Während des Panathenäenfestes im Jahr 514 v. Chr. töten Harmodios und Aristogeiton den Athener Hipparchos. Das Opfer gehört zur Familie, die seit Jahrzehnten die Geschicke der Stadt bestimmt. Bei den Feierlichkeiten zu Ehren der Stadtgöttin Athena wirkt Hipparchos als Festorganisator mit. Zwei Bürger greifen ihn an und machen das öffentliche Fest zum Schauplatz eines Mordes.
Sein älterer Bruder Hippias bleibt am Leben. Er hat nach dem Tod ihres Vaters Peisistratos 528/27 v. Chr. die führende Stellung in Athen übernommen. Hipparchos unterstützt ihn bei der Führung der Stadt. Mit dessen Tod verliert Hippias einen Angehörigen und einen Mitwirkenden an seiner Macht. Die Alleinherrschaft der Familie besteht jedoch fort.
Später werden die Athener Harmodios und Aristogeiton als „Tyrannenmörder“ ehren. Die Tyrannis überdauert jedoch das Jahr des Anschlags. Zwischen dem Mord und der Vertreibung des Hippias liegen vier Jahre, in denen sich dessen Verhältnis zu seinen Gegnern verschärft und auswärtige Truppen zweimal nach Attika kommen.
Ein persönlicher Konflikt mit einem Mächtigen
Die ausführlichste erhaltene Erklärung des Anschlags stammt vom Geschichtsschreiber Thukydides. Er schrieb mehr als ein Jahrhundert nach dem Ereignis und wandte sich ausdrücklich gegen die verbreitete Vorstellung, Hipparchos sei damals der maßgebliche Herrscher gewesen. Die führende Stellung hatte Hippias inne.

Nach seiner Darstellung war Harmodios mit Aristogeiton in einer Liebesbeziehung verbunden. Hipparchos bemühte sich seinerseits um Harmodios, der seine Annäherung zurückwies. Aristogeiton sah die Beziehung bedroht. Hipparchos rächte sich für die Zurückweisung, indem er Harmodios’ Schwester vom Festzug ausschließen und öffentlich demütigen ließ. Die Kränkung verschärfte den Konflikt und bestärkte Harmodios in seinem Entschluss, gegen Hipparchos vorzugehen.
Eine solche Auseinandersetzung betraf Menschen mit sehr unterschiedlichem Einfluss. Hipparchos gehörte zum engsten Kreis des Machthabers. Harmodios und Aristogeiton mussten sich mit einem Mann auseinandersetzen, dessen Familie über bewaffnete Gefolgsleute verfügte und die Besetzung wichtiger Ämter beeinflusste. Die persönliche Feindschaft spielte sich damit unter Bedingungen ab, die sie gefährlich machten.
Thukydides erklärt den Mord aus diesem Streit. Wie vollständig seine Darstellung die Überlegungen aller Beteiligten erfasst, lässt sich nicht feststellen. Sie erlaubt jedoch, die späteren Ehrungen von den Motiven zu unterscheiden, die er den Attentätern zuschreibt. Die beiden Täter überlebten nicht: Harmodios starb am Tatort, Aristogeiton wurde kurz darauf gefasst und getötet. Ihr Angriff beseitigte einen Angehörigen der führenden Familie; Hippias verfügte weiterhin über die Mittel, seine Stellung zu behaupten.
Hippias geht gegen Verdächtige vor
Nach dem Mord sah Hippias seine Sicherheit bedroht. Er ging härter gegen Menschen vor, die er als Gegner verdächtigte. Die Überlieferung berichtet von Hinrichtungen und Verbannungen. Besonders betroffen waren Angehörige der athenischen Oberschicht, aus deren Reihen sich erneut Widerstand formierte.
Damit belastete er die Absprachen, auf denen die Stellung seiner Familie neben ihrer bewaffneten Gefolgschaft beruhte. Schon Peisistratos hatte sich mit früheren Gegnern verständigen können. Unter Hippias hatten Angehörige einflussreicher Familien hohe Ämter bekleidet. Der Alkmeonide Kleisthenes war 525/24 v. Chr. Archon gewesen, also einer der führenden Amtsträger Athens.
