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Anselm von Canterbury sucht einen Gottesbeweis – Glaube und Vernunft in der Frühscholastik

Im normannischen Kloster Bec suchte der Mönch Anselm nach einem einzigen Argument. Es sollte aus sich heraus verständlich machen, dass Gott existierte. In der Vorrede seiner später Proslogion genannten Schrift beschrieb er, wie ihn diese Suche beschäftigte: Der gesuchte Gedanke entzog sich ihm, und zeitweise wollte er das Vorhaben aufgeben. Doch die Frage ließ ihn nicht los.

Die Schrift entstand um 1077/78. Anselm hatte zuvor bereits mehrere Überlegungen zu Gottes Wesen entwickelt. Nun wollte er die verschiedenen Begründungen auf einen Gedanken zurückführen, der sich selbst trug. Wer ihn verstand, sollte nach seiner Überzeugung auch einsehen müssen, dass Gott wirklich war.

Anselm schrieb als gläubiger Christ. Für ihn stand Gottes Existenz fest. Gerade deshalb wollte er genauer verstehen, was er glaubte. Sein Versuch führte jedoch zu einer Frage, die auch Menschen außerhalb dieses Glaubens beschäftigte: Kann ein sorgfältig gebildeter Begriff ausreichen, um die Existenz dessen zu beweisen, was er bezeichnet?

Von Aosta nach Bec – Ein Kloster wird zum Ort der Untersuchung

Der Saint-Nicolas-Turm der Abtei Bec

Anselm wurde 1033 in Aosta geboren, im heutigen Norditalien. Sein Weg führte ihn später nach Frankreich und in die Normandie. 1060 trat er in das Kloster Bec ein. Dort wirkte Lanfranc, ein aus Pavia stammender Gelehrter, dessen Unterricht die Abtei zu einem angesehenen Lernort machte.

Lanfranc hatte sich mit der Kunst des Argumentierens beschäftigt und setzte seine Kenntnisse bei theologischen Streitfragen ein. In Bec konnte Anselm lernen, wie man eine Behauptung durch genaue Unterscheidungen prüfte. Dazu musste man die Bedeutung der verwendeten Wörter klären und untersuchen, welche Folgerungen sich aus einer Aussage ergaben.

1063 wurde Anselm Prior, 1078 Abt des Klosters. Zu seinen Aufgaben gehörte die Unterweisung der Mönche. Seine philosophischen Schriften entstanden damit in einer Gemeinschaft, deren Mitglieder sich mit christlichen Lehren auseinandersetzten und nach deren Begründung fragten.

Kloster- und Domschulen waren wichtige Orte dieser Arbeit. Die Gelehrten schrieben auf Latein; ihre Texte konnten über Landesgrenzen hinweg gelesen und diskutiert werden. Anselms eigener Lebensweg verband die Alpen mit der Normandie und später mit England. Die Fragen, die er in Bec untersuchte, verbreiteten sich mit seinen Schriften und den Kontakten der Geistlichen.

Für diese Verbindung von schulischer Unterweisung und philosophischer Untersuchung wurde später die Bezeichnung Scholastik gebräuchlich. Im 11. Jahrhundert standen den lateinischen Gelehrten nur Teile der antiken philosophischen Literatur zur Verfügung. Augustinus gehörte zu ihren wichtigsten christlichen Bezugspunkten. Von Aristoteles kannten sie vor allem Schriften zur Logik. Mit ihrer Hilfe konnten sie Begriffe klären und Schlussfolgerungen prüfen.

Ich glaube, damit ich verstehe

Anselm knüpfte besonders an Augustinus an. Der nordafrikanische Bischof hatte den Glauben mit der Suche nach Einsicht verbunden und die menschliche Seele auf Gott ausgerichtet. Auch für den Mönch von Bec begann das Nachdenken innerhalb einer bereits angenommenen Glaubensüberzeugung.

Seine Haltung verdichtete er in der Formel credo ut intelligam: Ich glaube, damit ich verstehe. Der Glaube gab die Richtung vor. Der Verstand sollte erschließen, was die geglaubten Aussagen bedeuteten und wie sie miteinander zusammenhingen.

