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Augustinus im Garten von Mailand – Bekehrung, Zeit und der Ursprung des Bösen

Im Jahr 386 zog sich der Rhetoriklehrer Augustinus in einen Mailänder Garten zurück und weinte. Er wollte als Christ enthaltsam leben, hing aber an seinen bisherigen Gewohnheiten. Dass er den Entschluss immer wieder aufschob, brachte ihn zur Verzweiflung. Nach seiner späteren Schilderung hörte er aus einem benachbarten Haus eine Kinderstimme, die wiederholt zum Aufnehmen und Lesen aufforderte. Er verstand die Worte als Hinweis, schlug die Briefe des Apostels Paulus auf und las eine Stelle über den Abschied von ausschweifendem Leben. Die Ungewissheit, die ihn lange gequält hatte, wich. Nun entschied er sich, sein bisheriges Leben aufzugeben.

Augustinus erzählte diese Szene gut ein Jahrzehnt später in seinen Bekenntnissen. Inzwischen war er Bischof in Nordafrika. Sein Bericht richtete sich als Gebet an Gott; die Leser sollten an einer Lebensgeschichte erkennen, wie Gott einen Menschen zu sich führte. Die Gartenszene ist deshalb durch die Erinnerung und den Glauben des späteren Bischofs überliefert. Ein unabhängiger Bericht über diesen Augenblick fehlt.

Die Entscheidung hatte eine lange Vorgeschichte. Augustinus hatte verschiedene Lehren geprüft. Seine persönliche Suche prägte auch die Fragen, die ihn später als Bischof beschäftigten: Woher kam das Böse, und wie weit reichte die menschliche Willenskraft?

Von Thagaste nach Karthago – Ein Leser sucht die Wahrheit

Ruinen von Karthago

Augustinus wurde 354 in Thagaste geboren, im heutigen Algerien. Die nordafrikanischen Provinzen gehörten zum Römischen Reich; in ihren Städten eröffnete eine gute lateinische Ausbildung den Weg zu angesehenen Berufen. Sein Vater Patricius unterstützte die Ausbildung des Sohnes. Seine christliche Mutter Monica hoffte zugleich, ihn für ihren Glauben zu gewinnen.

In Karthago studierte Augustinus Rhetorik. Er lernte, Texte auszulegen und Zuhörer durch Argumente zu überzeugen. Doch die Lektüre von Ciceros heute weitgehend verlorener Schrift Hortensius lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein anderes Ziel: Er wollte herausfinden, wie ein Mensch weise und glücklich werden konnte.

Die Bibel befriedigte ihn zunächst kaum. Der an Cicero geschulte Leser vermisste ihre sprachliche Würde. Auch der christliche Glaube seiner Mutter beantwortete seine Fragen vorerst unzureichend. Besonders beschäftigte ihn das Böse: Wenn Gott gut war und alles geschaffen hatte, woher kamen dann Handlungen, durch die Menschen einander verletzten?

Augustinus schloss sich den Manichäern an, einer Religionsgemeinschaft, deren Lehre auf Mani zurückging, einen Religionsstifter des 3. Jahrhunderts. Sie erklärte die Welt aus dem Kampf zwischen Licht und Finsternis. Das Gute und das Böse hatten in dieser Vorstellung jeweils einen eigenen Ursprung. Die menschliche Not gehörte zu einem kosmischen Konflikt, in dem das Licht aus seiner Verstrickung befreit werden musste.

Diese Lehre entlastete Augustinus auch persönlich. Er konnte seine Verfehlungen einer fremden, bösen Macht zuschreiben, die in ihm wirkte. Später betrachtete er gerade diese Entlastung als Ausweichen vor der eigenen Verantwortung.

Mailand – Ein Prediger verändert den Blick auf die Bibel

Augustinus unterrichtete selbst Rhetorik, zunächst in Nordafrika, dann in Rom. 384 erhielt er eine Stelle in Mailand, einem wichtigen Aufenthaltsort des kaiserlichen Hofes. Die Ernennung brachte ihn in die Nähe einflussreicher Kreise.

Sein Vertrauen in die Manichäer war inzwischen erschüttert. Er hatte ihre Aussagen über Himmelserscheinungen mit dem verglichen, was er aus astronomischen Schriften kannte. Die Erklärungen widersprachen einander. Auch der angesehene manichäische Lehrer Faustus konnte seine Fragen nicht beantworten. Augustinus schätzte dessen ehrliches Eingeständnis der Unwissenheit, fand bei ihm aber die erhoffte Gewissheit nicht.

