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Nero – Ein Kaiser gegen seine Familie (54–68 n. Chr.)

Nach 55 n. Chr. verschwand das Porträt der Agrippina von den Münzen. Auf den ersten Prägungen der neuen Herrschaft hatte sie ihrem Sohn noch von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, gleich groß, gleich bedeutend; wenig später war sie fort. Dazwischen lag der Tod des Britannicus, der Sturz ihres Verbündeten Pallas aus der Finanzverwaltung und eine Anklage, die Domitia Lepida und Iunia Silana gegen sie vorbrachten: Sie plane, ihren Sohn durch Rubellius Plautus zu ersetzen. Geglaubt wurde die Beschuldigung nicht. Es genügte, dass sie erhoben werden konnte.

Hinter der Anklage stand eine Lage, die in Rom jeder kannte. Agrippina hatte durch ihre Ehe mit Claudius erreicht, dass dieser ihren Sohn adoptierte, und ihm damit den Weg zum Thron geebnet. Sie erwartete, an seiner Seite mitzuregieren; als Nero sich unter dem Einfluss seiner Berater Seneca und Burrus von ihr löste, hatte sie offen gedroht, sich für Britannicus einzusetzen, den leiblichen Sohn des Claudius. Man traute ihr also zu, den Kaiser, den sie gemacht hatte, durch einen anderen zu ersetzen, und an Männern, deren Abstammung sich mit der Neros messen konnte, fehlte es nicht.

Die Konkurrenz

Die Lage spitzte sich bereits einige Monate zuvor zu. Unmittelbar nach der Bestattung des Claudius sprach der Senat dem Toten göttliche Ehren zu. Für Nero war das zweischneidig: Er durfte sich fortan Sohn eines Vergöttlichten nennen und tat es auf seinen Münzen, doch dasselbe galt für Britannicus, den leiblichen Sohn des Claudius, und Faustus Sulla war immerhin der Schwiegersohn eines vergöttlichten Kaisers. Dazu kamen Rubellius Plautus, ein Urenkel des Tiberius, sowie die überlebenden Geschwister des Lucius Silanus, Enkel von Augustus‘ Enkelin Iulia.

Britannicus starb Anfang 55. Ob Seneca und Burrus daran beteiligt waren, lässt sich nicht klären; unbestreitbar ist, dass der Tod ihre Stellung und die Neros gegenüber Agrippina stärkte. Sulla wurde 58 nach Massilia verwiesen. Im Jahr 60 erschien ein Komet, und Gerüchte über einen bevorstehenden Herrscherwechsel liefen um; Nero nutzte die Gelegenheit, um Rubellius Plautus nach Asia zu verbannen. Im selben Jahr ging der spätere Kaiser Galba als kaiserlicher Legat nach Hispania Tarraconensis, wo Nero ihn für den Rest der Regierungszeit beließ – vermutlich ebenfalls eine Entfernung, nur eine, die bei einem Mann dieses Alters ohne Hinrichtung auskam. Sulla und Plautus wurden 62 getötet.

Baiae, März 59

Neros Verhältnis zu Poppaea Sabina bestand nach späteren Gerüchten bereits Jahre, bevor er 62 Octavia verstieß. Der Grund für das Zögern war politisch. Octavia war die Tochter des Claudius, und wer sie fortschickte, verlor den Anspruch auf die Loyalität von dessen Anhängern – zugunsten von Sulla Felix, der mit deren Schwester Antonia verheiratet war. Agrippina soll ihrem Sohn genau das vorgehalten haben: Bei einer Scheidung müsse er die Mitgift zurückgeben, und die Mitgift sei das Reich.

Es ist denkbar, dass der Streit über diese Frage zu jener Tat führte, für die Nero in die Geschichte einging. Der erste Anschlag war jedenfalls kein Staatsakt: Ein Freigelassener namens Anicetus, einst Neros Erzieher, richtete ein Boot her, das auf der Rückfahrt Agrippinas von einem Gastmahl bei ihrem Sohn untergehen sollte. Ob Seneca und Burrus eingeweiht waren, bleibt unklar. Möglicherweise sollte der Vorfall sie lediglich in Schrecken versetzen.

Nero und Agrippina, Szene vermutlich aus dem Jahr 54

Sie überlebte und schwamm ans Ufer. Den Anschlag durchschaute sie, stellte sich aber ahnungslos und ließ ihrem Sohn melden, sie sei einem Unglück entronnen. Gerade das machte die Lage für Nero unhaltbar, denn eine Mutter, die wusste, was geschehen war, konnte ihn vor der Garde oder vor dem Senat anklagen, und ein solcher Skandal hätte ihn die Herrschaft kosten können. Von diesem Moment an gab es keinen Weg zurück. Er ließ Seneca und Burrus rufen. Burrus wies darauf hin, dass man von der Garde nicht erwarten könne, die Tötung eines Mitglieds jenes Hauses zu decken, das zu schützen sie geschworen hatte.

