1248 übernahm Albertus Magnus in Köln den Aufbau einer höheren Schule seines Ordens. Die Dominikaner richteten dort ein Studium generale ein, einen Ausbildungsort, an dem Ordensbrüder aus verschiedenen Gegenden lernen konnten. Albert kam aus Paris. Sein Schüler Thomas von Aquin, der dort bereits bei ihm studiert hatte, begleitete ihn nach Köln.
Der Auftrag brachte einen Gelehrten an den Rhein, der sich bereits intensiv mit Aristoteles beschäftigte. Dessen Schriften eröffneten den lateinischen Lesern ein umfangreiches Wissen über die Natur. Sie boten auch Begriffe, mit denen sich erklären ließ, wie ein Lebewesen entstand und wodurch es seine besondere Gestalt erhielt. Albert wollte dieses Wissen erschließen und weiterentwickeln.
Seine Arbeit führte ihn über die Erklärung gelesener Texte hinaus. Bei der Untersuchung von Pflanzen und Tieren zog er eigene Beobachtungen heran. Wo ihm eine überlieferte Darstellung lückenhaft erschien, suchte er nach Ergänzungen. Der Lehrer wurde dadurch zugleich zu einem Naturkundler, der die Dinge prüfte, über die seine Bücher sprachen.
Von Lauingen nach Paris – Ein Prediger wird Gelehrter
Albert stammte aus Lauingen an der Donau. Sein genaues Geburtsjahr ist unsicher; er kam wohl um 1200 zur Welt. In seiner Jugend gelangte er nach Italien und studierte in Padua. Dort lernte er die wissenschaftliche Ausbildung kennen, die auf den freien Künsten beruhte. Zu ihr gehörten die Arbeit mit Sprache und das begründete Schließen.
Er trat in den Dominikanerorden ein, der zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden war. Die Brüder sollten predigen und christliche Lehren vermitteln. Dafür brauchten sie eine Ausbildung, mit der sie Fragen beantworten und Einwände prüfen konnten. Der Orden baute eigene Schulen auf und schickte geeignete Mitglieder zu weiterführenden Studien.
Albert lehrte an mehreren Ordensschulen, darunter in Köln. Später führte ihn sein Weg nach Paris. An der dortigen Universität arbeitete er als Theologe in einem Umfeld, in dem neue Übersetzungen antiker Schriften und die Auslegungen arabisch schreibender Denker lebhaft diskutiert wurden.
In diesem Unterricht musste ein Lehrer verschiedene Aufgaben verbinden. Er legte christliche Texte aus und untersuchte philosophische Argumente. Zugleich hatte er zu klären, welche Behauptungen zusammenpassten und wo ein Widerspruch bestand. Dabei galt es, anerkannte Lehrsätze durch Argumente zu erläutern.
Mit der Rückkehr nach Köln 1248 brachte Albert diese Erfahrungen in die neue Ordensschule ein. Die Stadt war damit in ein überregionales Netz von Ordenshäusern eingebunden, zwischen denen Lehrer und Schüler wechselten. Thomas von Aquin, der ihn schon in Paris gehört hatte, setzte das Studium bei ihm fort, ehe er später selbst als Lehrer nach Paris zurückkehrte.

Aristoteles kommt in neuen Übersetzungen an
Die lateinischen Gelehrten hatten Aristoteles lange vor allem als Lehrer der Logik gekannt. Seit dem 12. Jahrhundert wurden ihnen zunehmend weitere Teile seines Werks zugänglich. Übersetzer übertrugen Schriften aus dem Arabischen ins Lateinische; andere arbeiteten unmittelbar mit griechischen Vorlagen.
Damit gelangten auch Texte über Naturvorgänge und Lebewesen in den Unterricht. Zu den Übersetzungen kamen die Erklärungen von Denkern, die sich bereits ausführlich mit Aristoteles auseinandergesetzt hatten. Albert las etwa die Werke des persischen Philosophen Avicenna und des aus Córdoba stammenden Aristoteles-Kommentators Averroes in lateinischer Übertragung.
Ein lateinischer Leser begegnete somit verschiedenen Stimmen. Er musste unterscheiden, was Aristoteles behauptete und wie ein späterer Autor die Aussage erklärte. Auch die unter dem Namen eines angesehenen Denkers umlaufenden Texte brauchten eine Prüfung: Die Zuschreibung allein verbürgte ihre Herkunft keineswegs.
