Im Frühjahr 1519 wurde eine junge versklavte Frau in Tabasco an die spanische Expedition übergeben. Nach ihrer Taufe hieß sie Marina; indigene Überlieferungen nennen sie Malintzin. Ihre Sprachkenntnisse verschafften Hernán Cortés bald einen Zugang zu Menschen, mit denen er zuvor nicht unmittelbar verhandeln konnte.
Eine Verbindung über zwei Übersetzungen
Malintzin sprach Nahuatl und eine Maya-Sprache. Der Spanier Jerónimo de Aguilar, der längere Zeit unter Maya gelebt hatte, konnte zwischen Maya und Spanisch übersetzen. Gemeinsam bildeten sie zunächst eine sprachliche Verbindung: Eine Nahuatl-Aussage gelangte über Malintzin und Aguilar zu Cortés; seine Antwort nahm den umgekehrten Weg.
An der Golfküste zeigte sich zu Ostern 1519, was diese Verbindung bewirkte. Tendile, ein hoher Vertreter Moctezumas, des Herrschers von Tenochtitlan, kam in Cortés’ Lager. Aguilar allein konnte seine Nahuatl-Aussagen nicht verstehen. Malintzin übertrug sie ins Maya, das Aguilar wiederum ins Spanische übersetzte. Die Verhandlung über den Rang des fernen spanischen Königs und dessen Forderungen wurde so überhaupt erst möglich.
Mit zunehmender Kenntnis des Spanischen konnte Malintzin unmittelbarer übersetzen. Indigene Bilder zeigen sie häufig zwischen Cortés und seinen Gesprächspartnern. Ihre hervorgehobene Stellung bewahrt eine Erinnerung an ihre tatsächliche Bedeutung, auch wenn die späteren Darstellungen keine bildlichen Protokolle einzelner Gespräche sind.

Einfluss unter Zwang
Ihre Tätigkeit verschaffte Malintzin Zugang zu politischen Verhandlungen. Sie konnte Aussagen vermitteln und musste sprachliche Unterschiede ausgleichen. Daraus folgt aber keine uneingeschränkte Freiheit gegenüber den Männern, in deren Gewalt sie geraten war. Die ursprüngliche Übergabe als versklavte Frau blieb eine grundlegende Bedingung ihrer Stellung.
Auch über ihre frühere Lebensgeschichte berichten die Quellen nicht aus derselben Nähe wie über ihre Rolle im Feldzug. Spätere Erzählungen schildern einen adligen Ursprung und ihre Weitergabe zwischen verschiedenen Haushalten. Einzelheiten dieser Herkunft lassen sich nicht durchweg sichern. Fest steht, dass sie 1519 über Kenntnisse verfügte, die Menschen aus weit auseinanderliegenden Sprachräumen verbanden.
Ihre Zugehörigkeit zu einer Nahuatl sprechenden Welt bedeutete zudem keine selbstverständliche politische Loyalität zu Tenochtitlan. Nahua-Gemeinschaften hatten eigene Herrscher und konnten Gegner der Mexica sein. Das spätere Urteil, Malintzin habe eine bereits bestehende mexikanische Nation verraten, überträgt eine nationale Vorstellung auf Verhältnisse, in denen diese gemeinsame staatliche Zugehörigkeit nicht existierte.
Die Stimme, die andere überliefern
Malintzin hinterließ keine bekannte eigene Niederschrift ihrer Verhandlungen. Wie unterschiedlich andere ihre Vermittlung darstellten, zeigt gerade das Gespräch mit Tendile. Eine spanische Fassung lässt den Gesandten bereitwillig den Dienst für den spanischen König annehmen. Bei dem später schreibenden Chronisten López de Gómara antwortet Tendile dagegen, Moctezuma sei ebenso groß und mächtig wie dieser König.
Aus dem Unterschied lässt sich kein wörtlicher Dialog zurückgewinnen. Er verändert aber die Bedeutung der Begegnung: Eine Anerkennung zweier Herrscher auf vergleichbarem Rang konnte in der Überlieferung zur freiwilligen Unterwerfung werden. Wer die Verhandlung später erzählte, bestimmte mit, welche Verpflichtung aus den übersetzten Worten hervorgegangen sein sollte.
Zum Weiterlesen
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Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Bildnachweis
Titel: Malintzin in der Überlieferung des Lienzo de Tlaxcala. Wikimedia Commons, Unbekannter Künstler. Gemeinfrei.
Handschrift: Malintzin im Codex Azcatitlan. Wikimedia Commons, Unbekannter Künstler. Gemeinfrei.



