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Augustus und die „wiederhergestellte Republik“ (27–19 v. Chr.)

Marcus Primus, Statthalter der Provinz Macedonia, stand im Jahr 22 v. Chr. vor dem ständigen Gerichtshof für Hochverrat. Der Vorwurf lautete, er habe die thrakischen Odrysen ohne Auftrag und ohne Anlass angegriffen. Primus verteidigte sich mit der Behauptung, er habe auf Weisung gehandelt – auf Weisung des Augustus oder des Marcellus. Daraufhin erschien Augustus persönlich und bestritt jede solche Anweisung.

Der Verteidiger stellte die Frage, die im Gerichtssaal niemand erwartet hatte: In welcher Eigenschaft er eigentlich hier auftrete. Augustus antwortete, das öffentliche Interesse rechtfertige sein Erscheinen. Die Antwort ging als Bonmot in die Überlieferung ein, doch sie beschreibt exakt das Problem der Jahre nach 27 v. Chr. Rechtlich war Augustus in diesem Verfahren niemand. Tatsächlich reichte sein Auftreten, um einen Statthalter zu Fall zu bringen – wenn auch nicht einstimmig, denn ein Teil der Geschworenen sprach Primus frei. Der Verteidiger, ein Licinius Murena, wurde wenige Monate später selbst wegen Verschwörung verurteilt und hingerichtet.

Was 27 v. Chr. geregelt worden war und was nicht

Der Senat hatte Augustus im Januar 27 einen Amtsbereich zugewiesen, der den größten Teil Spaniens, Gallien, Syrien und Phönizien, Kilikien, Zypern sowie das unter einem ritterlichen Präfekten verwaltete Ägypten umfasste und damit den Großteil der Legionen unter seinen Befehl brachte, befristet auf zehn Jahre. Das Konsulat behielt er daneben und ließ sich Jahr für Jahr wiederwählen. In seinem Tatenbericht formulierte er später, er habe von da an alle an Ansehen überragt, an Amtsgewalt aber nicht mehr besessen als seine jeweiligen Amtskollegen.

Diese Aussage lässt sich nur in einem sehr engen Sinn gegen den Vorwurf der Unwahrheit verteidigen: Als Konsul hatte Augustus tatsächlich keine größeren Befugnisse als der zweite Konsul, doch er verfügte durchgehend über Rechte, die kein Amtskollege besaß, allen voran das Recht, Legaten zur Verwaltung seiner Provinzen zu ernennen. Cassius Dio, der einzige zusammenhängende Erzähler dieser Vorgänge, hielt die Rückgabe des Staates im Januar 27 rundheraus für ein abgekartetes Spiel.

Für die Senatoren war der praktische Ärger ein anderer und handfester. Das Konsulat blieb die höchste Auszeichnung, um die eine Adelsfamilie konkurrieren konnte, und Augustus besetzte seit 31 ununterbrochen einen der beiden Plätze; Agrippa hatte zweimal den anderen belegt. Wer nachrückte, musste sich mit Suffektkonsulaten begnügen, also mit dem Nachrücken in ein bereits laufendes Amtsjahr. Augustus schlug irgendwann vor, in Jahren seines eigenen Konsulats einen dritten Konsul zu wählen. Der Vorschlag wurde abgelehnt.

Der kranke Prinzeps in Tarraco

Augustus führte 26 und 25 v. Chr. den Krieg gegen die Kantabrer in Nordspanien und erkrankte in Tarraco schwer. Die Krankheiten, die ihn bis 23 immer wieder befielen, sind nicht zu diagnostizieren, und die ältere Forschung hat sie gern als politische Inszenierung abgetan. Dagegen spricht, dass er schon als Halbwüchsiger beinahe gestorben war und dass er 42 v. Chr. bei Philippi krank im Lager lag, während Gerüchte über seinen Tod umliefen.

In Tarraco beschäftigte ihn deshalb eine sehr konkrete Frage: Was geschähe, wenn er morgen stürbe. Die Antwort bestand darin, seine beiden nächsten Blutsverwandten miteinander zu verheiraten. Seine Tochter Iulia, vierzehn Jahre alt, heiratete Marcellus, den siebzehnjährigen Sohn seiner Schwester Octavia. Im Jahr 24 trat Marcellus in den Senat ein, und zwar sogleich im Rang eines gewesenen Prätors und mit der Aussicht auf ein frühes Konsulat; 23 übernahm er die Ädilität, und Augustus steuerte Geld bei, damit die Spiele des jungen Mannes im Gedächtnis blieben. Tiberius, der gleichaltrige Sohn Livias, wurde für dasselbe Jahr zum Quästor gewählt – einen Schritt hinter Marcellus.

Der Siegelring

Zu Beginn des Jahres 23 rechnete Augustus nicht mehr mit seinem Überleben. Er übergab die Staatspapiere seinem Amtskollegen im Konsulat und seinen persönlichen Siegelring an Agrippa. Beides war korrektes Verfahren, und beides war bemerkenswert, weil er Marcellus überging: Es gab kein Zeichen einer Adoption, nicht einmal im Testament, worauf er nach seiner Genesung großen Wert legte.

