Startseite » Währungsreform und Berliner Blockade

Währungsreform und Berliner Blockade

In der Nacht zum 18. Juni 1948 erscheinen zwei britische Militärpolizisten beim Radiomoderator Chris Howland in Hamburg. Nach seiner späteren Erinnerung übergeben sie ihm im Studio des British Forces Network, des Rundfunks für die britischen Soldaten, einen verschlossenen Umschlag. Den Inhalt soll er am nächsten Morgen um halb sieben verlesen. Die Polizisten lassen ihn bis dahin nicht nach Hause gehen.

In der Frühsendung verkündet Howland, dass die westlichen Militärregierungen am 20. Juni eine neue Währung einführen: die Deutsche Mark. Wer bisher mit Reichsmark bezahlt hat, muss sich auf einen tiefen Eingriff in seine Ersparnisse und seinen Alltag einstellen.

In Berlin entscheidet der Streit über das neue Geld zugleich darüber, wer in der Stadt bestimmen kann. Wenige Tage später unterbrechen die sowjetischen Behörden die wichtigsten Versorgungswege zu den Westsektoren.

Geld, für das es wenig zu kaufen gibt

Das nationalsozialistische Regime hatte den Krieg mit immer neuen Schulden finanziert und die Geldmenge ausgeweitet. Staatlich festgesetzte Preise und die Rationierung hatten verhindert, dass sich die Geldentwertung offen in sämtlichen Ladenpreisen zeigte. Nach Kriegsende stand dem vorhandenen Geld ein viel zu geringes Warenangebot gegenüber.

Menschen konnten ein beachtliches Guthaben besitzen und trotzdem kaum etwas dafür kaufen. Lebensmittelkarten verschafften einen Anspruch auf knappe Rationen, sofern diese überhaupt ausgegeben wurden. Wer mehr brauchte, tauschte auf dem Schwarzmarkt. Zigaretten ließen sich dort oft leichter gegen Lebensmittel eintauschen als Reichsmarkscheine.

Auch Unternehmen konnten für ihre Einnahmen kaum neue Rohstoffe beschaffen. Händler hielten Waren zurück. Beschäftigte versäumten Arbeitszeit, um durch Tauschgeschäfte ihre Familien zu versorgen. Die Geldreform sollte eine Währung schaffen, für die Menschen ihre Erzeugnisse wieder verkaufen wollten.

Über eine gemeinsame Reform für ganz Deutschland konnten sich die vier Besatzungsmächte nicht einigen. Die Westmächte bereiteten deshalb die Umstellung in ihren drei Zonen vor. Die neuen Banknoten wurden in den Vereinigten Staaten gedruckt und über Bremerhaven nach Deutschland gebracht. Deutsche Sachverständige halfen bei der Durchführung; die Grundzüge bestimmten die Besatzungsmächte.

Vierzig D-Mark und der Verlust der Ersparnisse

Am Sonntag, dem 20. Juni 1948, wurde das neue Bargeld ausgegeben. Jeder Einwohner der Westzonen konnte bis zu sechzig Reichsmark im Verhältnis eins zu eins gegen D-Mark tauschen. Vierzig D-Mark wurden sofort ausgezahlt, weitere zwanzig später. Für die Verteilung nutzten die Behörden die Unterlagen der Lebensmittelkartenstellen, in denen die Bevölkerung verzeichnet war.

Das sogenannte Kopfgeld verschaffte einen ersten Betrag für Einkäufe. Geldguthaben wurden hingegen stark abgewertet. Nach Abschluss der Umstellung blieben von hundert Reichsmark gewöhnlich nur 6,50 D-Mark. Für laufende Zahlungen wie Löhne und Mieten galt ein Verhältnis von eins zu eins.

Wer Geld für sein Alter zurückgelegt hatte, konnte davon nur einen kleinen Teil behalten. Wer in Reichsanleihen gespart hatte, verlor seine Ansprüche. Besitzer eines Hauses oder Betriebs behielten dagegen ihre Sachwerte. Die gleiche erste Bargeldausgabe verdeckte diese unterschiedlichen Startbedingungen nur kurz. Ein finanzieller Ausgleich für einen Teil dieser Verluste folgte erst später.

