Im Juli 1402 geriet Sultan Bayezid I. nach der Schlacht bei Ankara in Timurs Gefangenschaft. Der Herrscher, der Konstantinopel bedrängt und große Teile Anatoliens unterworfen hatte, konnte seinen Truppen keine wirksamen Befehle mehr erteilen. Seine Söhne retteten sich in verschiedene Richtungen. Timur musste nun nicht jede osmanische Festung erobern, um die Ordnung des besiegten Gegners zu zerstören. Er konnte den Fürsten ihre Länder zurückgeben, die Bayezid zuvor verdrängt hatte.
Zwei Herrschaftsansprüche treffen aufeinander
Timurs Machtzentrum lag in Zentralasien. Von dort hatte er gewaltige Feldzüge nach Iran und bis nach Indien geführt. Seine Herrschaft verband unmittelbare Unterwerfung mit der Anerkennung örtlicher Fürsten, sofern diese Tribut entrichteten und seinen Vorrang akzeptierten. Eroberte Städte konnten auf Schonung hoffen, wenn sie sich fügten; Widerstand beantwortete er wiederholt mit Massakern. Die Zerstörung sollte zugleich andere Gegner von einer Gegenwehr abschrecken.
Bayezid hatte in Anatolien ebenfalls bestehende Herrschaften angegriffen. Die Osmanen beherrschten keineswegs seit jeher das gesamte Land. Mehrere muslimische Dynastien regierten eigene Fürstentümer. Sie verfügten über Gefolgsleute, die einer osmanischen Übernahme nicht ohne Weiteres ihre Loyalität schenkten. Bayezid konnte einen Fürsten vertreiben und dessen Einkünfte einziehen. Damit verschwand aber nicht die Erinnerung an die vorherige Herrschaft.
Einige der Verdrängten suchten Schutz bei Timur. Für ihn boten sie eine Möglichkeit, den osmanischen Sultan anzugreifen, ohne ausschließlich als fremder Eroberer aufzutreten. Er konnte behaupten, verletzte Rechte wiederherzustellen. Die Unterstützung solcher Fürsten verschaffte ihm zudem Kenntnisse über die örtlichen Verhältnisse und Ansprechpartner innerhalb des gegnerischen Machtbereichs.
Auch Bayezid nahm Feinde Timurs auf. Der Streit um Flüchtlinge und um die Oberhoheit über östliche Grenzherren verschärfte den Konflikt. Die beiden Herrscher verlangten voneinander Handlungen, die jeweils als Zeichen der Unterordnung verstanden werden konnten. Mit einem Nachgeben hätte ein Herrscher den Vorrang des anderen anerkannt; der Streit um einzelne Orte berührte damit zugleich ihren Rang.
Bayezids schwierige Lage
Der Sultan musste Kräfte in Europa und in Anatolien unterhalten. Konstantinopel war trotz seiner Schwäche noch nicht gefallen. Solange der byzantinische Kaiser die Stadt hielt, kontrollierte er einen Platz zwischen den osmanischen Besitzungen auf beiden Seiten der Meerengen. Bayezid konnte die Blockade nicht beliebig verstärken und gleichzeitig unbeschränkt Truppen nach Osten schicken.

Timur griff 1400 Sivas an. Die Einnahme und die Gewalt gegen die Bevölkerung zeigten, dass die Bedrohung Anatolien bereits erreicht hatte. Dennoch kam es nicht sofort zur großen Schlacht. Timur führte weitere Feldzüge im syrischen Raum. Die Pause gab Bayezid Zeit, beseitigte aber den grundsätzlichen Streit nicht. Auch die Nachbarn des Sultans hatten wenig Anlass, ihre eigenen Kräfte für seine Ansprüche einzusetzen.
Der Tod des Mamlukensultans Barquq und die Veränderungen im östlichen Anatolien schwächten mögliche Gegengewichte zu Timur. Bayezid stand einem Gegner gegenüber, dessen Truppen in langjährigen Feldzügen erprobt waren. Seine eigenen schnellen Eroberungen hatten dagegen Gebiete zusammengebracht, deren Bindung an die Dynastie noch nicht gefestigt war. Die Größe des Reiches verdeckte diese Unterschiede eher, als dass sie sie aufhob.
Der Weg auf die Ebene
Bayezid versuchte zunächst, Timur im bergigen Gelände weiter östlich entgegenzutreten. Timur wich über Kayseri und Kırşehir nach Ankara aus und begann, die Festung zu belagern. Bayezid musste ihm deshalb nach Westen folgen. Nach einem schnellen Marsch erreichte sein Heer die Ebene nördlich der Stadt.
Die Märsche brachten beide Heere an einen anderen Kampfplatz, als Bayezid zunächst vorgesehen hatte. Welche Absichten die einzelnen Manöver verfolgten, schildern die Berichte unterschiedlich. Die Schlacht wird gewöhnlich auf den 28. Juli datiert; in der Literatur kommen auch andere Tagesangaben vor. Unstrittig sind der Ort und der Ausgang des Kampfes im Sommer 1402. Die teils gewaltigen Heereszahlen lassen sich wesentlich schlechter absichern.
Timurs Streitmacht bestand zu einem großen Teil aus beweglicher Reiterei. Auch Kriegselefanten gehörten zu ihr. Solche auffälligen Einzelheiten haben spätere Erzählungen stark geprägt. Sie erklären für sich genommen aber nicht, warum Bayezids Heer auseinanderbrach. Entscheidend war, wie zuverlässig seine verschiedenen Kontingente unter dem Druck des Kampfes zusammenhielten.