Albert machte die Erschließung dieses Wissens zu einer großen Aufgabe seines Lebens. Er schrieb umfangreiche Darstellungen, die sich an den Werken des Aristoteles orientierten. Dabei erläuterte er den Gedankengang und fügte weitere Untersuchungen ein. Seine Leser sollten nachvollziehen können, wie ein Problem entstand und welche Erklärung dafür angeboten wurde.
Die Arbeit hatte einen praktischen Zweck. Ein Ordensschüler konnte ein schwieriges Werk mit solchen Erläuterungen lesen und dessen Begriffe im weiteren Unterricht verwenden. Albert schuf damit einen Zugang zu einer Philosophie, deren Umfang die bisherige Ausbildung erheblich erweiterte.
Warum entsteht etwas? – Naturvorgänge bekommen eigene Erklärungen
Die Beschäftigung mit Aristoteles stellte christliche Lehrer vor Fragen, die sich unmittelbar an gewöhnlichen Dingen entwickeln ließen. Ein Lebewesen wuchs und veränderte sich. Es besaß bestimmte Fähigkeiten, durch die es sich von anderen Lebewesen unterschied. Wie ließ sich das erklären?
Aristoteles hatte dafür verschiedene Arten von Ursachen unterschieden. Bei einem hergestellten Gegenstand konnte man etwa fragen, aus welchem Stoff er bestand und wer ihn gefertigt hatte. Bei einer Pflanze musste genauer untersucht werden, wodurch ihr Wachstum zustande kam und was sie zu dieser bestimmten Pflanze machte.
Albert arbeitete mit solchen Unterscheidungen. Die Aussage, Gott habe die Welt geschaffen, beantwortete eine andere Frage als die Untersuchung eines einzelnen Naturvorgangs. Wer das Wachsen einer Pflanze erklären wollte, musste sich mit ihren Lebensbedingungen und ihrer Beschaffenheit befassen.
So erhielt die Naturkunde innerhalb der christlichen Ausbildung eine eigene Aufgabe. Der Gelehrte konnte nach den Ursachen eines Vorgangs in der geschaffenen Welt suchen. Die religiöse Überzeugung gab ihm dabei einen Rahmen, innerhalb dessen er die natürlichen Zusammenhänge untersuchte.
Die neuen Schriften stellten jedoch auch schwierigere Fragen. Aristoteles’ Auffassung einer Welt ohne zeitlichen Anfang ließ sich schwer mit der christlichen Schöpfungslehre vereinbaren. Bei der menschlichen Seele musste geklärt werden, wie philosophische Erklärungen des Denkens mit der Hoffnung auf ein persönliches Leben nach dem Tod zusammenhingen.
Albert prüfte deshalb, welche Argumente sich übernehmen ließen und wo eine andere Begründung nötig war. Die Aufmerksamkeit für Naturvorgänge ging bei ihm mit theologischer Arbeit zusammen. Beides verlangte, die jeweilige Frage so genau zu stellen, dass eine Antwort tatsächlich zu ihr passte.
Pflanzen und Tiere – Was ein Buch offenlässt

In De vegetabilibus, seiner Schrift über Pflanzen, und De animalibus, dem Werk über Tiere, verarbeitete Albert ein großes überliefertes Wissen. Er zog die Aussagen früherer Autoren heran und versuchte, das Material verständlich zu ordnen. Auch Mineralien behandelte er in einem eigenen Werk ausführlich.
Zu dieser Arbeit kamen eigene Beobachtungen. Eine Beschreibung konnte sich daran prüfen lassen, ob ein Tier tatsächlich die behauptete Eigenschaft besaß. Bei einer Pflanze konnte man ihre Gestalt betrachten und untersuchen, unter welchen Bedingungen sie wuchs. Die Aufmerksamkeit richtete sich damit auf Einzelheiten, die beim bloßen Lesen unbemerkt bleiben konnten.
Albert ergänzte die überlieferten Darstellungen, wenn ihm etwas fehlte. Dabei behielt Aristoteles seine Bedeutung als Ausgangspunkt. Dessen Werk gab die Fragen und zahlreiche Begriffe vor; die Untersuchung konkreter Gegenstände konnte weiteren Stoff liefern oder zu einem anderen Urteil führen.