Er erholte sich unerwartet rasch und ordnete 23 v. Chr. die Vollmachten im Reich neu. Ein Volksbeschluss verlieh Agrippa ein prokonsularisches imperium über die östlichen Provinzen, vermutlich befristet auf fünf Jahre. Agrippa reiste daraufhin in den Osten und wählte Mytilene auf Lesbos als Hauptquartier, von wo aus er die Administration der Grenzregionen wie Syrien durch Unterlegaten steuerte. Während antike Autoren wie Sueton und Cassius Dio diesen Schritt auf persönliche Spannungen mit Marcellus zurückführten, diente Agrippas Entsendung realpolitisch der Stabilisierung der östlichen Reichshälfte und der Vorbereitung der Verhandlungen mit dem Partherreich. Als Inhaber eines prokonsularischen Imperiums war er damit formal als militärischer Stellvertreter des Augustus im Osten etabliert.

Der 1. Juli 23 v. Chr.

Augustus als Magistrat, Kopf ca. 30-20 v. Chr., Körper 2. Jhdt. n. Chr.

An diesem Tag legte Augustus sein elftes Konsulat nieder und machte deutlich, dass er sich künftig nicht mehr regelmäßig um das Amt bewerben werde. Damit gab er den Senatoren zurück, was sie am meisten vermissten. Er brauchte allerdings Ersatz für die Befugnisse, die am Konsulat hingen.

Den Ersatz lieferte die tribunicia potestas, die Amtsgewalt eines Volkstribunen, die ihm jährlich erneuert, aber auf Lebenszeit übertragen wurde – ohne dass er das Amt selbst innehatte, das Patriziern ohnehin verschlossen war. Sie erlaubte ihm, den Senat einzuberufen und Gesetze einzubringen, und weil das Bündel tribunizischer Rechte klar umrissen war, musste eigens nachgebessert werden: Der Senat sprach ihm zusätzlich das Recht zu, in jeder Sitzung einen förmlichen Antrag zu stellen, was einem republikanischen Volkstribunen nicht zugestanden hatte.

Tacitus sah in der Tribunengewalt weniger eine Kompetenz als einen Titel, den Augustus erfunden habe, um über allen zu stehen, ohne sich König oder Diktator nennen zu müssen. Dafür spricht, dass die Zählung der Tribunenjahre später zur Datierung der Herrschaft diente und dass die Verleihung an einen Zweiten zum Zeichen der Mitregentschaft wurde.

Zugleich wurde sein imperium neu gefasst. Es blieb prokonsularisch, gab ihm also innerhalb Roms keine Amtsgewalt, wurde aber zum imperium maius: Im Konfliktfall ging seine Weisung der jedes anderen Statthalters vor. Aus praktischen Gründen durfte er es behalten, wenn er das pomerium überschritt, die sakrale Stadtgrenze, an der ein Feldherr seine Befehlsgewalt sonst ablegen musste. Auch hier zählte die Abstufung: Augustus‘ imperium stand nun eine Stufe über dem frisch verliehenen Agrippas.

Pest, Hunger und ein Angebot

Was auf dem Papier stand, wurde von Ereignissen überholt, die niemand geplant hatte. Die Jahre 23 und 22 waren in ganz Italien Pestjahre. Marcellus starb, ob an der Seuche, wissen wir nicht; die Ehe mit Iulia war kinderlos geblieben, und der erste Anlauf zu einer Nachfolgeregelung war damit erledigt.

Schwerer wog die Lage der stadtrömischen Plebs. Zur Seuche kam eine schwere Versorgungskrise, und die Menge verlangte lautstark, der Herrscher möge den mühsamen rechtlichen Kompromiss des Vorjahres beiseiteschieben und endlich unumschränkte Vollmachten übernehmen. Augustus befand sich in Rom. Der Senat, unter dem Druck der Straße, bot ihm die Diktatur an – jenes Amt, das seit den Iden des März als Chiffre für die Alleinherrschaft galt. Dazu kam das Angebot eines Konsulats, das jährlich und zugleich immerwährend sein sollte.

Augustus lehnte in einer öffentlichen Szene ab, die an Caesars Zurückweisung des Diadems bei den Luperkalien erinnerte. Angenommen hat er die cura annonae, die Aufsicht über die Getreideversorgung. Brot war daraufhin bemerkenswert schnell wieder zu haben, was den Verdacht nahelegt, dass er vor allem auf Hortende Druck ausübte. Für die Zukunft richtete er einen jährlich besetzten Ausschuss älterer Senatoren ein, der die kostenlose Ration verteilen sollte.

Der Prozess und seine Folgen

In dieses Jahr fallen auch der eingangs geschilderte Prozess gegen Primus und die Verschwörung des Fannius Caepio und jenes Murena, der Primus verteidigt hatte und über seine Schwester Terentia mit Maecenas verschwägert war. Die Datierung ist umstritten: Cassius Dio setzt beide Vorgänge in das Jahr 22, während zahlreiche Forscher sie nach 23 vorziehen und darin den Höhepunkt einer Oppositionsbewegung sehen, die Augustus zum Rückzug gezwungen habe. Die Umdatierung beruht allerdings auf Rückschlüssen, die man ebenso gut anders ziehen kann.