Die Bindungen im Heer reißen
In Bayezids Reihen dienten Männer aus den erst kürzlich unterworfenen anatolischen Fürstentümern. Auf der Gegenseite befanden sich frühere Herren dieser Gebiete. Während der Schlacht wechselten Teile der osmanischen Kräfte die Seite. Andere Verbände entzogen sich dem Kampf. Die Quellen schildern Umfang und Ablauf unterschiedlich, stimmen aber darin überein, dass Abfälle Bayezids Stellung erheblich schwächten.
Die Bedeutung solcher Wechsel reichte über die Zahl der verlorenen Kämpfer hinaus. Eine Lücke im Heer konnte die Flanke des Nachbarn öffnen. Ein Kommandeur musste dann entscheiden, ob er seine Stellung hielt oder den Rückzug suchte. Je mehr Verbände sich lösten, desto schwerer wurde es für Bayezid, noch eine zusammenhängende Verteidigung zu organisieren. Er hatte aus unterworfenen Ländern Soldaten erhalten, deren frühere Bindungen im entscheidenden Moment wieder wirksam wurden.
Der christliche serbische Fürst Stefan Lazarević blieb dagegen lange an seiner Seite. Seine Reiter standen aufgrund einer politischen Verpflichtung im osmanischen Heer. Ihre Gegenwehr widerspricht der Vorstellung, muslimische Truppen hätten selbstverständlich zusammengehalten, während christliche Verbündete unzuverlässig gewesen seien. Bei Ankara entschieden dynastische Beziehungen und konkrete Abhängigkeiten darüber, wem die Kämpfer folgten.
Bayezid geriet schließlich in Gefangenschaft. Seine unmittelbare Umgebung konnte ihn nicht mehr aus dem zerfallenden Heer herausführen. Damit verlor die osmanische Regierung ihren Mittelpunkt. Befehle, die auf die Person des Sultans zugeschnitten waren, ließen sich nun nicht einfach durch einen unumstrittenen Nachfolger ersetzen. Mehrere Söhne konnten eigene Ansprüche geltend machen.

Was Timur mit dem Sieg erreichte
Timur zog nach Westen weiter. Seine Truppen verwüsteten osmanische Gebiete bis an die Ägäis. Er setzte verdrängte Dynastien wieder in ihre Herrschaften ein und verlangte zugleich ihre Anerkennung seiner Oberhoheit. Die wiederhergestellten Fürstentümer waren somit keine völlig unabhängigen Gewinner. Sie verdankten ihre Rückkehr dem Sieger und mussten dessen Forderungen erfüllen.
Eine dauerhafte eigene Verwaltung ganz Anatoliens errichtete Timur nicht. Er verließ das Land wieder. Das unterschied seine Intervention von einer schrittweisen osmanischen Eingliederung, bei der Steuereinkünfte erfasst und militärische Dienste neu zugewiesen wurden. Für Bayezids Söhne blieb deshalb Raum, sich mit verbliebenen Anhängern festzusetzen. Timurs Abzug beseitigte die Zerstörungen nicht, ließ aber mehrere politische Möglichkeiten offen.
Westlich der Meerengen war die Lage anders als in Anatolien. Dort hatte kein gegnerisches Heer die osmanischen Besitzungen flächendeckend aufgelöst. Die örtlichen Machthaber konnten für ihre Unterstützung Zugeständnisse von Bayezids Söhnen verlangen. Es entstand jedoch kein geschlossenes Bündnis, das sämtliche osmanischen Stellungen beseitigte. Edirne und die rumelischen Provinzen blieben ein wichtiger Rückhalt für die Dynastie. Ein Reichsteil überdauerte den Zusammenbruch des anderen.
Gefangenschaft und spätere Legende
Bayezid starb 1403 in der Gewalt Timurs. Die berühmte Geschichte, der Besiegte sei in einem eisernen Käfig vorgeführt worden, wurde in unterschiedlichen Fassungen weitererzählt. Sie eignet sich als Bild eines gestürzten Eroberers, ist aber keine sichere Grundlage für die Rekonstruktion seiner Behandlung. Auch über einzelne Demütigungen berichten die Quellen nicht übereinstimmend.
Mit Bayezids Tod 1403 entfiel auch die Möglichkeit seiner Rückkehr. Zwischen den Höfen seiner Söhne blieb die Nachfolge umstritten.
Zum Weiterlesen
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Douglas A. Howard: A History of the Ottoman Empire*. Cambridge University Press, 2017. Behandelt Timurs Eingreifen und die anschließende osmanische Nachfolgekrise.
Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches*. C.H.Beck, 2000. Erläutert die regional unterschiedlichen Voraussetzungen des osmanischen Wiederaufstiegs.
Bildnachweis
Titelbild: Die Schlacht bei Ankara in einer persischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts. 1436 painting; Wikimedia Commons; gemeinfrei.
Abbildung: Timur in einer persischen Buchmalerei. 1436 painting; Wikimedia Commons; gemeinfrei.
Abbildung: Der gefangene Bayezid vor Timur: ein historistisches Gemälde von Stanisław Chlebowski. Stanisław Chlebowski; Wikimedia Commons; gemeinfrei.



