Am Morgen des 2. Juli 1776 betritt Caesar Rodney das State House in Philadelphia nach einem nächtlichen Ritt durch Regen und Gewitter. Der Delegierte aus Delaware ist erschöpft und noch in Reitkleidung. Seine Stimme wird gebraucht. Delawares Vertreter sind über die Frage der Unabhängigkeit gespalten. Rodney stimmt dafür und verschafft seiner Kolonie eine Mehrheit.
Doch das Dokument, das später zum Symbol des 4. Juli wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschlossen. Zuerst entscheidet der Kontinentalkongress über eine grundsätzlichere Frage: Sollen die dreizehn Kolonien ihre Verbindung mit Großbritannien vollständig lösen?
Ein Krieg ohne Unabhängigkeit
Seit April 1775 kämpfen britische Soldaten und amerikanische Milizen gegeneinander. Bei Lexington und Concord sind die ersten Schüsse gefallen. George Washington führt inzwischen eine vom Kontinentalkongress aufgestellte Armee. Trotzdem haben sich viele Amerikaner zunächst nicht von König Georg III. lossagen wollen.

Noch im Juli 1775 schickt der Kongress die sogenannte Olive Branch Petition nach London. Die Abgeordneten bitten den König um eine Verständigung und geben vor allem seinen Ministern die Schuld am Konflikt. Georg III. weist diesen Weg zurück. Die britische Regierung behandelt die Aufständischen zunehmend als Rebellen.
Im Januar 1776 erscheint in Philadelphia Thomas Paines Schrift Common Sense. Paine richtet sich nicht nur gegen einzelne Steuern oder Parlamentsbeschlüsse. Er greift die Monarchie selbst an und fordert offen die Unabhängigkeit. Die Schrift findet ein großes Publikum. Was wenige Monate zuvor noch vielen als zu radikal galt, wird nun öffentlich diskutiert.
Im Frühjahr weisen immer mehr Kolonien ihre Delegierten im Kontinentalkongress an, einer Trennung von Großbritannien zuzustimmen.
Richard Henry Lee stellt die Frage
Am 7. Juni 1776 erhebt sich der Virginier Richard Henry Lee im Kongress. Er bringt eine Resolution ein, deren Kern eindeutig ist: Die vereinigten Kolonien sollen freie und unabhängige Staaten sein und jede politische Verbindung mit der britischen Krone lösen.
Nicht alle Delegierten sind bereit, so weit zu gehen.
Besonders entschieden widerspricht John Dickinson aus Pennsylvania. Dickinson hat selbst seit Jahren gegen die britische Kolonialpolitik geschrieben. Er hält eine sofortige Unabhängigkeit dennoch für gefährlich. Frankreich hat noch kein Bündnis zugesagt. Die amerikanische Armee steht einem mächtigen Gegner gegenüber. Eine Niederlage könnte die Männer, die jetzt für die Trennung stimmen, zu Verrätern machen.
Der Kongress vertagt die Entscheidung über Lees Resolution. Gleichzeitig bereitet er sich darauf vor, dass die Mehrheit bald zustimmen könnte.
Jefferson bekommt den Auftrag

Am 11. Juni setzt der Kongress ein Komitee ein, das für den Fall einer Zustimmung eine Erklärung formulieren soll. Thomas Jefferson aus Virginia übernimmt den größten Teil der Schreibarbeit. John Adams und Benjamin Franklin lesen seinen Entwurf und schlagen Änderungen vor; auch Roger Sherman und Robert R. Livingston gehören dem Komitee an.
Jefferson ist dreiunddreißig Jahre alt. Er sitzt in gemieteten Räumen in Philadelphia und schreibt einen Text, der nicht einfach verkünden soll, dass die Kolonien unabhängig sind. Er soll erklären, warum sie das Recht dazu besitzen.
Jefferson beginnt deshalb nicht mit einzelnen Steuerstreitigkeiten. Er formuliert einen allgemeinen Anspruch. Menschen besitzen Rechte, die keine Regierung beliebig nehmen darf. Regierungen erhalten ihre Befugnisse von den Regierten. Verletzt eine Regierung diese Rechte dauerhaft, dürfen die Betroffenen sie verändern oder abschaffen.
Danach folgt die Anklage gegen Georg III. Jefferson führt die Eingriffe der Krone auf und macht den König persönlich für den Bruch verantwortlich. Damit erhält die Trennung einen konkreten Gegner.
Die Entscheidung fällt am 2. Juli
Am 1. Juli beginnt die entscheidende Debatte über Lees Resolution. Dickinson warnt noch einmal vor einem Schritt, den niemand zurücknehmen könne. John Adams argumentiert für die sofortige Trennung.
Eine Probeabstimmung zeigt, wie knapp die Lage ist. Pennsylvania stimmt zunächst gegen die Unabhängigkeit. South Carolina ebenfalls. Delaware ist gespalten. New York besitzt keine Vollmacht, einer Trennung zuzustimmen.
Am folgenden Tag verändert sich das Ergebnis. South Carolina schwenkt um. In der Delegation Pennsylvanias fehlen Dickinson und Robert Morris bei der entscheidenden Abstimmung, sodass dort die Befürworter die Mehrheit haben. Caesar Rodneys Ankunft entscheidet Delaware.
Am 2. Juli 1776 stimmt der Kongress für Lees Resolution. Zwölf Kolonien tragen die Unabhängigkeit mit. New York enthält sich zunächst, weil seine Delegierten noch keine entsprechende Weisung erhalten haben.
Für John Adams ist damit der entscheidende Schritt vollzogen. Noch am nächsten Tag schreibt er seiner Frau Abigail, der 2. Juli werde von kommenden Generationen als großer Jahrestag gefeiert werden. Er irrt sich um zwei Tage.
Der Kongress verändert Jeffersons Text
Nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit nimmt sich der Kongress Jeffersons Erklärung vor. Die Delegierten diskutieren Formulierungen und streichen Passagen. Jefferson beobachtet, wie sein Text verändert wird.
Eine der wichtigsten Streichungen betrifft die Sklaverei. Jefferson hatte Georg III. in seinem Entwurf auch für den transatlantischen Sklavenhandel verantwortlich gemacht. Die Passage verschwindet aus der endgültigen Fassung. Delegierte aus Sklavenhalterkolonien lehnen sie ab; zugleich profitieren auch Kaufleute in nördlichen Kolonien vom Handel.
Damit bleibt ein Widerspruch bestehen, der die weitere amerikanische Geschichte begleiten wird. Die Erklärung spricht von gleichen Rechten, während Hunderttausende Menschen in den Kolonien versklavt bleiben. Am 4. Juli billigt der Kongress den überarbeiteten Text.
Was am 4. Juli tatsächlich geschah