Die Waren kehren in die Läden zurück

Schon in den ersten Tagen erschienen Waren in den Auslagen, die vorher kaum erhältlich gewesen waren. Händler öffneten ihre Lager, weil sie dem neuen Geld vertrauten. Zurückgehaltene Waren kamen wieder in den regulären Verkauf.

Der Schriftsteller Hans Werner Richter erinnerte sich an ein kleines Geschäft, in dem er zuvor auf Lebensmittelmarken eingekauft hatte. Nun sah er dort wieder frisches Gemüse und wurde zuvorkommender bedient. Aus dem Bittsteller um eine knappe Zuteilung war ein Kunde geworden.

Zugleich lockerte Ludwig Erhard, der die Wirtschaftsverwaltung der britisch-amerikanischen Bizone leitete, die staatliche Zuteilung von Waren und die Preisvorschriften. Der Frankfurter Wirtschaftsrat gab ihm dafür gesetzliche Vollmachten. Für wichtige Grundnahrungsmittel und Mieten blieben feste Preise bestehen. Auch die Lebensmittelkarten verschwanden schrittweise.

Nach dem ersten Kaufansturm stiegen viele Preise. Wer nur seinen laufenden Lohn zur Verfügung hatte, konnte sich einen Teil der angebotenen Waren weiterhin nicht leisten. Gewerkschaften und Sozialdemokraten kritisierten Erhards Vorgehen. Der Streit über die Wirtschaftspolitik betraf damit auch die Frage, wer die Kosten der Umstellung trug.

Vier Besatzungsmächte in Berlin

Berlin lag mitten in der sowjetischen Besatzungszone, war aber selbst in vier Sektoren geteilt. Im Westen standen amerikanische, britische und französische Truppen. Der östliche Sektor unterstand der Sowjetunion. Das Recht der Westmächte, in Berlin zu bleiben, beruhte auf den gemeinsamen Vereinbarungen der Siegermächte.

Güterzüge und Lastwagen mussten auf dem Weg zu den Westsektoren sowjetisch besetztes Gebiet durchqueren. Auch die Wasserwege wurden gebraucht. Ein erheblicher Teil des Stroms kam aus Kraftwerken im Ostsektor oder in der sowjetischen Zone.

Im März 1948 hatte der sowjetische Vertreter den Alliierten Kontrollrat verlassen, das gemeinsame Gremium für die Verwaltung Deutschlands. Während die Westmächte die Gründung eines westdeutschen Staates vorbereiteten, wollte die sowjetische Führung ihren Einfluss auf die deutsche Entwicklung bewahren.

Seit dem Frühjahr beanstandeten sowjetische Stellen Frachtpapiere oder erklärten Fahrzeuge für ungeeignet. Im April ließ der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay deshalb vorübergehend Nachschub für die westlichen Garnisonen einfliegen. Diese kleine Luftbrücke musste allerdings nur Soldaten und ihre Angehörigen versorgen.

Zwei Währungen für eine Stadt

Die Westmächte nahmen Berlin zunächst von ihrer Währungsreform aus. Wegen des besonderen Status der Stadt sollte dort bis zu einer gemeinsamen Regelung weiterhin die Reichsmark gelten. Für die sowjetische Zone entstand durch die westliche Reform jedoch unmittelbarer Handlungsdruck: Dort gültige Reichsmarkscheine konnten nun aus dem Westen einströmen und die Geldmenge weiter erhöhen.

Am 23. Juni begann deshalb auch in der sowjetischen Zone eine eigene Geldreform. Neue Banknoten standen noch nicht bereit. Zunächst wurden die alten Scheine mit Kupons beklebt. Diese Übergangswährung erhielt im Volksmund den Namen „Tapetenmark“.

Der sowjetische Militärgouverneur Wassili Sokolowski wollte die Währung seiner Zone für ganz Berlin verbindlich machen. Die Westmächte widersprachen. Eine solche Entscheidung hätte der sowjetischen Seite die Kontrolle über das Geldwesen auch in ihren Sektoren verschafft. Am 24. Juni führten sie dort die westliche D-Mark ein.

In den Westsektoren blieben zunächst beide Währungen im Umlauf. Ein Teil der Löhne wurde weiterhin in Ostgeld ausgezahlt. Im sowjetischen Sektor war die westliche D-Mark verboten. Erst im März 1949 wurde sie in West-Berlin zum alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel.

