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Bertolt Brecht – Dichter, Denker und Unbequemer Geist

„Herzbeschwerde jetzt fast verschwunden“, notiert der fünfzehnjährige Eugen Brecht im Juli 1913 während eines Erholungsaufenthalts im oberfränkischen Bad Steben in sein Tagebuch. Diese chronischen Herzprobleme begleiteten den Fabrikantensohn lebenslang, doch den entscheidenden Rahmen für seinen Weg zum Berufsschriftsteller steckte die finanzielle Unterstützung seines Elternhauses. Als Direktor der kaufmännischen Abteilung der Augsburger Haindl’schen Papierfabrik finanzierte der Vater dem Sohn eine Mansardenwohnung mit eigenem Eingang im Bleich-Viertel. In diesem Freiraum organisierte Brecht einen kollaborativen Arbeitskreis; gemeinsam mit seinem Schulfreund Fritz Gehweyer gründete er die Schülerzeitung Die Ernte und füllte die Ausgaben weitgehend unter wechselnden Pseudonymen mit eigenen Versen.

Brechts Geburtshaus in Augsburg

In den Kriegsjahren erweiterte Brecht diesen Zirkel um den Zeichner Caspar Neher und den Musiker Ludwig Prestel, während der Schulfreund Georg Pfanzelt die Runde ergänzte. Prestel komponierte zu Brechts Texten die passenden Melodien, die der Dichter anschließend im provokativen Vortragsstil zur Gitarre interpretierte. In dieser Augsburger Frühphase formierte sich eine für sein Gesamtschaffen fundamentale Arbeitsweise: die kollektive Produktion literarischer Texte unter der unumstrittenen Regie einer zentralen Instanz, welche die bildende Kunst und die Musik als gleichwertige Elemente in das literarische Werk integrierte.

Zwischen Lazarett und Revolution

Die relative Distanz zum Weltkrieg endete im Oktober 1918, als das Militär den Medizinstudenten, der zuvor ein vereinfachtes Notabitur abgelegt hatte, als Krankenwärter in ein Augsburger Reservelazarett berief. Der Dienst auf der Station D für Geschlechtskrankheiten konfrontierte Brecht mit den infizierten und sterbenden Soldaten der späten Kriegsmonate, was seine literarische Abkehr von den kaiserlichen Kriegsparolen beschleunigte. Neben dem Lied an die Kavaliere der Station D entstand die Legende vom toten Soldaten, welche den militärischen Durchhaltewillen mit drastischer Ironie attackierte. Während der Novemberrevolution wählte die Augsburger Garnison Brecht in den örtlichen Lazarett- und Soldatenrat; er nutzte diese Wochen des Umsturzes primär zur Intensivierung seiner literarischen Kontakte. Aus dieser Zeit stammte die Verbindung zu Paula Banholzer. Sie brachte im Allgäuer Dorf Kimratshofen den gemeinsamen Sohn Frank zur Welt, da ihr Vater eine Ehe mit dem noch erfolglosen Dichter aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Aussichten verweigert hatte.

Der Durchbruch auf dem literarischen Markt gelang über den Münchner Literaturwissenschaftler Artur Kutscher. Die Debatten in dessen Seminar zur Gegenwartsliteratur über den Roman Ambros Maria Baal von Andreas Thom sowie der Eindruck von Hanns Johsts Drama Der Einsame provozierten Brecht zu einem neuen Werk. Er verfasste die Urfassung des Baal und sandte die von den Sekretärinnen seines Vaters getippte Reinschrift an interessierte Verleger. Erst als der etablierte Schriftsteller Lion Feuchtwanger das Manuskript des Revolutionsdramas prüfte und den Autoren fortan massiv förderte, öffneten sich die Türen zum Theaterbetrieb. Auf Vorschlag von Marta Feuchtwanger erhielt das Werk den Titel Trommeln in der Nacht. Um sich in der Metropole als unverwechselbare Marke zu etablieren, änderte er gemeinsam mit dem Dramatiker Arnolt Bronnen die Schreibweise seines Vornamens in „Bertolt“.

Der Durchbruch und das epische Theater

Am 29. September 1922 feierte Trommeln in der Nacht unter der Regie von Otto Falckenberg an den Münchner Kammerspielen eine einhellig gut aufgenommene Uraufführung. Dieser Erfolg bewog den Berliner Theaterkritiker Herbert Ihering, den renommierten Kleist-Preis an Brecht zu verleihen, was dessen materielle Existenz durch feste Tantiemen absicherte. Gemeinsam mit Feuchtwanger bearbeitete Brecht Christopher Marlowes Historienstück unter dem Titel Leben Eduards des Zweiten von England, wobei er im März 1924 an den Münchner Kammerspielen erstmals seinen spezifischen Inszenierungsstil mit sichtbarer Bühnentechnik erprobte. Nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Berlin im September 1924 und der Heirat mit der Schauspielerin Helene Weigel im April 1929 nach der Scheidung von Marianne Zoff radikalisierte sich Brechts politisches Denken.

Unter dem Einfluss undogmatischer Marxisten wie Karl Korsch und Fritz Sternberg entwickelte Brecht ab 1926 die Theorie des epischen Theaters, das er als scharfe Absage an das bürgerliche Illusionsstheater konzipierte. Literarische Texte mussten für ihn einen messbaren Gebrauchswert besitzen, wie er 1927 im Kurzen Bericht über 400 junge Lyriker postulierte. Anstelle der emotionalen Identifikation des Zuschauers forderte Brecht die kritische Distanz des Publikums durch den Verfremdungseffekt. Den internationalen Durchbruch dieser Methode markierte die am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführte Dreigroschenoper, die in enger Kooperation mit dem Komponisten Kurt Weill entstand. Die dort erprobte Trennung von Musik und Handlung setzten beide in den folgenden Jahren bei avantgardistischen Lehrstücken wie Der Jasager fort, während Hanns Eisler ab 1928 als neuer musikalischer Partner Brechts politisch-didaktische Lyrik prägte.

