Am 29. Mai 1453 drangen osmanische Soldaten in Konstantinopel ein. Kaiser Konstantin XI. kam während der Kämpfe ums Leben; die Regierung des Byzantinischen Reiches hörte auf zu bestehen. Sultan Mehmed II. hatte eine Stadt erobert, an deren Befestigungen frühere Angriffe gescheitert waren. Der Erfolg beruhte auf einer über Monate vorbereiteten Belagerung. Die Verteidiger hatten den Druck über Wochen abgefangen, konnten aber die beschädigten Abschnitte ihrer langen Mauern nicht mehr überall halten.
Eine Hauptstadt ohne großes Hinterland
Konstantinopel lag auf einer Halbinsel zwischen dem Marmarameer und dem Goldenen Horn. Die beiden Wasserseiten erschwerten einen Angriff. Im Westen schützte ein mächtiges System aus Graben und gestaffelten Mauern den Zugang über Land. Diese Befestigungen hatten der Stadt auch dann Sicherheit gegeben, wenn ein Gegner außerhalb ihrer Tore überlegen war.
Das Reich, dessen Hauptstadt sie blieb, besaß im 15. Jahrhundert jedoch nur noch begrenzte Gebiete. Die Kaiser konnten nicht auf die Einkünfte und Soldaten eines großen zusammenhängenden Hinterlands zurückgreifen. Zwischen den osmanischen Besitzungen in Europa und Anatolien lag ihre Stadt wie eine eigenständige, aber zunehmend bedrängte Herrschaft. Ihr Name und ihr Kaisertitel waren weit größer als die Mittel, über die ihr Hof noch verfügte.
Für Mehmed war gerade ihre Lage wichtig. Solange der Kaiser Konstantinopel hielt, konnte er auswärtige Unterstützung suchen und osmanischen Thronbewerbern Schutz bieten. Die Stadt störte zudem die Verbindung der beiden Reichsteile des Sultans. Ihre Eroberung versprach daher einen militärischen Vorteil und einen außergewöhnlichen Anspruch auf imperiale Herrschaft zugleich.
Mehmed bereitet den Angriff vor
Mehmed übernahm 1451 nach dem Tod seines Vaters Murad II. erneut den Thron. Er war noch jung, hatte aber bereits als Kind zeitweise als Sultan regiert. Nun musste er seine Autorität gegenüber erfahrenen Männern am Hof behaupten. Die Eroberung Konstantinopels war ein Vorhaben, das seine Stellung erheblich stärken konnte. Ein Fehlschlag hätte dagegen die Zweifel seiner Gegner bestätigt.
Der Sultan ließ am europäischen Bosporusufer die Festung Rumelihisarı errichten. Gegenüber stand bereits eine ältere osmanische Befestigung. Zusammen konnten die Anlagen den Schiffsverkehr durch den engen Wasserweg bedrohen. Die Stadt ließ sich damit nicht vollständig vom Meer abschließen, doch Hilfe aus dem Schwarzen Meer musste nun mit osmanischem Beschuss rechnen.

Gleichzeitig ließ Mehmed Geschütze bereitstellen. Besonders große Kanonen verlangten einen aufwendigen Transport und genügend Bedienungsmannschaften. Ihr Einsatz setzte voraus, dass Geschosse und Pulver regelmäßig nachgeführt wurden. Die Artillerie war deshalb kein einzelner technischer Trumpf, den man vor die Mauern stellte. Sie war Teil einer Versorgung, die über Land bis an die Belagerungsstellungen funktionieren musste.
Auch die diplomatische Vorbereitung war wichtig. Mehmed wollte vermeiden, dass ein anderer Gegner ihn während der Belagerung zu einem Rückmarsch zwang. Vereinbarungen mit Nachbarn verschafften ihm Zeit. Die Gefahren waren damit nicht verschwunden, aber der Sultan konnte seine Kräfte zunächst auf einen klar begrenzten Ort konzentrieren.
