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Heraklit und der Wandel – Warum Streit zur Welt gehören soll

Heraklit hatte für die Bürger seiner Heimatstadt Ephesos eine vernichtende Beschimpfung übrig. Sie hätten Hermodoros verbannt, den er für den besten Mann unter ihnen hielt. Lieber sollten sie die Stadt ihren Kindern überlassen, als weiter selbst über sie zu bestimmen. In dem überlieferten Ausspruch unterstellte er den Ephesiern, sie könnten einen herausragenden Mitbürger unter sich nicht ertragen. Über Hermodoros und die näheren Umstände seiner Verbannung wissen wir wenig. Heraklits Zorn hat sich dagegen in einem der Bruchstücke erhalten, aus denen wir seine Gedanken kennen.

Seine scharfen Urteile trafen auch berühmte Dichter und Denker. Selbst Pythagoras, dessen Wissen viele bewunderten, fand vor ihm wenig Gnade. Wer viel gelernt hatte, konnte nach Heraklits Überzeugung das entscheidende Prinzip trotzdem verfehlen.

Er suchte nach einem Muster in einer Welt, die sich unablässig veränderte. Wasser strömte weiter, Feuer verzehrte seinen Brennstoff, Menschen gerieten miteinander in Streit. Gerade an solchen Vorgängen wollte er zeigen, wie die Dinge zusammengehörten. Dafür griff er zu Bildern, die bis heute verständlich sind: zum Fluss, in den jemand steigt, und zum Bogen, dessen Spannung ihn erst brauchbar macht.

Ein Denker aus Ephesos

Ephesos gehörte zu den bedeutenden griechischen Städten Ioniens. Der Tempel der Artemis machte den Ort weit über die Region hinaus bekannt. Heraklit stammte nach der antiken Überlieferung aus einer vornehmen Familie. Seine Geburt wird gewöhnlich auf ungefähr 540 vor Christus angesetzt, seine Hauptwirkungszeit um 500 vor Christus; die genauen Daten seines Lebens bleiben unsicher.

Heraklit, Giuseppe Torretti, 1705

Auch seine Biografie lässt sich nur in Umrissen erzählen. Spätere Berichte machten aus ihm einen Einsiedler, der sich von seinen Mitbürgern abwandte und in den Bergen lebte. Solche Geschichten passen zu dem verächtlichen Ton mancher Aussprüche. Als verlässliche Einzelheiten seines Alltags lassen sie sich schwer sichern.

Von seiner Schrift ist kein vollständiges Exemplar erhalten. Wir lesen kurze Stücke, die andere Autoren zitierten, oft viele Generationen später. Dabei verfolgten die Zitierenden eigene Absichten. Ein Satz konnte ihnen als Beleg dienen oder als Ausgangspunkt für einen Widerspruch. Der ursprüngliche Kontext ging häufig verloren.

Diese Überlieferung erschwert das Verständnis. Hinzu kommt die knappe Sprache des Verfassers. Ein Vergleich ersetzt bei ihm bisweilen eine ausführliche Erklärung; Gegensätze stehen unvermittelt nebeneinander. Schon in der Antike erhielt er den Beinamen „der Dunkle“.

Viel wissen und das Ganze verstehen

Heraklit hielt das Sammeln von Kenntnissen für unzureichend. In einem seiner Fragmente warf er Pythagoras und weiteren Vorgängern vor, ihr umfangreiches Wissen habe sie noch nicht zur Einsicht geführt. Für einen Philosophen, der selbst nur in Bruchstücken auf uns gekommen ist, klingt das ungewöhnlich schroff. Es zeigt aber, worauf er hinauswollte: Einzelne Beobachtungen mussten in ihrem Zusammenhang begriffen werden.

Dafür verwendete er das Wort Logos. Es konnte im Griechischen eine Rede oder Aussage bezeichnen, ebenso eine begründete Erklärung. Bei Heraklit berührte es zugleich das gemeinsame Prinzip des Weltgeschehens. Diese Bedeutungen lassen sich kaum in ein einziges deutsches Wort übersetzen. Der Philosophiehistoriker Hans Joachim Störig nennt unter anderem „vernünftige Rede“ und „Prinzip“ und betont die Unsicherheit der Auslegung.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass hier zwei Fragen zusammenkommen. Wie hängen die Vorgänge in der Welt miteinander zusammen? Und wie kann ein Mensch diese Beziehungen erkennen und in Worte fassen? Wer den Logos verstand, sollte nach Heraklits Auffassung über seine persönliche Sicht hinausgelangen und erfassen, was für die gemeinsame Welt galt.

