Die Sonne über Rom stand im Sommer des Jahres 219 ungewöhnlich hoch, als ein jugendlicher Priester aus dem fernen Syrien die Ewige Stadt betrat. Er kam als Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus. In kostbare, purpurne Seidengewänder gehüllt, die Augen schwarz geschminkt und das Haupt von einer Tiara gekrönt, bot der etwa fünfzehnjährige Kaiser einen Anblick, der die stadtrömische Führungsschicht tief verstörte.
Diese Prozession wich radikal von jeder Tradition ab: Elagabal, wie ihn die Nachwelt nach seinem Gott nennen sollte, lief die gesamte Strecke vom Stadttor bis zum Palatin rückwärts. Den Blick hielt er dabei unablässig auf einen schwarzen, kegelförmigen Stein gerichtet, der auf einem goldverzierten Wagen thronte. Dieses Rückwärtsgehen war ein Akt totaler religiöser Unterwerfung: Ein Hohepriester durfte seinem Gott niemals den Rücken zuwenden. Dass der Herr der römischen Welt als bloßer Diener eines Steines auftrat, untergrub die Autorität des Amtes und die über Jahrhunderte gewachsene Ordnung der Elite.
Der Weg aus der Wüste
Der Aufstieg des Varius Avitus Bassianus war das Werk entschlossener Frauen, allen voran seiner Großmutter Julia Maesa. Nach dem Tod ihrer Schwester, der Kaiserin Julia Domna (217 n. Chr.), die sich nach der Ermordung ihres Sohnes Caracalla das Leben genommen hatte, war Maesa vom neuen Kaiser Macrinus des Hofes verwiesen worden. In ihr syrisches Exil nach Emesa nahm sie jedoch ein gewaltiges Privatvermögen und exzellente Kontakte zum Militär mit. In einem geschickten Manöver streute sie die politisch kalkulierte Lüge, der junge Bassianus sei in Wahrheit ein leiblicher Sohn des bei den Soldaten populären Caracalla.
Mit dem Gold der syrischen Dynastie bestach sie die im Osten stationierte Legio III Gallica. Am 16. Mai 218 wurde der Junge zum Kaiser ausgerufen. Macrinus versuchte verzweifelt, die Kontrolle zu behalten, doch am 8. Juni 218 kam es zur entscheidenden militärischen Konfrontation. In der Schlacht bei Immae, unweit von Antiochia, standen sich die Truppen gegenüber. Die Flucht des Macrinus vom Schlachtfeld führte zum Zusammenbruch seiner Linien. Der Weg nach Rom war frei für einen Herrscher, der sich primär als Oberpriester des Sonnengottes El-Gabal verstand.
Ein Stein besiegt Jupiter

In Rom angekommen, begann Elagabal unverzüglich mit der religiösen Umgestaltung des Reiches. Auf dem Palatin ließ er das Elagabalium errichten. Es war ein prachtvoller Tempel für das heilige Zentrum seines Kultes: einen sogenannten Baetyl. Dieser Fachbegriff bezeichnet in der antiken Levante Steine, in denen die Gottheit als gegenwärtig gedacht wurde. Dieser schwarze Kultstein, dessen Herkunft als Meteorit oft vermutet wurde, galt den Zeitgenossen als direktes Abbild der Sonne. Elagabal ordnete an, dass dieser Stein über Jupiter, den traditionellen Schutzgott Roms, gestellt wurde.
Der Kaiser zwang die Senatoren, seinen rituellen Tänzen beizuwohnen. Während er im Rhythmus von Trommeln und Zimbeln um den Altar kreiste, sahen die Patrizier die Vormachtstellung ihrer eigenen Götter und damit den Kern ihres politischen Einflusses schwinden. Der Kaiser ersetzte die vertrauten Riten durch konkrete, fremdartige Praktiken: Er ließ täglich hunderte Stiere schlachten und opferte kostbare Weine in einem Ausmaß, das selbst den römischen Adel fassungslos machte. Elagabal wollte seinen Gott nicht nur in den Pantheon einreihen, er wollte ihn mit der kaiserlichen Familie verschmelzen.
Bruch mit den Tabus: Die göttliche Hochzeit