In Mailand hörte er die Predigten des Bischofs Ambrosius. Zunächst achtete der Rhetoriklehrer besonders auf dessen Redekunst. Allmählich interessierte ihn stärker, wie Ambrosius die Bibel erklärte. Schwierige Stellen ließen sich bildlich verstehen. Dadurch öffnete sich ein Zugang zu Texten, die Augustinus zuvor wegen ihrer wörtlichen Bedeutung abgelehnt hatte.

Hinzu kam die Lektüre lateinischer Übersetzungen neuplatonischer Schriften. Diese philosophische Tradition, besonders mit Plotin verbunden, führte alles Seiende auf einen höchsten, geistigen Grund zurück. Augustinus lernte, sich eine Wirklichkeit ohne körperliche Ausdehnung vorzustellen.

Die neuplatonischen Gedanken halfen ihm, ältere Vorstellungen zu überwinden. Doch die Frage nach seinem eigenen Leben blieb. Er konnte eine Lehre für überzeugend halten und dennoch an Gewohnheiten festhalten, die ihr widersprachen.

Augustinus als Gelehrter und Kirchenvater im Studierzimmer, 1502

Die Entscheidung im Garten – Ein Wille widerstrebt sich selbst

Augustinus lebte viele Jahre mit einer Frau zusammen, deren Namen er in den Bekenntnissen verschwieg. Sie hatten einen Sohn. In Mailand trennte er sich von ihr, weil eine standesgemäße Ehe vorbereitet wurde. Seine bisherige Partnerin kehrte nach Afrika zurück; der Sohn blieb bei ihm. Augustinus schilderte den Abschied als schmerzhafte Trennung. Bis zur geplanten Heirat ging er eine weitere Beziehung ein.

Später beschrieb er seine Lage mit einer Bitte an Gott: Er wünsche Keuschheit, nur möge sie noch warten.

Mit der Entscheidung im Garten legte Augustinus sich auf ein enthaltsames Leben fest. Er beendete die zweite Beziehung und verwarf die Heiratspläne. Auch seine Lehrtätigkeit gab er auf. 387 ließ er sich in Mailand von Ambrosius taufen.

Für sein späteres Denken war entscheidend, wem er diesen Wandel zuschrieb. Er sah darin Gottes Hilfe. Die eigene Einsicht hatte lange nicht ausgereicht, um sein Verhalten zu ändern. Die Bekehrung wurde für ihn zum Beispiel dafür, dass ein Mensch auf Gnade angewiesen war: auf eine Zuwendung Gottes, die er sich durch vorherige Leistungen nicht verdienen konnte.

Der Birnendiebstahl – Was wollte der Täter gewinnen?

Bei der Untersuchung seiner früheren Beweggründe griff der spätere Bischof in den Bekenntnissen bis in seine Jugend zurück. Ein Birnendiebstahl beschäftigte ihn besonders. Mit anderen Jungen hatte er Früchte von einem fremden Baum gestohlen. Er litt keinen Hunger; zu Hause standen bessere Birnen zur Verfügung. Gerade deshalb erschien ihm die Tat erklärungsbedürftig.

Wozu hatte er etwas genommen, das er kaum brauchte? Augustinus suchte das Vergnügen im verbotenen Handeln selbst und in der Verbindung mit den anderen Tätern. Die Tat verschaffte ihm die Erfahrung, gemeinsam eine Grenze zu überschreiten. Der geringe Wert der Beute beseitigte deshalb aus seiner Sicht die Schuld nicht.

Die ausführliche Selbstanklage konnte einem späteren Leser unverhältnismäßig erscheinen. Für Augustinus legte der kleine Diebstahl jedoch ein größeres Problem frei. Menschen handelten auch dann gegen das Gute, wenn ihnen der materielle Gewinn wenig bedeutete. Wer die Herkunft des Bösen erklären wollte, musste deshalb nach dem fragen, was der Täter liebte und woran er Freude fand.

Das Böse – Ein Schaden am Guten

Augustinus löste sich von der manichäischen Vorstellung eines eigenständigen bösen Urgrundes. Alles, was Gott geschaffen hatte, war für ihn als Geschöpf gut. Das Böse entstand, wo dieses Gute beschädigt wurde oder seine angemessene Gestalt verlor. Der lateinische Ausdruck privatio boni bezeichnet diesen Mangel am Guten.

