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Das Schiff von Gokstad

Das Gokstadschiff im Wikingerschiffsmuseum in Oslo.

Ein Grabhügel bei Gokstad am Oslofjord bewahrte ein seetüchtiges Schiff. Es war gegen Ende des 9. Jahrhunderts gebaut und später für die Bestattung eines Mannes verwendet worden. Der Fund von 1880 machte sichtbar, mit welchem Aufwand skandinavische Schiffbauer ein Fahrzeug für längere Fahrten herstellen konnten.

Das Schiff war ungefähr 23 Meter lang. Seine Größe bot einer Mannschaft Platz, stellte aber zugleich Ansprüche an Material und Arbeit. Für die Bestattung gaben die Hinterbliebenen ein wertvolles Schiff auf. Danach stand es für weitere Fahrten nicht mehr zur Verfügung.

Ein Rumpf aus überlappenden Planken

Die Eichenplanken überlappten einander und waren mit eisernen Nieten verbunden. Diese Klinkerbauweise ergab einen vergleichsweise leichten, elastischen Rumpf. Sorgfältig gewählte Holzstücke und passende Verbindungen waren dafür entscheidend. Die Schiffbauer mussten das Material beurteilen und seine Eigenschaften in die Form des Fahrzeugs einbeziehen.

Ein Rahsegel, das an einer quer zum Schiff liegenden Stange hing, konnte das Schiff antreiben. Für andere Bedingungen standen Ruder zur Verfügung. Die Kombination erlaubte, auf wechselnden Wind zu reagieren und auch dort zu manövrieren, wo ein Segel wenig half. Daraus entstand keine Unabhängigkeit vom Wetter: Eine Mannschaft musste auf günstige Verhältnisse warten und bei einer Fahrt Vorräte mitführen.

Zum Schiff gehörten auch Dinge, die in einer reinen Beschreibung des Holzrumpfs leicht fehlen. Seile mussten belastbar sein, und ein großes Segel verlangte erheblichen Aufwand bei der Textilherstellung. Viele Menschen arbeiteten an der Voraussetzung einer Fahrt, ohne später an Bord zu gehen.

Das Steuerruder saß seitlich am Heck und unterschied sich damit von einem mittig montierten Ruder. Ein Steuermann brauchte Erfahrung mit Wind und Strömung. Der elastische Rumpf und die Wahl zwischen Segel und Rudern gaben ihm Möglichkeiten, die er unter den jeweiligen Bedingungen nutzen musste. Seetüchtigkeit war damit eine Eigenschaft des Fahrzeugs, die sich erst mit einer erfahrenen Besatzung bewährte.

Auf jeder Seite besaß das Schiff sechzehn Ruderöffnungen. Die zweiunddreißig Ruder machten eine abgestimmte Bewegung der Mannschaft nötig. An den Bordseiten waren insgesamt vierundsechzig Schilde befestigt; daraus wurde geschlossen, dass eine größere Besatzung die Ruderarbeit abwechseln konnte. Eine genaue Mannschaftsliste liefern die Schilde nicht. Auch der Schiffsherr blieb auf das Können der Ruderer und des Steuermanns angewiesen, während beim Segeln andere Arbeiten anfielen.

Ein großes Fahrzeug konnte außerdem nicht an jedem Ufer gleich leicht benutzt werden. Die Besatzung musste Anlandung und Aufenthalt an die örtlichen Bedingungen anpassen. Seichte Gewässer boten Möglichkeiten, konnten aber bei falscher Einschätzung zum Hindernis werden. Die oft hervorgehobene Beweglichkeit nordischer Schiffe beschreibt somit einen relativen Vorteil. Gokstad erlaubt, seine baulichen Voraussetzungen zu untersuchen, ohne Wetter und Erfahrung aus der Erklärung zu entfernen.

Ausgrabung des Gokstadschiffes 1880.
Ausgrabung des Gokstadschiffes 1880.

Ein Fahrzeug wird zum Grab

Die Beisetzung veränderte den Zweck des Schiffes. Eine Grabkammer nahm den Toten auf, während Gegenstände und Tiere seine herausgehobene Stellung vorführten. Die Anordnung war eine Entscheidung der Lebenden. Sie zeigt, wie sie den Verstorbenen darstellen wollten, und ist kein unverändertes Abbild seiner letzten Seereise.

Der Mann weist Verletzungen auf, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuten. Sein Name ist unbekannt. Ältere Versuche, ihn mit einem bestimmten König gleichzusetzen, gehen über den sicheren Befund hinaus. Auch ein reiches Schiffgrab beweist nicht von sich aus, welches Amt der Tote innehatte.

Mit dem Schiff im Grab zeigten die Hinterbliebenen auch den Anspruch, über eine Mannschaft und die Leistungen der Erbauer verfügen zu können.

Spuren einer zweiten Geschichte

Das Grab wurde schon in früher Zeit geöffnet und gestört. Die erhaltenen Funde bilden daher nicht die vollständige ursprüngliche Ausstattung. Fehlende Gegenstände können auf spätere Eingriffe zurückgehen; ihre Abwesenheit darf nicht ohne Weiteres als bewusste Schlichtheit der Bestattung gelesen werden.

Gokstad wurde zum Vorbild moderner Nachbauten. Ihre Fahrten helfen zu prüfen, wie sich ein entsprechend gebauter Rumpf verhält. Sie ersetzen jedoch keine Nachricht darüber, welche Route dieses konkrete Schiff einst nahm. Der erhaltene Bau belegt eine Fähigkeit seiner Hersteller. Die persönlichen Reisen des Mannes im Grab bleiben weitgehend unbekannt.


Zum Weiterlesen

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Michael Engelbrecht: Eine kurze Geschichte der nordischen Welt: von der Eiszeit bis heute*. Regionalgeschichte im GMEINER-Verlag.

Rudolf Simek: Die Wikinger*. C.H.Beck Wissen.

Anders Winroth: Die Wikinger: Das Zeitalter des Nordens. Übersetzt von Susanne Held.

Bildnachweis

Titel: Das Gokstadschiff im Wikingerschiffsmuseum in Oslo. Wikimedia Commons, Bjørn Christian Tørrissen. CC BY-SA 3.0.

Abbildung: Ausgrabung des Gokstadschiffes 1880. Wikimedia Commons, Kulturhistorisk museum, UiO, CfL02219_013 / Fotograf unbekannt. CC BY-SA 4.0.

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