
Am Abend des 23. August 1939 unterzeichnen im Moskauer Kreml Vertreter des Deutschen Reiches und der Sowjetunion einen Vertrag, der die europäische Politik schlagartig verändert. Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetischer Amtskollege Wjatscheslaw Molotow vereinbaren einen gegenseitigen Gewaltverzicht. Wenige Tage später beginnt der Krieg in Europa. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt steht am Übergang von diplomatischer Krise zu militärischer Eskalation.
Der Vertrag überrascht viele Zeitgenossen. Nationalsozialistisches Deutschland und die Sowjetunion hatten sich über Jahre hinweg als ideologische Gegner dargestellt. Dennoch entsteht im Spätsommer 1939 ein Bündnis, das beiden Seiten Handlungsspielräume eröffnet. Seine Bedeutung liegt weniger in der Dauer als in den Folgen, die er unmittelbar auslöst.
Die Lage nach München
Die Vorgeschichte des Paktes ist eng mit der Entwicklung der Jahre 1938 und 1939 verbunden. Nach dem Münchner Abkommen und der anschließenden Besetzung der verbliebenen tschechischen Gebiete im März 1939 verschiebt sich das Kräfteverhältnis in Mitteleuropa weiter zugunsten des Deutschen Reiches. In Berlin richtet sich der Blick zunehmend auf Polen. Die Frage Danzig, Transitforderungen und militärische Vorbereitungen rücken in den Vordergrund.
Gleichzeitig verschärft sich die sicherheitspolitische Lage der Sowjetunion. Die Führung in Moskau beobachtet mit wachsender Skepsis die Politik der westlichen Mächte. Die Erfahrungen von München haben den Eindruck verstärkt, dass Großbritannien und Frankreich bereit sind, über die Interessen anderer Staaten hinweg zu verhandeln, um einen eigenen Krieg hinauszuschieben. Diese Wahrnehmung prägt die sowjetische Diplomatie des Jahres 1939.
Gescheiterte Annäherungen an den Westen
Im Frühjahr und Sommer 1939 führen die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich Gespräche über ein mögliches Bündnis gegen das Deutsche Reich. Die Verhandlungen bleiben zäh. Auf sowjetischer Seite steht die Frage nach konkreten militärischen Garantien im Mittelpunkt. Vor allem der Durchmarsch sowjetischer Truppen durch polnisches oder rumänisches Gebiet erweist sich als unüberwindbares Hindernis.
Misstrauen bestimmt den Ton der Gespräche. In London und Paris bestehen Vorbehalte gegenüber der Sowjetunion, in Moskau zweifelt man an der Entschlossenheit der westlichen Mächte. Die Verhandlungen kommen kaum über vorbereitende Sondierungen hinaus. Währenddessen intensiviert Berlin seine diplomatischen Kontakte nach Osten.
Interessen und Kalküle

Für Adolf Hitler besitzt ein Abkommen mit der Sowjetunion vor allem strategischen Wert. Ein Krieg gegen Polen soll geführt werden, ohne zugleich eine zweite Front im Osten zu eröffnen. Ein Nichtangriffspakt mit Moskau verspricht operative Freiheit und reduziert das Risiko eines langen Mehrfrontenkrieges.
Josef Stalin verfolgt eigene Ziele. Die Sowjetunion steht militärisch und organisatorisch vor großen Herausforderungen. Ein Abkommen mit Deutschland bietet Zeit zur Reorganisation der Roten Armee und die Möglichkeit, Einflusszonen in Osteuropa abzusichern. Der Vertrag erscheint als Instrument, um den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern und unmittelbare Bedrohungen zu begrenzen.
Beide Seiten gehen von einem begrenzten Zeithorizont aus. Der Pakt ist als Zweckbündnis angelegt, nicht als Grundlage für eine dauerhafte Zusammenarbeit.
Der Vertrag und das geheime Zusatzprotokoll