Eine Verletzung beeinträchtigte einen Körper, der zuvor heil gewesen war. Eine ungerechte Handlung missbrauchte Fähigkeiten, die ein Mensch auch zum Helfen einsetzen konnte. Das Böse brauchte nach dieser Auffassung etwas Gutes, an dem es Schaden anrichtete. Es konnte keine selbstständig bestehende Gegenwelt zu Gottes Schöpfung bilden.

Damit erklärte er Leiden keineswegs für unwirklich. Eine Wunde verursachte Schmerzen; ein Diebstahl traf einen Geschädigten. Seine Überlegung betraf den Ursprung solcher Schäden: Sie sollten sich erklären lassen, ohne neben Gott eine zweite schöpferische Macht anzunehmen.

Beim moralischen Bösen richtete er den Blick auf den Willen. Ein Mensch konnte vergängliche Güter über alles andere stellen. Besitz wurde dann wichtiger als die Rechte eines anderen; die eigene Stellung wichtiger als Gerechtigkeit. Das Fehlverhalten lag in diesem verkehrten Vorzug. Die Dinge, nach denen der Täter verlangte, konnten an sich gut sein.

Diese Antwort führte zu einer schwierigen Folgefrage. Wenn Gott den Menschen geschaffen hatte, warum konnte dessen Wille sich so gegen das Gute richten? Er verband die Möglichkeit des Fehlgehens mit der Freiheit geschaffener Wesen. Die Erklärung verschob damit die Verantwortung zum Menschen. Wie weit dieser seinen beschädigten Willen noch aus eigener Kraft heilen konnte, wurde später zum Gegenstand eines heftigen Streits.

Pelagius – Wie viel vermag der Mensch?

Nach seiner Rückkehr nach Nordafrika wurde Augustinus Geistlicher und schließlich Bischof von Hippo Regius, beim heutigen Annaba. Er predigte und schrieb gegen Lehren, die er für falsch hielt. Anfang des 5. Jahrhunderts geriet er in eine Auseinandersetzung mit Pelagius, einem aus Britannien stammenden christlichen Lehrer.

Pelagius betonte, dass Menschen Gottes Gebote befolgen konnten und für ihre Entscheidungen verantwortlich waren. Ein Gebot musste nach seiner Überzeugung erfüllbar sein. Wer jedes Versagen mit der Schwäche der menschlichen Natur erklärte, konnte daraus einen Vorwand machen, die nötige Anstrengung zu unterlassen.

Augustinus hielt diesem Vertrauen die Folgen von Adams Sündenfall entgegen. Die Menschheit hatte nach seiner Auffassung einen Zustand geerbt, in dem sie aus eigener Kraft keinen Weg zur Erlösung fand. Der Mensch wollte und handelte weiterhin. Doch erst Gottes Gnade konnte seinen Willen so befreien, dass er sich dem Guten dauerhaft zuwandte.

Die Meinungsverschiedenheit betraf daher unmittelbar die christliche Lebensführung. Sollte ein Prediger vor allem an die Fähigkeit seiner Zuhörer appellieren, ihr Verhalten zu ändern? Oder musste er ihnen vor Augen führen, wie sehr sie dafür auf Gottes Hilfe angewiesen waren? Augustinus erkannte in der eigenen Bekehrung einen Grund für die zweite Antwort.

Seine spätere Lehre von der göttlichen Erwählung verschärfte die Frage. Das Heil hing letztlich von Gottes Zuwendung ab; menschliche Verdienste konnten diese Entscheidung nicht erzwingen. Die Gründe für Gottes Erwählung blieben dem Menschen verborgen. Augustinus verwies auf einen gerechten göttlichen Ratschluss. Für seine Leser blieb damit die Spannung zwischen menschlicher Verantwortung und einer Hilfe bestehen, über deren Gewährung der Mensch keine Macht hatte.

St. Augustinus-Basilika, Hippo Regius

Die Zeit – Was geschieht mit dem vergangenen Augenblick?

Gegen Ende der Bekenntnisse wandte sich Augustinus der Schöpfung zu. Im elften Buch untersuchte er eine Frage, die sich aus dem biblischen Bericht ergab: Was hatte Gott getan, bevor er die Welt erschuf?

