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22. Juni 1941 – Der Krieg gegen die Sowjetunion beginnt

Kurz nach drei Uhr morgens eröffneten deutsche Geschütze am 22. Juni 1941 das Feuer entlang einer Front von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Pioniere setzten über den Bug, Panzer rollten nach Osten. Bei Brest überraschte der Angriff sowjetische Soldaten in ihren Kasernen.

Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten standen für das Unternehmen Barbarossa bereit. Hitler erwartete einen kurzen Feldzug. Die Sowjetunion, so seine Überzeugung, werde nach wenigen schweren Niederlagen zusammenbrechen.

Hitlers Ziel ging weit über einen militärischen Sieg hinaus: Im Osten sollte deutscher „Lebensraum“ entstehen und der vermeintliche jüdische Bolschewismus vernichtet werden. Schon vor dem ersten Schuss hatten Wehrmacht und SS Befehle erhalten, die Gewalt gegen Zivilisten und politische Funktionäre ausdrücklich vorbereiteten.

Der Feldzug gegen die Sowjetunion begann deshalb zugleich als militärischer Angriff und als Vernichtungskrieg.

Hitler will den Krieg im Osten

Der Barbaross-Plan

Der Nichtangriffspakt mit Stalin von 1939 war für Hitler immer nur ein taktisches Abkommen gewesen.

Bereits in den 1920er Jahren hatte er die Eroberung von Gebieten im Osten als langfristiges Ziel beschrieben. Nach dem Sieg über Frankreich im Sommer 1940 glaubte er, die Gelegenheit sei gekommen.

Großbritannien kämpfte zwar weiter. Hitler hoffte jedoch, ihm mit der Zerschlagung der Sowjetunion den letzten möglichen Verbündeten auf dem europäischen Kontinent zu nehmen.

Am 18. Dezember 1940 unterzeichnete er die Weisung für das Unternehmen Barbarossa. Die Wehrmacht sollte die Sowjetunion in einem schnellen Feldzug besiegen, bevor der Krieg gegen Großbritannien beendet war.

Die militärische Führung teilte Hitlers Zuversicht weitgehend. Die Rote Armee hatte während Stalins Säuberungen zahlreiche erfahrene Offiziere verloren. Ihr schwaches Auftreten im Krieg gegen Finnland 1939/40 verstärkte in Deutschland den Eindruck, der sowjetische Gegner sei schlecht geführt.

Der Sieg über Frankreich schien außerdem zu beweisen, dass schnelle deutsche Operationen auch gegen große Armeen funktionieren konnten.

Diese Einschätzung sollte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen.

Besondere Befehle für einen besonderen Krieg

Die Vorbereitung auf Barbarossa betraf nicht nur die Operationspläne der Wehrmacht.

Am 13. Mai 1941 erließ das Oberkommando der Wehrmacht den sogenannten Kriegsgerichtsbarkeitserlass. Gewalttaten deutscher Soldaten gegen sowjetische Zivilisten sollten nur unter eingeschränkten Bedingungen verfolgt werden. Gegen tatsächliche oder vermeintliche Angriffe durften Truppen mit rücksichtslosen Maßnahmen reagieren.

Am 6. Juni folgte der Kommissarbefehl.

Politische Kommissare der Roten Armee sollten nach ihrer Gefangennahme ausgesondert und erschossen werden. Sie galten der deutschen Führung als Träger des Bolschewismus.

Damit setzte die Wehrmacht bewusst Regeln des Kriegsvölkerrechts außer Kraft.

Auch die wirtschaftliche Planung nahm den Tod von Zivilisten in Kauf. Die besetzten Gebiete sollten Lebensmittel für Deutschland und die Wehrmacht liefern. Die Verantwortlichen wussten, dass dadurch für Teile der sowjetischen Bevölkerung nicht genug Nahrung bleiben würde.

Die Planer kalkulierten den Hungertod von Millionen Menschen bewusst ein.

Die Rote Armee wird überrascht

Deutsche Truppen überqueren die Grenze in die Sowjetunion, 1941

Der Angriff vom 22. Juni traf die sowjetischen Streitkräfte trotz zahlreicher Warnungen weitgehend unvorbereitet.

Stalin hatte bis zuletzt gezögert, Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden deutschen Angriff ernst zu nehmen. Er fürchtete Provokationen, die einen Krieg auslösen könnten.

Die Luftwaffe zerstörte in den ersten Tagen zahlreiche sowjetische Flugzeuge am Boden. Deutsche Panzerverbände durchbrachen die Front und schlossen große sowjetische Einheiten ein.