Die Verteidiger warten auf Hilfe
Konstantin XI. bemühte sich um Unterstützung aus dem Westen. Die seit Langem umstrittene kirchliche Union mit Rom war damit eng verbunden. Ein Teil der orthodoxen Christen lehnte sie ab, während ihre Befürworter darin eine Voraussetzung für militärische Hilfe sahen. Der Kaiser musste eine religiös gespaltene Stadt verteidigen, ohne auf die erhofften großen Entsatzheere zurückgreifen zu können.
Einzelne westliche Kämpfer trafen dennoch ein. Zu den wichtigsten gehörte der Genueser Giovanni Giustiniani, der Erfahrung mit der Verteidigung befestigter Plätze besaß. Er übernahm eine bedeutende Aufgabe an der Landmauer. Griechen und zugewanderte Helfer mussten gemeinsam eine Front besetzen, deren Länge in keinem günstigen Verhältnis zur Zahl der verfügbaren Männer stand.
Die Verbindung zur See blieb lebenswichtig. Über das Wasser konnten Lebensmittel und Verstärkung eintreffen. Eine Kette sperrte den Eingang zum Goldenen Horn, dem geschützten Hafenarm an der Nordseite der Stadt. Sie sollte verhindern, dass osmanische Schiffe dort unmittelbar an die weniger stark befestigte Wasserseite gelangten. Die Verteidigung beruhte somit auf der Verbindung von Mauern und kontrollierten Zufahrten.
Geschütze und Reparaturen
Anfang April 1453 begann die eigentliche Belagerung. Die osmanische Artillerie beschoss die Landbefestigungen, während die Verteidiger beschädigte Stellen ausbesserten. Große Geschütze schossen langsam und waren nicht beliebig zuverlässig. Trotzdem konnten wiederholte Treffer Mauerabschnitte so schwächen, dass sie für einen Sturmangriff erreichbar wurden.
Für die Menschen in der Stadt bedeutete jeder Tag des Widerstands zusätzliche Arbeit. Schutt musste bewegt und die Verteidigungsstellung hinter beschädigten Mauern erneuert werden. Soldaten, die Angriffe abwehrten, fehlten bei diesen Arbeiten. Wer nachts reparierte, konnte am nächsten Morgen nicht ausgeruht an derselben Stelle kämpfen. Die Belastung wuchs auch dann, wenn ein einzelner osmanischer Sturm scheiterte.
Die Angreifer mussten ihrerseits Verluste hinnehmen und die Belagerung fortsetzen können. Gräben und äußere Hindernisse blieben auch nach einem erfolgreichen Beschuss gefährlich. Ein Durchbruch verlangte, dass genügend Männer an einer beschädigten Stelle zusammenkamen, bevor die Verteidiger sie wieder schlossen. Die Geschütze erleichterten den Angriff, nahmen ihn der Infanterie aber nicht ab.
Schiffe im Goldenen Horn

Am 20. April durchbrachen drei genuesische Schiffe und ein byzantinischer Transporter mit Versorgungsgütern die osmanische Seesperre. Zwei Nächte später, in der Nacht zum 22. April, ließ Mehmed einen Teil seiner Schiffe über Land in das Goldene Horn bringen. Damit umging er die Hafenkette. Die genaue Durchführung wurde später vielfach ausgeschmückt, doch die Verlagerung der Schiffe ist gut bezeugt. Sie zwang die Verteidiger, auch die nördliche Wasserseite stärker im Blick zu behalten.
Der Vorgang entschied die Belagerung nicht augenblicklich. Die Stadt fiel weiterhin erst durch Kämpfe an ihren Befestigungen. Er veränderte jedoch die Verteilung der Aufgaben. Die Verteidiger konnten ihre ohnehin knappen Kräfte nun noch weniger ausschließlich auf die Landmauer konzentrieren. Gleichzeitig demonstrierte der Sultan, dass er bereit war, für eine neue Angriffsmöglichkeit erhebliche Arbeit aufzuwenden.
