Im Juni 1945 fährt die Berliner Journalistin Ruth Andreas-Friedrich mit einem Begleiter nach Osten. An einer Autobahn begegnen sie Menschen, die in die Gegenrichtung ziehen. Sie tragen ihre wenigen Besitztümer auf dem Rücken. Ein Junge versucht, seine verletzten Fußsohlen zu entlasten. Ein Mann zieht eine alte Frau auf einem kleinen Leiterwagen hinter sich her.
In ihrem Tagebuch hält Andreas-Friedrich fest, aus welchen Gegenden die Menschen kommen: Manche haben in Ostpreußen gelebt, andere in Schlesien. Jetzt bewegen sie sich durch ein Land, dessen Städte zerstört sind und dessen Behörden kaum wissen, wo sie die Ankommenden unterbringen sollen.
Der Krieg ist seit wenigen Wochen vorbei. Für diese Menschen hat die Suche nach einem sicheren Ort damit noch kein Ende gefunden. Einige sind vor der Roten Armee geflohen. Andere haben ihre Heimat erst nach dem Ende der Kämpfe unter Zwang verlassen. Beide Gruppen treffen in den Besatzungszonen auf eine Bevölkerung, die selbst unter den Kriegsfolgen leidet.
Die Flucht vor der Front
Der Vormarsch der sowjetischen Truppen hatte seit dem Winter 1944/45 Millionen Menschen nach Westen getrieben. In den Flüchtlingstrecks befanden sich viele Frauen mit ihren Kindern. Ihre Männer dienten noch in der Wehrmacht oder waren bereits gefallen. Wer keinen Platz in einem Zug fand, versuchte, mit einem Wagen oder zu Fuß den Kämpfen zu entkommen.
Zu ihnen gehörte die sechzehnjährige Ursula Wullenkordt aus Markthausen in Ostpreußen. Ihre Mutter führte den landwirtschaftlichen Betrieb allein, während der Vater an der Front war. Im Januar 1945 befahl der Bürgermeister ihnen, den Ort zu verlassen. Sie luden das Nötigste auf einen Pferdewagen und ließen die Tiere auf dem Hof zurück. Die Front war bereits so nahe, dass sie den Gefechtslärm hören konnten.
Auf dem Weg nach Westen verloren Mutter und Tochter einander während eines Bombenangriffs in Pillau, dem ostpreußischen Hafen an der Ostsee. Ursula gelangte schließlich auf die Halbinsel Hela bei Danzig. Nach ihrem späteren Bericht erreichte sie am 7. Mai mit anderen Flüchtlingen per Schiff die dänische Insel Bornholm. Von dort kam sie auf einem Fischkutter nach Eckernförde in Schleswig-Holstein.
Der Weg dauerte Monate. Er bestand aus wechselnden Transporten und der Suche nach einer Unterkunft, in der man wenigstens vorübergehend bleiben konnte. Die Angst vor sowjetischen Soldaten hatte viele zur Flucht bewogen. Gewalt gegen Zivilisten während des Vormarschs bestätigte diese Furcht. Zugleich brachten die Kämpfe selbst Menschen in Lebensgefahr. Familien wurden getrennt, und viele erreichten die westlicher gelegenen Gebiete ohne Nachricht von ihren Angehörigen.

Die Heimat wird unerreichbar
Nach der deutschen Kapitulation drängten die neuen Machthaber in den Gebieten, die künftig zu Polen gehören sollten, und in der Tschechoslowakei auf die Ausweisung der deutschen Bevölkerung. Aus Menschen, die zeitweilig Schutz vor den Kämpfen gesucht hatten, wurden dadurch häufig Menschen, die dauerhaft ihre Heimat verloren.
Diese Entscheidungen entstanden aus dem Krieg, den das nationalsozialistische Deutschland begonnen hatte. Deutsche Besatzer hatten in Osteuropa Menschen aus ihren Häusern vertrieben und ganze Bevölkerungsgruppen verfolgt. Der Vernichtungskrieg hatte besonders in Polen und der Sowjetunion ungeheure Zerstörungen hinterlassen. Die Regierungen der betroffenen Staaten wollten nach dem Sieg verhindern, dass Deutschland erneut Gebietsansprüche erhob und deutsche Minderheiten dafür benutzte.
Hinzu kam die Verschiebung Polens nach Westen. Die Sowjetunion behielt die ostpolnischen Gebiete, die sie 1939 besetzt hatte. Polen sollte dafür bisher deutsche Gebiete erhalten. Noch vor dem Kriegsende übergab die sowjetische Führung große Teile des Landes östlich von Oder und Lausitzer Neiße einer polnischen Verwaltung. Das nördliche Ostpreußen mit Königsberg blieb unter sowjetischer Herrschaft.