In den letzten Jahren der Tyrannis standen die Alkmeoniden wieder außerhalb der Stadt. Ihre Beziehungen zu Hippias hatten sich so weit verschlechtert, dass sie aus dem Exil gegen ihn vorgingen. Kleisthenes gehörte nun zu den Männern, die seine Vertreibung betrieben.
Hippias bereitete sich auf bewaffnete Angriffe vor. Er verstärkte seine Söldnertruppen und ließ Befestigungen ausbauen. Um diese Maßnahmen zu bezahlen, erhob er zusätzliche Abgaben. Seine Versuche, sich zu schützen, forderten damit auch von den Athenern mehr Geld. Zugleich bot er ihnen immer weniger Aussicht darauf, dass die Auseinandersetzungen bald enden würden.
Die Vertriebenen suchen Verbündete
Die Alkmeoniden versuchten zunächst, mit ihren Anhängern in Attika Fuß zu fassen und Hippias zu stürzen. Sie hofften, die Athener würden sich ihnen anschließen. Diese Erhebung blieb aus. Ihr eigener bewaffneter Vorstoß scheiterte.
Für einen weiteren Versuch brauchten sie stärkere Verbündete. Dabei halfen ihnen Verbindungen zum Heiligtum des Apollon in Delphi. Dorthin kamen Gesandte aus griechischen Städten, um vor wichtigen Entscheidungen den Gott zu befragen. Die Antworten gab die Pythia, die Priesterin des Orakels.
Nach dem Bericht des Geschichtsschreibers Herodot erreichten die Alkmeoniden, dass die Pythia spartanische Besucher wiederholt zur Befreiung Athens von den Peisistratiden aufforderte. Wie die Einflussnahme im Einzelnen verlief, ist schwer zu bestimmen. Die wiederkehrende Aufforderung verlieh einem Eingreifen in Athen jedenfalls religiöses Gewicht.
Auch für Sparta stand mehr auf dem Spiel als das Schicksal athenischer Vertriebener. Hippias suchte Verbindungen zu Machthabern im Einflussbereich des Perserkönigs Dareios. Er verheiratete seine Tochter mit dem Sohn des Tyrannen von Lampsakos, einer Stadt am Hellespont, der Meerenge zwischen der Ägäis und dem Marmarameer. Die dortige Familie unterhielt Beziehungen zum persischen König.
Spartanische Politiker könnten darin die Aussicht auf einen engeren Anschluss Athens an Persien gesehen haben. Welche Überlegung für ihren Beschluss ausschlaggebend war, bleibt offen. Die Aufforderungen aus Delphi und die Kontakte der Alkmeoniden trafen jedoch auf eigene Interessen Spartas. Schließlich beschloss man dort, Truppen gegen Hippias zu entsenden.
Die erste Landung scheitert
Im Jahr 511 v. Chr. landete eine spartanische Truppe bei Phaleron an der Küste südlich von Athen. Ihr Befehlshaber war Anchimolios. Die Spartaner hatten zunächst nur ein begrenztes Aufgebot geschickt.
Hippias war vorbereitet. Verbündete aus Thessalien hatten ihm Reiter zur Unterstützung gesandt. Diese griffen die gelandeten Spartaner an und fügten ihnen schwere Verluste zu. Anchimolios fiel. Die Überlebenden mussten sich zurückziehen.
Die erhoffte Unterstützung durch einen Aufstand in Athen blieb auch diesmal aus. Die Niederlage zeigt, dass Hippias trotz der wachsenden Zahl seiner Gegner weiterhin Verbündete besaß und bewaffnete Hilfe mobilisieren konnte. Seine Stellung brach nach dem Mord an seinem Bruder keineswegs sofort zusammen.
In Sparta gab die Führung den Versuch nach diesem Fehlschlag nicht auf. Für den nächsten Feldzug stellte sie ein größeres Heer bereit. Diesmal erhielt einer der spartanischen Könige selbst das Kommando: Kleomenes I.