Westlich von Minsk gerieten Hunderttausende Rotarmisten in Gefangenschaft. Weitere große Kessel entstanden in den folgenden Wochen.

Die Geschwindigkeit des Vormarschs schien Hitlers Erwartungen zunächst zu bestätigen.

Doch die Sowjetunion brach nicht zusammen.

Neue Verbände erschienen an der Front. Die Rote Armee verlor gewaltige Mengen an Menschen und Material, stellte aber immer wieder neue Einheiten auf.

Auch die Entfernungen wurden zum Problem. Jeder Kilometer nach Osten verlängerte die deutschen Nachschubwege.

Hunderttausende Gefangene

Für sowjetische Soldaten bedeutete die Gefangennahme häufig den Beginn eines Kampfes ums Überleben.

Die Wehrmacht hatte weder ausreichende Unterkünfte noch genügend Nahrung für die riesige Zahl von Gefangenen vorbereitet. Zugleich betrachtete die nationalsozialistische Führung sowjetische Soldaten als rassisch minderwertige Gegner.

Hunderttausende mussten in offenen Lagern ausharren. Nahrung und medizinische Versorgung blieben völlig unzureichend.

Im Winter 1941/42 starben Gefangene massenhaft an Hunger und Krankheiten. Erschöpfung und Kälte verschärften die Lage.

Über den gesamten Krieg hinweg kamen etwa 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene in deutscher Hand ums Leben.

Das massenhafte Sterben in deutscher Gefangenschaft erreichte dabei ein Ausmaß, das bei westlichen Kriegsgefangenen ohne Entsprechung war.

Hitler befiehlt den Schwenk nach Süden

Im Sommer 1941 rückten deutsche Truppen tief in die Sowjetunion vor. Doch innerhalb der Führung entstand Streit über das nächste Ziel.

Ein Teil der Generäle wollte möglichst schnell auf Moskau vorstoßen. Hitler legte größeren Wert auf die Ukraine mit ihren Rohstoffen und landwirtschaftlichen Gebieten.

Im August ließ er deshalb Panzerkräfte aus dem mittleren Frontabschnitt nach Süden schwenken.

Der folgende Erfolg war gewaltig. Bei Kiew schlossen deutsche Verbände große Teile der sowjetischen Südwestfront ein. Mehr als eine halbe Million Rotarmisten gerieten nach deutschen Angaben in Gefangenschaft.

Hitler sah sich bestätigt.

Doch die Operation kostete Zeit.

Erst Ende September konnten die deutschen Kräfte ihren großen Angriff auf Moskau vorbereiten. Der Sommer war vorbei.

Leningrad soll verhungern

Im Norden erreichten deutsche Truppen unterdessen die Umgebung Leningrads.

Am 8. September 1941 wurde die letzte Landverbindung der Stadt unterbrochen. Mehrere Millionen Menschen befanden sich nun in einer eingeschlossenen Metropole.

Um einen verlustreichen Häuserkampf zu vermeiden, ließ die deutsche Führung die Stadt einschließen und aushungern.

Lebensmittel wurden rasch knapp. Im Winter sank die tägliche Brotration für große Teile der Bevölkerung zeitweise auf 125 Gramm.

Menschen starben auf den Straßen und in ihren Wohnungen. Leichen konnten oft erst später abtransportiert werden.

Die Blockade dauerte bis Januar 1944. Rund eine Million Zivilisten kamen ums Leben, die meisten durch Hunger.

Der Umgang mit Leningrad zeigte besonders deutlich, dass die deutsche Kriegführung die Vernichtung einer Großstadt durch Hunger bewusst akzeptierte.

Hinter der Front beginnt der Massenmord

Mit den deutschen Armeen rückten besondere SS- und Polizeieinheiten nach Osten.

Diese Einsatzgruppen sollten politische Gegner bekämpfen. Sehr schnell richtete sich ihre Gewalt vor allem gegen jüdische Männer. Innerhalb weniger Wochen wurden auch Frauen und Kinder systematisch erschossen.

Sowjetische Kriegsgefangene schaufeln Massengräber in der Schlucht von Babyn Jar zu.

Die Täter führten ihre Opfer an abgelegene Orte oder bereits vorhandene Gruben. Dort mussten sie Kleidung und Wertsachen abgeben, bevor sie erschossen wurden.