Für die deutschen Bewohner bedeutete dieser Wechsel mehr als neue Behörden. Sie verloren vielfach ihr Eigentum und wurden aus ihren Wohnorten gedrängt. Bereits im Frühjahr und Sommer 1945 fanden Ausweisungen statt, die mit Misshandlungen und anderen Gewalttaten einhergingen. Auch Menschen, die nach der Flucht zurückkehren wollten, konnten ihren früheren Besitz nicht wieder übernehmen.
Die deutsche Kriegführung erklärt den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dieser Vorgänge. Über die persönliche Verantwortung der einzelnen Vertriebenen sagte sie nichts aus. Unter ihnen befanden sich Anhänger des NS-Regimes ebenso wie dessen Gegner. Kinder hatten an den Entscheidungen der deutschen Führung keinen Anteil.
Was Potsdam veränderte
Auf der Konferenz von Potsdam berieten die Regierungschefs der Sowjetunion, der Vereinigten Staaten und Großbritanniens im Sommer 1945 über das besiegte Deutschland. Die amerikanische und britische Regierung stimmten zu, die noch in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn lebenden Deutschen in die Besatzungsgebiete zu überführen. Diese Transporte sollten in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“ erfolgen.
Damit billigten die Westmächte die Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus diesen Staaten. Sie trafen die Entscheidung zu einem Zeitpunkt, an dem Flucht und Vertreibung bereits Millionen Menschen erfasst hatten. Die Konferenz schuf einen Rahmen für die weiteren Transporte; die Ausweisungen selbst hatten vor ihrem Zusammentreten begonnen.
1946 kamen zahlreiche Vertriebene mit Eisenbahntransporten in den Besatzungszonen an. Die Beförderung in Güterwagen und die schlechte Versorgung belasteten besonders Kinder und ältere Menschen. An den Zielorten mussten deutsche Verwaltungen unter alliierter Aufsicht Unterkünfte bereitstellen. Die in Potsdam zugesagte menschenwürdige Durchführung war damit weder während der Fahrt noch nach der Ankunft zuverlässig gewährleistet.
Für die Betroffenen verlief die Grenze zwischen Flucht und Vertreibung oft durch die eigene Lebensgeschichte. Eine Familie konnte zunächst vor den Kämpfen fliehen und später an der Rückkehr gehindert werden. Eine andere blieb bis zum Kriegsende in ihrem Wohnort und wurde anschließend ausgewiesen. Der Sammelbegriff „Flüchtlinge“ verdeckte im damaligen Sprachgebrauch diese unterschiedlichen Wege.
Ein Zimmer muss erst erzwungen werden
Was nach einer solchen Flucht auf die Menschen wartete, erlebte Ursula Wullenkordt in Schleswig-Holstein. Sie erreichte die britische Zone ohne ihre Eltern. Die Militärkommandantur wies ihr eine Unterkunft im Dorf Güby nahe Eckernförde zu. Die Frau, bei der sie wohnen sollte, brachte die Flüchtlinge auf einem Heuboden unter, obwohl andere Räume ihres Hauses leer standen.
Auch weitere Hausbesitzer im Ort widersetzten sich den Einquartierungen. Einige räumten die zugewiesenen Zimmer leer oder entfernten die Glühbirnen. Die Besatzungssoldaten ließen die Dorfbewohner auf dem Kirchplatz antreten und drohten, ihre Häuser zu beschlagnahmen. Erst unter diesem Druck besserte sich die Unterbringung. Ursula fand schließlich mit acht weiteren Flüchtlingen Platz in einem Zimmer beim Dorfschmied.
Die Auseinandersetzung in Güby zeigt, warum Verwaltungsanordnungen allein häufig nicht ausreichten. Wohnungsämter konnten Menschen einem Haus zuweisen. Ob die Besitzer ihnen tatsächlich ein bewohnbares Zimmer überließen, musste vor Ort durchgesetzt werden. In manchen Gemeinden begleiteten deutsche Polizisten oder alliierte Soldaten die Beamten bei der Suche nach freien Räumen.
Die Einheimischen hatten zugleich eigene Gründe, um ihre Unterkünfte zu fürchten. Häufig mussten sie bereits ausgebombte Verwandte aufnehmen. Lebensmittel waren knapp, und mehrere Haushalte sollten plötzlich dieselbe Küche benutzen. Dennoch erklärt die Not nicht jede Form der Ablehnung. Das Beispiel Güby zeigt, dass Besitzer auch vorhandenen Wohnraum zurückhielten.
Die Aufnahme fällt regional unterschiedlich aus
Die Besatzungsbehörden und deutschen Verwaltungen brachten viele Ankommende auf dem Land unter. In den zerstörten Großstädten fehlten Wohnungen; manche Städte verhängten Zuzugssperren. Landwirtschaftlich geprägte Gegenden sollten daher einen erheblichen Teil der Menschen aufnehmen, obwohl dort häufig passende Arbeitsplätze fehlten.
