Am dänischen See Tissø lag ein großer Hof mit einer Halle, deren Erscheinung sich deutlich von gewöhnlichen Wirtschaftsgebäuden abhob. Die Anlage wurde über mehrere Jahrhunderte verändert. Ausgrabungen zeigen, dass hier Menschen zusammenkamen, die weit mehr als die Mitglieder eines einzelnen bäuerlichen Haushalts waren.
Der Fundplatz auf Seeland verbindet eine herrschaftliche Wohnanlage mit Hinweisen auf Handwerk und religiöse Handlungen. Seine Entwicklung begann vor der üblichen Datierung der Wikingerzeit. Der Ort lässt daher beobachten, wie ältere Formen der Zusammenkunft unter veränderten politischen Verhältnissen weitergenutzt wurden.
Aufwand für den Empfang
Eine Palisade grenzte den Bereich der Halle von den Werkstätten und Marktflächen außerhalb ab. In einer späten Bauphase war die Halle ungefähr 48 Meter lang und über zwölf Meter breit. Große Gebäude mussten geplant und mit erheblichem Arbeitsaufwand errichtet werden. An einigen skandinavischen Herrschaftssitzen, darunter Tissø, deuten Kalkfunde auf hell behandelte Außenflächen hin. Eine auffällige Erscheinung konnte Besuchern den besonderen Rang des Orts vor Augen führen.
Auch die Anordnung der Gebäude lenkte Begegnungen. Ein Gast trat nicht in einen beliebigen Hofraum. Abgrenzungen unterschieden den Bereich des Hausherrn von anderen Tätigkeitsflächen. Damit war Zugang selbst ein Mittel, Unterschiede zu zeigen: Wer eingelassen wurde und wie nahe er dem Mittelpunkt kam, musste nicht für alle Besucher gleich sein.
Feste gaben solchen Begegnungen einen konkreten Anlass. Nahrung und Getränk mussten in größerer Menge bereitstehen. Dafür arbeitete ein Umfeld von Menschen, deren Namen die Funde nicht bewahren. Die politische Bedeutung eines Gastmahls lag auch darin, dass der Gastgeber über ihre Arbeit verfügen konnte.

Kult neben der Halle
Besondere Gebäude und niedergelegte Gegenstände sprechen dafür, dass religiöse Handlungen zum Hof gehörten. Ein weiterer Fund aus der Nähe des Sees macht den verfügbaren Reichtum anschaulich: 1977 kam dort ein geflochtener Goldhalsring zum Vorschein, der heute 1830 Gramm wiegt. Ein Teil fehlt. Der Ring belegt einen außerordentlichen Aufwand, nennt aber weder seinen Besitzer noch den Anlass seiner Niederlegung. Auch die Deutung einzelner kleiner Bauten als Kultgebäude muss auf ihren jeweiligen Funden beruhen.
Die Verbindung von Herrschaft und Kult war für einen Gastgeber nützlich. Wer wichtige Zusammenkünfte ausrichtete, konnte gemeinsames Handeln an seinem Sitz bündeln. Ein Mahl und eine Opferhandlung mussten keine voneinander unabhängigen Veranstaltungen sein. Die Beteiligten konnten ihre Beziehungen zugleich zu Menschen und zu göttlichen Mächten ordnen.
Spätere nordische Texte beschreiben Feste und Opfer ausführlicher. Zwischen ihrer Niederschrift und den älteren Bauphasen von Tissø liegen jedoch Jahrhunderte. Sie liefern keine wörtlichen Reden der dortigen Gastgeber. Auch der Name des Sees allein reicht nicht, jede ausgegrabene Anlage einer bestimmten Gottheit zuzuweisen.
Die Abgrenzung blieb nicht über alle Bauphasen gleich. In der späten Anlage, die der Ausgrabungsbericht in die zweite Hälfte des 10. und den Beginn des 11. Jahrhunderts setzt, verschwand ein zuvor eigens umzäunter Bereich unmittelbar bei der Halle. Stattdessen entstanden andere Gebäude. Wer den Gesamtplan aller Spuren betrachtet, muss diese Veränderung berücksichtigen. Ein Lieferant und ein hochrangiger Gast konnten verschiedene Wege nehmen; welche Zugänge bestanden, hing aber auch davon ab, welche Bauphase sie vorfanden.
Die religiöse Bedeutung des Orts konnte diese Unterschiede verstärken. Ein Gastgeber, der eine besondere Handlung ermöglichte, entschied mit darüber, wann Menschen zusammenkamen. Er konnte damit den Zeitpunkt wichtiger Begegnungen mitbestimmen. Besucher konnten die Reise an einen festlichen Anlass binden und am selben Ort andere Verbindungen pflegen, die für den Rest des Jahres nützlich blieben.
Besucher schaffen wirtschaftliche Möglichkeiten
Rund um einen bedeutenden Hof lohnte sich spezialisierte Arbeit. Wer zu einem Fest oder einer Versammlung kam, konnte zugleich Gegenstände erwerben und Aufträge vergeben. Handwerker profitierten davon, dass sich zeitweise Menschen mit Kaufkraft am selben Ort aufhielten.
Diese Nachfrage unterschied sich von der Versorgung nur eines Haushalts. Sie konnte wiederkehren, auch wenn nicht alle Besucher dauerhaft am See lebten. Der Hof war dadurch mit einem größeren Einzugsgebiet verbunden. Zum Reichtum des Hofs gehörten eingeführte Waren. Seine Fähigkeit, Begegnungen zu organisieren, erschloss ihm zusätzliche Leistungen.
Die Erneuerung der Halle erforderte über Generationen hinweg Bauholz und die Arbeit derer, die es heranbrachten. Von den hölzernen Empfangsbauten blieben vor allem Bodenspuren, während der Goldhalsring fast vollständig überdauerte. Welchem Anlass seine Niederlegung galt, bleibt offen.
Zum Weiterlesen
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Michael Engelbrecht: Eine kurze Geschichte der nordischen Welt: von der Eiszeit bis heute*. Regionalgeschichte im GMEINER-Verlag.
Rudolf Simek: Die Wikinger*. C.H.Beck Wissen.
Anders Winroth: Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens. Übersetzt von Susanne Held.
Bildnachweis
Titel: Blick über das Hofareal zum Tissø. Wikimedia Commons, Västgöten. CC BY-SA 3.0.
Abbildung: Markierte Pfostenstandorte der Halle am Tissø. Wikimedia Commons, Västgöten. CC BY-SA 3.0.



