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Jenseits der Utopie – Platons „Gesetze“

Während die Politeia den kühnen Entwurf eines Idealstaates am Reißbrett darstellte, sind die Nomoi – die Gesetze – Platons letzte und umfangreichste Antwort auf die Frage, wie menschliches Zusammenleben tatsächlich gelingen kann. Es ist das Werk eines achtzigjährigen Mannes, der die Trümmer seiner politischen Hoffnungen vor Augen hatte.

Das Monumentalwerk des Alters

Die Nomoi sind in jeder Hinsicht ein Gigant im Werk Platons: Mit zwölf Büchern ist es seine umfangreichste Schrift, die er bis zu seinem Tod im Jahr dreihundertsiebenundvierzig vor Christus bearbeitete. Formal bleibt Platon zwar der Dialogform treu, doch der Ton hat sich radikal gewandelt. Anstelle der spritzigen, oft ironischen Debatten des Sokrates erleben wir hier einen Text mit fast sakralem Ernst über Recht und Gemeinschaft.

Es ist kein Zufall, dass Platon den Schauplatz nach Kreta verlegte. Die Insel galt in der Antike als die Heimat der ältesten und ehrwürdigsten Gesetze Griechenlands, die laut Mythos direkt vom Götterkönig Zeus an den König Minos übergeben worden waren. Auf einer Wanderung von Knossos zur Höhle des Zeus diskutierten drei betagte Männer – ein Athener, ein Spartaner und ein Kreter – über die Grundfesten einer neuen Stadt namens Magnesia. Diese fiktive Siedlung war als Modellstaat von exakt fünftausendvierzig Bürgern konzipiert, der die Disziplin Spartas mit der Stabilität Kretas verbinden sollte. Die präzise Bürgerzahl wählte Platon mit mathematischer Bedacht: Sie lässt sich durch jede Zahl von eins bis zehn teilen und ermöglicht so eine perfekte Organisation des Gemeinwesens.

Das Trauma von Syrakus: Ein Philosoph als Geisel

Römische Kopie nach einem Original, dass bald nach Platons Tod an seiner Akademie aufgestellt worden ist

Um die Nüchternheit der Nomoi zu verstehen, muss man die Zäsur in Platons Biografie betrachten. Dreimal reiste er nach Syrakus, in der Hoffnung, den jungen Herrscher Dionysios den Zweiten zum Philosophenkönig zu erziehen. Doch das Experiment endete im Desaster. Platon geriet in einen brutalen Machtkampf, wurde Zeuge von Tyrannei und Prunksucht und zeitweise wie ein Gefangener gehalten.

Diese Erfahrung wirkte wie ein Katalysator: Der Optimismus der Jugend, man könne die Welt allein durch die Einsicht eines genialen Herrschers ordnen, war verflogen. In den Nomoi gibt es keinen Philosophenkönig mehr. Platon erkennt: Wenn man keine perfekten Menschen finden kann, braucht man unbestechliche Regeln.

Die zweite Wahl: Wenn Götter fehlen, regiert das Wort

Platon bezeichnet den Staat der Gesetze explizit als die zweitbeste Lösung für Wesen, die keine Götter sind.

  • Vom Herrscher zum Diener: In der Politeia stand der weise Herrscher über dem Gesetz. In den Nomoi kehrt Platon dies um: Das Gesetz ist die höchste Instanz, und jeder Amtsträger ist lediglich ein Diener der Gesetze.
  • Die Mischverfassung: Historisch weitsichtig erkennt Platon, dass einseitige Machtkonzentration – ob in der Monarchie oder der totalen Demokratie – zum Untergang führt. Er entwarf ein System, das Autorität und Freiheit in ein stabiles Gleichgewicht bringt.

Einzigartig bleibt Platons psychologisches Gespür: Er fordert, dass Gesetze nicht wie die Befehle eines Tyrannen kurz und drohend sein dürfen. Stattdessen soll jedem Gesetz eine Vorrede vorangestellt werden. Diese Vorreden sollen den Bürger überzeugen und einladen, das Recht aus Einsicht zu befolgen, statt aus bloßer Furcht vor Strafe.

Ein Vermächtnis des Kleinteiligen

Das Werk ist ein detailliertes Gesetzbuch, das von der Landwirtschaft bis zum Eherecht fast jeden Aspekt des Alltags regelt. Diese Detailversessenheit blieb nicht unwidersprochen. Platons bedeutendster Schüler, Aristoteles, kritisierte später in seiner Politik ausdrücklich, dass sich die Nomoi zu sehr in Einzelvorschriften verlören und dabei die großen verfassungsrechtlichen Grundfragen vernachlässigten.

Doch gerade in dieser Kritik bestätigt sich der radikale Wandel des späten Platon: Er wollte nicht mehr nur in den Himmel der Ideen starren, sondern Regeln schmieden, die den Menschen in seiner Unvollkommenheit vor sich selbst schützen.


Das Ziel der Reisenden: die Idäische Grotte an der Nida-Hochebene auf Kreta. Hier soll ein Heiligtum des Zeus gewesen sein

Zum Weiterlesen

Platon (2010): Politeia. Der Staat. In: Werke in acht Bänden. Deutsch/Altgriechisch.

Horn, C. (2020): Platon-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.*

Szlezák, T. A. (2021): Platon: Meisterdenker der Antike. Eine umfassende Gesamtdarstellung zu Leben und Werk.*

Bildnachweis

Titel: Der Berg Psiloritis auf Kreta. Wikimedia Commons, Nikater.

Idäische Grotte: Wikimedia Commons, Olaf Tausch.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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