
Am 5. Januar 1968 wählte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei Alexander Dubček an ihre Spitze. In den folgenden Monaten gewann eine Reformbewegung an Kraft, die den Sozialismus demokratischer gestalten wollte. Die Presse konnte offener berichten, frühere politische Verfolgung wurde öffentlich erörtert. Die Entwicklung blieb auch in der benachbarten DDR nicht unbemerkt.
Walter Ulbricht und die SED-Führung betrachteten diese Öffnung mit wachsendem Misstrauen. Die Reformer versprachen eine andere Form sozialistischer Herrschaft und hielten dabei am Warschauer Pakt fest. Gerade darin lag für die SED eine Gefahr: Menschen in der DDR konnten die Forderung nach mehr Freiheit nun auf Vorgänge innerhalb des eigenen politischen Lagers beziehen.
Ein sozialistischer Staat öffnet die Diskussion
Die tschechoslowakische Reformbewegung hatte bereits vor Dubčeks Wahl Voraussetzungen geschaffen. Kritik von Schriftstellern und Wissenschaftlern verband sich mit der Suche nach einer leistungsfähigeren Wirtschaft. Auch innerhalb der Partei zweifelten immer mehr Funktionäre an den bisherigen Methoden; Wirtschaftsfachleute arbeiteten an Änderungen der zentralen Planung.
Dubček löste Antonín Novotný als Parteichef ab. Der Wechsel ermöglichte es, Reformen voranzutreiben, die zuvor blockiert worden waren. Mit der schrittweisen Rücknahme der Zensur im Frühjahr gewann die öffentliche Diskussion über die Reformen an Raum. Das Aktionsprogramm der Partei verband wirtschaftliche Veränderungen mit einer stärkeren Beteiligung der Bevölkerung; für das Verhältnis zwischen Tschechen und Slowaken war eine föderale Neuordnung vorgesehen, die der Slowakei mehr Gewicht geben sollte.
Damit entstanden Möglichkeiten, deren weitere Folgen die Führung nicht vollständig bestimmen konnte. Eine freier arbeitende Presse beschränkte sich nicht darauf, Beschlüsse bekannt zu machen. Sie konnte Kritik aufnehmen, die über die bisherigen Absichten der Reformer hinausging. Gesellschaftliche Gruppen lösten sich aus der engen Bindung an die Partei und meldeten eigene Forderungen an.
Außenpolitisch hielt die Führung an der Verbindung mit der Sowjetunion fest. Sie erklärte keinen Austritt aus dem Warschauer Pakt. Moskau musste sich dennoch damit auseinandersetzen, dass eine politische Öffnung die Verlässlichkeit der Bündnisbindung verändern konnte. Die sowjetische Führung betrachtete den weiteren Verlauf deshalb zunehmend als Gefahr für ihre Stellung in Osteuropa.
Was die SED daran bedrohte
In der DDR hatte die Parteiführung selbst mit wirtschaftlichen Reformen begonnen. Größere Verantwortung in den Betrieben sollte deren Leistung verbessern. Eine entsprechend freie öffentliche Debatte über die politische Führung ließ die SED jedoch nicht zu. Die Verfügung über Informationen blieb ein wesentliches Mittel ihrer Herrschaft.
Die Entwicklung in Prag stellte diese Begrenzung praktisch infrage. Dort konnte diskutiert werden, ob die Partei ihre führende Stellung durch Zustimmung gewinnen müsse, statt sie durch ein unangefochtenes Machtmonopol zu sichern. Für Ulbricht berührte dies unmittelbar die Voraussetzungen seines eigenen Regierens.
Hinzu kam die deutsche Teilung. Die DDR-Führung fürchtete, eine eigenständigere tschechoslowakische Politik könne der Bundesrepublik zusätzliche Möglichkeiten im Osten eröffnen. Sie hatte jahrelang versucht, ihre Nachbarn an eine gemeinsame Abgrenzung gegenüber Bonn zu binden. Eine Regierung in Prag, die sich bei ihren Kontakten stärker an eigenen Interessen orientierte, gefährdete diese Bemühungen.
