Startseite » María Bernardina 1814 – Wer ihren letzten Willen ausführen soll

María Bernardina 1814 – Wer ihren letzten Willen ausführen soll

Heutige Kirche von San Bartolomé bei Metepec

Am 25. September 1814 ließ María Bernardina in San Bartolomé ihren letzten Willen auf Nahuatl festhalten. Ihr Bruder Florencio Bernardino sollte als Vollstrecker handeln. Die Schlussformel nannte außerdem örtliche Amtsträger als Zeugen und Cipriano Gordiano als Schreiber der Kirche.

Der Ort lag bei Metepec im Tal von Toluca. Das in den untersuchten Urkunden San Bartolomé Tlatelolco genannte Gemeinwesen darf nicht mit Tlatelolco in Mexiko-Stadt verwechselt werden. Hier lebten Nahua-Familien im frühen 19. Jahrhundert unter Bedingungen, die sich über lange Zeit seit der Eroberung verändert hatten.

Ein Auftrag braucht Menschen vor Ort

María Bernardina bezeichnete Florencio als ihren Tepantlato und Albacea. Das erste Wort benennt im Nahuatl jemanden, der für einen anderen spricht; das zweite stammt aus dem Spanischen und bezeichnet den Testamentsvollstrecker. In älteren Urkunden des Ortes konnten verschiedene Personen diese Aufgaben übernehmen. 1814 verband sie beides in ihrem Bruder: Er sollte ihren Willen ausführen und ihn gegenüber anderen vertreten.

Ihre religiöse Formel knüpfte Gottes Belohnung ausdrücklich daran, dass er die Aufgabe gut erfüllte. Auch die Anrede „Don“ vor Florencios Namen kennzeichnete örtliche Anerkennung. Sie beweist für sich genommen keine erbliche Adelszugehörigkeit; solche Ehrentitel konnten in San Bartolomé auch durch Gemeindedienst erworben werden.

Die anwesenden Amtsträger gehörten zur Fiscalía, der örtlichen kirchlichen Gemeindeorganisation. Der Fiscal mayor und sein Stellvertreter, der Fiscal menor, wirkten an deren Leitung mit. Ein Alguacil mayor gehörte ebenfalls zum genannten Kreis. Diese Ämter waren Teil der von Nahua getragenen Organisation des Gemeindelebens. Ihre Träger bezeugten den letzten Willen zusammen mit Cipriano Gordiano, dem Schreiber der Kirche.

Der Schreiber hielt die Erklärung in alphabetischer Schrift fest. Dass sie auf Nahuatl verfasst wurde, zeigt den fortbestehenden Gebrauch der Sprache für verbindliche örtliche Angelegenheiten. Christliche Begriffe und Gemeindeämter erschienen darin als Bestandteile einer inzwischen lange gewachsenen Nahua-Schriftpraxis.

Was der Eintrag erkennen lässt

Die Schlussformel liefert kein vollständiges Bild von María Bernardinas Vermögen oder ihren politischen Überzeugungen. Sie zeigt genauer, wem sie eine Aufgabe anvertraute und in wessen Anwesenheit diese festgehalten wurde. Aus diesen Angaben lässt sich ein konkreter Zusammenhang erschließen: Ein persönlicher letzter Wille sollte durch Verwandtschaft und örtliche Einrichtungen über den Tod hinaus wirksam bleiben.

1814 herrschte Krieg um die Zukunft Neuspaniens. Aus der Datierung folgt aber nicht, welcher Seite María Bernardina zuneigte. Ihre Urkunde lenkt den Blick auf eine andere zeitgleiche Notwendigkeit: Angehörige mussten Verpflichtungen klären und den Fortgang eines Haushalts sichern. Der Name des Bruders und die Namen der Zeugen hielten fest, wer dafür nach ihrem Tod ansprechbar sein sollte.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*

Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*

Bildnachweis

Titel: Heutige Kirche von San Bartolomé bei Metepec. Wikimedia Commons, Arturo.galicia. CC BY-SA 3.0.

Schaubild: Beteiligte an María Bernardinas Testament von 1814. Eigene schematische Darstellung, Redaktion EpochenTaucher. CC0 1.0.

Schreibe einen Kommentar