Schon das Wort „bevor“ setzte dabei etwas voraus, das erst erklärt werden musste. Eine zeitliche Folge gab es dort, wo etwas geschah und sich veränderte. Gott hatte die Welt zusammen mit der Zeit geschaffen. Eine Wartezeit vor der Schöpfung ließ sich daher gar nicht angeben.

Gottes Ewigkeit bedeutete für ihn ein Bestehen ohne zeitlichen Wandel. Menschen erlebten dagegen, wie Augenblicke vergingen. Sie erinnerten sich an etwas, das schon vorbei war, und erwarteten etwas, das erst geschehen sollte. Gerade diese vertraute Erfahrung erwies sich bei genauerem Nachdenken als schwer zu erklären.

Die Vergangenheit war vergangen; die Zukunft stand noch aus. Auch die Gegenwart blieb niemals stehen. Wie konnten Menschen unter solchen Bedingungen von langen Zeiträumen sprechen oder die Dauer eines Geschehens messen?

Er suchte eine Antwort im menschlichen Bewusstsein. Vergangenes war als Erinnerung gegenwärtig. Zukünftiges beschäftigte den Menschen als Erwartung. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf das, was gerade geschah. Wer etwa einen Satz aussprach, hatte seinen Anfang bereits gesagt und seine nächsten Worte noch vor sich. Während des Sprechens veränderte sich das Verhältnis zwischen Erinnerung und Erwartung.

Die Aufmerksamkeit verband das noch Erwartete mit dem bereits Erlebten. Er fragte damit, wie ein Mensch Vergängliches zusammenhalten und einen längst verklungenen Vorgang weiterhin als kürzer oder länger beurteilen konnte.

Diese Überlegungen zum menschlichen Zeiterleben ließen sich auch von Lesern prüfen, die Augustinus’ Glauben an die Schöpfung nicht teilten. Jeder erinnerte und erwartete Vorgang bot dafür ein Beispiel.

Hippo – Die Geschichte dringt in die Suche ein

Augustinus’ Hinwendung zum eigenen Inneren schloss die Ereignisse außerhalb seiner Person ein. 410 plünderten die Goten unter Alarich Rom. Anhänger der alten Religion warfen den Christen vor, die Aufgabe der früheren Götter habe der Stadt ihren Schutz genommen. Augustinus antwortete darauf mit seinem umfangreichen Werk Über den Gottesstaat.

Er bestritt, dass das Schicksal des Römischen Reiches über die Wahrheit des christlichen Glaubens entschied. Auch vorchristliche Städte hatten Niederlagen erlebt. Die Hoffnung auf Erlösung reichte daher über das Schicksal einzelner Reiche hinaus. Augustinus unterschied Gemeinschaften, die sich an der Liebe zu Gott oder an einer selbstbezogenen Liebe ausrichteten. In der geschichtlichen Welt blieben ihre Angehörigen miteinander vermischt.

430 starb Augustinus in Hippo, während die Vandalen die Stadt belagerten. Die Bedrohung traf nun seinen eigenen Bischofssitz. Seine Schriften wurden über die Veränderungen des Reiches hinweg weitergelesen. Spätere christliche Denker stritten mit ihrer Hilfe darüber, was der menschliche Wille vermochte. Und wer die Bekenntnisse aufschlug, begegnete weiterhin einem Menschen, der seinen früheren Entscheidungen nachging und selbst beim vertrauten Vergehen der Zeit auf ein ungelöstes Rätsel stieß.


Zum Weiterlesen

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Störig, H. J. (2016): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 18. Auflage. Verständliche Darstellung von Schopenhauers Lebensweg und der Verbindung zwischen Willenslehre, Kunst und Entsagung.

Russell, B. (2004): History of Western Philosophy. Routledge Classics. Pointierte, kritisch argumentierende Einordnung Schopenhauers in die europäische Philosophiegeschichte.

Bildnachweis

Titel: Die Bekehrung des Augustinus von Hippo. Der heilige Augustinus liest den Brief des heiligen Paulus, 15. Jhdt.

Ruinen von Karthago: Wikimedia Commons, Calips. CC BY-SA 3.0.

St. Augustinus-Basilika, Hippo Regius: Wikimedia Commons, Dan Sloan. CC BY-SA 2.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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