Giovanni di Bicci de’ Medici verlegte 1397 den Mittelpunkt seines Bankgeschäfts nach Florenz. Er brachte Erfahrungen aus Rom mit, wo er für das Unternehmen seines Verwandten Vieri gearbeitet und schließlich dessen dortige Geschäfte übernommen hatte. Aus dieser Verbindung ging eine Firma hervor, deren wichtigste Einnahmequelle noch lange außerhalb ihrer Heimatstadt lag.
Die Entscheidung verband unterschiedliche Möglichkeiten. In Florenz konnte Giovanni mit Geschäftspartnern ein eigenes Unternehmen aufbauen und seine Stellung als Bürger festigen. Die päpstliche Kurie bot ihm dagegen Zugang zu Geldströmen, die weite Teile Europas durchliefen. Die Verbindung beider Orte machte den Aufstieg der Familie möglich. Politischen Einfluss musste Giovanni aus den Einnahmen jedoch erst gewinnen.
Ein Bankier für eine bewegliche Kurie

Kirchliche Einkünfte fielen an vielen Orten an und mussten zu ihren Empfängern gelangen. Die päpstliche Verwaltung benötigte dafür Kaufleute mit Vertrauenspersonen außerhalb Roms. Diese zogen die Gelder vor Ort ein und verrechneten Forderungen miteinander. Ihre Zahlungswege ermöglichten die Weiterleitung; außerdem konnten sie dem Auftraggeber Geld vorschießen.
Das war während der Kirchenspaltung ein gefährliches Geschäft. Seit 1378 beanspruchten konkurrierende Päpste die Leitung der lateinischen Christenheit. Der Versuch, die Spaltung 1409 durch eine Neuwahl in Pisa zu beenden, brachte zunächst einen dritten Anspruchsteller hervor. Ein Bankier musste damit rechnen, dass der Mann, dessen Zahlungen er abwickelte, seine Stellung wieder verlor.
Giovanni arbeitete eng mit Baldassare Cossa zusammen, der 1410 als Johannes XXIII. zum Papst der Pisaner Richtung gewählt wurde. Heute zählt ihn die katholische Kirche als Gegenpapst. Für die Medici war er ein einflussreicher Auftraggeber, dessen politische Unternehmungen laufend Geld erforderten. Die Bank verdiente an Finanzgeschäften der Kurie und gewann Zugang zu ihren Würdenträgern.
Die Verbindung verlangte mehr als den Empfang kirchlicher Einnahmen. Es ging auch darum, große Zahlungen zu organisieren und dafür Sicherheiten entgegenzunehmen. Giovanni stellte seine Geschäftserfahrung in den Dienst eines Herrschers, der über weitreichende Ansprüche verfügte, seine Macht in Italien aber immer wieder militärisch und diplomatisch behaupten musste.
Gewinne und ein gestürzter Kunde
Die römischen Geschäfte wurden zum wirtschaftlichen Schwerpunkt. Zwischen 1397 und 1420 stammte mehr als die Hälfte der Gewinne des Bankhauses aus diesem Bereich. Die Florentiner Wollbetriebe trugen erheblich weniger bei. Dass die Familie in mehreren Gewerben tätig war, darf deshalb den Blick auf die Herkunft ihres rasch wachsenden Vermögens nicht verstellen.
Neue Niederlassungen erweiterten die Möglichkeiten der Firma. 1402 kam eine Filiale in Venedig hinzu. Die räumliche Verteilung schuf zusätzliche Geschäftsverbindungen und verringerte die Abhängigkeit von einem einzigen Ort. Sie erforderte allerdings zuverlässige Leiter, deren Entscheidungen Giovanni aus der Ferne kontrollieren musste.
1415 setzte das Konzil von Konstanz Johannes XXIII. ab. Für die Medici fiel damit ein wichtiger politischer Rückhalt weg. Die Beziehungen zur päpstlichen Finanzverwaltung gingen dennoch nicht dauerhaft verloren. Nach wechselnden Verhältnissen und dem Zusammenbruch des konkurrierenden Bankhauses Spini konnten sie ihre Stellung unter Martin V. wieder festigen. Seit 1422 lag das wichtige Amt des Generaldepositars erneut bei einem Leiter ihrer römischen Filiale.
Die spätere Erfolgsgeschichte verdeckt leicht diese Unterbrechungen. Giovannis Firma war nicht durch einen einzigen Papstauftrag für alle Zukunft gesichert. Sie musste einen Wechsel an der Spitze der Kirche überstehen und sich gegenüber konkurrierenden Bankiers behaupten. Geschäftliche Erfahrung blieb auch dann nötig, wenn bereits Verbindungen zu den höchsten Auftraggebern bestanden.
Ein Kredit konnte die Amtsfähigkeit retten
In Florenz besaß Geld einen unmittelbaren politischen Nutzen. Wer Steuern nicht bezahlen konnte, riskierte den Eintrag in das Verzeichnis der säumigen Schuldner, das specchio. Damit konnte die Berechtigung verloren gehen, öffentliche Ämter zu übernehmen. Seit dem Zusammenbruch großer Handelsfirmen in den 1340er-Jahren und den wiederkehrenden Pestwellen waren auch Zweige alter Familien verarmt. Unter ihnen befanden sich Haushalte, die in das Schuldnerverzeichnis gerieten.
