Im Oktober 1496 heirateten Philipp der Schöne und Johanna von Kastilien in Lier, einer Stadt im heutigen Belgien. Der Bräutigam war der Sohn des römisch-deutschen Königs Maximilian I. und Marias von Burgund. Die Braut war eine Tochter Isabellas von Kastilien und Ferdinands von Aragón. Die Verbindung sollte ein Bündnis gegen Frankreich festigen. Dass ihre Nachkommen einmal über die spanischen Königreiche herrschen würden, war bei der Hochzeit eine entfernte Möglichkeit. In der Erbfolge standen Johannas älterer Bruder Juan und ihre ältere Schwester Isabella vor ihr.
Zwei Familien suchen Verbündete
Maximilian hatte jahrelang mit Frankreich um das Erbe seiner verstorbenen Frau gerungen. Seit 1494 regierte Philipp die burgundischen Erbländer selbst. Dazu gehörten die wohlhabenden Niederlande, deren Städte vom Handel und von der Tuchherstellung lebten. Eine Verbindung mit den Herrschern auf der Iberischen Halbinsel versprach den Habsburgern Rückhalt gegenüber ihrem westlichen Nachbarn.
Auch Isabella und Ferdinand suchten Verbündete gegen Frankreich. Besonders in Italien konkurrierten Ferdinand und die französischen Könige um Einfluss und Herrschaft. Die beiden Familien vereinbarten deshalb eine doppelte Heirat: Philipp sollte Johanna heiraten, seine Schwester Margarete den Thronfolger Juan. Die zweite Hochzeit fand 1497 statt.
Isabella und Ferdinand regierten ihre Länder gemeinsam, doch Kastilien und Aragón behielten ihre eigenen Gesetze und Einrichtungen. Die Ehe des Herrscherpaares verband die Kronen miteinander; ihre jeweilige Nachfolge musste gesondert geregelt werden. Für Johanna bedeutete das später, dass sie die Herrschaft ihrer Mutter und die ihres Vaters zu unterschiedlichen Zeitpunkten erbte.

Todesfälle verändern die Erbfolge
Im Oktober 1497 starb Juan wenige Monate nach seiner Hochzeit. Margarete war schwanger, doch auch ihr Kind überlebte nicht. Nun rückte Johannas ältere Schwester Isabella an die erste Stelle. Sie war mit König Manuel I. von Portugal verheiratet und brachte 1498 einen Sohn zur Welt, Miguel. Bei der Geburt starb sie.
Mit Miguel verband sich die Aussicht, die Kronen Portugals, Kastiliens und Aragóns künftig in einer Hand zu vereinigen. Doch der Junge starb im Jahr 1500 im Alter von knapp zwei Jahren. Damit wurde Johanna zur Erbin ihrer Eltern. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Bedeutung ihrer Ehe mit Philipp grundlegend verändert.
Im selben Jahr war in Gent ihr Sohn Karl geboren worden. Er hatte nun Aussicht auf das burgundische Erbe seines Vaters und auf die spanischen Kronen über seine Mutter. 1502 reisten Philipp und Johanna nach Spanien. In Toledo erkannten die kastilischen Cortes, die Versammlung der Vertreter des Königreichs, Johanna und ihren Gemahl als künftige Nachfolger an.
Philipp kehrte 1503 in die Niederlande zurück. Johanna blieb zunächst bei ihren Eltern und folgte ihm 1504. Ihre Ehe geriet zunehmend in Spannungen. Zugleich wurde die Frage dringlicher, wer nach Isabellas Tod tatsächlich über Kastilien regieren würde.
Eine Königin und zwei Männer, die regieren wollen
Isabella starb am 26. November 1504. Johanna wurde Königin von Kastilien. Ferdinand blieb König von Aragón; seine Stellung in Kastilien beruhte nun auf den Bestimmungen im Testament seiner Frau. Isabella hatte vorgesehen, dass er die Regierung im Namen ihrer Tochter übernehmen sollte, falls Johanna abwesend wäre oder die Regierung nicht selbst führen wollte oder konnte.