Bei den Mineralien stellte sich die Frage, wie sie entstanden und welche Eigenschaften sie besaßen. Die Beschäftigung mit Stoffen verband sich auch mit alchemistischem Wissen, das im Mittelalter Aussagen über die Umwandlung von Materialien enthielt. Albert bewegte sich dadurch zwischen gelehrten Erklärungen und Kenntnissen, die am Umgang mit den Dingen gewonnen wurden.
Thomas von Aquin – Ein Schüler verfolgt die Fragen weiter
Thomas von Aquin lernte in Köln bei einem Lehrer, der einen ungewöhnlich weiten Bereich des Wissens bearbeitete. Albert verband die Auslegung des Aristoteles mit der theologischen Ausbildung. Er zeigte damit, welche Möglichkeiten die neue philosophische Literatur für christliche Denker eröffnete.
Sein Schüler entwickelte daraus einen eigenen Zugang. Thomas untersuchte besonders, wie sich philosophische Argumente zur Begründung christlicher Lehren verwenden ließen. Welche Erkenntnis ließ sich mit der Vernunft gewinnen? Welche Aussage beruhte auf der Offenbarung? Solche Fragen mussten für jedes Problem erneut geklärt werden.
Beide nutzten die Begriffe des Aristoteles für ihre Arbeit als christliche Gelehrte. Alberts Untersuchungen von Pflanzen und Tieren erweiterten zugleich das naturkundliche Wissen seiner Zeit. Seine Beschreibungen und Erklärungen zeigen, wie eingehend er sich mit der Beschaffenheit einzelner Lebewesen beschäftigte.
Der Unterricht in Köln war eine Station, an der sich ihre Wege eng berührten. Aus dem gemeinsamen Studium gingen später umfangreiche Texte hervor, die Leser an verschiedenen Schulen verwenden und kritisch prüfen konnten.
Regensburg und wieder Köln – Die Aufgaben des Ordens
Albert hatte neben seiner Lehrtätigkeit Aufgaben in der Leitung des Ordens zu übernehmen. Als Provinzial war er für eine Ordensprovinz mit mehreren Häusern verantwortlich. Seine Arbeit verlangte Reisen und Entscheidungen über das Leben der Gemeinschaften.
1260 wurde er Bischof von Regensburg. Nun musste er ein Bistum leiten. Die Verwaltung des Bistums beanspruchte Zeit, die ihm für seine gelehrten Untersuchungen fehlte. Bereits 1262 gab er das Bischofsamt mit päpstlicher Zustimmung wieder auf.

Auch danach blieb Albert im kirchlichen Dienst gefordert. In seinen späteren Jahren lebte er erneut in Köln und setzte seine schriftstellerische Arbeit fort. Sein Lebensweg bestand damit aus wiederholten Wechseln zwischen Unterricht und Verantwortung für kirchliche Gemeinschaften.
Sein Wissen brachte ihm den Beinamen Magnus, der Große, ein. Die Bezeichnung doctor universalis würdigte ihn als Gelehrten von umfassender Bildung. Die Vielzahl seiner Gegenstände beeindruckte auch Menschen außerhalb der Schulen. Mit seinem Ruf verbanden sich Vorstellungen von übernatürlichen Kenntnissen, aus denen Legenden über ihn entstanden.
Albert starb 1280 in Köln. Seine Bücher wurden weiter abgeschrieben und später gedruckt. Eine 1651 in Lyon veröffentlichte Gesamtausgabe füllte 21 große Bände. Zwischen den theologischen Schriften standen darin auch die Untersuchungen zur Natur. Wer eine Pflanze oder ein Tier verstehen wollte, fand in ihnen die Aussagen älterer Autoren und die Ergänzungen eines Mannes, der beim Lesen immer wieder Anlass zum Weiterfragen gefunden hatte.
Zum Weiterlesen
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Störig, H. J. (2016): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 18. Auflage. Verständliche Darstellung von Schopenhauers Lebensweg und der Verbindung zwischen Willenslehre, Kunst und Entsagung.
Russell, B. (2004): History of Western Philosophy. Routledge Classics. Pointierte, kritisch argumentierende Einordnung Schopenhauers in die europäische Philosophiegeschichte.
Bildnachweis
Titel: Büste Albertus Magnus, um 1493. Wikimedia Commons, GFreihalter/MenkinAlRire. CC BY-SA 3.0.
Sarkophag: Wikimedia Commons, Kempf EK. CC BY-SA 3.0.
Albertus-Magnus-Denkmal: Wikimedia Commons,© 1971markus. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