Besonders stark traf der Zuzug Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Auch Bayern nahm viele Vertriebene auf, darunter zahlreiche Deutsche aus der Tschechoslowakei. In der sowjetischen Besatzungszone gelangten große Gruppen nach Mecklenburg und Brandenburg. Die französische Militärregierung begrenzte dagegen die Aufnahme in ihrem Gebiet. Die Menschen verteilten sich deshalb sehr ungleich auf die vier Zonen.
Das Ausmaß wird in den späteren Bevölkerungszahlen sichtbar. Um 1950 lebten knapp acht Millionen Vertriebene in der Bundesrepublik. Rund vier Millionen Flüchtlinge und Vertriebene hatten sich in der DDR niedergelassen. Zusammen lebten damit rund zwölf Millionen Menschen nach dem Verlust ihrer Heimat in den beiden deutschen Staaten.
In der sowjetischen Zone bezeichneten die Behörden die Ankommenden seit Herbst 1945 offiziell als „Umsiedler“. Das Wort ließ die Gewalt ihres Aufbruchs kaum erkennen. Ihre Lage unterschied sich zunächst aber wenig von derjenigen vieler Vertriebener im Westen. Sie mussten Wohnraum mit Einheimischen teilen und Arbeit annehmen, die oft nicht ihrer bisherigen Ausbildung entsprach.
Ein Teil erhielt bei der Bodenreform Land aus enteigneten Gütern. Eine Parzelle allein machte jedoch noch keinen funktionsfähigen Hof. Die Zuteilung beseitigte die schlechte Ausstattung dieser Familien nur begrenzt. Viele blieben gegenüber den alteingesessenen Bauern benachteiligt.

Fremde unter Deutschen
Der Verlust des Eigentums veränderte die Stellung der Vertriebenen. Ein früherer Betriebsinhaber konnte zum Hilfsarbeiter werden. Wer zuvor einen eigenen Hof bewirtschaftet hatte, musste nun für einen anderen Bauern arbeiten. Manche Landwirte betrachteten die Neuankömmlinge als billige Arbeitskräfte und erwarteten von ihnen Dienste, wie sie während des Krieges ausländische Zwangsarbeiter geleistet hatten.
Unterschiedliche Dialekte und Lebensgewohnheiten machten die Fremdheit im Alltag hörbar und sichtbar. Einheimische beschimpften auch deutsche Vertriebene als „Polacken“. Mit dem Schimpfwort bestritten sie deren Zugehörigkeit und setzten die Herabsetzung ihrer östlichen Nachbarn fort.
Auch die Konfession konnte zum Streitpunkt werden. Katholische Familien kamen in bisher überwiegend evangelische Gemeinden, evangelische in katholische Gegenden. Sie brauchten Räume für ihre Gottesdienste. Selbst dort, wo Einheimische und Zugewanderte derselben Kirche angehörten, konnten verschiedene religiöse Bräuche Konflikte auslösen.
Pfarrer und kirchliche Hilfsstellen unterstützten vielerorts die Ankommenden. Sie halfen bei der Suche nach Angehörigen und bemühten sich um die Aufnahme in die Gemeinden. Solche Hilfe stand neben Ablehnung und offener Feindseligkeit. Ob eine Familie Anschluss fand, hing auch von einzelnen Menschen ab, die bereit waren, ihre Türen zu öffnen.
Eine Familie findet sich wieder
Für Ursula Wullenkordt blieb nach der Ankunft die Frage, wo ihre Eltern waren. Im Juli 1945 erreichte ihr Vater den Aufnahmeort auf Krücken. Die Mutter konnte erst im Herbst 1946 ausfindig gemacht werden. Sie befand sich in einem Internierungslager in Dänemark, wo die Behörden deutsche Zivilflüchtlinge nach Kriegsende von der Bevölkerung getrennt unterbrachten. Nachrichten, die Flüchtlinge und Vertriebene über große Entfernungen weitergaben, halfen bei der Suche.
Bis zur Rückkehr in eine eigene Landwirtschaft vergingen weitere Jahre. 1955 pachtete die Familie einen heruntergekommenen Hof und brachte ihn wieder in Betrieb. Doch mit dem Erfolg stieg die Pacht so stark, dass sie erneut weiterziehen musste. Auf die Flucht aus Ostpreußen folgte für die Wullenkordts eine lange Suche nach einem Ort, an dem ihre Arbeit ihnen auch ein dauerhaftes Zuhause sichern konnte
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Benz, W. (1984): Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat.*
Kleßmann, C. (1991): Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955.*
Bildnachweis
Titel: Flüchtlinge aus dem Osten in Berlin, 1945. Bundesarchiv, Bild 183-R77448 / CC-BY-SA 3.0.
Hafen von Pilau: Bundesarchiv, Bild 146-1989-033-33 / Budahn, H. / CC-BY-SA 3.0.
Zerstörtes Dresden: Bundesarchiv, Bild 183-Z0309-310 / G. Beyer / CC-BY-SA 3.0.