Die SED verfolgte die Reformen deshalb nicht als außenpolitisch neutraler Beobachter. Ihre Berichte an Moskau betonten die Gefahr einer Gegenrevolution. Ulbricht drängte auf ein Vorgehen, das die Kontrolle der Partei in der Tschechoslowakei wiederherstellen sollte. Die Absicherung des eigenen Staates verband sich mit dem Versuch, die Entwicklung im Nachbarland zu begrenzen.
Verhandlungen und Vorbereitungen zum Eingriff
Auf DDR-Gebiet formierte sich der gemeinsame Druck besonders deutlich. Am 23. März 1968 trafen sich in Dresden Vertreter der fünf Staatsparteien der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR mit der tschechoslowakischen Führung. Breschnew griff den Prager Kurs scharf an; besonders Gomułka und Ulbricht unterstützten ihn. Die Bezeichnung der Reformen als „Konterrevolution“ verband die Gegner zu einer gemeinsamen Front.
Zwei Tage später trug SED-Chefideologe Kurt Hager die Kritik öffentlich vor. Die Auseinandersetzung weitete sich im April zu einem Pressekrieg aus; schon Ende März hatte das staatliche Reisebüro Fahrten in die Tschechoslowakei für ausgebucht erklärt. DDR-Bürger reisten im Sommer dennoch nach Prag. Während die Verbündeten die Reformer zur Rücknahme ihres Kurses drängten, liefen auch militärische Vorbereitungen für einen Eingriff an.
Die Gespräche ließen zunächst noch unterschiedliche Erwartungen zu. Nach dem Treffen von Čierna nad Tisou Ende Juli glaubte die sowjetische Führung, eine Rücknahme wesentlicher Veränderungen erreicht zu haben. Dubček sah dagegen weiterhin die Möglichkeit, den Reformprozess fortzusetzen. Dass beide Seiten dieselben Unterredungen verschieden bewerteten, verschob den Konflikt, löste ihn aber nicht.
Ulbricht gehörte zu den entschieden auftretenden Gegnern des Prager Kurses. Noch im August berichtete er der sowjetischen Führung über seine Gespräche mit Dubček und drängte auf Konsequenzen. In Moskau wuchs zugleich die Sorge, ein geplanter tschechoslowakischer Parteitag könne die innerparteilichen Gegner der Reformen weiter schwächen. Der Zeitpunkt eines möglichen Eingriffs wurde dadurch dringlicher.
Die Nacht vom 20. zum 21. August
In der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 marschierten Truppen der Sowjetunion und weiterer Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei ein. Sie besetzten wichtige Einrichtungen und brachten führende Politiker in ihre Gewalt. Die militärische Übermacht verhinderte, dass die Prager Führung ihre Politik frei fortsetzen konnte.

Die DDR unterstützte den Eingriff politisch und organisatorisch. Für den vorgesehenen Einsatz standen auch zwei Divisionen der Nationalen Volksarmee bereit. Sie marschierten jedoch entgegen früher verbreiteten Darstellungen nicht als Kampfverbände in die Tschechoslowakei ein. Einzelne Stabs- und Nachrichtenangehörige waren beteiligt; die großen ostdeutschen Verbände blieben außerhalb des Landes in Bereitschaft.
Die SED hatte die Vorbereitungen mitgetragen und stellte Leistungen für das Unternehmen bereit, während der Einmarsch vor allem durch sowjetische Kräfte ausgeführt wurde. Ihre politische Unterstützung ging damit über die öffentliche Rechtfertigung hinaus.
Auch die Propaganda gehörte dazu. Der im Raum Dresden eingerichtete Sender „Moldau“ verbreitete tschechischsprachige Sendungen, die das Vorgehen rechtfertigen sollten. Die DDR beteiligte sich damit an dem Versuch, die gewaltsame Besetzung als Hilfe gegen eine angeblich drohende Gegenrevolution erscheinen zu lassen.
Widerspruch in der DDR
Die öffentliche Zustimmung, die die SED darstellte, entsprach nicht durchgehend den Reaktionen im Land. Menschen verweigerten verlangte Zustimmungserklärungen oder widersprachen in Gesprächen. Andere verbreiteten Flugblätter und Losungen. Besonders für junge Menschen hatte die Hoffnung auf einen freieren Sozialismus eine Möglichkeit eröffnet, die Verhältnisse im eigenen Land anders zu denken.
