Am 2. Dezember 1946 unterzeichnen der amerikanische Außenminister James F. Byrnes und sein britischer Kollege Ernest Bevin in New York ein Abkommen über ihre Besatzungsgebiete in Deutschland. Vom 1. Januar 1947 an sollen beide Zonen ein gemeinsames Wirtschaftsgebiet bilden. Bis Ende 1949 soll die Wirtschaft dort genügend erwirtschaften, um auch die nötigen Einfuhren zu bezahlen.
Die Vereinbarung betrifft Menschen, die auf Lebensmittelkarten angewiesen sind und in ungeheizten Wohnungen leben. Für die Besatzungsmächte geht es auch um ihre eigenen Ausgaben: Sie müssen Nahrungsmittel einführen, weil die deutsche Wirtschaft die Bevölkerung nicht ernähren kann und zu wenig exportiert, um die notwendigen Importe zu bezahlen.
Der Zusammenschluss erhält den Namen Bizone. Frankreich und die Sowjetunion beteiligen sich nicht. Damit entsteht eine gemeinsame Verwaltung für einen Teil Deutschlands, während die vier Mächte weiterhin über dessen Zukunft verhandeln.
Vier Besatzungszonen, eine stockende Wirtschaft
Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 hatten die Siegermächte vereinbart, Deutschland während der Besatzung wirtschaftlich als Einheit zu behandeln. Für die vier Zonen sollte eine gemeinsame Wirtschaftspolitik gelten. Die Gebiete waren aufeinander angewiesen: Kohle aus dem Ruhrgebiet wurde auch andernorts gebraucht, und die Industriestädte benötigten Lebensmittel aus landwirtschaftlichen Regionen.
In der Praxis erschwerten die Zonengrenzen diesen Austausch. Jede Militärregierung entschied in ihrem Gebiet über Produktion und Verteilung. Über gemeinsame deutsche Verwaltungsstellen konnten sich die Besatzungsmächte nicht einigen. Frankreich fürchtete eine neue starke deutsche Zentralmacht. Die sowjetische Regierung verlangte umfangreiche Reparationen, also Leistungen zum Ausgleich der von Deutschland verursachten Kriegsschäden. Mit den Amerikanern stritt sie darüber, wie diese Forderungen mit einer Wirtschaft vereinbar seien, die sich wieder selbst erhalten sollte.
Hinzu kamen die Schäden am Verkehrsnetz. Reparierte Fabriken konnten ihre Arbeit nur aufnehmen, wenn Rohstoffe und Brennstoff eintrafen. Im Winter 1946/47 lagen Kohlenvorräte bei den Zechen, während andernorts Betriebe wegen Brennstoffmangels stillstanden. Frost und beschädigte Verkehrswege behinderten den Transport.
Am 11. Juli 1946 bot Byrnes den anderen Besatzungsmächten auf der Außenministerkonferenz in Paris an, ihre Zonen wirtschaftlich zusammenzuschließen. Großbritannien nahm das Angebot an. Paris und Moskau lehnten ab.
Im September 1946 erklärte Byrnes in Stuttgart, die Vereinigten Staaten wollten den Deutschen wieder Möglichkeiten zum wirtschaftlichen Aufbau eröffnen. Washington wollte die Kosten der Besatzung senken und Deutschland wieder am Handel beteiligen.
Die Bizone braucht eine gemeinsame Verwaltung
Das New Yorker Abkommen ließ den Beitritt der übrigen Besatzungszonen offen. Es sollte gelten, bis die Alliierten eine gemeinsame Regelung für die wirtschaftliche Einheit Deutschlands gefunden hatten. Die politische Zukunft blieb Ende 1946 umstritten. Einen westdeutschen Staat gründeten Byrnes und Bevin mit ihrer Unterschrift noch nicht.
Die ersten gemeinsamen deutschen Verwaltungsstellen blieben über mehrere Städte verteilt. Das Amt für Wirtschaft saß in Minden, die Ernährungsverwaltung in Stuttgart. Die Länder verteidigten ihre Zuständigkeiten; die gemeinsamen Ämter konnten ihnen nur begrenzt verbindliche Vorgaben machen. Gerade bei der Ernährung wirkte sich das unmittelbar aus: Die Verwaltung musste Lebensmittel erfassen und verteilen. Für die nächste Ernte brauchten die Bauern Saatgut und Dünger. Dafür waren Entscheidungen nötig, die über Länder- und Zonengrenzen hinweg galten.
