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Vom Hindukusch in den Orbit – Wie der Kalte Krieg neu entbrannte (1974–1985)

Der Blick auf die Aufklärungsdaten

Im Dezember 1979 werten amerikanische Offiziere im Washingtoner Pentagon brisante Aufklärungsdaten aus. Sie verfolgen den massiven Einflug sowjetischer Transportmaschinen des Typs Antonow An-12 in den afghanischen Luftraum. Das Politbüro in Moskau hat soeben den Marschbefehl für die Rote Armee erteilt, um das wankende kommunistische Regime am Hindukusch durch den Einsatz regulärer Truppen zu stützen. Dieser militärische Zugriff zertrümmert das mühsam austarierte Gleichgewicht der vorangegangenen Dekade. Der Einmarsch markiert den Kulminationspunkt eines Prozesses, der die strategische Rüstungskontrolle beendet und die regionale Mäßigung der Supermächte zunichtemacht. Die Epoche der Entspannung weicht einer erneuten Hochkonfrontation, die das internationale System erschüttert und die beteiligten Akteure an die absoluten Grenzen ihrer ökonomischen Kapazitäten treibt.

Das Machtvakuum im Globalen Süden

Der fragile Frieden der Entspannungsära verliert bereits Mitte der siebziger Jahre an Substanz, lange bevor offene militärische Konflikte das Vertragswerk zerreißen. Während die europäischen Abkommen den Kontinent oberflächlich stabilisieren, verlagern die Großmächte ihre Konfrontation gezielt in die krisengeschüttelten Regionen der vormaligen Kolonialwelt. Nach dem überstürzten Abzug der portugiesischen Verwaltung entbrennt im Jahr 1975 der angolanische Bürgerkrieg. Die sowjetische Führung nutzt dieses neu entstandene Machtvakuum umgehend. Sie unterstützt die marxistische MPLA-Bewegung mit massiven Waffenlieferungen, die das Regime in Havanna durch den Einsatz kubanischer Expeditionstruppen militärisch absichert. Die Regierung in Washington bewertet diese Expansion als eklatanten Bruch des Geistes von Helsinki, wodurch das Vertrauen der amerikanischen Administration in die Vertragstreue des Kremls unaufhaltsam schwindet. Die politische Annahme, die strategische Rüstungskontrolle könne den sowjetischen Expansionsdrang dauerhaft einhegen, erweist sich im Washingtoner Machtapparat als unhaltbarer Fehlschluss.

Die Raketenkrise auf dem europäischen Kontinent

Jimmy Carter, US-Präsident von 1977-1981

Die Intervention am Hindukusch im Jahr 1979 provoziert eine fundamentale Umkehr der amerikanischen Außenpolitik. US-Präsident Jimmy Carter reagiert mit demonstrativer Härte auf den sowjetischen Vorstoß, den die Planer im Weißen Haus als direkte Bedrohung der westlichen Ölversorgungswege im Persischen Golf deuten. Carter stoppt die Ratifizierung des fertig ausgehandelten SALT-II-Vertrags und verhängt ein weitreichendes Getreideembargo gegen Moskau. Fast zeitgleich vollzieht die westliche Allianz eine strategische Weichenstellung auf dem europäischen Festland.

Im Dezember 1979 verabschiedet die NATO den sogenannten Doppelbeschluss, der die militärische Antwort auf die Stationierung moderner sowjetischer SS-20-Mittelstreckenraketen formuliert. Da diese Waffensysteme die westeuropäischen Metropolen innerhalb weniger Minuten bedrohen, kündigt die Allianz die Aufstellung amerikanischer Pershing-II-Raketen sowie neuer Marschflugkörper an. Die NATO verbindet diese Nachrüstung jedoch mit dem Angebot zu sofortigen Rüstungskontrollverhandlungen. Da das sowjetische Politbüro einseitige Vorleistungen strikt verweigert und die westlichen Vorbereitungen als Erpressung einstuft, schließt sich das Zeitfenster für diplomatische Kompromisse. Die Logik der nuklearen Abschreckung verdrängt die Mechanismen der Krisendiplomatie vollständig.