Damit erhielt die Vernunft eine anspruchsvolle Aufgabe. Ein Mönch konnte eine christliche Lehre bekennen und dennoch Schwierigkeiten haben, sie verständlich zu erklären. Die Berufung auf eine anerkannte Autorität ließ solche Fragen offen. Anselm wollte Gründe finden, deren Zusammenhang der Leser selbst nachvollziehen konnte.

Im Monologion, seiner vorangegangenen Schrift, hatte er etwa von den verschiedenen guten Dingen auf einen höchsten Grund des Guten geschlossen. Im Proslogion suchte er eine kürzere Begründung. Der Text nahm die Form einer Anrede an Gott an. Die Untersuchung blieb in ein Gebet eingebettet: Der Schreibende bat um Einsicht in das, woran er schon glaubte.

Diese Form erklärt den besonderen Ton des Werks. Anselm trat als Mensch auf, der seine eigene Erkenntnis vertiefen wollte. Zugleich beanspruchte das entscheidende Argument eine Geltung, die über sein persönliches Vertrauen hinausreichte. Auch ein Gegner sollte sich mit ihm auseinandersetzen können.

Der Gottesleugner – Was versteht er überhaupt?

Zum Gegenüber machte Anselm eine Gestalt aus den Psalmen: den Toren, der in seinem Herzen sagt, es gebe keinen Gott. Damit holte er einen Widerspruch in seine Untersuchung hinein. Selbst jemand, der Gottes Existenz bestritt, musste verstehen können, wovon dabei die Rede war.

Anselm bestimmte Gott als dasjenige, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. „Größer“ meinte hier einen höheren Rang an Vollkommenheit. Diese Bestimmung sollte jede denkbare Überbietung ausschließen.

Wer diese Beschreibung hörte und verstand, hatte ihren Inhalt im Verstand. Das war zunächst eine Aussage darüber, was sich denken ließ. Zwischen einem verstandenen Gedanken und einem wirklich bestehenden Gegenstand lag jedoch ein Unterschied.

Anselm erläuterte ihn am Beispiel eines Malers. Dieser konnte ein Bild bereits vor seiner Ausführung im Kopf haben. Sobald er es gemalt hatte, bestand es auch als ausgeführtes Werk. Ein vorgestelltes Bild und ein vorhandenes Bild waren auf verschiedene Weise gegeben.

Auch der Gottesleugner konnte daher verstehen, was mit dem höchstmöglichen Wesen gemeint war, während er dessen wirkliche Existenz bestritt. An dieser Stelle setzte Anselms Beweis an.

Ein Gedanke gerät in Widerspruch

Anselm nahm zunächst an, das höchstmögliche Wesen bestehe ausschließlich im Verstand. Dabei setzte er voraus: Bei sonst gleicher Vollkommenheit stand ein Wesen, das zugleich im Verstand und in der Wirklichkeit existierte, höher als ein bloß gedachtes. Unter dieser Voraussetzung ließ sich das vorgestellte Wesen durch wirkliche Existenz noch steigern.

Anselm übergibt Mathilde sein Werk, um 1160

Damit geriet die Ausgangsannahme in einen Widerspruch. Das Wesen war so bestimmt worden, dass sich etwas Größeres überhaupt nicht denken ließ. Zugleich sollte es eine Steigerung erlauben, nämlich durch wirkliche Existenz. Wer an der Bestimmung festhielt, musste nach Anselm deshalb die Annahme einer bloß gedanklichen Existenz aufgeben. Das höchstmögliche Wesen musste wirklich sein.

Der Beweis führte somit vom verstandenen Begriff zur Behauptung über die Wirklichkeit. Anselm begann bei der Bedeutung des Wortes Gott und prüfte, welche Folgerungen sich daraus ergaben. Beobachtungen über den Aufbau der Natur brauchte dieser Gedankengang nicht.

Später wurde er als ontologischer Gottesbeweis bezeichnet. Der Ausdruck bezieht sich auf die philosophische Frage nach dem Sein. Gemeint ist hier eine Begründung, die Gottes Existenz aus der Bestimmung seines Wesens ableiten will.

Anselm führte den Gedanken noch weiter. Ein Wesen, dessen Existenz notwendig war, stand für ihn höher als eines, das auch fehlen konnte. Das höchstmögliche Wesen musste daher so bestehen, dass sein Nichtsein ausgeschlossen war. Gott erhielt damit eine Stellung, die sich grundsätzlich von der vergänglicher Geschöpfe unterschied.

