
Joseph McCarthy sprach am 9. Februar 1950 vor republikanischen Frauen in Wheeling, West Virginia. Der Senator aus Wisconsin erklärte, im amerikanischen Außenministerium arbeiteten Kommunisten, deren Zugehörigkeit der Leitung bekannt sei. Er präsentierte seine Behauptung als Wissen über bestimmte Personen. Aus einem regionalen politischen Abend wurde der Ausgangspunkt landesweiter Aufmerksamkeit.
Die Rede ist in widersprüchlichen Fassungen überliefert. Zeitgenössische Berichte nannten 205 Personen; McCarthy sprach später von 57. Entscheidend war weniger die einzelne Zahl als der Eindruck einer vorhandenen Liste. Der Senator behauptete, genau zu wissen, wer die Regierung von innen gefährdete, ohne dafür überprüfbare Belege öffentlich vorzulegen.
Die Angst war schon vorhanden
McCarthy musste den Verdacht einer kommunistischen Unterwanderung nicht erst erzeugen. Behörden überprüften bereits seit Jahren die politische Zuverlässigkeit ihrer Beschäftigten. Der Kongress untersuchte angeblich unamerikanische Tätigkeiten, und der Fall Alger Hiss hatte kurz zuvor mit einer Verurteilung wegen Meineids geendet.
Auch außenpolitische Ereignisse gaben der Sorge Nahrung. Die Sowjetunion besaß seit 1949 eine Atombombe. In China hatte die Kommunistische Partei den Bürgerkrieg gewonnen. Für Gegner der Regierung boten diese Entwicklungen Gelegenheit, nach persönlichem Versagen und absichtlichem Verrat innerhalb der amerikanischen Verwaltung zu fragen.
Die Ereignisse bewiesen jedoch nicht die Behauptungen über bestimmte Mitarbeiter. Gerade diesen Abstand überbrückte McCarthy rhetorisch. Er behandelte auswärtige Machtgewinne des Kommunismus so, als machten sie ein verborgenes Netzwerk im Außenministerium unmittelbar wahrscheinlich. Wer eine solche Erklärung annahm, konnte aus dem Fehlen öffentlicher Belege auch die erfolgreiche Geheimhaltung der angeblichen Täter ableiten.
Die Zahl versprach Genauigkeit
Eine Zahl wie 205 wirkte anders als die allgemeine Klage über zu viel Nachgiebigkeit gegenüber Moskau. Sie ließ sich als Ergebnis einer bereits geleisteten Untersuchung verstehen. Journalisten konnten sie in eine kurze Meldung übernehmen. Eine Redaktion musste nicht erst einen komplizierten politischen Zusammenhang erklären, um über den Vorwurf zu berichten.
Die zugrunde liegenden Angaben betrafen allerdings unterschiedliche Kategorien. Bei früheren Überprüfungen waren Personen als mögliches Sicherheitsproblem genannt worden; das war kein Nachweis einer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. Einzelne Vorwürfe waren bereits untersucht worden. McCarthys Darstellung ließ diese Unterschiede verschwinden.
Die schwankenden Zahlen erschwerten die Nachprüfung zusätzlich. Wer eine Liste verlangte, konnte am nächsten Tag mit einer veränderten Fassung der Behauptung konfrontiert sein. Ein widerlegter Einzelfall musste die übrigen Anschuldigungen nicht erschüttern, solange deren genauer Umfang unbestimmt blieb.
Der Senator und die Nachrichtenredaktionen
McCarthy erkannte, wie Nachrichten entstanden. Er lieferte neue Namen und kündigte weitere Enthüllungen an. Redaktionen erhielten dadurch fortlaufend Anlässe, zu ihm zurückzukehren. Seine Stellung als Senator verlieh den Aussagen ein amtliches Gewicht, das eine ähnlich unbelegte Behauptung eines Privatmannes nicht besessen hätte.
Eine damals verbreitete Vorstellung journalistischer Sachlichkeit begünstigte ihn. Eine Zeitung konnte die Aussage eines Senators korrekt wiedergeben und trotzdem einen falschen Eindruck ihrer Beleglage erzeugen. Wenn die Meldung lediglich festhielt, er habe Kommunisten in der Regierung entdeckt, erschien seine bloße Behauptung bereits als Untersuchungsergebnis.