Johanna und Philipp hielten sich zu diesem Zeitpunkt in den Niederlanden auf. Ferdinand übernahm deshalb zunächst die Regierung. Philipp beanspruchte jedoch als Gemahl der Königin selbst die Herrschaft. Unter den kastilischen Adligen fand er Unterstützer, die Ferdinands Einfluss zurückdrängen wollten und sich von einem neuen Herrscher Vorteile versprachen.
Im November 1505 verständigten sich Ferdinand und Philipp auf eine gemeinsame Regierung mit Johanna. Die Vereinbarung ließ den Streit um die tatsächliche Macht offen. Beide Männer sammelten weiterhin Anhänger. Johannas Erbrecht bildete die Grundlage ihrer Ansprüche, während ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten immer enger wurden.
Im April 1506 kamen Philipp und Johanna in Spanien an. Zahlreiche Adlige schlossen sich Philipp an. Ferdinand verlor so viel Unterstützung, dass er im Vertrag von Villafáfila im Juni auf die Regierung Kastiliens verzichtete. Die Cortes in Valladolid erkannten Philipp als König an der Seite Johannas an. Der Habsburger hatte sich gegen seinen Schwiegervater durchgesetzt.
Im Machtkampf beriefen sich beide Männer auch auf Johannas seelische Verfassung. Zeitgenössische Berichte schildern schwere Krisen und heftige Konflikte mit ihrem Gemahl. Wie weit sie dadurch in ihrer Fähigkeit zu regieren beeinträchtigt war, bleibt umstritten. Die Berichte entstanden, während ihr Vater und ihr Mann um die Regierung Kastiliens stritten. Der verbreitete Beiname „die Wahnsinnige“ verdeckt diesen politischen Zusammenhang.

Ein früher Tod öffnet den Machtkampf erneut
Philipps Herrschaft dauerte nur wenige Monate. Am 25. September 1506 starb er nach kurzer Krankheit in Burgos. Er war 28 Jahre alt. Die genaue Todesursache lässt sich heute kaum sicher bestimmen. Schon damals kursierten Gerüchte über eine Vergiftung; ein Giftmord ist jedoch nicht belegt. Mit seinem Tod verlor die Partei, die Ferdinand aus Kastilien verdrängt hatte, ihren wichtigsten Anführer.
Johanna blieb Königin. Um die Macht wurde erneut gerungen: Anhänger Ferdinands standen denjenigen gegenüber, die den Einfluss der Habsburger sichern wollten. Auch Johanna hatte Unterstützer, die ihre eigene königliche Autorität verteidigten. 1507 kehrte Ferdinand nach Kastilien zurück und übernahm wieder die Regierung im Namen seiner Tochter.
1509 ließ er Johanna in den königlichen Palast von Tordesillas bringen. Dort blieb sie bis zu ihrem Tod 1555 eingeschlossen. Ihr Haushalt und der Zugang zu ihr wurden kontrolliert. Ihre königlichen Rechte bestanden währenddessen fort.
Das Erbe gelangt an die nächste Generation
Der sechsjährige Karl hatte nach dem Tod seines Vaters dessen burgundische Länder geerbt. Seine Tante Margarete übernahm 1507 die Regentschaft in den Niederlanden für ihn. Der Junge wuchs am niederländischen Hof auf.
Ferdinand starb 1516. Nun erbte Johanna auch die Krone Aragóns. Karl nahm neben seiner Mutter den Königstitel an und beanspruchte die Regierung der spanischen Reiche. Johannas Name blieb in den Herrschertiteln erhalten; die tatsächliche Macht ging an ihren Sohn. Auch unter seiner Herrschaft blieb sie in Tordesillas festgehalten.
Die Hochzeit von 1496 hatte eine Verbindung geschaffen, aus der durch unerwartete Todesfälle ein weitreichender Erbanspruch erwuchs. Mit Karl kamen das burgundische Erbe und die spanischen Kronen bei einem Habsburger zusammen.
Zum Weiterlesen
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Heimann, H.-D. (2025): Die Habsburger. Dynastie und Kaiserreiche.*
Rady, M. (2021): Die Habsburger. Aufstieg und Fall einer Weltmacht.*
Bildnachweis
Titel: Verlobung Philipp der Schöne und Johanna von Kastilien, 1919.
Alle Bilder gemeinfrei.