Der Rüstungswettlauf im Orbit

Nach dem Amtsantritt von Ronald Reagan im Januar 1981 verschärft sich die Konfrontation sowohl auf rhetorischer als auch auf materieller Ebene. Der neue amerikanische Präsident bricht radikal mit dem pragmatischen Kurs seiner Vorgänger und brandmarkt die Sowjetunion in einer Rede vor der Nationalen Vereinigung der Evangelikalen öffentlich als „Reich des Bösen“. Die neue Administration initiiert das größte militärische Aufbauprogramm der amerikanischen Nachkriegsgeschichte, um den ideologischen Gegner durch einen massiven technologischen Kraftakt in die Knie zu zwingen.

Den Höhepunkt dieser Strategie bildet die im März 1983 verkündete Strategic Defense Initiative (SDI). Dieses weltraumgestützte Abwehrsystem soll einen nuklearen Schutzschild im Orbit errichten, der die strategische Parität der Supermächte faktisch aushebelt. In Moskau löst das amerikanische Weltraumprojekt tiefe Besorgnis aus, da die sowjetischen Militärstrategen den Verlust der eigenen Zweitschlagskapazität fürchten.

Das SDI-Konzept aus dem Jahr 1984 für einen weltraumgestützten Satelliten – ausgestattet entweder mit einem durch einen Kernreaktor gepumpten Laser oder einem chemischen Fluorwasserstofflaser

Die Angst vor einem amerikanischen Erstschlag gipfelt im Herbst 1983 während des NATO-Stabsmanövers Able Archer. Der sowjetische Geheimdienst stuft die westliche Stabsübung als verdeckte Vorbereitung für einen realen Nuklearangriff ein, woraufhin der Kreml seine Atomstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Erst das reguläre Ende des Manövers bannt die Gefahr eines unabsichtlich ausgelösten Krieges, hinterlässt jedoch auf beiden Seiten die ernüchternde Gewissheit über die absolute Labilität dieser reinen Rüstungsarchitektur.

Die Agonie der Planwirtschaft

Der von Washington aufgezwungene Rüstungswettlauf trifft das sowjetische Wirtschaftssystem in einer Phase fortgeschrittener struktureller Stagnation. Die zentrale Planwirtschaft erweist sich als unfähig, den notwendigen Übergang von der extensiven Schwerindustrie zur computergestützten Informationsgesellschaft zu vollziehen. Während der Westen die Mikrochip-Revolution durchläuft, leidet die sowjetische Industrie unter chronischem Innovationsmangel und erstickender Bürokratie. Die Deviseneinnahmen des Kremls, die in den siebziger Jahren durch den hohen Ölpreis künstlich aufgebläht waren, brechen durch den weltweiten Verfall der Rohstoffpreise massiv ein.

Lech Wałęsa, 1980

Diese wirtschaftliche Misere erfasst zunehmend die osteuropäischen Satellitenstaaten, was sich exemplarisch in der Volksrepublik Polen manifestiert. Dort erzwingt die unabhängige Gewerkschaft Solidarność unter der Führung von Lech Wałęsa ab dem Sommer 1980 beispiellose politische Zugeständnisse. Das kommunistische Regime kann diese landesweite Oppositionsbewegung im Dezember 1981 nur durch die Verhängung des Kriegsrechts durch General Wojciech Jaruzelski temporär niederdrücken.

Gleichzeitig verblutet die Rote Armee in Afghanistan in einem zermürbenden Guerillakrieg gegen die von den USA finanzierten Mudschaheddin, was dem sowjetischen Imperium die letzten militärischen und wirtschaftlichen Reserven entzieht. Der unhaltbare finanzielle Druck dieser imperialen Überdehnung bereitet 1985 den Boden für jene weitreichenden Reformversuche, die das Ende der bipolaren Weltordnung einläuten.


Zum Weiterlesen

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Stöver, B. (2024): Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991.*

Leffler, M. P. / Westad, O. A. (Hrsg.) (2012): The Cambridge History of the Cold War. Volume 1: Origins.*

Gaddis, J. L. (2008): Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte.*

Bildnachweis

Titel: Sowjetischer Soldat in Afghanistan. RIA Novosti archive, image #21225 / A. Solomonov / CC-BY-SA 3.0.

Lech Wałęsa: Wikimedia Commons, Giedymin Jabłoński – http://ecs.gda.pl/. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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