Im März und April 1947 verhandelten die Außenminister der vier Mächte erneut, diesmal in Moskau. Die Konferenz endete ohne Einigung über die zentralen deutschen Streitfragen. Danach drängte der neue amerikanische Außenminister George C. Marshall darauf, die Bizone so zu organisieren, dass sie tatsächlich arbeiten konnte. Die beiden Militärregierungen beschlossen eine neue deutsche Verwaltungsordnung. Frankfurt am Main wurde ihr Zentrum.
In Frankfurt entsteht ein Wirtschaftsparlament
Am 25. Juni 1947 versammelten sich im Großen Börsensaal in Frankfurt 52 Mitglieder des neu geschaffenen Wirtschaftsrats. Die Landtage der acht Länder der Bizone hatten sie gewählt. Zum ersten Mal seit Kriegsende trat damit ein deutsches parlamentarisches Gremium zusammen, dessen wirtschaftliche Beschlüsse für mehrere Länder gelten sollten.
Der Wirtschaftsrat konnte Gesetze für das gemeinsame Wirtschaftsgebiet beschließen. Die Verwaltungen leiteten Direktoren mit ministerähnlichen Aufgaben. Ein Exekutivrat aus Vertretern der Landesregierungen sollte die Verwaltungen koordinieren und die Länderinteressen einbringen.
Die britische und die amerikanische Besatzungsmacht mussten den Gesetzen zustimmen. Ihre Kontrollstelle in Frankfurt überwachte die deutschen Organe. Die Zuständigkeit des Wirtschaftsrats umfasste wirtschaftliche und damit verbundene Verwaltungsfragen; über die Außenpolitik oder das Ende der Besatzung konnte er nicht entscheiden.
Im Oktober 1947 beschloss der Wirtschaftsrat ein Gesetz zur Sicherung der Kartoffelversorgung. Im Dezember folgte eine Regelung zur Erfassung von Milch und Milcherzeugnissen. Die Behörden mussten dafür sorgen, dass Lebensmittel tatsächlich zur Versorgung der Bevölkerung beitrugen, statt auf den Schwarzmarkt zu gelangen.

Zugleich bildeten sich in Frankfurt politische Mehrheiten. CDU und CSU arbeiteten als gemeinsame Fraktion zusammen. Im Juli 1947 scheiterte der Versuch, die Leitung der Wirtschaftsverwaltung mit einem Sozialdemokraten zu besetzen. Die SPD entschied sich daraufhin für die Opposition. Johannes Semler von der CSU wurde Wirtschaftsdirektor. Die Auseinandersetzung darüber, wer die Wirtschaft verwaltete, war zugleich ein Streit darüber, wie weit sie staatlich gelenkt werden sollte.
Anfang 1948 organisierten die Besatzungsmächte die Bizone erneut um. Der Wirtschaftsrat wuchs auf 104 Mitglieder. Ein Länderrat vertrat die Landesregierungen, während ein Verwaltungsrat unter dem CDU-Politiker Hermann Pünder die gemeinsame Verwaltung führte. Im März wählte der Wirtschaftsrat Ludwig Erhard zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft.
Marshall bietet Hilfe für Europa an
Während die neue Frankfurter Ordnung entstand, bereitete Washington ein Hilfsprogramm für Europa vor. Am 5. Juni 1947, drei Wochen vor der ersten Sitzung des Wirtschaftsrats, kündigte Marshall in einer Rede an der Harvard University amerikanische Unterstützung für den europäischen Wiederaufbau an.
Die Schwierigkeiten reichten weit über Deutschland hinaus. Auch andere europäische Staaten mussten Lebensmittel und Rohstoffe einführen. Für Käufe in den Vereinigten Staaten brauchten sie Dollar. Die Erlöse aus ihren eigenen Exporten reichten dafür noch nicht aus. Ohne die Importe konnten viele Unternehmen ihre Produktion kaum steigern. Die schwache Produktion wiederum erschwerte es, Waren zu exportieren und Devisen einzunehmen.