Seine Verachtung für viele Mitmenschen stand dazu in einer eigentümlichen Spannung. Die Welt war allen gemeinsam; Einsicht traute er den meisten nur sehr begrenzt zu. Die Beschimpfung der Ephesier zeigt, wie wenig er sich auf die Zustimmung seiner Mitbürger verließ. Eine Mehrheit konnte für ihn gerade dort irren, wo sie sich ihrer Entscheidung sicher war.

Der Fluss und das wechselnde Wasser

Mit Heraklit wird gewöhnlich der Satz „Alles fließt“ verbunden. Diese knappe Formel steht so jedoch nicht in den erhaltenen Fragmenten. Sie fasst eine Lehre zusammen, die spätere Autoren besonders stark mit ihm verknüpften.

Auch der berühmte Gedanke, man könne zweimal denselben Fluss nicht betreten, wird in verschiedenen Varianten überliefert. Sein anschaulicher Kern ist leicht zu erfassen: Während jemand am Ufer steht, strömt neues Wasser heran. Beim nächsten Schritt ins Wasser berührt er andere Wassermassen.

Trotzdem spricht er weiterhin von demselben Fluss. Das Bild verbindet damit eine Veränderung mit etwas, das sich wiedererkennen lässt. Der Fluss besteht als ein Zusammenhang, dessen Wasser fortwährend wechselt. Gerade diese Verbindung macht den Vergleich philosophisch ergiebiger als die bloße Feststellung, dass Dinge vergehen.

Daraus folgt allerdings noch keine ausformulierte moderne Theorie, nach der sämtliche Gegenstände ausschließlich Prozesse wären. Die Bruchstücke erlauben es, Heraklits Aufmerksamkeit für den Wandel zu erkennen. Wie weit er diesen Gedanken im Einzelnen führte, lässt sich daraus weniger sicher erschließen. Die später geläufige Formel vom Fließen darf seine übrigen Aussagen daher nicht verdrängen.

Denn zur Veränderung gehörte für ihn ein Maß. Wie etwas wechselte und wie die verschiedenen Vorgänge miteinander verbunden waren, beschäftigte ihn ebenso sehr wie die Tatsache, dass überhaupt etwas geschah.

Ein Feuer, das nach Maßen brennt

Das Feuer nahm in seiner Beschreibung der Welt einen besonderen Platz ein. Ein überlieferter Ausspruch bezeichnet den allen gemeinsamen Kosmos als immer lebendes Feuer. Diese Welt habe kein Gott und kein Mensch geschaffen. Sie bestehe seit jeher und werde weiter bestehen; das Feuer entzünde sich und erlösche „nach Maßen“.

Damit folgte der Wandel einer festen Regel. Das Aufflammen und Erlöschen geschah in bestimmten Verhältnissen. Die Veränderung gehörte zur Welt selbst und bedurfte in dieser Darstellung keines ursprünglichen Herstellers.

Feuer war dafür ein besonders eindringliches Bild. Eine Flamme bleibt nur erhalten, solange sie etwas verzehrt. Das Brennen verbindet ihr Fortbestehen mit einer fortwährenden Veränderung. Heraklit schrieb dem Feuer außerdem eine grundlegende Rolle bei den Umwandlungen der Welt zu. In den Fragmenten erscheinen Übergänge zwischen Feuer und anderen Bestandteilen des Kosmos.

Wie wörtlich diese Aussagen jeweils zu verstehen sind, ist umstritten. Die erhaltenen Sätze liefern keine vollständige Beschreibung sämtlicher Umwandlungen. Mit dem heutigen physikalischen Begriff der Energie lässt sich das Feuer daher nur unter erheblichen Vorbehalten vergleichen. Heraklit arbeitete mit den Begriffen und Anschauungen seiner eigenen Zeit.

Eine weitere Erklärung führte über den Tausch. Die Dinge würden gegen Feuer und Feuer gegen die Dinge getauscht, schrieb er, so wie Waren gegen Gold und Gold gegen Waren. Bei einem solchen Austausch wechselt das, was jemand in der Hand hält. Das Verhältnis zwischen den getauschten Gütern lässt sich dabei bestimmen.