Nicht sämtliche Journalisten folgten ihm dauerhaft. Gegenrecherchen und Kritik nahmen zu. Doch die Widerlegung einer Anschuldigung benötigte Zeit und Zugang zu Unterlagen. Der nächste Vorwurf ließ sich wesentlich schneller aussprechen. McCarthy konnte deshalb die Aufmerksamkeit erneuern, bevor die Prüfung des vorherigen abgeschlossen war.
Ein Ausschuss verlangte Belege
Der Senat setzte eine Untersuchung unter dem demokratischen Senator Millard Tydings in Gang. Das Gremium sollte den Behauptungen nachgehen. McCarthy hatte damit eine weitere Bühne gewonnen, musste sich aber zugleich Fragen nach den Grundlagen seines Wissens stellen.

Die Auseinandersetzung verlagerte sich rasch auf die Untersuchung selbst. Aus der Frage, ob bestimmte Mitarbeiter Kommunisten waren, wurde auch ein Streit darüber, ob die Regierung ihre Gegner ernsthaft überprüfen lasse oder sie schütze. Ein entlastendes Ergebnis konnte so als Beweis einer Vertuschung umgedeutet werden.
Der Ausschussmehrheit gelang es nicht, McCarthys wesentliche Anschuldigungen zu bestätigen. Für seine Anhänger bedeutete das dennoch nicht zwangsläufig das Ende seiner Glaubwürdigkeit. Wer ohnehin eine Schutzgemeinschaft innerhalb der Regierung vermutete, konnte das Ergebnis in dieselbe Vorstellung einpassen.
Dabei war McCarthy auf Helfer angewiesen. Antikommunistische Publizisten und politische Verbindungen versorgten ihn mit Material. Er begann keine Untersuchung mit einem eigenen, neu aufgebauten Geheimdienst. Vieles, was er als Enthüllung vortrug, zirkulierte bereits in einem größeren Kreis von Gegnern der Regierung.
Ein Amt gab dem Verdacht Reichweite
Die amerikanische Politik kannte scharfe antikommunistische Angriffe schon vor Wheeling. McCarthys besondere Wirkung entstand aus der Verbindung seines Senatsamts mit einer verlässlich erneuerten Enthüllungserwartung. Er beanspruchte die Autorität einer genauen Untersuchung und konnte zugleich vermeiden, deren Ergebnisse vollständig prüfbar zu machen.
Für Mitarbeiter des Außenministeriums änderte das die Lage. Auch ein bereits untersuchter Vorgang konnte unter neuer öffentlicher Anklage wiederkehren. Zur Rechtfertigung gegenüber den eigenen Prüfern kam die Erklärung vor einer Öffentlichkeit, deren Informationen der Senator wesentlich mitbestimmte.
Im Januar 1953 gewann McCarthy den Vorsitz eines Untersuchungsgremiums und damit weitere formale Möglichkeiten. Er konnte nun stärker beeinflussen, wer vorgeladen und welcher Vorgang öffentlich behandelt wurde. Die behauptete Liste eines Redeabends hatte ihm zunächst Aufmerksamkeit verschafft. Erst der spätere Zugriff auf die Ausschussarbeit gab ihm Mittel, mit denen aus öffentlichem Verdacht eine persönliche Vorladung werden konnte.
Zum Weiterlesen
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Schrecker, E. (1998): Many Are the Crimes. McCarthyism in America*. Untersuchung des politischen und publizistischen Umfelds von McCarthys Aufstieg.
Patterson, J. T. (1996): Grand Expectations. The United States, 1945–1974*. Darstellung der frühen 1950er-Jahre zwischen außenpolitischen Krisen und innenpolitischer Verfolgung.
Bildnachweis
Titel: Harry S. Truman Building, Sitz des US-Außenministeriums in Washington, 24. April 2024. Wikimedia Commons, U.S. Department of State. Gemeinfrei.
Senator Joseph McCarthy, 1954. Library of Congress / United Press. Gemeinfrei.
Senator Millard Tydings, 1939. Library of Congress, Harris & Ewing Collection, LCCN 2016874790 / Harris & Ewing. Gemeinfrei.




