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Die Getreidekrise – Wie Stalin die Neue Ökonomische Politik beendete

Mitte Januar 1928 traf Stalin in Nowosibirsk ein. Moskau hatte ihn nach Sibirien geschickt, weil die staatlichen Aufkäufer dort erheblich weniger Getreide erhielten als erwartet. Stalin ließ regionale Parteifunktionäre zusammenrufen und warf ihnen vor, vor wohlhabenden Bauern zurückzuweichen. Er forderte sie auf, nach versteckten Vorräten zu suchen und Getreide zu beschlagnahmen, statt auf freiwillige Verkäufe zu warten.

Als rechtliche Grundlage diente Artikel 107 des Strafgesetzbuches. Er richtete sich gegen Spekulanten, die Waren zurückhielten, um höhere Preise durchzusetzen. Nun wandten ihn die Behörden auch gegen Bauern an, die ihr Getreide nicht zu den staatlich festgelegten Preisen verkaufen wollten.

Stalin stellte dieses Vorgehen zunächst als Notmaßnahme dar. Tatsächlich begann damit das Ende der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP). Seit 1921 hatte die Partei den Bauern erlaubt, ihre Überschüsse auf Märkten anzubieten. Nun behandelte sie die Weigerung zu verkaufen zunehmend als Angriff auf den Staat.

Der Handel mit dem Dorf

Die Bolschewiki hatten die Neue Ökonomische Politik nach dem Bürgerkrieg eingeführt. Zuvor hatten bewaffnete Kommandos den Bauern Getreide abgenommen, um die Städte und die Rote Armee zu versorgen. Diese Beschlagnahmungen hatten zahlreiche Aufstände ausgelöst. Zugleich bestellten viele Bauern nur noch so viel Land, wie sie für den eigenen Haushalt benötigten. Wer mit jeder zusätzlichen Ernte neue Abgaben riskierte, hatte wenig Grund, mehr anzubauen.

Lenin ersetzte die Beschlagnahmungen 1921 durch eine festgelegte Abgabe. Später zahlten die Bauern eine Geldsteuer. Was darüber hinaus übrig blieb, durften sie verkaufen. Private Händler kehrten auf die Märkte zurück. Bauern konnten wieder selbst entscheiden, was sie anbauten und wem sie ihre Erzeugnisse anboten.

Die Bolschewiki behielten die Kontrolle über die Schlüsselindustrien. Große Betriebe blieben in staatlicher Hand. Auch die Banken und der Außenhandel unterstanden weiterhin der Regierung. Auf dem Land entstand jedoch erneut ein begrenzter Markt. Die Partei nahm in Kauf, dass manche Bauern mehr Land bewirtschafteten oder Arbeitskräfte beschäftigten, solange die Dörfer genug Lebensmittel lieferten.

Die NÖP brachte zunächst eine deutliche Erholung. Felder wurden wieder bestellt, Viehbestände wuchsen. Auf den städtischen Märkten erschienen erneut Lebensmittel. Doch der Handel zwischen Stadt und Land blieb störanfällig. Bauern verkauften ihr Getreide nur, wenn sie für das Geld Waren erwerben konnten, die sie benötigten. Schuhe oder Werkzeuge waren jedoch häufig teuer oder gar nicht erhältlich. Warum sollten sie Korn abgeben, wenn der Erlös anschließend kaum etwas einbrachte?

Zu wenig Getreide für die Städte

Illustration zu den sowjetischen Kategorien von Bauern: Bednjaken, die armen Bauern; Serednjaken, die Bauern mit mittlerem Einkommen; und Kulaken, die einkommensstärkeren Bauern,

Im Herbst 1927 geriet der staatliche Getreideankauf ins Stocken. Die Ernte fiel zwar schwächer aus als im Vorjahr, entscheidend war jedoch, dass viele Bauern ihre Vorräte nicht zu den staatlichen Bedingungen verkaufen wollten. Sie verfütterten mehr Korn an ihr Vieh oder warteten auf bessere Preise.

Wie schon in den Vorjahren boten die staatlichen Aufkäufer für Getreide vergleichsweise wenig. Besonders Weizen ließ sich außerhalb der offiziellen Kanäle oft zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Viele Bauern warteten deshalb ab, weil sie mit einer späteren Erhöhung der Ankaufspreise rechneten.