Sogar die Sonne unterlag in einem Fragment solchen Grenzen. Überschritte sie ihre Maße, würden die Erinnyen sie aufspüren, die dort als Helferinnen der Gerechtigkeit erscheinen. Heraklit griff hier auf Gestalten der griechischen Religion zurück. Mit ihnen beschrieb er die Verbindlichkeit eines Maßes, das auch für den Lauf der Gestirne gelten sollte.

Was Bogen und Leier zusammenhält

Am Bogen konnte Heraklit zeigen, wie gegenläufige Kräfte zusammenwirkten. Das Holz wurde gebogen, die Sehne hielt es unter Spannung. Sobald dieses Verhältnis verloren ging, konnte der Bogen seine Aufgabe nicht mehr erfüllen.

Auch die Leier, ein Saiteninstrument, benötigte Spannung. Ihre Saiten mussten gespannt sein, damit sie beim Anschlagen einen Ton hervorbrachten. Der Zusammenhalt eines solchen Gegenstands beruhte auf Kräften, die in verschiedene Richtungen wirkten. Darin sah Heraklit ein Verhältnis, das auch für die Welt als Ganze gelten sollte.

Andere Beispiele betreffen die menschliche Wahrnehmung. Nach einer Krankheit bekommt Gesundheit einen besonderen Wert. Hunger macht die Sättigung angenehm. Ein Zustand lässt sich durch seinen Gegenpol deutlicher erfassen; die Erfahrung des einen verändert das Verständnis des anderen.

Besonders knapp ist der Ausspruch vom Weg hinauf und hinab. Beide sind derselbe Weg. Wer einen Hang aufwärtsgeht, benutzt die Strecke, die jemand anders abwärts nimmt. Die entgegengesetzten Beschreibungen beziehen sich auf einen gemeinsamen Gegenstand, jeweils aus einer anderen Richtung.

Dieses Beispiel verlangt eine sorgfältige Auslegung. Der Satz macht verständlich, wie entgegengesetzte Aussagen zusammenpassen können, wenn ihre jeweiligen Bezüge klar sind. Daraus ergibt sich keine allgemeine Erlaubnis, beliebige Widersprüche für wahr zu erklären. Heraklits Bilder verlangen gerade, genauer auf das Verhältnis der Gegensätze zu achten.

Tempel der Artemis in Ephesos, ca. 550 v. Chr. vom lydischen König Kroisos aus Marmor erbaut

Der Krieg als Vater aller Dinge

Seinen härtesten Ausdruck erhielt das Denken in Gegensätzen in dem Satz, der Krieg sei „aller Dinge Vater“ und König. Die Fortsetzung nennt Unterschiede, die durch ihn entstehen: Er mache die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.

Hier steht tatsächliche Gewalt im Hintergrund. Kriege entschieden darüber, wer seine Freiheit behielt und wer versklavt wurde. Der Ausspruch umfasst damit eine Erfahrung, die für Menschen in der griechischen Welt sehr konkret war. Eine Erklärung, die an dieser Stelle ausschließlich von einem harmlosen geistigen Wettbewerb spricht, würde einen Teil des Fragments verdecken.

Heraklit gab dem Streit auch eine Bedeutung für den gesamten Kosmos. Das griechische Wort polemos, Krieg, wurde zum Ausdruck für eine Auseinandersetzung, aus der Unterschiede und neue Verhältnisse hervorgingen. Was gegeneinanderstand, wirkte am Geschehen mit.

Damit verband er auch eine Kritik an dem Wunsch, aller Streit möge verschwinden. In der Überlieferung wandte er sich gegen einen entsprechenden Wunsch bei Homer. Würde jede Gegenspannung aufgehoben, verlöre die Welt nach Heraklits Auffassung eine Voraussetzung ihres Bestehens. Das Bild des Bogens zeigt, wie er zu dieser Behauptung gelangen konnte.

Der Übergang bleibt anspruchsvoll. Ein Werkzeug braucht Spannung; daraus folgt für sich genommen noch keine Begründung menschlicher Kriege. Heraklit behandelte solche Spannungen als Grundzug des Weltgeschehens. Seine Fragmente lassen erkennen, wie entschieden er den Streit als wirksame Kraft ansah. Eine ausführliche Begründung dafür, unter welchen Bedingungen ein bestimmter Krieg gerecht wäre, ist darin nicht erhalten.