Angehörige geraten in Gefangenschaft
Im Jahr 510 v. Chr. zog Kleomenes auf dem Landweg nach Attika. Wieder stellten sich thessalische Reiter auf die Seite des Hippias. Diesmal unterlagen sie den spartanischen Truppen und zogen sich zurück.
Hippias musste die Verteidigung auf die Akropolis konzentrieren. Er hatte den Burgberg befestigen und Vorräte für eine Belagerung bereitlegen lassen. Der Ort, von dem aus sein Vater einst erstmals nach der Macht gegriffen hatte, wurde zum letzten Stützpunkt der Familie in Athen.
Nun schlossen sich auch zahlreiche Athener den Spartanern an. Gemeinsam belagerten sie die Akropolis. Die befestigte Stellung ließ sich jedoch nicht rasch einnehmen. Hippias konnte darauf hoffen, dass die Angreifer eine längere Belagerung nicht durchhalten würden.
Nach Herodots Bericht entschied ein Zwischenfall über den Ausgang. Jüngere Angehörige der Tyrannenfamilie sollten aus der belagerten Stellung in Sicherheit gebracht werden. Dabei gerieten sie in die Hände der Gegner. Hippias musste nun zwischen dem Festhalten an seiner Stellung und der Rettung seiner Angehörigen entscheiden.
Er verhandelte über den Abzug. Kleomenes gewährte ihm freies Geleit. Hippias durfte Athen mit seiner Familie und seinen Gefolgsleuten verlassen. Er zog nach Sigeion nahe dem Eingang zum Hellespont, wo die Peisistratiden seit längerer Zeit einen Stützpunkt besaßen.
Damit endete 510 v. Chr. die Alleinherrschaft der Familie in Athen. Hippias hatte die Stadt unter militärischem Druck geräumt. Die spartanischen Truppen und die Gefangennahme seiner Angehörigen hatten den Ausschlag gegeben.
Zwei Männer auf der Agora
Nach dem Ende der Tyrannis erhielten Harmodios und Aristogeiton ein Denkmal auf der Agora, dem öffentlichen Platz Athens. In der Erinnerung der Stadt wurden sie zu Männern, die für die Befreiung der Athener gestorben waren. Ihr Anschlag gewann eine Bedeutung, die über den von Thukydides geschilderten persönlichen Konflikt hinausging.
Die letzten Jahre unter Hippias erleichterten diese Deutung. Wer Verfolgungen erlebt hatte oder wegen seiner zusätzlichen Abgaben gegen ihn aufgebracht war, konnte den Angriff auf seinen Bruder als Tat gegen die ganze Familie verstehen. Der Abstand von vier Jahren zwischen dem Attentat und dem tatsächlichen Ende der Tyrannis trat dabei in den Hintergrund.
Die Ehrung der beiden Athener rückte zudem Bürger der eigenen Stadt ins Zentrum der Befreiungsgeschichte. Den entscheidenden Feldzug hatte ein spartanischer König geführt. Auf der Agora standen dagegen die Männer, deren Tat sich als athenischer Widerstand gegen die Peisistratiden erzählen ließ.
Mit Hippias’ Abzug war allerdings noch offen, wer künftig die politischen Entscheidungen bestimmen sollte. Kleisthenes konkurrierte bald mit dem Adligen Isagoras um den führenden Einfluss. Auch Kleomenes betrachtete seinen Einsatz in Athen nicht als abgeschlossen. Der König, der Hippias zum Abzug gezwungen hatte, sollte schon zwei Jahre später erneut auf der Akropolis stehen.
Zum Weiterlesen
Links, die mit einem Sternchen () gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.*
Karl-Wilhelm Welwei (2013): Sparta: Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht.*
Bildnachweis
Titel: Agora, 2025.
Statuen von Harmodius und Aristogeiton: Wikimedia Commons, Miguel Hermoso Cuesta. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.




