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Benno Ohnesorg und die Studentenbewegung – Der Protest eskaliert 1967

Gedenktafel zur Erschießung Benno Ohnesorgs in der Krummen Straße, Berlin.

Am 2. Juni 1967 erschoss der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras den 26-jährigen Germanistikstudenten Benno Ohnesorg. Der Schuss fiel während eines Polizeieinsatzes in der Nähe der Deutschen Oper. Ohnesorg hatte dort gegen den Besuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi demonstriert. Er war unbewaffnet.

Die Nachricht veränderte den Protest weit über Berlin hinaus. Für viele Studierende stand nun die Frage im Raum, ob staatliche Gewalt selbst zur Bedrohung ihrer Rechte geworden war. Die ersten Erklärungen der Polizeiführung und des Senats sowie die anschließende Aufarbeitung verstärkten die Wirkung des Todesfalls. An ihnen entschieden viele Studierende, ob sie den staatlichen Stellen noch vertrauten.

Warum gegen den Schah demonstriert wurde

Der Schah besuchte die Bundesrepublik als Staatsgast. Seine Regierung galt westlichen Regierungen als wichtiger Partner. Gegner des Besuchs verwiesen dagegen auf die Verfolgung der Opposition im Iran. Sie wollten verhindern, dass ein autoritärer Herrscher durch einen feierlichen Empfang zusätzliches Ansehen gewann.

Diese Kritik verband sich mit einer internationalen Sicht auf die westdeutsche Politik. Studenten protestierten bereits gegen den Vietnamkrieg und gegen die Unterstützung autoritärer Regierungen durch westliche Staaten. Sie fragten, wie glaubwürdig das Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie sei, wenn es die Behandlung der Opposition in verbündeten Ländern ausblendete.

In Berlin kamen konkrete Konflikte an den Hochschulen hinzu. Studierende verlangten mehr Mitsprache und wandten sich gegen Entscheidungen, die Professoren und Hochschulleitungen ohne ausreichende Beteiligung trafen. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, kurz SDS, wurde zu einem wichtigen Träger des Protests. Seine Aktivisten wollten politische Auseinandersetzungen auch außerhalb der üblichen parlamentarischen Wege führen.

Die Große Koalition von 1966 verstärkte diese Orientierung. Die beiden großen Parteien trugen nun gemeinsam die Bundesregierung. Aus Sicht der außerparlamentarischen Opposition blieb dadurch im Bundestag zu wenig wirksamer Widerspruch. Demonstrationen und öffentliche Aktionen sollten Aufmerksamkeit für Fragen erzwingen, die nach ihrer Einschätzung im parlamentarischen Betrieb zu wenig Raum erhielten.

Gewalt vor Rathaus und Oper

Am 2. Juni versammelten sich Gegner des Schahs zunächst vor dem Rathaus Schöneberg. Dort griffen organisierte Anhänger des Staatsgastes Demonstrierende an. Die später als „Jubelperser“ bezeichneten Männer wurden nicht in derselben Weise zurückgedrängt wie die Gegner des Besuchs. Für die Protestierenden entstand dadurch der Eindruck, die Polizei schütze einseitig die Unterstützer des Herrschers.

Am Abend verlagerte sich die Auseinandersetzung zur Deutschen Oper, wo das Schahpaar eine Aufführung besuchte. Die Polizei ging gegen die versammelten Menschen vor und trieb sie auseinander. Dabei wurden auch Personen getroffen, die sich nicht gewaltsam gegen die Beamten wandten. Der Einsatz erfasste die Umgebung der Oper und die angrenzenden Straßen.

Deutsche Oper Berlin, Aufnahme 2011
Die Deutsche Oper Berlin in einer Aufnahme von 2011. Vor dem Opernhaus fanden am 2. Juni 1967 die Proteste gegen den Schahbesuch statt; Benno Ohnesorg wurde in der benachbarten Krummen Straße erschossen.

In einem Hof an der Krummen Straße gab Kurras den tödlichen Schuss auf Ohnesorg ab. Was auf den ersten Blick als Teil eines unübersichtlichen Geschehens dargestellt werden konnte, musste anschließend anhand von Zeugenaussagen und Aufnahmen rekonstruiert werden. Die frühen Rechtfertigungen des Polizeieinsatzes gingen einer unabhängigen Klärung dieses Schusses voraus.

Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz stellte sich zunächst hinter die Polizei. Viele Studierende empfanden das als vorzeitige Rechtfertigung des Einsatzes. Ihre eigene Erfahrung und die Berichte von Augenzeugen passten nicht zur Darstellung, die Polizei habe lediglich eine von den Demonstranten ausgehende Gefahr abwehren müssen.

Der Streit um die Verantwortung

Nach Ohnesorgs Tod entstanden Versammlungen und Protestaktionen an vielen Hochschulen. Die Forderung nach einer Untersuchung verband sich mit Rücktrittsforderungen. Der Umgang mit den Berichten wurde selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung: Wer legte fest, welche Beobachtungen als glaubwürdig galten, und wie konnten Beteiligte der staatlichen Darstellung widersprechen?

Trauerveranstaltungen machten den Tod zu einem gemeinsamen Bezugspunkt. Studierende, die sich zuvor nur an einzelnen hochschulpolitischen Fragen beteiligt hatten, konnten nun aus Empörung über den Polizeieinsatz aktiv werden. Die Bewegung gewann dadurch Menschen hinzu, die keineswegs bereits die weitergehenden politischen Ziele des SDS teilten.