Die bekannte Vorstellung, sämtliche Delegierten hätten sich am 4. Juli gemeinsam um ein Dokument versammelt und nacheinander ihre Namen daruntergesetzt, trifft nicht zu.
Am 4. Juli wird der Wortlaut der Declaration of Independence angenommen. John Hancock, Präsident des Kongresses, und Sekretär Charles Thomson bestätigen zunächst die beschlossene Fassung. Der Text geht anschließend an den Drucker John Dunlap. In der Nacht entstehen gedruckte Exemplare, die an Behörden und militärische Stellen verschickt werden.
Die feierliche Unterzeichnung der auf Pergament übertragenen Fassung beginnt überwiegend am 2. August. Einige Unterschriften kommen noch später hinzu.
Der 4. Juli bleibt dennoch im Gedächtnis, weil dieses Datum auf der veröffentlichten Erklärung steht.
Namen unter einer Anklage
Die Unterzeichner wissen, dass ihre Entscheidung Folgen haben kann. Aus britischer Sicht haben sie sich gegen ihren König erhoben. Sollte die Rebellion scheitern, schützt sie kein amerikanischer Staat, dessen Unabhängigkeit Großbritannien anerkannt hätte.
Besonders John Hancock wird später mit seiner großen Unterschrift zum Symbol dieses Risikos. Die bekannte Geschichte, er habe besonders groß unterschrieben, damit König Georg seinen Namen ohne Brille lesen könne, lässt sich jedoch nicht zuverlässig belegen.


Wichtiger ist, was die Männer tatsächlich tun: Sie verbinden ihre Namen mit einer öffentlichen Behauptung, deren Durchsetzung noch völlig offen ist.
Im Sommer 1776 steht die britische Armee bereits vor New York. Wenige Wochen nach der Unabhängigkeitserklärung erleidet Washington dort schwere Niederlagen. Dass aus den erklärten „freien und unabhängigen Staaten“ tatsächlich ein unabhängiger Staat entstehen wird, ist in Philadelphia noch keineswegs entschieden.
Eine Erklärung, noch kein Sieg
Die Declaration of Independence beendet den Krieg nicht. Sie schafft auch nicht über Nacht eine funktionierende nationale Regierung. Die einzelnen Staaten bleiben stark, der Kongress besitzt nur begrenzte Mittel und Washingtons Armee ist weiterhin auf Nachschub angewiesen.
Aber die Entscheidung verändert den Charakter des Krieges. Die Kolonisten kämpfen nun nicht mehr offiziell um eine Verständigung innerhalb des britischen Empire. Der Kongress beansprucht Unabhängigkeit und kann gegenüber Frankreich als Vertreter neuer Staaten auftreten.
Für die Männer im State House ist der Ausgang im Juli 1776 offen. Dickinsons Befürchtungen sind nicht erledigt, nur weil er die Abstimmung verliert. Washington muss den Krieg erst gewinnen. Frankreich muss entscheiden, ob es die Amerikaner unterstützt. Und die weitreichenden Sätze, die Jefferson über Rechte und Gleichheit geschrieben hat, werden später von Menschen aufgegriffen, für die der Kongress von 1776 diese Gleichheit noch nicht vorgesehen hatte.
Die Erklärung vom 4. Juli beginnt damit ein Eigenleben, das ihre Verfasser nicht vollständig kontrollieren können.
Zum Weiterlesen
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Hugh Brogan (2001): The Penguin History of the United States of America.*
Hermann Wellenreuther, Hans R. Guggisberg (2002): Geschichte der USA.*
Bildnachweis
Titel: Die Unabhängigkeitserklärung wird dem Kontinentalkongress vorgelegt. Gemälde von John Trumbull (um 1816).
Alle Bilder gemeinfrei.




