Um 8.19 Uhr erreicht Betty Ong die Reservierungszentrale von American Airlines. Ong ist Flugbegleiterin an Bord von Flug 11, einer Boeing 767 auf dem Weg von Boston nach Los Angeles. Das Cockpit antwortet nicht mehr. Zwei Kolleginnen sind verletzt, ein Passagier wurde angegriffen. In der Kabine reizt ein unbekannter Stoff Augen und Atemwege. Ong spricht ruhig, stellt sich vor und beschreibt, was sie beobachten kann. Dann sagt sie, dass die Maschine vermutlich entführt worden sei.
Der Anruf dauert etwa 25 Minuten. Zwei Minuten nach seinem Beginn wird der Transponder abgeschaltet, gegen 8.27 Uhr dreht Flug 11 nach Süden. Die Fluglotsen können die Maschine noch als Radarsignal verfolgen, erhalten von ihr aber keine automatische Kennung und keine Höhenangabe mehr. Sie kennen Entführungen vor allem als Geiselnahmen, bei denen Täter Forderungen stellen. Dass Entführer eine Verkehrsmaschine gezielt in ein Gebäude steuern könnten, liegt außerhalb der damaligen Vorstellungswelt.
Auf Flug 11 versucht auch Betty Ongs Kollegin Madeline Amy Sweeney, die Menschen am Boden zu informieren. Um 8.44 Uhr meldet sie, das Flugzeug sinke rasch. Sie sieht Wasser und dann Gebäude. Zwei Minuten später endet der Flug.
8.46 Uhr: Der Nordturm
Flug 11 trifft den Nordturm des World Trade Centers zwischen dem 93. und dem 99. Stock. Brennender Treibstoff schießt durch Aufzugsschächte und Flure. Sämtliche Treppenhäuser oberhalb der Einschlagzone sind unterbrochen. Für die Menschen in den oberen Etagen gibt es keinen begehbaren Weg nach unten.
Weiter unten beginnen Angestellte, das Gebäude zu verlassen. Viele gehen ruhig und halten auf den Treppen eine Seite für Feuerwehrleute frei. Nach dem Bombenanschlag auf das World Trade Center von 1993 hatte die Hafenbehörde Fluchtwege besser markiert und die Notfallkommunikation verbessert. Außerdem standen spezielle Stühle für Menschen bereit, die keine Treppen hinabgehen konnten. Vollständige Räumungen über die Treppen waren jedoch nicht geübt worden; einzelne Unternehmen veranstalteten eigene Übungen. Die Vorkehrungen helfen dennoch vielen Menschen auf dem Weg nach draußen.
Im benachbarten Südturm ist der Einschlag zu spüren und zu sehen. Eine Lautsprecherdurchsage erklärt das Gebäude jedoch für sicher. Beschäftigte sollen bleiben oder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Einige folgen der Anweisung, andere gehen weiter nach unten. Die Feuerwehr ordnet kurz darauf die Räumung beider Türme an; ob diese Weisung die für die Durchsagen zuständige Stelle erreicht, bleibt unklar. Erst gegen 9.02 Uhr heißt es über Lautsprecher, die Menschen könnten das Gebäude geordnet verlassen, wenn die Lage auf ihrem Stockwerk dies erfordere.
Der Sicherheitschef der Bank Morgan Stanley, Rick Rescorla, lässt die Büros seines Unternehmens sofort räumen. Er hatte seit dem Anschlag von 1993 regelmäßig dafür üben lassen. Fast alle der rund 2.700 Beschäftigten im Südturm erreichen das Freie. Rescorla kehrt nach oben zurück und stirbt beim Einsturz.
Vor dem World Trade Center behandeln Polizei und Feuerwehr den Einschlag zunächst als großes Unglück. Einsatzleiter Joseph Pfeifer hat das Flugzeug selbst gesehen und fordert zusätzliche Kräfte an. Über die oberen Stockwerke weiß er wenig. Im Fernsehen wird noch diskutiert, ob eine kleine Maschine oder ein Verkehrsflugzeug verunglückt sei.
9.03 Uhr: Der zweite Einschlag
United-Airlines-Flug 175 kommt aus südlicher Richtung über den Hafen. Fluglotsen hatten die Maschine kurz zuvor in einem ungewöhnlich schnellen Sinkflug entdeckt. Andere Piloten müssen ausweichen. Um 9.03 Uhr trifft das Flugzeug den Südturm zwischen dem 77. und dem 85. Stock. Millionen Menschen sehen den Einschlag live im Fernsehen.