Man entschied sich für die Version, Agrippina sei bei einer Verschwörung ertappt worden, und ließ sie hinrichten. Nero selbst blieb in Kampanien und schickte dem Senat ein Schreiben, das Seneca für ihn verfasst hatte. Thrasea Paetus verließ aus Abscheu die Sitzung, als die Senatoren darauf mit Dankbeschlüssen antworteten; die übrigen nahmen die Erklärung hin.

Es dauerte drei Jahre, bis Nero sich von Octavia trennen konnte. Nachdem er sie 62 unter dem Vorwand der Unfruchtbarkeit verstoßen und zwölf Tage später Poppaea geheiratet hatte, demonstrierte die stadtrömische Plebs für die Verstoßene – jene Bevölkerung, die die Wohltaten des Claudius vermutlich nicht vergessen hatte. Nero erklärte daraufhin, Octavia sei in ein Komplott verwickelt, und ließ sie am 9. Juni hinrichten.

Armenien und die Kosten

Während Nero in Rom seine dynastischen Krisen austrug, führte Domitius Corbulo im Osten einen Krieg, der Rom teuer zu stehen kam und am Ende doch das Ergebnis brachte, das beide Seiten brauchten. Nach dem Scheitern des Caesennius Paetus, dessen Heer 62 bei Rhandeia von den Parthern gedemütigt wurde, erhielt Corbulo 63 ein außerordentliches, allen Statthaltern des Ostens übergeordnetes Kommando (imperium maius) samt einer zusätzlichen Legion vom Donauheer. Die Verständigung sah vor, dass der parthische Kandidat Tiridates Armenien regierte, sein Diadem jedoch in Rom aus Neros Hand als Geschenk des römischen Volkes empfing. Der Besuch fand 66 statt.

Geld kostete auch der Aufstand in Britannien, den Boudicca 60 anführte und der zumindest teilweise darauf zurückging, dass die Prokuratoren des Philosophen Seneca Darlehen über 40 Millionen Sesterzen einforderten. Eine Kommission aus drei Konsularen untersuchte 62 das Steuereintreibungssystem. Im Jahr 64 wurde die Währung förmlich reformiert: Aus einem Pfund Gold schlug man statt 40 oder 42 nunmehr 45 Aurei, deren Feingehalt unverändert blieb, und aus einem Pfund Silber statt 84 nunmehr 96 Denare, deren Silberanteil zudem sank, ehe er gegen Ende der Regierung wieder angehoben wurde. Die neuen Münzen waren schön gestaltet und änderten nichts daran, dass ihrem Auftraggeber das Geld fehlte.

Die Nacht vom 18. auf den 19. Juli 64

Der Brand traf eine Stadt aus engen Gassen und Holzeinbauten und brannte tagelang. Nero ließ Schneisen schlagen, um die Ausbreitung zu stoppen, unterstützte die Obdachlosen und beaufsichtigte den Wiederaufbau persönlich – also genau das, was von einem Herrscher erwartet wurde. Es half ihm nichts. Die Schneisen wurden ihm als Abriss von Gebäuden ausgelegt, deren Grundstücke er für seinen Palast begehrte, und später kursierte die Behauptung, er habe das Feuer selbst gelegt und dazu die Leier gespielt. Sein Versuch, die Schuld den Christen zuzuweisen, stieß selbst bei Autoren auf Abscheu, die den Christen sonst feindlich gegenüberstanden.

An diesem Punkt zeigt sich, was das Amt inzwischen bedeutete: Der Kaiser galt als persönlich verantwortlich für die Katastrophen ebenso wie für die Wohltaten, die seine Untertanen erlebten.

Der Wiederaufbau verschlang Summen, die weder das kaiserliche Haus noch das Reich aufbrachten. Neros Entwürfe für einen neuen Palast waren gewaltig und erforderten die Enteignung von Vierteln, in denen seit jeher die senatorische Führungsschicht wohnte; den großen Familien verweigerte er die Erlaubnis, ihre Stadthäuser auf Grundstücken wiederaufzubauen, die er für seinen Palastbau brauchte. Hier prallten die Interessen von Kaiser und Senat unauflösbar aufeinander.

Nicht nur Senatoren litten. Die kostenlose Getreideverteilung musste zeitweise ausgesetzt werden, und ein Teil der Truppen erhielt keinen Sold. Nero soll die Magistrate angewiesen haben, möglichst viele Verfahren mit Verurteilung und Vermögenseinzug enden zu lassen. In Africa ließ er sechs Großgrundbesitzer hinrichten und deren Ländereien einziehen, angeblich die halbe Provinz. Tempelschätze wurden eingeschmolzen. Der Bedarf an Edelmetall erzeugte in den Provinzen erhebliche Erbitterung und trug unmittelbar zu zwei Erhebungen bei. Im Mai 66 ließ der Prokurator von Iudaea, Gessius Florus, siebzehn Talente aus dem Tempelschatz in Jerusalem entnehmen, angeblich für den Kaiser. Den Protest dagegen beantwortete er mit Gewalt, und aus den folgenden Unruhen erwuchs der Jüdische Krieg.