Ein zinsgünstiges oder sogar zinsloses Darlehen ermöglichte die Zahlung und hielt dem Empfänger den Weg in die Politik offen. Auch Geld für eine Mitgift band einen Haushalt an seinen Förderer. Für den Bankier entstand daraus eine Beziehung zu einem Mann, der womöglich bald in einer Beratung oder einem Rat über wichtige Fragen mitentschied.
Die Empfänger behielten eigene Interessen und weitere Verbindungen. Wer wiederholt Unterstützung erhielt, musste zugleich berücksichtigen, was er einem Förderer schuldete und welche Hilfe er künftig noch benötigen würde. Die politischen Folgen eines Kredits konnten deshalb länger anhalten als die eigentliche Rückzahlung.
Giovanni bewegte sich in einer Stadt, deren führende Familien diese Praxis bereits kannten. Seine Stärke lag in den verfügbaren Mitteln und in der Reichweite seiner Geschäftsverbindungen. Gewinne aus kirchlichen Finanzgeschäften konnten in Florenz dort eingesetzt werden, wo sie einer bedrohten gesellschaftlichen Stellung aufhalfen.
Besitz im Mugello
Ein erheblicher Teil des Vermögens floss in Grundbesitz. Im Steuerverzeichnis von 1427 ließ Giovanni neben städtischen Immobilien 57 Bauernhöfe erfassen; 51 davon lagen im Mugello, der Herkunftsregion seiner Familie nördlich von Florenz. Die räumliche Konzentration war für die Stellung der Medici bedeutsam.
Landbesitz brachte Einnahmen und konnte Schwankungen des Bankgeschäfts abfedern. Zugleich entstanden Beziehungen zu Menschen, die auf die Vermittlung eines einflussreichen Florentiners angewiesen waren. Wer in der Hauptstadt bei einer Behörde vorsprechen oder einen Streit klären musste, konnte sich an den Besitzer wenden, mit dessen Haushalt er bereits verbunden war.
Die Landhäuser gaben der Familie Aufenthaltsorte außerhalb der Stadt und in einer Krise Rückzugsmöglichkeiten. Ihre Vermittlung bei Florentiner Behörden schuf zugleich einen örtlich konzentrierten Anhang. Der Grundbesitz im Mugello verband so Einkünfte mit Menschen, die im Streitfall auf die Medici als Fürsprecher angewiesen waren.
Ein Bürger mit öffentlichen Aufgaben
Giovanni vermied einen demonstrativen Anspruch auf die Führung der Republik. Er nahm gleichwohl an ihrer Politik teil. Er gehörte mehrfach der Signoria an und bekleidete 1421 das Amt des Gonfaloniere di giustizia, des Vorsitzenden der Signoria. Auch diplomatische Aufgaben führten ihn in den Dienst der Stadt. Seine Laufbahn verband Zurückhaltung mit anerkannter öffentlicher Tätigkeit.
Bei San Lorenzo setzte er einen weiteren Teil seines Reichtums ein. Die Förderung der Kirche band die Familie an ihr Wohnquartier. Bauaufträge brachten Arbeit in die Werkstätten; die Stiftung einer Sakristei schuf zugleich einen religiösen Ort für die Erinnerung an das eigene Haus. Frömmigkeit und Familienansehen griffen dabei ineinander.
Der neue Steuerkataster von 1427, der catasto, machte öffentlich sichtbar, wie groß Giovannis Vermögen inzwischen geworden war. Spätere Darstellungen schrieben ihm eine fast alleinige Rolle bei der Durchsetzung des catasto zu. Tatsächlich entstand die Reform aus der Finanznot der Republik und wurde auch von anderen führenden Politikern getragen. Giovannis späteres Bild als besonderer Beschützer der weniger Begüterten darf deshalb nicht unmittelbar als Bericht über die Entstehung des Gesetzes gelesen werden.
Um 1420 trat sein Sohn Cosimo bei der Leitung des Unternehmens stärker hervor. Giovanni blieb mit den Geschäften verbunden, während die nächste Generation Verantwortung übernahm. Bei seinem Tod 1429 hinterließ er eine Firma mit auswärtigen Standorten und einen umfangreichen Grundbesitz. In Florenz lebten Bürger, deren erhaltene Stellung mit der Hilfe seines Hauses zusammenhing. Zwei Jahre vor seinem Tod galt Giovanni als zweitreichster Mann von Florenz. Der Steuerkataster machte damit auch für seine Nachbarn sichtbar, welche Mittel hinter den Hilfen seines Hauses standen.

Zum Weiterlesen
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Reinhardt, V. (2009): Geld und Freunde. Wie die Medici die Macht in Florenz eroberten.* Darstellung der politischen Verfahren und persönlichen Verbindungen im Florenz des frühen 15. Jahrhunderts.
Reinhardt, V. (2022): Die Medici. Florenz im Zeitalter der Renaissance.* Überblick über die Familie und die p
Bildnachweise
Titel: Giovanni di Bicci de’ Medici. Posthumes Porträt aus dem 16. Jahrhundert, auf der Dateiseite der Bronzino-Werkstatt zugeordnet.
Alte Sakristei von San Lorenzo: Alte Sakristei von San Lorenzo: Giacomo.spiller, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.


