Eine Erhebung von 1478 verzeichnete in der ummauerten Stadt Istanbul knapp 14.800 Haushalte. Etwa ein Vierteljahrhundert nach der osmanischen Eroberung lebten dort Menschen verschiedener Herkunft unter Sultan Mehmed II. Die Mehrheit der erfassten Haushalte war muslimisch; bedeutende Gruppen waren griechisch-orthodox oder jüdisch. Hinter diesen Zahlen standen Rückkehr und freiwilliger Zuzug, aber auch erzwungene Umsiedlungen. Mehmed hatte die Stadt nicht allein durch Bauten verändert. Er hatte Menschen aus anderen Teilen seines Reiches in sie gebracht.
Ein berühmter Ort mit leeren Flächen
Konstantinopel war 1453 keine dicht bewohnte Großstadt mehr wie in früheren Jahrhunderten. Innerhalb der langen Mauern lagen auch unbebaute Flächen. Die osmanische Eroberung verschärfte die Probleme durch Flucht und Gefangennahme. Wer eine Hauptstadt mit einem Hof und großen Bauvorhaben schaffen wollte, musste deshalb zunächst ihre wirtschaftliche Grundlage verbreitern.
Für Mehmed war die Lage außergewöhnlich günstig. Schiffe konnten das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer verbinden. Das Goldene Horn bot einen geschützten Hafen. Gleichzeitig führten Landwege nach Thrakien und weiter auf den Balkan. Die Stadt konnte Waren und Einkünfte aus beiden Reichsteilen aufnehmen, sofern sich diese Verbindungen tatsächlich nutzen ließen.
Wer kommen durfte und wer kommen musste
Mehmed bot Rückkehrern und neuen Bewohnern Vorteile an. Freie Häuser und steuerliche Erleichterungen sollten einen Umzug attraktiv machen. Wer sich nach der Eroberung verborgen gehalten hatte, konnte zur Rückkehr aufgefordert werden. Gefangene, die ihre Freiheit zurückerlangten, sollten nach Möglichkeit ebenfalls wieder in der Stadt leben.
Daneben ordnete der Sultan Umsiedlungen an. Solche Verschickungen werden als Sürgün bezeichnet. Sie betrafen muslimische und nichtmuslimische Untertanen. Die Regierung wollte Menschen mit bestimmten wirtschaftlichen Fähigkeiten und mit genügend Mitteln in die neue Hauptstadt bringen. Für die Betroffenen bedeutete das häufig, eine bestehende Lebensgrundlage andernorts verlassen zu müssen.
Freiwilliger Zuzug und angeordnete Umsiedlung brachten Menschen unterschiedlicher Herkunft in die Stadt. Dass verschiedene Religionsgemeinschaften vertreten waren, sagt für sich genommen noch nichts darüber aus, wie frei ihre einzelnen Mitglieder über den Umzug entschieden hatten.
Häuser werden zum Streitgegenstand
Auch die Eigentums- und Nutzungsrechte an den Gebäuden waren umstritten. Die Eroberung hatte frühere Verhältnisse unterbrochen. Mehmed ließ Bestände erfassen und versuchte, Einkünfte aus dem städtischen Besitz zu ordnen. Wer glaubte, ein Haus als dauerhafte Begünstigung erhalten zu haben, reagierte jedoch auf spätere Forderungen anders als ein gewöhnlicher Mieter.
Der osmanische Chronist Aşıkpaşazade berichtet von Unmut über verlangte Zahlungen. Einige Bewohner wollten die Stadt wieder verlassen. Seine Kritik steht in einem größeren Konflikt mit Mehmeds Finanzpolitik, doch sie verweist auf ein konkretes Problem: Die Regierung konnte Ansiedlung fördern und zugleich durch neue Einnahmeansprüche gefährden.
Mehmed musste solche Maßnahmen daher teilweise zurücknehmen oder ändern. Ein leeres Haus brachte wenig ein, wenn der erhoffte Handwerker wieder fortzog. Die Wiederbesiedlung war kein einmaliger Befehl mit einem vorhersehbaren Ergebnis. Sie verlangte fortlaufende Entscheidungen über die Bedingungen, unter denen Menschen tatsächlich bleiben konnten.
Der Markt finanziert religiöse Einrichtungen
Die Regierung ließ im Handelsviertel einen überdachten Markt errichten. Solche Bauten boten geschützte Räume für wertvolle Waren und bündelten Geschäftsverkehr. In ihrer Umgebung konnten weitere Läden entstehen. Der Markt verband damit die Ansiedlung von Gewerbe mit einer regelmäßigen Einnahmequelle.
Ein wichtiges Instrument war die fromme Stiftung, osmanisch Vakıf. Der Stifter bestimmte Vermögenswerte, deren Erträge einem festgelegten Zweck zufließen sollten. Dazu konnten etwa Mieten aus Läden gehören. Aus diesen Einnahmen wurden der Unterhalt einer Moschee oder die Ausgaben einer öffentlichen Küche bestritten. Die Stiftung verknüpfte somit wirtschaftlich genutztes Eigentum mit Einrichtungen, die nicht allein von täglichen Spenden leben konnten.
Die Erträge des neuen Handelszentrums unterstützten auch die zur Moschee umgewandelte Hagia Sophia. Der Zusammenhang war sehr praktisch. Ein religiöser Großbau benötigte Personal und laufende Instandhaltung. Wenn die zugewiesenen Geschäfte gut liefen, war seine Versorgung verlässlicher. Umgekehrt zog ein bedeutender Gebäudekomplex Menschen in ein Viertel und konnte dort weitere Gewerbe fördern.