Siebzehn Minuten nach dem ersten Treffer kann kaum noch jemand an einen Unfall glauben. Präsident George W. Bush besucht zu diesem Zeitpunkt eine Grundschule in Sarasota in Florida. Sein Stabschef Andrew Card tritt an ihn heran und teilt ihm leise mit, dass ein zweites Flugzeug den zweiten Turm getroffen habe und das Land angegriffen werde.
Im Südturm bleibt ein Treppenhaus passierbar. Eine kleine Zahl von Menschen aus der Einschlagzone und den Stockwerken darüber findet diesen Weg. Andere kehren vor Rauch oder verschlossenen Türen um. Unterhalb der getroffenen Etagen bewegen sich Tausende nach unten. Ihnen kommen Feuerwehrleute entgegen. Viele Aufzüge sind ausgefallen.

Vier Flüge nach Westen
Für die Anschläge hatte al-Qaida vier Linienflüge von der amerikanischen Ostküste nach Kalifornien ausgewählt. Zwei Maschinen kamen aus Boston, eine aus Washington-Dulles und eine aus Newark. Wegen der langen Strecken führten sie große Mengen Treibstoff mit. Insgesamt befanden sich 265 Menschen an Bord, darunter 19 Entführer.
In jeder Gruppe befand sich ein Entführer mit Pilotenausbildung; alle vier hatten in den Vereinigten Staaten Flugunterricht erhalten. Keiner von ihnen hatte jedoch ein Verkehrsflugzeug dieses Typs geflogen. Die Gruppen brachten die Cockpits nach dem Start unter ihre Kontrolle.
Zivile und militärische Stellen versuchen herauszufinden, wie viele Flugzeuge entführt wurden. Ihre Informationen treffen verspätet ein und widersprechen sich. Zeitweise sucht die Luftverteidigung noch nach Flug 11, obwohl die Maschine längst den Nordturm getroffen hat. Abfangjäger steigen ohne verlässliche Positionsangaben auf.
9.37 Uhr: Das Pentagon
American-Airlines-Flug 77 war westwärts gestartet, hatte seinen Kurs jedoch umgekehrt. Ohne Transpondersignal nähert sich die Maschine Washington. Erst wenige Minuten vor dem Einschlag entdecken Fluglotsen bei Dulles ein schnell fliegendes, zunächst nicht identifiziertes Radarsignal. Um 9.37 Uhr trifft das Flugzeug die Westseite des Pentagons in Arlington.
Der getroffene Gebäudeteil ist kurz zuvor renoviert worden und noch nicht voll belegt. Im Pentagon und an Bord sterben insgesamt 184 Opfer. Beschäftigte helfen Verletzten durch verrauchte Korridore ins Freie. Feuerwehrleute beginnen mit der Rettung, während das Gebäude weiter brennt.
Fünf Minuten nach dem Einschlag trifft Ben Sliney eine Entscheidung ohne Vorbild. Es ist sein erster Arbeitstag als nationaler Einsatzleiter der US-Luftfahrtbehörde. Er lässt alle rund 4.500 Maschinen über den Vereinigten Staaten am nächstgelegenen geeigneten Flughafen landen. Transatlantische Flüge werden nach Kanada umgeleitet. Wenige Stunden später befinden sich fast alle Flugzeuge am Boden. Noch weiß niemand, ob weitere Maschinen entführt wurden.
Die Passagiere von Flug 93
United-Airlines-Flug 93 ist in Newark mit Verspätung gestartet. Die Entführer übernehmen die Maschine erst gegen 9.28 Uhr über Ohio. Dadurch bleibt den Menschen an Bord Zeit, über Bordtelefone mit Angehörigen und Mitarbeitern der Telefongesellschaften zu sprechen. Sie erfahren von den Einschlägen in New York und erkennen, dass ihre Maschine wahrscheinlich ebenfalls als Waffe dienen soll.
Mehrere Passagiere und Besatzungsmitglieder beraten, was sie tun können. Um 9.57 Uhr greifen sie die Entführer an. Die Aufzeichnung aus dem Cockpit hält den Kampf an der Tür und die heftigen Steuerbewegungen des Flugzeugs fest. Um 10.03 Uhr stürzt Flug 93 bei Shanksville in Pennsylvania auf ein Feld. Alle 40 Passagiere und Besatzungsmitglieder sowie die vier Entführer sterben. Die Gegenwehr verhindert, dass die Maschine Washington erreicht. Ob das Kapitol oder das Weiße Haus getroffen werden sollte, ist nicht abschließend geklärt.