Die Zufahrten werden gesperrt

In der Nacht zum 24. Juni 1948 wurde die Stromzufuhr aus dem sowjetischen Machtbereich zu den Westsektoren unterbrochen. Am frühen Morgen stoppten die sowjetischen Behörden den Eisenbahnverkehr aus dem Westen. Den Straßenverkehr hatten sie bereits zuvor stark eingeschränkt und unterbunden. Auch die Lebensmittelversorgung der Westsektoren aus der sowjetischen Zone wurde eingestellt. Die Sperrung der Wasserwege vervollständigte die Blockade.

Die sowjetischen Stellen begründeten die Unterbrechungen mit technischen Schwierigkeiten oder Reparaturen. Mehr als zwei Millionen Menschen in den Westsektoren konnten über die bisherigen Transportwege nicht mehr ausreichend versorgt werden. Die Vorräte würden nur für begrenzte Zeit reichen.

Die sowjetische Führung benutzte Berlin, um die Westmächte unter Druck zu setzen. Diese sollten ihre Pläne für Westdeutschland ändern oder ihre Stellung in Berlin aufgeben. Die getrennten Geldreformen hatten den Konflikt zugespitzt, doch der Streit betraf die Machtverteilung in Deutschland insgesamt.

Die Sektorengrenzen innerhalb Berlins blieben durchlässig. Die Blockade traf vor allem die reguläre Versorgung aus dem Westen. Für die Bevölkerung konnten kleinere Lieferungen und Einkäufe die gesperrten Gütertransporte nicht ersetzen.

Clay setzt auf den Luftweg

Clay drängte darauf, in Berlin zu bleiben. Ein Rückzug hätte die Westsektoren dem sowjetischen Zugriff überlassen und das Vertrauen in die Vereinigten Staaten erschüttert. Ein bewaffneter Versuch, die Landwege zu öffnen, barg die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung.

Am 25. Juni sprach Clay mit Ernst Reuter. Der Sozialdemokrat war 1947 zum Berliner Oberbürgermeister gewählt worden, konnte das Amt wegen des sowjetischen Einspruchs aber nicht ausüben. Reuter unterstützte den Verbleib der Westmächte trotz der drohenden Entbehrungen.

Am 26. Juni begann die amerikanische Luftbrücke zur Versorgung der Bevölkerung. Die britische Luftwaffe baute ihre Flüge ebenfalls aus. Am 28. Juni entschied Präsident Harry S. Truman, die amerikanische Stellung zu halten. Die Versorgung musste nun über Monate funktionieren.

Der Anfang war ernüchternd. Die Amerikaner brachten am 26. Juni achtzig Tonnen Fracht nach Berlin. Benötigt wurden täglich mehrere tausend Tonnen. Neben Lebensmitteln musste vor allem Kohle eingeflogen werden. Sie wurde für Kraftwerke und Wasserwerke gebraucht und sollte auch Wohnungen und Betriebe mit Energie versorgen.

Eine Stadt wird aus der Luft versorgt

Die Luftverbindungen boten einen entscheidenden Vorteil: Drei Korridore zwischen den westlichen Besatzungszonen und Berlin waren seit 1945 durch Vereinbarungen der Alliierten festgelegt. Die sowjetische Seite sperrte sie nicht.

Die Amerikaner zogen viermotorige C-54 heran, die etwa zehn Tonnen Fracht befördern konnten. Die Briten setzten auch zivile Fluggesellschaften ein. Britische Flugboote landeten auf der Havel und brachten unter anderem Salz in die Stadt.

Berliner beobachten die Landung eines Rosinenbombers auf dem Flughafen Tempelhof, 1948, Fotografie von Henry Ries

Die Maschinen flogen in vorgeschriebenen Abständen und Höhen. Für Warteschleifen über Berlin war kaum Raum. Gelang eine Landung nicht rechtzeitig, musste das Flugzeug mit seiner Ladung zurückkehren und erneut starten. Am Boden luden Arbeiter die Fracht schnell aus, damit die Maschine wieder abfliegen konnte.

Die Flugplätze Tempelhof im amerikanischen und Gatow im britischen Sektor wurden ausgebaut. Im französischen Sektor errichteten Tausende Berliner innerhalb weniger Monate den Flughafen Tegel. Schweres Baugerät kam ebenfalls durch die Luft; große Maschinen wurden dafür zerlegt und wieder zusammengesetzt.