Um diese Verbindung zu besiegeln, wählte Elagabal eine Gemahlin, die das römische Recht aufs Äußerste herausforderte: Aquilia Severa, eine Vestalische Jungfrau. Für die Römer war dies ein unverzeihliches Verbrechen. Die Vestalinnen hüteten das heilige Feuer Roms; ihre Keuschheit galt rechtlich und religiös als Garant für das Überleben des Staates. Elagabal begründete die Ehe mit dem Ziel, „gottgleiche Kinder“ zu zeugen. Er wollte die kaiserliche Herrschaft von der Bestätigung durch den Senat lösen und sie allein auf die göttliche Abstammung gründen.
Diese demonstrative Missachtung aller Regeln zeigt sich auch in den Berichten über sein Privatleben. Während er nach außen die Rolle des göttlichen Stammvaters beanspruchte, berichten Quellen wie Cassius Dio von seinem Wunsch, die weibliche Rolle einzunehmen. Er soll den Wagenlenker Hierocles geheiratet und Ärzte um eine Operation gebeten haben, die ihm eine Vagina verschaffen sollte.
Historisch ist hier Vorsicht geboten: Diese Erzählungen dienten dazu, Elagabal als das Gegenteil des römischen Ideals eines disziplinierten, normtreuen Mannes darzustellen. Ob er tatsächlich eine weibliche Identität hatte oder ob die Chronisten lediglich möglichst viele Skandale aneinanderreihten, um seinen Sturz zu rechtfertigen, bleibt ungeklärt. Sicher ist: Durch sein Verhalten verlor er das Vertrauen der einzigen Institution, die ihn physisch schützen konnte – der Armee.
Das Ende im Tiber
Julia Maesa, die als Augusta und erste Frau mit Sitz im Senat die tatsächlichen Fäden der Verwaltung und der Finanzen in der Hand hielt, erkannte die Gefahr. Als sie sah, dass die religiöse Radikalität ihres Enkels die gesamte Dynastie bedrohte, entzog sie ihm ihre Unterstützung. Sie nutzte ihre Kontrolle über die Soldzahlungen und ihr Netzwerk innerhalb der Garde, um ihren zweiten Enkel, den besonnenen Severus Alexander, als Rückkehr zur alten militärischen Disziplin aufzubauen.
Im Juni 221 wurde Alexander zum Caesar ernannt. Elagabal erkannte zu spät, dass er die Kontrolle über die Prätorianergarde verloren hatte. Am 11. März 222 eskalierte die Situation im Lager der Leibwache. Als Elagabal versuchte, Alexander-Anhänger verhaften zu lassen, wandten sich die Soldaten gewaltsam gegen ihn.
Der achtzehnjährige Kaiser versuchte zu fliehen und versteckte sich in einer Kiste. Er wurde jedoch entdeckt und zusammen mit seiner Mutter Julia Soaemias erschlagen. Die Leichen wurden durch die Straßen Roms geschleift und schließlich in den Tiber geworfen. Es folgte die damnatio memoriae – die offizielle Auslöschung seines Andenkens aus dem öffentlichen Gedächtnis. Sein Name wurde aus Inschriften getilgt, seine Statuen wurden umgearbeitet oder zerstört.
Blick in die Zukunft
Mit dem Tod Elagabals kehrte unter Severus Alexander zunächst die gewohnte Ordnung zurück. Der Baetyl wurde nach Emesa zurückgeschickt. Doch diese vier Jahre waren ein Wendepunkt. Sie zeigten, dass das römische Zentrum nun endgültig für Einflüsse aus dem Osten offenstand. Knapp fünfzig Jahre später erhob Kaiser Aurelian den Kult des Sol Invictus erneut zur Staatsreligion. Er tat dies jedoch klüger: Er verband die Sonne mit der militärischen Stärke des Reiches. Elagabal war gescheitert, weil er Rom zwingen wollte, eine fremde Identität anzunehmen, ohne die Traditionen zu achten, auf denen die kaiserliche Autorität basierte.

Zum Weiterlesen
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Ehling, K. (2025): Die Kaiser Roms: Von Augustus bis Justinian.*
Eich, A. (2019): Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.*
Christ, K. (2023): Die Römische Kaiserzeit: Von Augustus bis Diokletian.*
Clauss, Manfred (2011): Die römischen Kaiser: 55 historische Portraits von Caesar bis Iustinian.*
Bildnachweis
Titel: Wanderung des Baetyls von Elgabal. Illustration von Auguste Leroux, 1902.
Münze Baetyl: Wikimedia Commons, Saperaud. CC BY-SA 3.0.
Münze Elagabal: Wikimedia Commons, Elagabalus.CC BY-SA 3.0.
Amphitheatrum Castrense: Wikimedia Commons, Lalupa. CC BY-SA 3.0.