9.59 bis 10.28 Uhr
In New York spitzt sich die Lage zu. In beiden Türmen haben die Einschläge Stützen beschädigt und die Feuerschutzbeschichtung von Stahlbauteilen großflächig abgerissen. Die Brände erhitzen und schwächen diese Bauteile weiter. Um 9.59 Uhr stürzt der Südturm ein. Viele Einsatzkräfte im Nordturm erfahren über Funk, was geschehen ist. Die Aufforderung zum Rückzug erreicht jedoch nicht alle Einheiten. Manche Feuerwehrleute befinden sich noch weit oben im Treppenhaus und helfen Menschen beim Abstieg.
Um 10.28 Uhr bricht auch der Nordturm zusammen. Seit dem ersten Einschlag sind 102 Minuten vergangen. Staub und Trümmer ziehen durch die Straßen von Lower Manhattan. Menschen suchen Schutz in Hauseingängen und U-Bahn-Stationen. Am Wasser nehmen Fähren und andere Boote Überlebende auf. Im Laufe des Tages bringen sie Hunderttausende über die Flüsse.
17.20 Uhr: World Trade Center 7
Der Einsturz des Nordturms hat auch das nördlich der Zwillingstürme, jenseits der Vesey Street stehende World Trade Center 7 getroffen. Das 47 Stockwerke hohe Bürogebäude wird von Trümmern beschädigt; auf mindestens zehn Etagen brechen Brände aus. In WTC 7 schlug kein Flugzeug ein. Die Menschen im Gebäude können es verlassen. Weil die einstürzenden Türme städtische Wasserleitungen beschädigt haben, fehlt den Sprinklern in den unteren Stockwerken die Wasserversorgung. Die dortigen Brände breiten sich unkontrolliert aus. Fast drei Stunden vor dem Einsturz geben die Einsatzkräfte die Versuche auf, das Gebäude zu retten, und ziehen sich zurück.
Um 17.20 Uhr stürzt WTC 7 nach fast sieben Stunden Brand zusammen. Niemand wird dabei getötet oder schwer verletzt. Noch bevor sich die Außenfassade nach unten bewegt, versinken der östliche Dachaufbau und Teile der inneren Konstruktion im Gebäude. Eine mehrjährige Untersuchung des National Institute of Standards and Technology kommt 2008 zu dem Ergebnis, dass sich Deckenträger aus Stahl durch die Hitze ausdehnten. Im Bereich der Stütze 79 löste sich dadurch ein tragender Querträger aus seiner Verbindung. Mehrere Geschosse versagten, die nun unzureichend abgestützte Stütze knickte ein und ein fortschreitender Einsturz begann. Die Behörde prüfte auch die Möglichkeit einer Sprengung, fand aber keine Hinweise auf eine Explosion.
Insgesamt ermorden die 19 Entführer an diesem Tag 2.977 Menschen. Zu den Opfern gehören 246 Passagiere und Besatzungsmitglieder der vier Flugzeuge. In New York sterben außerdem Menschen in den Türmen und am Boden. Unter ihnen sind 343 Angehörige der Feuerwehr sowie 60 Polizisten der Stadt und der Hafenbehörde. Die Toten stammen aus mehr als 90 Staaten.
Noch am Abend stehen Angehörige vor Krankenhäusern und hoffen auf Namen in den Listen der Geretteten. In den folgenden Tagen hängen überall in New York Suchzettel mit Fotografien. Viele Vermisste werden nicht zurückkehren. Während Rettungskräfte am zerstörten World Trade Center weiterarbeiten, beginnt bereits die Suche nach den Tätern.

Zum Weiterlesen
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Graff, G. M. (2021): Und auf einmal diese Stille: Die Oral History des 11. September.* Eine vielstimmige Rekonstruktion des Tages auf Grundlage von Oral-History-Interviews und zeitgenössischen Aufzeichnungen.
National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States (2004): The 9/11 Commission Report. Der maßgebliche Untersuchungsbericht zur Planung der Anschläge und zu den behördlichen Reaktionen.
National Institute of Standards and Technology (2005): Final Report on the Collapse of the World Trade Center Towers. Technische Untersuchung der Gebäudeschäden und der Einstürze.
National Institute of Standards and Technology (2008): Final Report on the Collapse of World Trade Center Building 7. Technische Untersuchung der Brände und des Einsturzes von WTC 7.
Bildnachweis:
Titel: WTC-Türme. Wikimedia Commons, Michael Forlan. CC BY-SA 2.0.
Flug 175 schlägt ein: Wikimedia Commons, Robert J. Fisch. CC BY-SA 2.0.
Ground Zero, Wikimedia Commons, gemeinfrei.




