Im November 1519 besuchte der spanische Soldat Bernal Díaz del Castillo den Markt von Tlatelolco. Einheimische Begleiter zeigten ihm die Verkaufsplätze. Jahrzehnte später erinnerte er sich besonders daran, dass jede Warengruppe einen festgelegten Ort hatte. Seine Beschreibung stammt aus dem Blick eines beeindruckten Besuchers; sie macht zugleich die Organisation des großen Handelsplatzes greifbar.
Es gab fertig zubereitete Speisen, die Stadtbewohnern Arbeit ersparten. An anderen Ständen boten Heilkundige ihre Dienste an. Selbst gesammelter Urin hatte einen Platz im Austausch: Er lieferte unter anderem Ammoniak für die Bearbeitung von Tierhäuten. Der Markt verband die Versorgung mit Lebensmitteln mit spezialisierten Tätigkeiten, deren Erzeugnisse in der ganzen Stadt gebraucht wurden.
Die Arbeit vor dem Verkauf
Ein Teil der Lebensmittel kam aus dem Seebecken auf Kanus. Andere Waren gelangten auf dem Rücken von Trägern zur Insel. Da weder Wagenverkehr noch Lasttiere die Beförderung über Land übernahmen, beanspruchte jeder längere Transport menschliche Arbeitszeit und zusätzliche Verpflegung.
Das begünstigte den Wasserweg für schwere Güter. Es erklärt zugleich, weshalb kostbare, vergleichsweise leichte Gegenstände über große Entfernungen gehandelt werden konnten. Ihr Wert musste den Aufwand der Reise tragen. Ein Händler, der begehrte Federn aus wärmeren Regionen heranführte, löste deshalb ein anderes Transportproblem als ein Verkäufer, der Gemüse aus der Umgebung anbot.
Die Fernkaufleute, die Pochteca, bildeten besondere berufliche Gemeinschaften. Ihre Reisen erforderten Kenntnisse der Wege und Beziehungen zu Menschen außerhalb des unmittelbaren Herrschaftsgebiets. Der gewöhnliche Verkauf auf dem Markt ging jedoch weit über ihre Tätigkeit hinaus. Haushalte und spezialisierte Handwerker brachten eigene Erzeugnisse in Umlauf.

Tausch braucht anerkannte Regeln
Kakaobohnen und bestimmte Stoffe konnten als verbreitete Tauschmittel dienen. Ihr Wert beruhte darauf, dass andere Verkäufer sie wiederum annahmen. Es gab deshalb Handel mit allgemein verwendbaren Wertträgern, auch ohne ein System geprägter Münzen.
Marktaufseher trugen Amtsstäbe und schritten gegen Betrug oder Diebstahl ein. Zu ihnen gehörten auch Frauen, die auf dem Markt selbst als Käuferinnen und Verkäuferinnen tätig waren. Streitfälle wurden vor zuständigen Amtsträgern entschieden. Dadurch mussten Käufer und Verkäufer sich bei einem Missbrauch nicht ausschließlich auf persönliche Bekanntschaft verlassen.
Tribut folgte dagegen einer anderen Verpflichtung. Eine unterworfene Gemeinde lieferte Güter aufgrund politischer Forderungen; auf dem Markt wurden Waren gegen eine Gegenleistung angeboten. Beide Wege konnten sich wirtschaftlich berühren, weil Empfänger von Abgaben Güter weitergaben oder verwendeten. Ihre Unterscheidung erklärt aber, weshalb ein voller Markt noch nichts darüber aussagt, wie frei sämtliche Erzeuger über ihre Arbeit verfügten.
Auch nach Tlatelolcos Unterwerfung unter Tenochtitlan 1473 blieb der Markt für die Versorgung der Insel wichtig. Ein Teil der angebotenen Nahrung war schon geschnitten oder gemahlen; andere Käufer ließen sich gleich eine Mahlzeit zubereiten. Solche Angebote machten die Arbeitsteilung in der Stadt praktisch möglich. Wer den Tag in einer Werkstatt oder im Dienst eines Amtsträgers verbrachte, konnte sich auf dem Markt auch jene Arbeit kaufen, die im eigenen Haushalt sonst zusätzlich angefallen wäre.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Prem, Hanns, J. (2011): Die Azteken: Geschichte, Kultur, Religion.*
Riese, B. (2011): Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur.*
Bildnachweis
Titel: Museales Diorama des Marktes von Tlatelolco. Wikimedia Commons, Gary Todd. CC0 1.0.
Handschrift: Fernkaufleute im Florentiner Codex. Wikimedia Commons, Unbekannter Tlacuilo; Digitalisierung: Biblioteca Medicea Laurenziana. Gemeinfrei.