Der Vorwurf gegen die beiden lautete auf ein Attentat, und es gibt keinen zwingenden Grund, ihn für erfunden zu halten; Sueton überliefert eine Anekdote, die zeigt, wie sehr die Sache Augustus erschüttert hat. Es gab ein förmliches Hochverratsverfahren, in dem der junge Tiberius als Ankläger Caepios auftrat, und eine Verurteilung, die wiederum nicht einstimmig ausfiel, was Augustus zornig machte. Bemerkenswert ist der Schluss: Das traditionelle Ausweichen ins Exil blieb den Verurteilten verwehrt; sie wurden ergriffen und getötet. Maecenas soll seiner Frau einen Wink gegeben haben, damit sie ihren Bruder warnte; ob er darüber tatsächlich abrupt das Vertrauen des Prinzeps verlor, wie oft behauptet wird, lässt sich nicht belegen.

Wahlen, bei denen niemand gewählt wurde

Im September 22 verließ Augustus Rom, um die östlichen Provinzen zu ordnen, und blieb drei Jahre fort. Die Plebs quittierte das auf ihre Weise: Die Volksversammlung weigerte sich, für 21 v. Chr. mehr als einen Konsul zu wählen, und hielt den zweiten Platz für ihn frei. Augustus schrieb von Sizilien aus, er nehme ihn nicht. Erst zu Jahresbeginn 21 wählte man gehorsam nach. Bei den Wahlen des Jahres 20 für das Jahr 19 wiederholte sich das Spiel, und der allein gewählte Gaius Sentius Saturninus sah sich Anfang 19 mit dem Aufstieg eines Volksmannes konfrontiert.

Marcus Egnatius Rufus hatte sich als Ädil die Gunst der Stadtbevölkerung erworben, indem er eine Feuerwehr organisierte, war dank dieser Popularität sofort Prätor geworden und bewarb sich nun um das Konsulat. Der Konsul wies die Kandidatur zurück; als es zum Aufruhr kam, ließ der Senat das äußerste Notstandsdekret beschließen, mit dem die Republik seit den Gracchen ihre Unruhestifter beseitigt hatte, und Egnatius wurde hingerichtet. Die Überlieferung zählt den Vorgang zu den Verschwörungen gegen Augustus, was schwer nachvollziehbar ist, denn Augustus war im Osten und Agrippa inzwischen in Spanien. Näher liegt, dass die Plebs einen neuen Clodius – jenen berüchtigten Unruhestifter der späten Republik – gefunden hatte und die gesamte Führungsschicht das für gefährlich hielt.

Die Rückkehr

Im Osten holte Augustus 20 v. Chr. das Ergebnis, dessentwegen er gereist war: eine vertragliche Verständigung mit Parthien, verbunden mit der Rückgabe der Feldzeichen, die den Römern bei Carrhae und später unter Antonius verlorengegangen waren. Militärisch war das kein Sieg, doch daheim ließ es sich als einer verkaufen, und die Feldzeichen wurden zum festen Bestandteil der augusteischen Bildsprache.

Auf der Heimreise über Athen starb Vergil in seinem Gefolge in Brundisium. Eine vom Senat entsandte Delegation aus Magistraten und führenden Männern zog ihm bis nach Kampanien entgegen, ein Empfang, der Schule machen sollte. Den offenen Konsulsplatz besetzte schließlich Quintus Lucretius Vespillo, während der Senat Augustus zu Ehren seiner Rückkehr zahlreiche Auszeichnungen zuerkannte. An der Porta Capena wurde ein Altar der Fortuna Redux geweiht, der heimbringenden Glücksgöttin, und der Tag der Rückkehr zum Feiertag gemacht. Cassius Dio zählt für 19 weitere Vollmachten auf, darunter eine Sittenaufsicht und die Amtsgewalt eines Zensors; im Tatenbericht bestreitet Augustus ausdrücklich, derlei angenommen zu haben, und man wird eher an erwogene und höflich abgelehnte Vorschläge denken.

Einen Triumph für den parthischen Erfolg lehnte er ab. Im März 19 v. Chr. feierte Lucius Cornelius Balbus für Feldzüge in Africa einen vollständigen Triumph. Es war der letzte, den die offiziellen Siegeslisten (Triumphalfasten) verzeichnen, und der letzte, den ein Mann außerhalb des Hauses des Prinzeps je erhielt.


Zum Weiterlesen

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Eck, W. (2018): Augustus und seine Zeit.*

Dahlheim, W. (2024): Augustus: Aufrührer, Herrscher, Heiland.*

Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*

Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*

Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*

Bildnachweis

Titel: Augustus und seiner Familie, Ara Pacis, 9 v. Chr.

Amphitheater: Wikimedia Commons, Bernard Gagnon. CC BY-SA 3.0.

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