Im Herbst konnten an einzelnen Tagen bereits mehr als sechstausend Tonnen nach Berlin gebracht werden. Im Frühjahr 1949 sicherte der Transportbetrieb die Versorgung dauerhaft. Die als „Rosinenbomber“ bekannten Flugzeuge brachten überwiegend Kohle. Lebensmittel machten einen kleineren, aber lebenswichtigen Teil der Ladung aus.

Wenige Stunden Strom am Tag

Für die Berliner blieb der Alltag trotzdem beschwerlich. Die Kraftwerke im Westteil konnten den früheren Strombezug aus dem Osten nicht vollständig ersetzen. Haushalte erhielten oft nur wenige Stunden am Tag Elektrizität, mitunter spät in der Nacht. Geschäftsleute mussten ihre Öffnungszeiten danach richten. Friseure konnten ihren Kunden mitunter erst am späten Abend die Haare waschen, wenn wieder Strom zur Verfügung stand.

Die knappe Kohle reichte auch für die Heizung nur begrenzt. Der vergleichsweise milde Winter 1948/49 erleichterte die Lage. Viele Betriebe mussten dennoch ihre Produktion einschränken oder einstellen, weil Energie und Rohstoffe fehlten. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit nahmen zu.

Getrocknete Kartoffeln und Milchpulver sparten Gewicht beim Transport. Die Berliner mussten lernen, mit solchen Lieferungen auszukommen. Die Flugzeuge sicherten das Überleben der Stadt, konnten aber ihre wirtschaftlichen Probleme nicht beheben.

Flugzeugabstürze kosteten Besatzungen und Helfern das Leben. Der Einsatz veränderte das Verhältnis vieler Berliner zu den Westmächten. Aus den Siegern des Krieges wurden für sie Beschützer gegen den sowjetischen Druck.

Während der Blockade zerbricht die Stadtverwaltung

Ernst Reuter (1889-1953)

SED-Anhänger störten Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung im Ostsektor. Im September 1948 wich das gewählte Stadtparlament in den Westteil aus. Auch Verwaltungsabteilungen wurden getrennt, um sie dem Zugriff sowjetischer Stellen und der SED zu entziehen.

Am 30. November setzte eine von der SED organisierte Versammlung im Ostsektor eine eigene Stadtregierung ein. Sie bestimmte Fritz Ebert, den Sohn des früheren Reichspräsidenten, zum Oberbürgermeister. Die sowjetische Besatzungsmacht erkannte diese Verwaltung an.

Die reguläre Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 5. Dezember fand nur noch in den Westsektoren statt. Im Ostsektor hatten die Behörden die Wahlvorbereitungen eingestellt. Ernst Reuter wurde anschließend zum Oberbürgermeister des Westteils gewählt. Berlin besaß nun getrennte politische Verwaltungen.

Am 12. Mai öffnen sich die Wege

Mit einer Gegenblockade schränkten die Westmächte den Warenverkehr in die sowjetische Zone ein. Dort fehlten dadurch benötigte industrielle Güter. Gleichzeitig verhandelten die Regierungen über ein Ende der Krise.

Am 4. Mai 1949 schlossen die vier Mächte in New York ein Abkommen: Die sowjetischen Verkehrssperren und die westlichen Gegenmaßnahmen sollten am 12. Mai aufgehoben werden. Weitere Verhandlungen über Deutschland wurden vereinbart. Die Vorbereitung eines westdeutschen Staates ging weiter.

In der Nacht zum 12. Mai wurden die Verbindungen wieder freigegeben. Lastwagen aus dem Westen erreichten Berlin, Züge konnten erneut fahren. Nach mehr als zehn Monaten ließ sich die Stadt wieder auf den üblichen Wegen versorgen. Die politischen Verwaltungen blieben getrennt.

Bis in den Herbst 1949 flogen Maschinen weitere Güter ein, damit Vorräte für eine mögliche neue Sperre angelegt werden konnten. Insgesamt brachten die Briten und Amerikaner über zwei Millionen Tonnen nach Berlin. An den Flugplätzen wurde weiterhin entladen, obwohl die ersten Güterzüge längst wieder in der Stadt angekommen waren.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Benz, W. (1984): Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat.*

Kleßmann, C. (1991): Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955.*

Bildnachweis

Titel: Douglas C-54 Skymaster.

Alle Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar