Eine frühe Tontafel aus Uruk verzeichnet verschiedene Gruppen von Schafen und Ziegen. Ihre Vorderseite ist in Felder gegliedert; auf der Rückseite steht die Zusammenrechnung. Wer diese Tafel anfertigte, wollte eine überprüfbare Abrechnung hinterlassen. Gegen Ende des vierten Jahrtausends v. Chr. entstand in solchen Verwaltungszusammenhängen eine neue Möglichkeit, Informationen dauerhaft festzuhalten.
Was das Gedächtnis nicht mehr leisten musste
Menschen hatten schon zuvor Waren markiert und Mengen mit kleinen Zählsteinen erfasst. Siegel konnten anzeigen, wer für einen verschlossenen Behälter verantwortlich war. Die frühen Schriftzeugnisse erweiterten diese Möglichkeiten: Auf einer Oberfläche ließen sich Mengen mit Angaben zur Art der Güter verbinden. Eine Aufzeichnung blieb verfügbar, wenn die betreffende Ware bereits weitergegeben worden war.
Welche Mengenzeichen die Schreiber benutzten, hing davon ab, was sie zählten oder maßen. Für Gerste, das am häufigsten verzeichnete Gut, gab es ein eigenes Zahlensystem; Tiere zählte man anders. Um eine Tafel zu verstehen, musste ihr Leser die jeweiligen Konventionen kennen.
Die ältesten Aufzeichnungen gaben gesprochene Sprache nur unvollständig wieder. Grammatische Verbindungen fehlten häufig; Beteiligte konnten sich manches aus dem Geschäftsvorgang erschließen. Eine solche Tafel war ein Arbeitsmittel der Verwaltung. Zum Verständnis brauchte man neben Zeichenkenntnissen auch Wissen über den jeweiligen Vorgang.
Zeichen mussten gemeinsam verständlich sein
Neben Abrechnungen wurden schon früh Listen angelegt, in denen Begriffe nach Sachgebieten geordnet waren. Solche Zusammenstellungen halfen, ein gemeinsames Zeichenwissen zu bewahren. Dazu gehörten auch Bezeichnungen für Ämter, die in einer Rangfolge aufgeführt wurden.

Im Lauf der Zeit veränderten sich die Zeichenformen. Das Eindrücken eines Schreibgriffels in Ton erzeugte die charakteristischen keilförmigen Spuren, nach denen die spätere Keilschrift benannt ist. Zwischen den frühen bildhaften Zeichen und dieser ausgebildeten Schrift lagen mehrere Entwicklungsschritte.
Für die Wiedergabe von Sprache war entscheidend, dass ein Zeichen auch einen Lautwert annehmen konnte. Man verwendete es dann wegen seiner Aussprache. Das half beispielsweise, Namen und grammatische Formen festzuhalten, für die eine bloße Warenliste keine Zeichen brauchte. Wortzeichen ließen sich mit Silbenzeichen verbinden.
Zusätzlichen Antrieb erhielt diese Entwicklung, als Schreiber die Schrift für semitische Sprachen wie das Akkadische nutzten. Deren Wortformen unterschieden sich stark von denen des Sumerischen; unter anderem änderten sich Laute innerhalb des Wortstamms. Lautzeichen erlaubten es, solche Unterschiede genauer wiederzugeben. Auch im Sumerischen wurden sie zunehmend eingesetzt. Mit der genaueren Aufzeichnung gesprochener Sprache konnten längere Erzählungen und religiöse Dichtungen auf Ton festgehalten werden. Keilschrift war zu einem Schriftsystem geworden, das für mehrere Sprachen taugte.
Ein einzelner Erfinder ist nicht bekannt. Sichtbar wird stattdessen ein Problem, an dem viele Schreiber arbeiteten: Wie lässt sich eine Angabe so festhalten, dass ein anderer sie später richtig versteht? Ein vereinbarter Bestand an Zeichen machte die Abrechnung unabhängig davon, ob derjenige, der die Tiere gezählt hatte, beim Kontrollieren noch anwesend war. Dieselbe Möglichkeit des Wiederlesens bewahrte später Texte weit über die Lebenszeit ihrer Verfasser hinaus.
Zum Weiterlesen
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Nissen, H. J.; Heine, P. (2009): From Mesopotamia to Iraq. A Concise History.* Überblick über die politische Entwicklung und ihre siedlungs- und wirtschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen.
Nissen, H. J. (1990): The Early History of the Ancient Near East, 9000–2000 B.C.* Archäologische Darstellung des Weges von frühen Dörfern zu Städten und regionalen Staaten.
Bildnachweis
Titelbild: Frühe Verwaltungstafel über die Verteilung von Gerste und Emmer. The Metropolitan Museum of Art (Open-Access-Aufnahme; Fotograf nicht genannt). CC0. Wikimedia Commons.
Alle Bilder gemeinfrei.




