrieben entfernt, obwohl Arbeitskräfte fehlten.
Darin zeigt sich, welchen Stellenwert die nationalsozialistische Führung der Judenvernichtung gab.
Bis zum Ende des Krieges wurden etwa sechs Millionen europäische Juden ermordet. Ein Teil starb bei Massenerschießungen. Andere verhungerten in Ghettos oder kamen durch Zwangsarbeit ums Leben. Millionen wurden in Vernichtungslagern getötet.
Der Massenmord vollzog sich während eines Krieges, der Deutschland zunehmend selbst erfasste. Seit 1942 wurden deutsche Städte immer häufiger bombardiert, Soldaten fehlten an den Fronten und Betriebe verlangten nach Arbeitskräften.
Während das Regime weiterhin Menschen nach Auschwitz und in andere Mordstätten deportieren ließ, forderte es von der deutschen Bevölkerung zugleich immer größere Opfer für einen Krieg, dessen Ausgang sich zu wenden begann.
Zum Weiterlesen
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- Ian Kershaw (2009): Hitler 1889–1945 – Standardwerk zur frühen Biographie und zur ideologischen Formierung Hitlers.*
- Volker Ullrich (2013): Hitler. Aufstieg 1889–1939 – gut lesbare Gesamtdarstellung mit starkem biographischem Zugriff.*
- Sebastian Haffner (1981): Anmerkungen zu Hitler – Klassiker.*
Bildnachweis
Titel: Auschwitz, Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC BY-SA 3.0.
Villa der Wannsee-Konferenz: Wikimedia Commons, A. Savin. CC BY-SA 3.0.
Auschwitz-Tor: Wikimedia Commons, Dnalor 01. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