Albertz geriet unter wachsenden Druck und trat im September 1967 zurück. Die politische Verantwortungsfrage ließ sich also nicht vollständig abwehren. Die strafrechtlichen Verfahren gegen Kurras endeten jedoch mit Freisprüchen. Seine Darstellung einer Bedrohung blieb umstritten; die gerichtliche Behandlung überzeugte viele Kritiker des Polizeieinsatzes nicht.

Der Unterschied zwischen politischer Konsequenz und strafrechtlichem Ergebnis verstärkte das Misstrauen. Aus der Sicht vieler Protestierender überzeugten die polizeilichen Ermittlungen und die gerichtliche Aufarbeitung nicht: Ein Polizeibeamter hatte einen unbewaffneten Demonstranten erschossen, ohne dafür verurteilt zu werden. Die Bereitschaft, weiteren amtlichen Erklärungen zu vertrauen, nahm ab.

Aus der Empörung entsteht eine neue Dringlichkeit

Rudi Dutschke und andere Aktivisten des SDS verbanden die Ereignisse mit einer grundsätzlichen Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen. Wer die Polizei als Mittel eines autoritären Staates verstand, konnte aus dem Tod Ohnesorgs eine Bestätigung dieser Sicht ableiten. Die Auseinandersetzung verlagerte sich dann von der Untersuchung eines Einsatzes auf die Frage, wie weit das politische System insgesamt verändert werden müsse.

Rudi Dutschke, zweiter von links unter dem Transparent, bei einer Demonstration in Amsterdam am 21. Februar 1968.
Rudi Dutschke, zweiter von links unter dem Transparent, bei einer Demonstration in Amsterdam am 21. Februar 1968.

Diese Folgerung wurde innerhalb der Protestbewegung nicht von allen geteilt. Andere Beteiligte wollten gerade durch Öffentlichkeit und rechtliche Aufklärung verhindern, dass staatliche Gewalt unkontrolliert blieb. Ein gemeinsamer Protest überdeckte daher unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Mittel berechtigt und welche Ziele erreichbar waren.

Auch die Presse spielte in diesem Konflikt eine wichtige Rolle. Insbesondere Zeitungen des Springer-Verlags stellten die Demonstrierenden pauschal als Bedrohung der Ordnung dar. Die Aktivisten wiederum richteten ihren Protest zunehmend gegen den Springer-Verlag und dessen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung. Aus der Kritik an einzelnen Darstellungen entwickelte sich eine Auseinandersetzung darüber, wer die politischen Bilder der Stadt bestimmte.

Das Attentat auf Dutschke am 11. April 1968 verschärfte die Lage erneut. Der Täter schoss auf einen Mann, der bereits zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen war. Bei den anschließenden Protesten gegen die Springer-Presse kam es zu schweren Zusammenstößen. Die Eskalation verlief damit in aufeinander bezogenen Schritten: Neue Gewalterfahrungen wurden mit früheren verbunden und beeinflussten, wie die nächste Auseinandersetzung bewertet wurde.

Was spätere Akten erklären können

Erst 2009 wurde bekannt, dass Kurras als inoffizieller Mitarbeiter für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hatte und Mitglied der SED gewesen war. Der Fund veränderte das Bild von Kurras erheblich. Er lieferte jedoch keinen Beleg für einen Tötungsauftrag des MfS am 2. Juni 1967.

Für die Erklärung der damaligen Proteste muss außerdem berücksichtigt werden, was die Beteiligten wissen konnten. Sie reagierten auf einen tödlichen Schuss aus den Reihen der West-Berliner Polizei und auf das Verhalten der zuständigen Institutionen. Die geheime Tätigkeit des Schützen war ihnen unbekannt. Sie kann deshalb nicht nachträglich an die Stelle der damaligen Erfahrungen als unmittelbarer Beweggrund ihres Handelns gesetzt werden.

Die Protestbewegung entwickelte sich in den folgenden Jahren in verschiedene Richtungen. Während sich viele Beteiligte später in Parteien und neuen Initiativen engagierten, entschied sich eine kleinere Minderheit für bewaffnete Gewalt. Aus dem Tod Ohnesorgs führte kein zwangsläufiger Weg zu dieser Entscheidung.

Auch innerhalb der Bewegung selbst wurde der Anspruch auf Befreiung überprüft. Auf einer SDS-Konferenz in Frankfurt im September 1968 kritisierte die Filmemacherin und Sprecherin des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen Helke Sander, dass die Benachteiligung von Frauen und die Verteilung der alltäglichen Arbeit als private Fragen behandelt würden. Die Auseinandersetzung richtete sich damit gegen Verhältnisse unter den Protestierenden. Wer öffentlich mehr Mitsprache verlangte, musste sich nun auch fragen lassen, wer innerhalb der eigenen Gruppen zu Wort kam und wer die Voraussetzungen ihrer politischen Arbeit schuf.


Zum Weiterlesen

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Angster, J. (2012): Die Bundesrepublik Deutschland 1963–1982. Reform und Krise*. Darstellung der Studentenbewegung und ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Brechenmacher, T. (2010): Die Bonner Republik. Politisches System und innere Entwicklung der Bundesrepublik*. Einordnung der Proteste in die politischen Konflikte der 1960er Jahre.

Bildnachweise

Gedenktafel zur Erschießung Benno Ohnesorgs in der Krummen Straße, Berlin. OTFW , Berlin. CC BY-SA 3.0. Dateiquelle.

Schauplatz: Deutsche Oper Berlin, Aufnahme 2011. Wikimedia Commons, Manfred Brückels. CC BY-SA 3.0.

Rudi Dutschke: Demonstration in Amsterdam, 21. Februar 1968. Wikimedia Commons, Ron Kroon / Anefo. CC0.

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