Die amerikanische Regierung wollte diesen Kreislauf durchbrechen. Die europäischen Teilnehmer sollten ihren Bedarf gemeinsam ermitteln und ihre Wiederaufbauprogramme aufeinander abstimmen. Aus dem Angebot entstand das European Recovery Program, kurz ERP. Nach seinem Initiator wurde es als Marshallplan bekannt.
Washington wollte die europäischen Staaten wirtschaftlich stabilisieren und den sowjetischen Einfluss begrenzen. Not und Unsicherheit stärkten in mehreren Ländern kommunistische Parteien. Zugleich setzte die amerikanische Regierung auf einen internationalen Handel, an dem auch die eigenen Unternehmen teilnehmen konnten.
Die Sowjetunion lehnte die Teilnahme ab. Sie wollte sich den mit dem Programm verbundenen Abstimmungen und Einflussmöglichkeiten der Vereinigten Staaten entziehen. Unter sowjetischem Druck blieben auch die osteuropäischen Staaten in ihrem Machtbereich dem Programm fern. Der Marshallplan wurde dadurch zu einem Wiederaufbauprogramm für den westlichen Teil Europas. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit folgte zunehmend den politischen Grenzen des Kalten Krieges.
Deutsche Kohle für den europäischen Wiederaufbau
Die amerikanische Regierung wollte die westlichen Besatzungszonen in das Programm einbeziehen. Dafür musste sie auch Frankreich gewinnen. Nach dem deutschen Angriff und der Besatzung fürchtete die französische Regierung einen Wiederaufstieg deutscher Macht. Zugleich brauchte sie deutsche Kohle und industrielle Lieferungen für den eigenen Wiederaufbau. Die Einbindung Westdeutschlands in die europäische Zusammenarbeit sollte helfen, wirtschaftliche Bedürfnisse mit dem französischen Sicherheitsinteresse zu verbinden.
Am 16. April 1948 wurde die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit gegründet, meist nach ihrer englischen Abkürzung OEEC genannt. In ihr stimmten die Teilnehmer ihre Wirtschaftspolitik und die Verwendung der amerikanischen Hilfe ab. Die westlichen Besatzungszonen waren durch ihre Militärgouverneure vertreten. Deutsche Stellen arbeiteten an der Umsetzung mit, doch die Besatzungsmächte vertraten das Gebiet nach außen.
Bereits im August 1947 hatten die Briten und Amerikaner die zulässige industrielle Produktion ihrer Zonen deutlich angehoben. Der neue Industrieplan erlaubte wesentlich mehr Stahl als die bisherigen Vorgaben. Die Bizone sollte genügend exportieren können, um einen größeren Teil ihrer Lebensmittelimporte selbst zu bezahlen. Für den Wiederaufbau der Nachbarländer wurden deutsche Kohle und deutscher Stahl ebenfalls gebraucht.
Trotzdem setzten die Westmächte die Demontage von Industrieanlagen fort. Im Oktober 1947 veröffentlichten sie eine Liste mit 682 Betrieben in der Bizone, deren Anlagen abgebaut werden sollten. Diese sollten als Reparationsleistungen in Länder gehen, die Deutschland im Krieg geschädigt hatte. Deutsche Politiker und Unternehmensvertreter protestierten gegen den Abbau, während gleichzeitig über amerikanische Wiederaufbauhilfe verhandelt wurde.
Die Alliierten wollten deutsche Rüstungskapazitäten beseitigen und den geschädigten Ländern Entschädigung verschaffen. Gleichzeitig sollten deutsche Unternehmen wieder mehr Waren herstellen. Ein Betrieb auf der Demontageliste musste deshalb womöglich Maschinen abgeben, während andernorts neue Investitionen vorbereitet wurden. Die Demontagen endeten erst 1951.
Wie aus Lieferungen Investitionskredite werden
1948 begann die Hilfe aus dem Marshallplan. Bis 1952 erhielten die westlichen Besatzungszonen und anschließend die Bundesrepublik Leistungen im Wert von rund 1,5 Milliarden Dollar. Großbritannien und Frankreich bekamen jeweils mehr. Das deutsche Wiederaufbauprogramm war Teil einer europäischen Hilfe, deren Mittel auf mehrere Länder verteilt wurden.