Die Verschwörung des Piso

Weil Nero die Nachkommen des Augustus bis auf wenige beseitigt hatte, kamen als Kandidaten nun auch Männer in Betracht, deren Verbindung zum Kaiserhaus weit entfernter war. Einer der Überlebenden, der junge Silanus Torquatus, bereitete gerade deshalb Sorge: Piso fürchtete, wie der Historiker Tacitus berichtet, dieser könne ihm die Herrschaft streitig machen. Die Wahl der Verschwörer von 65 fiel auf Gaius Calpurnius Piso, dem Caligula einst die Ehe mit Livia Orestilla verboten und den Claudius aus der Verbannung zurückgeholt hatte. Beteiligt waren Faenius Rufus, einer der beiden Gardepräfekten, der den Einfluss seines Kollegen Tigellinus fürchtete, drei Prätorianertribunen und der designierte Konsul Plautius Lateranus. Nach Neros Ermordung im Zirkus sollte Claudius‘ Tochter Antonia in das Prätorianerlager gebracht werden, um der Sache Legitimität zu verleihen. Republikanisch war an dem Plan nichts.

Die Folge war, dass Nero fortan auch jene fürchtete, die nicht mit ihm verwandt waren. Er ließ eine außerordentliche Zahl von Verdächtigen beseitigen, darunter Seneca. Wer weiterhin als zuverlässig galt, wurde belohnt: Triumphabzeichen für Tigellinus, für Petronius Turpilianus und für den späteren Kaiser Cocceius Nerva. Auf den Listen der folgenden beiden Jahre stehen Senecas Brüder Annaeus Mela, der Vater des bereits zum Selbstmord gezwungenen Dichters Lucan, und Gallio, der in der Apostelgeschichte als Statthalter von Achaia auftritt; dazu Petronius, der Stoiker Thrasea Paetus und Barea Soranus. Der Stoizismus lieferte manchem dieser Männer die Sprache für seinen Widerstand. Eine Partei bildeten sie nicht, und philosophische Vorstellungen vom guten Königtum waren nicht der Grund ihrer Gegnerschaft.

Der Tod des Senecas, 1773

Griechenland

Neros eigentliches Interesse galt weiterhin dem Ruhm, den er als öffentlich Auftretender gewinnen konnte; nur die Griechen, soll er gesagt haben, verstünden sich auf wirkliche Kunst. Für seine Reise mussten die im Vierjahresrhythmus gefeierten Spiele umgelegt werden, damit er teilnehmen und die Preise davontragen konnte. Beliebt machte ihn das in Griechenland tatsächlich; in Korinth vollzog er noch einmal die Freilassung Griechenlands aus der römischen Verwaltung nach, wie Flamininus sie 196 v. Chr. verkündet hatte.

Unterdessen wurde in Beneventum eine weitere Verschwörung aufgedeckt, an deren Spitze Annius Vinicianus stand, der Schwiegersohn und wichtigste Anhänger Corbulos. Nero rief den Feldherrn nach Griechenland und befahl ihm, sich das Leben zu nehmen; kurz darauf traf dasselbe die Legaten der beiden Rheinheere, die Brüder Scribonius Proculus und Scribonius Rufus. Damit hatte der Kaiser innerhalb weniger Monate die drei fähigsten Heerführer des Reiches beseitigt. In Iudaea, wo Cestius Gallus im November 66 gescheitert und bald darauf gestorben war, setzte er im Februar 67 Mucianus als Legaten Syriens und Vespasian als Befehlshaber des Krieges ein.

Rückkehr

Im Winter 67/68 wurde Helius und den übrigen Verwaltern in der Hauptstadt klar, dass die künstlerischen Siege ihres Herrn dessen Stellung bei der römischen Oberschicht eher geschwächt als gestärkt hatten. Helius überquerte im Januar trotz der Winterstürme die Adria, um Nero zur sofortigen Rückkehr zu bewegen. Anlass war eine Reihe von Briefen, mit denen Gaius Iulius Vindex, vermutlich Legat der Gallia Lugdunensis, andere Statthalter zum Sturz des Kaisers aufrief; einige Empfänger leiteten die Schreiben über die kaiserlichen Prokuratoren nach Rom weiter.

Nero reiste zurück, doch seine erste Sorge galt der Ehrung als olympischer Sieger: Er ließ in die Mauern der Städte, die er auf dem Weg über Neapel passierte, eigens Breschen schlagen, um mit dem Wagen hindurchzufahren. Die Nachricht vom Abfall des Vindex erreichte ihn in Neapel, und zwar am Jahrestag der Ermordung seiner Mutter. Er reagierte darauf mit deutlich weniger Aufregung.


Zum Weiterlesen

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Beard, M. (2024): Die Kaiser von Rom: Herrscher über Volk und Reich.*

Clauss, M. (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*

Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*

Bildnachweis

Titel: Der Brand von Rom, 18. Juli 64 n. Chr., Gemälde von 1785.

Münzen: Wikimedia Commons, Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com. CC BY-SA 3.0.

Nero und Aggripina Statue: Wikimedia Commons, Carlos Delgado. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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