Der öffentlich bekannte Teil des Paktes verpflichtet beide Staaten zu gegenseitigem Gewaltverzicht und zur Neutralität im Fall von Konflikten mit Dritten. Für die internationale Öffentlichkeit wirkt das Abkommen wie ein klassischer Nichtangriffspakt, wie er in den Zwischenkriegsjahren mehrfach geschlossen wurde.
Seine eigentliche Tragweite erhält der Vertrag durch ein geheimes Zusatzprotokoll. Darin legen Berlin und Moskau ihre Interessensphären in Ostmitteleuropa fest. Polen wird entlang einer vereinbarten Linie aufgeteilt. Estland, Lettland, Finnland und Bessarabien werden der sowjetischen Einflusssphäre zugeordnet, Litauen zunächst dem deutschen Einflussbereich zugerechnet.
Diese Vereinbarungen bleiben zunächst geheim. Sie strukturieren jedoch das Vorgehen beider Mächte in den folgenden Monaten und schaffen einen Rahmen für militärische Expansion.
Krieg und Zusammenarbeit

Am 1. September 1939 beginnt der deutsche Angriff auf Polen. Zwei Tage später erklären Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg. Der europäische Krieg nimmt seinen Anfang. Am 17. September rücken sowjetische Truppen von Osten in polnisches Gebiet ein. Der polnische Staat wird zwischen den beiden Mächten aufgeteilt.
In der Folgezeit arbeiten das Deutsche Reich und die Sowjetunion in begrenztem Umfang zusammen. Grenzverläufe werden festgelegt, wirtschaftliche Abkommen geschlossen, Rohstoffe geliefert. Verwaltungstechnische Fragen werden geregelt, politische Flüchtlinge ausgeliefert. Die Kooperation bleibt sachlich, von gegenseitiger Vorsicht geprägt und auf konkrete Interessen beschränkt.
Zeitgewinn und Vorbereitung
Für Hitler erweist sich der Pakt als strategischer Gewinn. Er ermöglicht den Feldzug gegen Frankreich im Jahr 1940, ohne eine unmittelbare Bedrohung im Osten befürchten zu müssen. Parallel laufen jedoch Planungen für einen Angriff auf die Sowjetunion weiter. Der Vertrag dient als Zwischenlösung, nicht als dauerhafte Absicherung.
Auch die sowjetische Führung nutzt die gewonnene Zeit. Die Rote Armee wird reorganisiert, neue Verteidigungslinien werden aufgebaut, der Einflussbereich im Westen erweitert. Die Eingliederung der baltischen Staaten und der Krieg gegen Finnland fallen in diese Phase.

Der Bruch und seine Deutung
Im Juni 1941 endet das Zweckbündnis abrupt. Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion verliert der Hitler-Stalin-Pakt seine politische Bedeutung. Der frühere Vertragspartner wird zum zentralen Gegner. Der Krieg erreicht eine neue Dimension.
Nach 1945 wird der Pakt unterschiedlich bewertet. In Westeuropa gilt er lange als Ausdruck rücksichtsloser Machtpolitik beider Regime. In der Sowjetunion wird er als notwendiger Schritt zur Sicherung des eigenen Staates dargestellt. Erst Jahrzehnte später werden die geheimen Zusatzprotokolle offiziell anerkannt und in die historische Bewertung einbezogen.
Der Hitler-Stalin-Pakt steht für eine Phase europäischer Politik, in der strategische Erwägungen ideologische Gegensätze überlagern. Er zeigt, wie Entscheidungen unter Zeitdruck und Unsicherheit getroffen werden und wie kurzfristige Sicherheitskalküle den Verlauf eines ganzen Kontinents beeinflussen.

Zum Weiterlesen
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Kotki, Stephen (2018): Stalin. Waiting for Hitler, 1929–1941 – Standardwerk zur sowjetischen Perspektive und Entscheidungsfindung.*
Snyder, Timothy (2011): Bloodlands – Europa zwischen Hitler und Stalin.*
Bildnachweis
Titel: Hitler und Goebbels warten auf die Bestätigung des Molotow-Ribbentrop-Paktes.
Grenzstein: Wikimedia Commons, Министерство обороны России.
Siegesparade: Bundesarchiv Bild 101I-121-0011-20.
Karte: Wikimedia Commons, Historicair.
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