An dieser Begründung hing viel. War wirkliche Existenz tatsächlich eine Steigerung gegenüber einem gedachten Wesen? Und durfte der Leser aus der Beschreibung eines notwendig bestehenden Wesens folgern, dass ein solches Wesen vorhanden war? Diese Fragen wurden schon zu Anselms Lebzeiten gestellt.

Gaunilos Insel – Kann eine Beschreibung etwas hervorbringen?

Der Mönch Gaunilo von Marmoutier, einer Abtei bei Tours, antwortete mit einer Schrift, in der er für den Toren eintrat. Auch er war gläubiger Christ. Sein Einwand richtete sich gegen die Art, wie Anselm Gottes Existenz beweisen wollte.

Gaunilo führte eine besonders vortreffliche Insel an. Man konnte sich eine Insel mit außerordentlichem Reichtum und einer Schönheit vorstellen, die alle bekannten Länder übertraf. Ihre Beschreibung war verständlich. Dennoch gab das Verständnis allein noch keinen Grund, an ihre wirkliche Existenz zu glauben.

Wandte man Anselms Gedankengang darauf an, schien sich genau diese Folgerung erzwingen zu lassen. Eine wirklich vorhandene Insel wäre vortrefflicher als eine bloß vorgestellte. Also müsste die beschriebene Insel existieren, damit ihre Vortrefflichkeit vollständig wäre. Gaunilo hielt dieses Ergebnis für unhaltbar.

Mit dem Beispiel traf er den Übergang, auf den es ankam. Eine Person konnte verstehen, was behauptet wurde, und trotzdem Gründe brauchen, um die Behauptung für wahr zu halten. Eine Beschreibung versprach Vollkommenheit; sie belegte damit noch keinen Gegenstand außerhalb des Denkens.

Der Einwand war anschaulich genug, um den Streit über Jahrhunderte zu begleiten. Wer eine vollkommene Insel vor Augen hatte, konnte unmittelbar fragen, warum sie durch ihre gedankliche Steigerung wirklich werden sollte. Diese Frage richtete sich dann wieder an Anselms Bestimmung Gottes.

Anselms Antwort – Was unterscheidet Gott von einer Insel?

Anselm hielt die Übertragung auf eine Insel für verfehlt. Sein Argument sollte allein für das höchstmögliche Wesen gelten. Eine Insel gehörte zu den begrenzten Dingen. Ihre Vorzüge konnten unterschiedlich gewichtet und weiter gesteigert werden. Sie konnte entstehen und vergehen.

Beim höchstmöglichen Wesen lag die Sache aus seiner Sicht anders. Dessen Bestimmung schloss jede Überbietung aus. Dazu gehörte für ihn auch eine Existenz, die von keiner Bedingung abhing und deren Ausbleiben ausgeschlossen war. Eine Insel ließ sich ohne Widerspruch als vergänglich denken. Beim so bestimmten Gott führte derselbe Versuch nach Anselm zu einem Widerspruch.

Meditationen des Anselm, 12. Jhdt.

Anselm beschränkte die Folgerung damit auf einen einzigen Fall. Ausschlaggebend war für ihn der Begriff des höchstmöglichen Wesens und dessen Unterschied zu jedem begrenzten Gegenstand.

Damit blieb aber eine Frage offen: Trug diese Bestimmung den Schluss auf die Wirklichkeit bereits? Oder hatte Anselm in den Begriff aufgenommen, was er erst beweisen wollte? Gaunilos Einwand und Anselms Antwort führten den Streit auf eine genaue Prüfung der Voraussetzungen zurück.

Der Austausch zeigte zugleich, wie die philosophische Untersuchung im christlichen Umfeld arbeiten konnte. Zwei Mönche teilten ihren Glauben und stritten dennoch über die Tragfähigkeit eines Beweises. Der Leser musste die einzelnen Schritte prüfen, um zu erkennen, an welcher Stelle ihre Auffassungen auseinanderliefen.