Für die Parteiführung gefährdete diese Zurückhaltung ihre Pläne. Die wachsenden Städte mussten versorgt werden. Außerdem wollte die Sowjetunion Getreide ausführen und mit den Einnahmen Maschinen im Ausland kaufen. Ohne genügend Exporte ließ sich die geplante Industrialisierung schwerer finanzieren.

Stalin erklärte die Krise anders. Er machte vor allem die sogenannten Kulaken verantwortlich. Ursprünglich bezeichnete dieser Begriff wohlhabende Bauern, die Land verpachteten oder andere Dorfbewohner gegen Lohn beschäftigten. Die Behörden verwendeten ihn jedoch zunehmend auch für Bauern, die größere Vorräte besaßen oder sich staatlichen Forderungen widersetzten. Damit wurde aus einer ungenauen sozialen Bezeichnung ein politischer Vorwurf.

Nach Stalins Darstellung hielten die Kulaken Getreide zurück, um den Staat unter Druck zu setzen. Dass die niedrigen Preise und das fehlende Warenangebot den Verkauf unattraktiv machten, trat dahinter zurück. Aus einer Auseinandersetzung über Preise wurde ein Kampf gegen angebliche Feinde.

Beschlagnahmungen in Sibirien

Stalin reiste durch mehrere sibirische Anbaugebiete und verlangte von den örtlichen Funktionären höhere Lieferungen. Parteigruppen durchsuchten Bauernhöfe und Speicher. Gerichte verhängten Strafen nach Artikel 107 und zogen Getreide ein. Ein Teil der beschlagnahmten Vorräte ging an ärmere Dorfbewohner. Auf diese Weise versuchte die Partei, sie gegen Bauern mit größeren Höfen auszuspielen.

Die Behörden setzten neben wohlhabenden Familien zunehmend auch Bauern mit mittleren Höfen unter Druck, sobald Funktionäre bei ihnen verkäufliche Vorräte vermuteten. Die Betroffenen mussten Getreide zu Preisen abgeben, die unter den Angeboten auf freien Märkten lagen. Wer sich weigerte, riskierte eine Hausdurchsuchung oder eine Anklage.

Mit den Beschlagnahmungen stiegen die staatlichen Lieferungen zunächst wieder. Doch der kurzfristige Erfolg verschärfte das eigentliche Problem. Bauern, die mit neuen Eingriffen rechneten, hatten noch weniger Grund, Überschüsse zu erzeugen. Einige verringerten ihre Aussaat. Andere verkauften Vieh, weil sie nicht wussten, ob sie genügend Futter behalten durften.

Innerhalb der Partei weckte Stalins Vorgehen Erinnerungen an den Bürgerkrieg. Die NÖP hatte gerade verhindern sollen, dass der Staat die Dörfer erneut mit bewaffneten Kommandos überzog. Stalin versicherte deshalb, die Maßnahmen seien nur vorübergehend. Im Frühjahr 1928 bremste die Führung die Beschlagnahmungen zunächst ab. Einige unrechtmäßig verurteilte Bauern kamen wieder frei.

Die Frage blieb jedoch ungelöst: Sollte der Staat den Bauern bessere Bedingungen anbieten oder sie zur Lieferung zwingen?

Bucharin widerspricht

Bucharin, in den 1920er

Nikolai Bucharin verteidigte die NÖP. Er ging davon aus, dass die Bauern mehr Getreide verkaufen würden, wenn der Staat höhere Preise zahlte und ihnen genügend Waren anbot. Zugleich sollten freiwillige Genossenschaften die landwirtschaftlichen Betriebe allmählich zusammenführen. Alexei Rykow unterstützte diesen Kurs.

Stalin hielt solche Zugeständnisse für gefährlich. Höhere Getreidepreise hätten den Staatshaushalt belastet und die Industrialisierung verteuert. Vor allem wollte er durchsetzen, dass der Staat selbst über die Getreidelieferungen bestimmte, statt dabei auf die Verkaufsbereitschaft von Millionen Bauern angewiesen zu sein.