In Ost-Berlin beteiligten sich unter anderem die spätere Liedermacherin Bettina Wegner und der Schriftsteller Thomas Brasch mit Flugblattaktionen an den Protesten. Die Staatssicherheit nahm sie fest. Solche Fälle zeigen, wie unmittelbar sich die Unterstützung des Einmarsches mit der Verfolgung seiner Kritiker im eigenen Land verband. Eine Äußerung über Prag konnte zum Anlass für ein Verfahren in der DDR werden.
Die Sicherheitsorgane untersuchten auch, wie weit sich kritische Ansichten in Betrieben und Schulen verbreiteten. Die Führung wollte verhindern, dass aus der Ablehnung der Intervention eine breitere Auseinandersetzung über ihre eigenen Machtmittel entstand. Schon handgeschriebene Flugblätter waren für sie ein Anlass zum Eingreifen. Bei Wegner folgten auf die Verhaftung der Ausschluss von der Schauspielschule und eine Bewährungsstrafe. Die Bestrafung sollte die weitere Verbreitung solcher Äußerungen verhindern.
Aus diesen unterschiedlichen Reaktionen lässt sich weder eine einheitliche Zustimmung noch ein gemeinsamer Widerstand der gesamten Bevölkerung ableiten. Offene Proteste waren mit erheblichen Risiken verbunden. Schweigen konnte deshalb sehr verschiedene Einstellungen verdecken. Die Verfolgungsakten geben vor allem darüber Auskunft, welche Äußerungen die Behörden als bedrohlich behandelten.
Die Rücknahme der Öffnung
Die sowjetische Führung begründete ihr Vorgehen mit einem Anspruch, der später als Breschnew-Doktrin bekannt wurde. Die Entwicklung eines einzelnen sozialistischen Staates sollte demnach nicht allein dessen eigene Angelegenheit sein, wenn die Herrschaftsordnung des gesamten Bündnisses gefährdet erschien. Moskau beanspruchte damit das Recht, nationale Entscheidungen unter Berufung auf gemeinsame Interessen zu begrenzen.
Der Einmarsch stellte die frühere Ordnung nicht innerhalb weniger Stunden vollständig wieder her. Die Reformer besaßen weiterhin Rückhalt, ihre Gegner mussten ihre Macht erst festigen. Unter dem Druck der Besetzung wurden jedoch die Voraussetzungen der Öffnung schrittweise beseitigt.
Im April 1969 ersetzte Gustav Husák Dubček als Parteichef. Die nun durchgesetzte „Normalisierung“ verdrängte Reformer aus ihren Ämtern und schränkte die öffentliche Diskussion wieder ein. Auch die Beziehungen zur DDR blieben zunächst stark belastet. Die SED hatte eine Entwicklung bekämpft, die vielen ihrer Bürger Hoffnung gegeben hatte; auf tschechoslowakischem Gebiet blieben sowjetische Truppen stationiert, die vor dem August 1968 dort keine dauerhafte Garnison unterhalten hatten.
Zum Weiterlesen
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Wentker, H. (2007): Außenpolitik in engen Grenzen. Die DDR im internationalen System 1949–1989*. Untersuchung der Rolle der SED bei der Bekämpfung des Prager Frühlings.
Heydemann, G. (2003): Die Innenpolitik der DDR*. Darstellung der Reaktionen auf die tschechoslowakischen Reformen und ihrer Niederschlagung.
Bildnachweise
Prag im August 1968: Menschen mit einer tschechoslowakischen Fahne vor einem brennenden Panzer. The Central Intelligence Agency. Public domain. Dateiquelle.
Einmarsch: Sowjetische Panzer auf dem Hradschin, 21. August 1968. Dodis, Dokument 32516 / Fotograf unbekannt. CC BY 4.0.
Alexander Dubček: Porträt, 23. August 1968. Wikimedia Commons / Nationaal Archief, CTK. CC0.