Canterbury – Der Gelehrte gerät in einen Herrschaftskonflikt

1093 wurde Anselm Erzbischof von Canterbury. Lanfranc hatte dieses Amt zuvor ebenfalls bekleidet. Aus dem Leiter eines normannischen Klosters wurde damit einer der wichtigsten Kirchenmänner Englands.

Seine neue Stellung brachte Konflikte mit König Wilhelm II. und später mit Heinrich I. Im Streit um kirchliche Ämter ging es darum, welchen Einfluss der König auf die Einsetzung von Bischöfen ausüben durfte. Die Herrscher behandelten die hohen Geistlichen zugleich als Träger von Besitz und politischer Verantwortung. Die kirchliche Reformbewegung verlangte dagegen größere Unabhängigkeit bei der Vergabe geistlicher Ämter.

Anselm vertrat diese kirchlichen Ansprüche und hielt am Zusammenhang mit dem Papsttum fest. Seine Auseinandersetzungen mit den Königen führten zeitweise dazu, dass er England verließ. Der Mann, der in Bec Begriffe und Schlussfolgerungen untersucht hatte, musste nun darüber entscheiden, welchen Forderungen eines Herrschers er folgen konnte.

Die Konflikte machten eine andere Seite seines Lebens sichtbar. Seine religiösen Überzeugungen bestimmten auch sein Handeln im Amt. Der Glaube gab ihm Maßstäbe, an denen er königliche Ansprüche prüfte. Über deren Durchsetzung entschieden allerdings Verhandlungen und die Macht der Beteiligten.

Anselm starb 1109 in Canterbury. Sein Gottesbeweis blieb als Text bestehen, an dessen Argumenten spätere Leser weiterarbeiten konnten.

Kathedrale von Canterbury

Von Thomas zu Kant – Der Beweis wird erneut geprüft

Im 13. Jahrhundert lehnte Thomas von Aquin Anselms Begründung ab. Ein Gottesbeweis musste seiner Auffassung nach bei dem ansetzen, was Menschen über die geschaffene Welt erkennen konnten. Gottes Wesen war ihnen gerade nicht so zugänglich, dass daraus seine Existenz unmittelbar folgen durfte.

In der frühen Neuzeit griff René Descartes den Versuch wieder auf, Gottes Existenz aus seiner Vollkommenheit zu begründen. Er entwickelte dafür eine eigene Fassung. Der Streit lebte damit in einem veränderten philosophischen Zusammenhang weiter.

Immanuel Kant richtete später einen grundlegenden Einwand gegen solche Beweise. Existenz betraf für ihn das tatsächliche Vorhandensein eines Gegenstands und ließ den sachlichen Gehalt seines Begriffs unverändert. Der Begriff von hundert wirklichen Talern enthielt genau dieselben Bestimmungen wie der Begriff von hundert bloß möglichen Talern. Ob diesem Begriff ein Gegenstand entsprach, musste sich daher durch etwas anderes als die bloße Beschreibung des Geldes feststellen lassen.

Kants Einwand stellte die Voraussetzung infrage, dass wirkliche Existenz ein Wesen vollkommener machte. Wer einen Begriff noch so reichhaltig bestimmte, musste weiterhin erklären, warum ihm ein Gegenstand entsprach.

So kehrte die Untersuchung immer wieder zu dem Schritt zurück, den Anselm in Bec vollzogen hatte. Aus der Anrede eines gläubigen Mönchs an Gott war ein Argument geworden, das auch seine Gegner genau lesen mussten. Mit jeder neuen Prüfung stellte sich erneut die Frage, wie weit ein Gedanke über sich selbst hinaus in die Wirklichkeit führen konnte.


Zum Weiterlesen

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Störig, H. J. (2016): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 18. Auflage. Verständliche Darstellung von Schopenhauers Lebensweg und der Verbindung zwischen Willenslehre, Kunst und Entsagung.

Russell, B. (2004): History of Western Philosophy. Routledge Classics. Pointierte, kritisch argumentierende Einordnung Schopenhauers in die europäische Philosophiegeschichte.

Bildnachweis

Titel: Abtei Bec. Wikimedia Commons, Roland Brierre. CC BY-SA 3.0.

Turm Abtei Bec: Wikimedia Commons, Samish de normandie. CC BY-SA 4.0.

Kathedrale von Canterbury: Wikimedia Commons, Diliff (David Iliff). CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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