1472 starb Nezahualcoyotl, der Herrscher von Texcoco am östlichen Ufer des Sees von Mexiko. Unter seinen zahlreichen Söhnen setzte sich ein Kind durch: Nezahualpilli war nach den unterschiedlichen Überlieferungen sieben oder neun Jahre alt. Den Ausschlag gab auch die Unterstützung Axayacatls, des Herrschers im benachbarten Tenochtitlan. Der Junge stammte mütterlicherseits aus dessen Familie.
Einen Erben durchsetzen

Nezahualcoyotl hatte seine Stellung mit der Hilfe Itzcoatls von Tenochtitlan im Krieg gegen Azcapotzalco zurückgewonnen. Texcoco, das Zentrum der Acolhua, gehörte anschließend mit Tenochtitlan und Tlacopan zum später so genannten Dreibund. Gemeinsame Feldzüge verschafften den Partnern Einkünfte. Welcher Familienzweig eine der verbündeten Städte beherrschte, entschied deshalb auch über die Verteilung von Einfluss im Tal.
Nezahualpillis ältere Halbbrüder konnten eigene Ansprüche geltend machen. Axayacatl schickte nach Nezahualcoyotls Tod Krieger nach Texcoco und sorgte dafür, dass konkurrierende Kandidaten Land und Titel erhielten. Manche akzeptierten eine solche Ausstattung anstelle der Herrschaft. Außerdem griffen Söhne des Verstorbenen an, deren mütterliche Familie in Tlaxcala beheimatet war. Diese äußere Bedrohung bewog weitere Brüder in Texcoco, sich hinter den jungen Nezahualpilli zu stellen. Sein Vorrang beruhte auf einem ausgehandelten Ausgleich und militärischer Hilfe.
Ein Sänger gerät in den Nachfolgestreit
Auch Nezahualpilli hatte Kinder mit mehreren Frauen. Einer seiner möglichen Erben, Huexotzincatzin, wurde als Sänger und Dichter bekannt. Nach späteren Berichten trug er öffentlich Lieder im Wechsel mit einer Frau aus Tula vor, die zum Haushalt seines Vaters gehörte. Man warf ihm eine unerlaubte Beziehung zu ihr vor; er wurde erdrosselt.

Die Überlieferung verbindet die Hinrichtung mit dem Eingreifen Moctezumas II., der seit 1502 in Tenochtitlan herrschte. Dieser unterstützte einen anderen Sohn Nezahualpillis: seinen Neffen Cacama. Wie genau sich der Vorwurf gegen Huexotzincatzin mit Moctezumas Nachfolgepolitik verband, lässt sich aus den späteren Erzählungen nicht sicher trennen. Seine Hinrichtung beseitigte jedenfalls einen möglichen Rivalen Cacamas. Über das Schicksal der Frau aus Tula fehlt eine ebenso ausdrückliche Nachricht.
Nach Nezahualpillis Tod 1515 unterstützte Moctezuma Cacamas Erhebung. Dessen Halbbruder Ixtlilxochitl widersetzte sich; der Konflikt führte zu einer Teilung des Machtbereichs. Als die Spanier in das Tal kamen, trafen sie daher auf konkurrierende Angehörige desselben Herrscherhauses. Ixtlilxochitl unterstützte schließlich den Krieg gegen Tenochtitlan. Die lange gepflegte familiäre Verbindung hatte Gegner innerhalb Texcocos hervorgebracht, an die der spanische Anführer Hernán Cortés anknüpfen konnte.
Der König und seine spätere Erinnerung
Nezahualcoyotl ist heute besonders als Dichterkönig bekannt. Ihm zugeschriebene Lieder und Erzählungen über seine Weisheit prägen das Bild Texcocos als gelehrtes Zentrum. Solche Überlieferungen verdienen Aufmerksamkeit, lassen sich aber nicht sämtlich wie eigenhändige Aussagen des Herrschers lesen. Ihre erhaltenen Fassungen entstanden unter späteren Bedingungen und wurden weitergegeben, weil sie für nachfolgende Generationen Bedeutung besaßen.
Auch Nachkommen der Herrscherfamilie wirkten an diesem Bild mit. In der Kolonialzeit konnten Darstellungen einer ruhmreichen Vergangenheit den Rang eines Familienzweigs begründen. Die Erinnerung an Texcoco blieb damit Teil jener Auseinandersetzung, die schon seine vorspanische Geschichte geprägt hatte: Wer die Vergangenheit der Dynastie erzählen durfte, konnte daraus Ansprüche für ihre Erben ableiten.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Bildnachweis
Titel: Plan des Palastes von Nezahualcoyotl, dargestellt auf Blatt 2 des Mapa Quinatzin (Reproduktion von 1891).
Alle Bilder gemeinfrei.