Amerikanische Baumwolle half beispielsweise der westdeutschen Textilindustrie, wieder mehr Stoffe herzustellen. Eine vorhandene Fabrik konnte ihre Maschinen besser nutzen, wenn sie das benötigte Material erhielt.
Die deutschen Empfänger bekamen die eingeführten Waren gegen Bezahlung in deutscher Währung. Diese Zahlungen flossen auf ein besonderes Konto bei der Bank deutscher Länder. So entstanden die sogenannten Gegenwertmittel: Den aus dem Ausland gelieferten Gütern stand im Inland ein Geldbetrag gegenüber, der für weitere Aufbauvorhaben eingesetzt werden konnte.
Aus diesen Mitteln wurden Investitionskredite vergeben. Besonders wichtig waren sie für die Stromversorgung und den Verkehr. Kraftwerke mussten ihre Leistung erhöhen, damit die Industrie mehr produzieren konnte. Die Kreditnehmer zahlten das Geld mit Zinsen an den Fonds zurück. Es konnte dadurch erneut verliehen werden.
Der Marshallplan unterstützte außerdem den Austausch von technischem und betrieblichem Wissen. Deutsche Unternehmer und Ingenieure reisten in die Vereinigten Staaten, um Produktionsverfahren und die Organisation von Betrieben kennenzulernen.
Amerikanische Unterstützung hatte schon vor dem ERP begonnen. Über ein eigenes Hilfsprogramm für besetzte Gebiete finanzierten die Vereinigten Staaten vor allem Lebensmittelimporte. Noch 1948 und 1949 waren dessen Leistungen für Deutschland größer als die Marshallplanhilfe.

Von Frankfurt nach Bonn
Die westdeutsche Produktion war bereits 1947 wieder gewachsen, bevor die Marshallplanlieferungen eintrafen. Reparaturen am Verkehrsnetz und eine bessere Kohleversorgung hatten dazu beigetragen. Welche Wirkung die amerikanischen Mittel darüber hinaus hatten, hing davon ab, wo sie eingesetzt wurden. Rohstofflieferungen und Kredite konnten Engpässe beseitigen, die eine weitere Steigerung der Produktion behinderten.
Mit der Währungsreform im Juni 1948 änderten sich zusätzlich die Bedingungen des Wirtschaftens. Die Einführung der D-Mark und die Entscheidungen über Preise und die staatliche Zuteilung von Waren griffen in den Alltag der Unternehmen und ihrer Kunden ein. Diese Veränderungen wirkten zusammen mit der Wiederaufbauhilfe und der zunehmenden Zusammenarbeit mit den westeuropäischen Handelspartnern.
Frankreich näherte seine Besatzungszone inzwischen den beiden anderen Westzonen an. Im April 1949 vereinbarten die drei Westmächte deren Zusammenschluss. Im Mai wurde das Grundgesetz verkündet. Die Bundesregierung übernahm später Aufgaben, für die zuvor die Frankfurter Wirtschaftsverwaltung zuständig gewesen war.
Ludwig Erhard wechselte im September 1949 von der Leitung der bizonalen Wirtschaftsverwaltung in das Amt des Bundeswirtschaftsministers. Im Oktober wurde die Bundesrepublik selbst Mitglied der OEEC. Ihre eigene Regierung übernahm damit die Vertretung, die zuvor die Militärgouverneure ausgeübt hatten. Die Verwendung der amerikanischen Wiederaufbaumittel gehörte nun zu ihren Aufgaben.
Zum Weiterlesen
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Benz, W. (1984): Die Gründung der Bundesrepublik. Von der Bizone zum souveränen Staat.*
Kleßmann, C. (1991): Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945–1955.*
Bildnachweis
Titel: Eröffnungssitzung des bizonalen Wirtschaftsrates, 1947. Bundesarchiv, Bild 183-H25178 / CC-BY-SA 3.0.
Ludwig Erhard: Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003 / Adrian, Doris / CC-BY-SA 3.0.
Schott-Marhallplan: Wikimedia Commons, Schott AG. CC BY-SA 4.0.




