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Die Schreiber von San Bartolomé – Nahuatl im unabhängigen Mexiko

Cipriano Gordianos Handschrift ähnelte der seines Vorgängers Francisco Nicolás so stark, dass ihre Urkunden auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden sind. Erst ein Testament machte ihre Verwandtschaft ausdrücklich erkennbar: Francisca María bezeichnete Cipriano als ihren Sohn und Francisco Nicolás als ihren Mann. Die Schreiberfolge in San Bartolomé war zugleich eine Verbindung zwischen Vater und Sohn.

Ein Beruf wird im Ort weitergegeben

Die Familie lebte in einer Nahua-Gemeinde bei Metepec im Tal von Toluca. Um 1809 endete Francisco Nicolás’ Tätigkeit; Cipriano übernahm in derselben Zeit. Beide hatten zuvor auch als Schreiber des weltlichen Gemeinderats gearbeitet. Ab 1810 ist Cipriano als Schreiber der örtlichen kirchlichen Organisation belegt. Die Untersuchung ordnet ihm 82 von insgesamt 115 überlieferten Testamenten des Ortes zu. Die ähnlichen Handschriften und wiederkehrenden Formeln sprechen für eine Ausbildung beim Vater; ein erhaltener Lehrplan liegt dieser Schlussfolgerung nicht zugrunde.

Ein solcher Schreiber musste mehr beherrschen als das Formen von Buchstaben. Er brachte Wünsche und Verpflichtungen in eine Urkundenform, die andere Menschen wiedererkennen konnten. Dazu gehörte die richtige Benennung von Personen und Ämtern. Wer einen letzten Willen festhielt, musste unterscheiden, was die erklärende Person verfügte und wer anschließend für die Ausführung verantwortlich sein sollte.

Neben dieser Familientradition erkennt die Untersuchung eine weitere Schreibtradition, die nach dem früheren Schreiber Pedro Agustín benannt ist. Kleine Unterschiede in wiederkehrenden Formeln halfen, ihre Angehörigen zu unterscheiden. Dass mehrere Männer sehr ähnliche Urkunden anfertigten, war damit ein Ergebnis überlieferter Ausbildung, ohne dass sämtliche Texte aus derselben Hand stammten.

Besonders deutlich wird das 1813, als eine Epidemie auch Ciprianos Mutter tötete. Drei Testamente aus diesem Jahr nennen Cipriano als Schreiber, zeigen aber die Hand Mariano de la Merceds. Dessen anderswo gesicherte Handschrift ermöglicht die Zuordnung. Wahrscheinlich vertrat oder unterstützte Mariano den Kollegen während der Krise. Weshalb dabei dessen Name stehen blieb, ist nicht vollständig geklärt; aus dem Befund allein lässt sich keine betrügerische Absicht ableiten.

Spanisch tritt neben Nahuatl

Im frühen 19. Jahrhundert entstanden in San Bartolomé Testamente in beiden Sprachen. Die spanischen Fassungen stammten ebenfalls von örtlichen Nahua-Schreibern. Ihre Sprachformen können verraten, dass vertraute Nahuatl-Ausdrucksweisen in eine andere Sprache übertragen wurden.

Ein Testament von 1821, geschrieben von Máximo Calistro, gehört in diese Entwicklung. Es zeigt eigenwillige Worttrennungen und Schreibweisen. Wer allein nach späteren schulischen Maßstäben urteilt, übersieht den praktischen Vorgang: Ein örtlicher Schreiber nutzte die verfügbaren schriftlichen Mittel, um eine Erklärung für seinen Auftraggeber festzuhalten.

Die spanischsprachigen Urkunden stammen teilweise von anderen Schreibern als die erhaltenen Nahuatl-Testamente. Santiago Cristóbal hatte beispielsweise zuvor im Nachbarort Ocotitlan gearbeitet. Beständige Formeln beweisen deshalb weder unverändertes Personal noch eine ausschließlich auf eine Familie beschränkte Ausbildung. Sie zeigen, dass übernommene Urkundenformen auch mit weiteren Schreibern und in einer anderen Sprache weiterverwendet wurden.

1821 ist eine politische Zäsur mit örtlichem Verlauf

Die Unabhängigkeit Mexikos beendete 1821 die spanische Kolonialherrschaft. In der untersuchten Überlieferung San Bartolomés reichte Gordianos Tätigkeit noch bis 1823. Danach sind aus diesem Bestand offenbar nur spanischsprachige Testamente erhalten. Die Beobachtung betrifft den überlieferten örtlichen Bestand; sie beweist weder das Ende des gesprochenen Nahuatl noch ein gleichzeitiges Ende entsprechender Schriftpraxis in allen Gemeinden.

Auch lässt sich die Sprachentwicklung nicht allein aus dem Wechsel der Staatsgewalt erklären. Spanische Urkunden waren bereits vor 1821 vorhanden. Die Abfolge von Schreibern und die Weitergabe ihres Wissens gehören ebenso zur Erklärung wie die veränderten rechtlichen und politischen Bedingungen.

Der Familienzusammenhang zwischen Francisco Nicolás und Cipriano Gordiano wurde ausgerechnet durch die Erklärung einer Frau sichtbar, deren letzter Wille festgehalten werden sollte. Eine für den Haushalt bestimmte Urkunde bewahrte damit auch den Schlüssel zu einer Berufsgeschichte. Sie zeigt, durch welche konkreten Menschen Nahuatl noch bis in die ersten Jahre des unabhängigen Mexikos als Sprache verbindlicher Vereinbarungen fortbestand.


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Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*

Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*

Bildnachweis

Titel: Heutiger Kirchturm von San Bartolomé bei Metepec. Wikimedia Commons, Arturo.galicia. CC BY-SA 3.0.

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