Wehrmachtstellen unterstützten solche Aktionen teilweise durch Transporte oder Absperrungen. Auch deutsche Polizeibataillone beteiligten sich an den Morden.

Ende September 1941 erschossen deutsche Einheiten in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew innerhalb von zwei Tagen 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder.

Der Krieg im Osten hatte damit bereits wenige Monate nach seinem Beginn eine neue Dimension des Mordens erreicht.

Der Angriff auf Moskau

Am 2. Oktober begann das Unternehmen Taifun, der deutsche Großangriff auf Moskau.

Wieder wurden große sowjetische Verbände eingekesselt. Bei Wjasma und Brjansk gerieten Hunderttausende sowjetische Soldaten in deutsche Gefangenschaft.

Die Straße nach Moskau schien offen.

Dann änderten Regen und aufgeweichte Wege die Bedingungen. Fahrzeuge blieben im Schlamm stecken. Treibstoff und Munition kamen langsamer nach vorn.

Als der Boden später gefror, konnten die Verbände wieder schneller vorgehen. Doch inzwischen waren die Soldaten erschöpft. Fahrzeuge und Motoren waren verschlissen.

Vor allem aber hatte die Sowjetunion neue Kräfte mobilisiert.

General Georgi Schukow übernahm die Verteidigung Moskaus. Befestigungen entstanden vor der Stadt, weitere sowjetische Verbände wurden herangeführt.

Anfang Dezember erreichten deutsche Vorausabteilungen Orte wenige Dutzend Kilometer vom Zentrum Moskaus entfernt.

Weiter kamen sie nicht.

Deutsche Panzer auf dem Vormarsch nach Moskau

Der Winter stoppt die Wehrmacht

Am 5. Dezember begann die Rote Armee ihre Gegenoffensive vor Moskau.

Sowjetische Truppen drängten die Wehrmacht an zahlreichen Stellen zurück. Für die Deutschen war dies eine neue Erfahrung. Seit 1939 hatten ihre Feldzüge mit schnellen Siegen geendet. Nun musste eine deutsche Armee unter hohem Druck zurückweichen.

Die Winterausrüstung war unzureichend. Fahrzeuge versagten bei extremer Kälte. Viele Soldaten litten unter Erfrierungen.

Die Kälte allein erklärt die Niederlage jedoch nicht.

Die Wehrmacht hatte ihre Kräfte über enorme Entfernungen verteilt. Der Nachschub reichte kaum aus. Sowjetische Verluste waren viel größer gewesen, als deutsche Planer erwartet hatten, doch der Gegner konnte weiterhin neue Soldaten und Waffen an die Front bringen.

Auch die sowjetische Industrie blieb leistungsfähig. Fabriken waren teilweise weit nach Osten verlegt worden und nahmen dort die Produktion wieder auf.

Hitlers Vorstellung, die Sowjetunion werde nach wenigen Monaten zerbrechen, war gescheitert.

Aus dem Blitzkrieg wird ein Abnutzungskrieg

Hitler, August 1941

Ende 1941 standen deutsche Truppen weit im Inneren der Sowjetunion. Sie hatten riesige Gebiete erobert und der Roten Armee schwere Verluste zugefügt.

Das entscheidende Ziel hatten sie verfehlt.

Die Sowjetunion kämpfte weiter. Moskau war nicht gefallen. Leningrad hielt stand.

Deutschland befand sich nun in einem langen Krieg gegen einen Gegner mit gewaltigen menschlichen und industriellen Reserven. Gleichzeitig kämpfte Großbritannien weiter, und seit Hitlers Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten am 11. Dezember 1941 stand Deutschland einer weiteren Großmacht gegenüber.

Damit war die strategische Lage völlig anders als noch im Sommer.

Doch hinter der Front hatte sich bereits eine Entwicklung vollzogen, die vom weiteren militärischen Verlauf teilweise unabhängig wurde. Die Einsatzgruppen hatten Hunderttausende Menschen erschossen. Ghettos wurden geleert, neue Mordmethoden erprobt.

Der Feldzug gegen die Sowjetunion hatte einen Raum geschaffen, in dem die nationalsozialistische Judenverfolgung in systematischen Massenmord überging.


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Bildnachweis

Titel: Deutsche Panzer bei Slutsk, 1941.

Kiew: Bundesarchiv, Bild 183-B12190 / Kraagranger [Kraayvanger] / CC-BY-SA 3.0.

Vorstoß nach Moskau: Bundesarchiv, Bild 101I-268-0178-06 / Böhmer / CC-BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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