Sich selbst verstehen

Heraklit richtete seinen Blick auch auf den Menschen. „Mich selbst habe ich erforscht“, lautet einer seiner überlieferten Aussprüche. Seine Beschäftigung mit dem Weltgeschehen berührte damit die Frage, wie jemand sein eigenes Verhalten verstand.

Ein besonders greifbares Beispiel ist der Betrunkene. Heraklit beschrieb einen Mann, den ein Knabe führen musste, weil er taumelte und seinen Weg kaum noch erkannte. Den Verlust seiner Selbstständigkeit verband er mit einer „feuchten“ Seele. Die trockene Seele galt ihm dagegen als besonders weise.

Diese Sprache gehört zu seiner Vorstellung von Seele und Natur. Sie lässt sich nicht unmittelbar als heutige medizinische Aussage lesen. Im Bild des taumelnden Mannes wird aber ein nachvollziehbares Urteil sichtbar: Wer sich dem Rausch überließ, gab die Fähigkeit aus der Hand, sich selbst sicher zu führen.

Auch Wünsche erschienen ihm als Kräfte, mit denen ein Mensch ringen musste. Ihre Erfüllung konnte einen Preis haben, der die Seele betraf. Selbstbeherrschung gewann dadurch Gewicht. Der Widerstreit, den er im Kosmos erkannte, begegnete ebenso im eigenen Handeln.

Seine Kritik konnte auch religiöse Gewohnheiten treffen. Menschen, die sich durch Blut reinigen wollten, verglich er mit jemandem, der in Schlamm getreten war und sich nun mit Schlamm wusch. Das Bild stellte die Wirksamkeit einer solchen Reinigung infrage. Wer dieselbe Art der Verunreinigung erneut verwendete, hatte für ihn das Problem verkannt.

Gleichzeitig sprach Heraklit selbst von Göttlichem und von Gerechtigkeit im Weltgeschehen. Seine Angriffe auf bestimmte Bräuche standen neben solchen Aussagen. Sie zeigen, wie scharf er auch vertraute religiöse Handlungen prüfen konnte.

Ein Gedanke in fremden Händen

Spätere Philosophen griffen vor allem die Lehre vom Wandel auf. Platon setzte sich mit ihr auseinander, ebenso Aristoteles. Ihre Darstellungen prägten mit, welches Bild von Heraklit weitergegeben wurde. Solche Auseinandersetzungen bewahrten Aussprüche, deren ursprünglicher Kontext heute fehlt.

Viele Jahrhunderte später gewann die Verbindung von Gegensätzen für Hegel erneut besonderes Gewicht. Störig und der Philosoph Bertrand Russell sehen hier eine wichtige Verwandtschaft. Zwischen beiden Denkern lagen jedoch unterschiedliche Begriffe und weit ausgearbeitete philosophische Systeme. Heraklits knappe Bilder bleiben als eigene Versuche lesbar, Zusammenhänge verständlich zu machen.

Der Fluss zeigt Veränderung innerhalb eines wiedererkennbaren Verlaufs. Der Bogen zeigt einen Zusammenhalt, der auf Spannung beruht. Mit solchen Gegenständen legte Heraklit seinen Lesern eine schwierige Aufgabe vor: Sie sollten prüfen, wie weit sich das, was an einem anschaulichen Beispiel verständlich wurde, auf die Welt übertragen ließ. Seine zugespitzten Sätze geben eine Richtung vor. Die Arbeit an ihrer Begründung überlassen sie immer wieder dem Leser.


Demokrit und Heraklit, Peter Paul Rubens, 1603

Zum Weiterlesen

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Störig, H. J. (2016): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 18. Auflage. Verständliche Darstellung von Schopenhauers Lebensweg und der Verbindung zwischen Willenslehre, Kunst und Entsagung.

Russell, B. (2004): History of Western Philosophy. Routledge Classics. Pointierte, kritisch argumentierende Einordnung Schopenhauers in die europäische Philosophiegeschichte.

Bildnachweis

Titel: Heraklit. Hendrik ter Brugghen, 1628.

Artemis-Tempel: Wikimedia Commons, Roy Egloff. CC BY-SA 4.0.

Heraklit-Büste: Wikimedia Commons, Didier Descouens. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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