Der Durchbruch der Hilfsschiffe hatte Konstantin gezeigt, dass Unterstützung noch möglich war. Diese Hoffnung blieb auch nach dem Auftauchen der osmanischen Schiffe im Goldenen Horn bestehen. Hoffnung allein ersetzte jedoch kein ausreichend starkes Heer, das Mehmed zur Aufhebung des Unternehmens gezwungen hätte.
Der letzte Angriff
Am 29. Mai setzte Mehmed zum entscheidenden Sturm an. Wiederholte Angriffe belasteten die Verteidiger, bevor die letzten osmanischen Kräfte in den Kampf eingriffen. Giustiniani wurde verwundet und verließ seinen Abschnitt. Über die genaue Verletzung und seine Beweggründe berichten die Quellen unterschiedlich. Sein Ausfall schwächte jedenfalls die Führung an einer besonders gefährdeten Stelle.
Die Verteidigung brach zusammen. Osmanische Soldaten gelangten über die Befestigungen und durch Öffnungen in die Stadt. Die bekannte Erzählung von einer unverschlossen gebliebenen kleinen Pforte erklärt den gesamten Ausgang nicht zuverlässig. Sie lenkt den Blick auf einen einzelnen Fehler, obwohl der Durchbruch am Ende einer langen materiellen und personellen Erschöpfung stand.
Konstantin XI. starb im Kampf. Seine genauen letzten Handlungen und Worte sind nicht sicher überliefert. Spätere Erzählungen machten aus seinem Tod den Abschluss einer mehr als tausendjährigen Kaisergeschichte. Für die Menschen innerhalb der Mauern bedeutete das Ereignis zunächst etwas Unmittelbareres: Die militärische Ordnung, die sie bisher geschützt hatte, bestand nicht mehr.
Die Gewalt der Eroberung
Die eindringenden Truppen plünderten die Stadt und nahmen viele Bewohner gefangen. Menschen wurden getötet oder versklavt. Wer die Eroberung überlebte, konnte dennoch sein Zuhause und seine persönliche Freiheit verlieren.
Mehmed ließ die Plünderung beenden und nahm die Stadt als Herrschaftszentrum in Besitz. Die Hagia Sophia wurde zur Moschee. Der monumentale Bau blieb bestehen, erhielt aber eine andere religiöse Funktion. Der Sultan beanspruchte damit einen der sichtbarsten Orte der früheren Kaiserherrschaft für seine eigene Regierung.
Die großen Mauern umschlossen weiterhin weite, nur dünn bewohnte Flächen. Für den neuen Hof musste eine Versorgung entstehen; Mehmed ließ Einwohner zurückholen und Menschen aus anderen Gebieten ansiedeln. Zu ihnen gehörten auch Gefangene der Eroberung.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Douglas A. Howard: A History of the Ottoman Empire*. Cambridge University Press, 2017. Verbindet die Eroberung mit osmanischen und byzantinischen Deutungen des Herrschaftswechsels.
Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanischen Reiches*. C.H.Beck, 2000. Ordnet die Belagerung in Mehmeds Expansion und die Entwicklung der Hauptstadt ein.
Bildnachweis
Titelbild: Die Belagerung Konstantinopels 1453 in einer kartografischen Darstellung. Siege_of_Constantinople_1453_map-fr.svg : Sémhur ( talk ) derivative work: باسم; Wikimedia Commons; CC BY-SA 3.0.
Abbildung: Rumeli Hisarı am Bosporus, Teil von Mehmeds Vorbereitung auf den Angriff. Joseolgon; Wikimedia Commons; CC BY 4.0.
Abbildung: Mehmed II. im Porträt Gentile Bellinis. Gentile Bellini; Wikimedia Commons; gemeinfrei.