Flucht und die Dialektik des Exils

Die nationalsozialistische Machtübernahme im Frühjahr 1933 beendete diese Berliner Arbeitsphase. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand verließ Brecht mit seiner Familie die Stadt und floh über Prag nach Dänemark. Das dänische Exil in einem Haus in Svendborg, das er gemeinsam mit Helene Weigel und den Kindern bewohnte, wurde zum Entstehungsort historisch-politischer Großdramen. Auch seine Mitarbeiterin Margarete Steffin zog in das Gebäude ein und unterstützte die Produktion von Werken wie Mutter Courage und ihre Kinder. Während das Regime Brechts Werke am 10. Mai 1933 öffentlich verbrennen ließ und ihm 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, organisierte er von Paris aus über den „Deutschen Autorendienst“ Publikationsmöglichkeiten für emigrierte Autoren.

Brecht in den USA (Hintergrund, vorne der Autor Dalton Trumbo)

Die Expansion des Krieges zwang die Gruppe 1939 zur Flucht nach Schweden und später nach Finnland. Im Juli 1941 reiste Brecht per via Moskau und Wladiwostok in die USA ein, um sich in Santa Monica niederzulassen. In Kalifornien arbeitete er aktiv als Drehbuchautor und steuerte unter anderem Vorlagen für den Film Hangmen Also Die! unter der Regie von Fritz Lang bei, wenngleich seine Konzepte in den großen Studios auf Unverständnis stießen. Die ursprüngliche Fassung von Leben des Galilei feierte bereits 1943 im Schauspielhaus Zürich ihre Premiere, bevor Brecht gemeinsam mit dem Schauspieler Charles Laughton eine englischsprachige Neubearbeitung für die Aufführung im Juli 1947 in Beverly Hills schuf. Die verschärfte antikommunistische Überwachung der US-Behörden im beginnenden Kalten Krieg führte ab 1942 zu einer intensiven FBI-Beobachtung Brechts. Am 30. Oktober 1947 musste er vor dem „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ (HUAC) zu seiner mutmaßlichen Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei aussagen; er verneinte die Frage und reiste bereits am Folgetag über Paris nach Zürich ab.

Rückkehr in das geteilte Berlin

Da ihm die US-amerikanischen Militärbehörden die Einreise in die westlichen Besatzungszonen Deutschlands verweigerten, reiste Brecht im Oktober 1948 auf Einladung des Kulturbundes über Prag nach Ost-Berlin. Dort fand er durch Fürsprecher wie Alexander Dymschitz in der Sowjetischen Militäradministration schnellen Zugang zu Funktionärskreisen und inszenierte am Deutschen Theater gemeinsam mit Erich Engel Mutter Courage und ihre Kinder. Um sich angesichts der unübersichtlichen Lage im Nachkriegsdeutschland globale Optionen offenzuhalten, reichte Brecht am 5. August 1949 beim Magistrat Salzburg sein Einbürgerungsansuchen ein, woraufhin die Salzburger Landesregierung am 12. April 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft verlieh.

Im Herbst 1949 setzte Helene Weigel in Ost-Berlin die offizielle Gründung des „Berliner Ensembles“ durch. Diese Institution bot Brecht die praktische Freiheit, seine Vorstellungen eines didaktischen Theaters ohne bürokratischen Ballast umzusetzen und eine Vielzahl von Schülern auszubilden. Mit der Bearbeitung von Jakob Michael Reinhold Lenz’ Der Hofmeister gelang im April 1950 der erste große Regieerfolg des Ensembles. Die kulturpolitischen Vorgaben der SED trafen Brecht jedoch direkt bei der Probeaufführung der Oper Das Verhör des Lukullus im März 1951, als das Ministerium für Volksbildung durch gezielte Kartenvergabe einen Misserfolg zu organisieren versuchte; Brecht suchte in direkten Gesprächen mit Spitzenfunktionären den kompromisshaften Ausgleich.

Brecht, 1954

Der 17. Juni 1953 erschütterte das Verhältnis zur Staatsmacht grundlegend. Am Tag des Arbeiteraufstandes sandte Brecht Briefe an Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, in denen er zwar seine Verbundenheit mit der SED erklärte, aber explizit eine „Aussprache mit den Massen“ einforderte. Die staatliche Veröffentlichung im Neuen Deutschland am 21. Juni unterschlug diese kritischen Passagen und druckte lediglich die Solidaritätsadresse ab, was im Westen zu einem tiefgreifenden Boykott von Brechts Stücken auf den Spielplänen führte. Seine innere Distanz zu den Ereignissen und der staatlichen Reaktion verarbeitete er im Sommer 1953 in den Buckower Elegien, insbesondere im Gedicht Die Lösung. In seinen letzten Jahren war er gesundheitlich schwer gezeichnet; er erlag am 14. August 1956 in seiner Berliner Wohnung einem akuten und ausgedehnten Herzinfarkt als Folge seines chronischen Herzleidens.


Zum Weiterlesen

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Knopf, J. (2012): Bertolt Brecht – Lebenskunst in finsteren Zeiten: Biografie.*

Brecht, B. (2005): Ausgewählte Werke in 6 Bänden.*

Bildnachweis

Titel: Brecht bei einer Friedenskundgebung, 1948. Bundesarchiv, Bild 183-H0611-0500-001.CC BY-SA 3.0.

Geburtshaus: Wikimedia Commons, Wolpertinger. CC BY-SA 3.0.

Brecht 1954: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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