Am 8. September 1024 weigerte sich Erzbischof Aribo im Mainzer Dom, der designierten Königin Gisela die Salbung zu erteilen. Der ranghöchste Geistliche des Reiches blieb unerbittlich, denn er verweigerte einer in seinen Augen kirchenrechtlich unzulässigen Verwandtenehe den rituellen Segen. Diese offene Zurückweisung offenbarte vor den versammelten Adligen, wie fragil das Fundament war, auf dem sich der frisch gewählte König Konrad II. bewegte. Konrad riskierte in diesem Moment den Verlust seiner eben erst gewonnenen Autorität, reagierte jedoch pragmatisch. Er ließ sich von Aribo zunächst allein an Haupt, Brust, Schultern und Armen salben, um seine eigene Königsherrschaft sakral zu legitimieren. Das Problem der fehlenden Königinnenweihe verschob er auf einen späteren Zeitpunkt, was der Mainzer Geistlichkeit und dem Herrscherpaar ermöglichte, ihr jeweiliges Gesicht zu wahren.
Die Wahl am Rhein
Dieser Konflikt im Mainzer Dom resultierte direkt aus den unsicheren Verhältnissen der vorangegangenen Thronfolge. Kaiser Heinrich II. war gestorben, ohne männliche Erben zu hinterlassen, was den Fortbestand der königlichen Zentralgewalt akut gefährdete. Der Reichsadel verhandelte die Nachfolge auf einer großen Versammlung, die sich Anfang September auf einer Ebene bei Kamba formierte. Dort standen sich zwei aussichtsreiche Kandidaten gegenüber, die nicht nur den gleichen Namen trugen, sondern auch als Vettern eng miteinander verwandt waren: der ältere Konrad und sein Vetter Konrad der Jüngere.
Der ältere Konrad stammte aus dem Wormser Raum, wo seine Vorfahren bereits eine repräsentative Familiengrablege eingerichtet hatten. Er wird von den Zeitgenossen als ein zwei Meter großer Hüne von außergewöhnlicher Körperkraft beschrieben, der weder lesen noch schreiben konnte. Diese Defizite, die ihm in gebildeten Zirkeln den Beinamen eines Unwissenden („idiota“) einbrachten, glich er durch persönliche Härte aus. Konrad hatte sich in jahrelanger Opposition gegen Heinrich II. behauptet und eine Fehde gegen den Herzog von Kärnten siegreich bestanden. In Kamba übertölpelte er seinen jüngeren Konkurrenten durch gezieltes politisches Kalkül, indem er sich die Unterstützung des Mainzer Erzbischofs Aribo sicherte. Aribo stützte Konrad zwar machtpolitisch, blieb aber bei der Frage von dessen kirchenrechtlich heikler Ehe unerbittlich. Da Aribo als Wahlleiter die entscheidende erste Stimme abgab, lenkte er die Entscheidung maßgeblich. Am 4. September 1024 erhoben die Großen Konrad den Älteren durch formelle Zustimmung zum ersten König aus dem später so genannten Haus der Salier. Der Geschichtsschreiber Wipo stilisierte diesen Vorgang nachträglich zu einer einmütigen Entscheidung, doch verbarg diese Darstellung die tatsächliche machtpolitische Brisanz der Thronvakanz.
Ein taktischer Umweg nach Köln

Konrad benötigte dringend weitere Verbündete, um die Stellung seiner Familie im Reich langfristig zu konsolidieren. Nach dem Eklat von Mainz wandte er sich daher an Erzbischof Pilgrim von Köln. Pilgrim stand zu Aribo in einem spürbaren Konkurrenzverhältnis und handhabte die kirchenrechtlichen Bestimmungen bezüglich der Verwandtenehe deutlich flexibler. Der Kölner Oberhirte nutzte die Gunst der Stunde, um seine eigene Position gegenüber dem Mainzer Bistum aufzuwerten, und erteilte Gisela am 21. September in seiner Bischofsstadt die fehlende Salbung.
Der König demonstrierte mit diesem diplomatischen Manöver eine taktische Meisterleistung. Er umschiffte den dogmatischen Widerstand Aribos und integrierte zeitgleich einen mächtigen Rivalen des Mainzer Erzbischofs in sein Herrschaftsnetzwerk. Dieser strategische Schritt ebnete schließlich auch den Weg für die kirchliche Weihe seiner Frau.
Die Art und Weise, wie Konrad II. seinen Regierungsantritt in diesen ersten Wochen gestaltete, dokumentiert ein ausgeprägtes Bewusstsein für zeichenhafte Handlungen. Noch bevor er die königlichen Insignien entgegennahm, demonstrierte er die Herrschertugend des Erbarmens, indem er mehreren bedürftigen Bittstellern öffentlich rechtliches Gehör schenkte. Kurz darauf zog der neue König nach Aachen, nahm auf dem steinernen Thron Karls des Großen Platz und bekräftigte damit seinen Anspruch auf die karolingische Tradition. Von diesem fränkischen Kernraum aus brach Konrad wenig später zu einem gewaltigen Umritt durch das Reich auf, um regionalen Widerstand zu brechen und die Königsherrschaft physisch erfahrbar zu machen. Dieser rasche Vorstoß bildete den Auftakt für eine ausgreifende Herrschaft, die den Salierkönig schon im Frühjahr 1026 mit Heeresmacht über die Alpen nach Italien führen sollte.

Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Laudage, J. (2024): Die Salier. Das erste deutsche Königshaus.*
Weinfurter, S. (2008): Das Jahrhundert der Salier 1024–1125: Kaiser oder Papst?*
Bildnachweis
Titel: Umrahmt von Mauerzügen sitzt Konrad II. auf einem Thron. Ekkehard-Chronik, 12. Jhdt.
Alle Bilder gemeinfrei.




