Unter den späteren Ruinen von Eridu, südlich von Ur im heutigen Irak, legten Ausgräber eine Folge älterer Gebäude frei. Mehrfach war an derselben Stelle neu gebaut worden. Die Bauten werden als Heiligtümer gedeutet. Ihre Entwicklung führt in die Obedzeit zurück, jene Jahrtausende vor der Entstehung der großen Städte, in denen sich die Besiedlung des südlichen Mesopotamiens verdichtete. Allein die Siedlungsschichten dieser Epoche erreichen in Eridu eine Mächtigkeit von rund zwölf Metern.
Was ein Gebäude verrät
Die Zuordnung als Tempel beruht auf Architektur und Ausstattung sowie auf der späteren Nutzung des Ortes. Schriftliche Berichte über die Gründung fehlen. Deshalb kennen wir weder die Namen der Bauherren noch die Regeln, nach denen ein frühes Heiligtum versorgt wurde. Ein wiederholt erneuerter, hervorgehobener Bau belegt jedoch, dass Menschen ihm über die Lebensdauer eines einzelnen Hauses hinaus Bedeutung gaben.

Die als Tempel gedeuteten Bauten ähnelten Wohnhäusern, waren aber größer und standen auf erhöhten Plattformen. Sie verlangten Arbeit über den eigenen Haushalt hinaus und konnten Menschen aus der Siedlung und ihrem Umland zusammenführen. Ob religiöse Aufgaben damals schon von anderen gemeinschaftlichen Funktionen getrennt waren, lässt sich aus den Mauern nicht zuverlässig bestimmen.
Ein Ort wird zum Mittelpunkt
In der Obedzeit verbreiteten sich ähnliche Keramikformen über weite Teile Mesopotamiens. Auch Häuser mit einer großen Mittelhalle finden sich an verschiedenen Orten. Solche Gemeinsamkeiten zeigen Kontakte und die Weitergabe von Techniken; über die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Volk oder Staat sagen sie wenig aus. Ihren Namen erhielt die Kultur nach dem Fundort Tell al-Obed bei Ur und seiner charakteristischen Keramik.
Aus der Obedzeit stammen auch frühe Nachweise von Bewässerungskanälen. Ihr Bau und ihre Pflege verlangten gemeinsame Arbeit. Größere Siedlungen konnten solche Aufgaben auch für ihr Umland übernehmen. Wer dauerhaft für gemeinschaftliche Einrichtungen arbeitete, musste von anderen mit Nahrung versorgt werden. Die wiederholten Neubauten in Eridu zeigen, dass die Bewohner über Generationen Arbeit an einem herausgehobenen Ort zusammenführten. Wie sie diese Leistungen und die Versorgung der Beteiligten regelten, bleibt offen.
In der späteren sumerischen Königsliste erhielt Eridu einen besonderen Rang: Hier habe das Königtum seinen ersten Sitz genommen, nachdem es vom Himmel herabgekommen sei. Die Überlieferung machte den alten Ort zum Anfang königlicher Geschichte. Die Namen der Menschen, die seine frühesten Heiligtümer errichteten, sind dagegen unbekannt.

Zum Weiterlesen
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Nissen, H. J.; Heine, P. (2009): From Mesopotamia to Iraq. A Concise History.* Überblick über die politische Entwicklung und ihre siedlungs- und wirtschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen.
Nissen, H. J. (1990): The Early History of the Ancient Near East, 9000–2000 B.C.* Archäologische Darstellung des Weges von frühen Dörfern zu Städten und regionalen Staaten.
Bildnachweis
Titelbild: Bemalte Keramik der Obedzeit. ALFGRN · Herkunft: https://www.flickr.com/photos/156915032@N07/46728788425/. CC BY-SA 2.0. Wikimedia Commons.
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