Im Sommer 1928 sprach Stalin innerhalb der Parteiführung offen davon, dass das Dorf einen zusätzlichen Beitrag zur Industrialisierung leisten müsse. Die Preisdifferenz sollte den Bau neuer Fabriken finanzieren.

Bucharin warnte vor einem Bruch mit der bäuerlichen Mehrheit. Ohne Aussicht auf einen eigenen Gewinn würden die Bauern weniger anbauen. Eine gewaltsame Politik gefährde daher gerade jene Versorgung, die sie sichern sollte. Im September veröffentlichte er einen Artikel, in dem er vor unrealistischen Planzielen und überstürzten Eingriffen warnte. Stalin behandelte diese Einwände bald als „rechte Abweichung“.

Die Bezeichnung diente dazu, Bucharin und seine Unterstützer politisch zu isolieren. Auf den Sitzungen der Parteiführung konnte sich Stalin erneut auf Funktionäre stützen, deren Laufbahn vom Parteiapparat abhing. Bucharin besaß Einfluss in der Presse, fand aber kaum eigenen Rückhalt im Parteiapparat. Rykow stand weiterhin an der Spitze der Regierung, konnte den Kurswechsel jedoch nicht verhindern.

Aus der Notmaßnahme wird ein System

Im Winter 1928/29 geriet der Getreideankauf erneut ins Stocken. Die Parteiführung griff wieder zu Zwangsmitteln. In mehreren Regionen legten die Behörden nun fest, wie viel Getreide jedes Dorf abliefern musste. Dorfversammlungen sollten die geforderte Menge auf einzelne Höfe verteilen. Wer seine Quote nicht erfüllte, musste mit hohen Geldstrafen rechnen. Bei wiederholter Weigerung konnten die Behörden den Besitz einziehen.

Dieses Vorgehen wurde als Ural-Sibirische Methode bekannt. Es erweckte den Anschein, als entschieden die Dorfbewohner selbst über die Verteilung der Lasten. Tatsächlich gab der Staat die Gesamtmenge vor und bestrafte jede Gemeinde, die sie nicht beschaffte. Ärmeren Bauern bot die Partei einen Anteil an eingezogenem Getreide. Dadurch verschärfte sie bestehende Konflikte innerhalb der Dörfer.

Stalin setzte sich zugleich gegen Bucharin durch. Im April 1929 verurteilte die Parteiführung dessen Position. Im November verlor Bucharin seinen Sitz im Politbüro. Auch Rykow wurde schrittweise entmachtet. Jene Männer, mit deren Hilfe Stalin zuvor Sinowjew und Trotzki besiegt hatte, konnten seinen neuen Kurs nicht mehr aufhalten.

Der erste Fünfjahrplan verlangte einen raschen Ausbau der Schwerindustrie. Neue Stahlwerke und Kraftwerke sollten innerhalb weniger Jahre entstehen. Dafür benötigte der Staat Maschinen aus dem Ausland und Lebensmittel für eine stark wachsende Industriearbeiterschaft. Die Parteiführung beschloss, die erforderlichen Mittel aus der Landwirtschaft herauszuholen.

Im November 1929 verkündete Stalin den „großen Umschwung“. Immer mehr Bauern würden sich angeblich freiwillig zu großen Gemeinschaftsbetrieben zusammenschließen. Zu diesem Zeitpunkt traf das nur auf einen kleinen Teil der Dörfer zu. Doch die Behauptung kündigte an, was die Parteiführung nun plante: Sie wollte die einzelnen Bauernhöfe in Kolchosen zwingen und den staatlichen Zugriff auf ihre Ernten dauerhaft sichern.

Die Regierung hätte die Ankaufspreise erhöhen und mehr Waren in die Dörfer liefern können. Stalin entschied sich dagegen. Nachdem er seine Rivalen in der Parteiführung besiegt hatte, übertrug er dieselben Methoden auf das Land: Forderungen wurden zu Befehlen, Widerspruch galt als politischer Widerstand. Im Winter 1929 begann der offene Krieg gegen das Dorf.


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Bildnachweis

Titel: Stalin auf dem 15. Kongress der Bolschewiki, 1927.

Alle Bilder gemeinfrei.

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