Das System war nicht auf den Sultan beschränkt. Hohe Amtsträger stifteten ebenfalls Einrichtungen. Durch ihre Bauten entstanden neue Schwerpunkte innerhalb der Stadt. Eine Moschee mit angeschlossenen Versorgungsangeboten konnte einen bislang schwach genutzten Bereich attraktiver machen. Das Wachstum Istanbuls verteilte sich deshalb auf mehrere miteinander verbundene Viertel.
Mehmeds Moschee und die Ausbildung der Gelehrten
Der große Komplex Mehmeds, später Fatih-Moschee genannt, entstand an der Stelle der früheren Apostelkirche. Zum Bau gehörten Lehranstalten, die Medresen. Dort wurden unter anderem religiöses Recht und die dafür notwendigen Texte unterrichtet. Die Ausbildung war mit Ämtern verbunden, für die der Staat gelehrte Juristen brauchte.

Mehmed stattete die neuen Hochschulen großzügig aus. Ihre Lehrer erhielten herausgehobene Bezahlungen. Damit verlagerte er auch geistige und berufliche Möglichkeiten in die Hauptstadt. Ein Gelehrter konnte dort unter günstigen Bedingungen unterrichten und zugleich Zugang zu einem Netz von Ämtern gewinnen, das der Herrscher förderte.
Die Bauten erinnerten an die Eroberung und dienten zugleich der Ausbildung von Personal für die neue Regierung. Der Sultan unterstützte eine gelehrte Hierarchie, die seine Herrschaft im Alltag durch Urteile und Verwaltungshandlungen wirksam machte. Der Bauplatz wurde zu einem Ort, an dem künftige Amtsträger ausgebildet wurden.
Ein Palast mit gestaffeltem Zugang
Zunächst ließ Mehmed einen Palast im Inneren der Stadt anlegen. Danach entstand auf der Landspitze über Bosporus und Marmarameer ein neues Ensemble, das später als Topkapı-Palast bekannt wurde. Seine Lage erlaubte einen weiten Blick über die Wasserwege. Zugleich trennte eine eigene Mauer den Bereich des Herrschers von der übrigen Stadt.

Die Folge von Höfen regelte den Zugang. Der äußere Bereich war weiter geöffnet; im Inneren lagen die Einrichtungen der Regierung und die Räume des Sultans. Wer ein Anliegen vorbringen wollte, musste die dafür vorgesehenen Stationen durchlaufen. Die Architektur machte so sichtbar, wer sich dem Herrscher wie weit nähern durfte.
Der Palast war zugleich Arbeitsplatz. Beratungen und die Ausfertigung von Befehlen gehörten zu seinem Alltag. Seine Höfe und Räume verbanden den Haushalt des Sultans mit den Männern, die seine Entscheidungen in Verwaltung umsetzten. Von dort gingen Anweisungen in weit entfernte Provinzen.
Christliche Gemeinden unter neuer Herrschaft
Mehmed ließ die orthodoxe Kirchenorganisation unter einem Patriarchen fortbestehen. Gennadios Scholarios übernahm dieses Amt nach der Eroberung. Seine Stellung hing nun von einem muslimischen Herrscher ab. Die Anerkennung schuf einen institutionellen Ansprechpartner, bedeutete aber keine politische oder rechtliche Gleichstellung aller Bewohner.
Die später ausgebildeten Formen der Verwaltung religiöser Gemeinschaften dürfen nicht vollständig in das Jahr 1453 zurückverlegt werden. Rechte und Zuständigkeiten entwickelten sich über längere Zeit. Die fortbestehende Kirchenorganisation unterstand nun der Oberhoheit des Sultans.
Auch die Namen der Stadt blieben vielfältig. „Konstantinopel“ beziehungsweise die osmanische Form „Kostantiniyye“ wurden weiter gebraucht. Daneben war „Istanbul“ verbreitet. Eine förmliche vollständige Umbenennung unmittelbar nach der Eroberung fand nicht statt. Münzen und Schriftstücke konnten den älteren Namen noch lange tragen, während die Stadt längst eine osmanische Hauptstadt war.
Ein Wiederaufbau mit Rückschlägen
Seuchen unterbrachen die Entwicklung. Besonders die Pest von 1467 traf die Stadt schwer. Solche Verluste konnten Ansiedlungsbemühungen innerhalb kurzer Zeit zunichtemachen. Die Zahlen von 1478 beschreiben deshalb das Ergebnis einer wechselhaften Entwicklung, nicht den geradlinigen Erfolg eines einzigen Plans.
Haushalte sind zudem keine genaue Bevölkerungszahl. Ihre Größe konnte unterschiedlich sein; nicht jede Gruppe wurde in gleicher Weise erfasst.
Zum Weiterlesen
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Douglas A. Howard: A History of the Ottoman Empire*. Cambridge University Press, 2017. Behandelt Wiederbesiedlung, Palastbau und die Konflikte um Mehmeds Finanzpolitik.
Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches*. C.H.Beck, 2000. Erklärt die Bedeutung von Stiftungen und städtischer Wirtschaft für die neue Hauptstadt.
Bildnachweis
Titelbild: Die Hagia Sophia in Istanbul heute; nach der Eroberung wurde sie zur Moschee. Eigene Aufnahme: Herodot.
Abbildung: Babüsselam, das Tor zum zweiten Hof des Topkapı-Palastes. Eigene Aufnahme: Herodot.
Abbildung: Die Fatih-Moschee und ihr Umfeld: Mehmeds Stiftung wurde nach späteren Zerstörungen erneuert. Carlos Delgado; Wikimedia Commons; CC BY-SA 3.0.




