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Der Stern von Moskau: Die radikale Architektur der Basilius-Kathedrale

Im Herbst 1554 blickte Zar Iwan IV., den die Nachwelt den Schrecklichen nennen sollte, auf den geschäftigen Marktplatz vor den Toren des Moskauer Kreml. Direkt am Alewis-Graben – einem tiefen Schutzgraben, der die Festungsmauer vom Roten Platz trennte – befahl er Barma und Postnik Jakowlew, ein Gelübde einzulösen: Für jeden Sieg über die Khanate von Kasan und Astrachan sollte eine Kapelle entstehen und so die Expansion des russischen Reiches verewigen.

Ein Labyrinth aus Sieg und Glauben

Die Baumeister schufen ein ungewöhnliches Ensemble: Acht kleine Kapellen gruppierten sich um eine neunte, zentrale Kirche. So bildete sich kein monumentaler Innenraum für große Gemeinden, sondern ein spirituelles Labyrinth. Die ursprünglichen neun Kapellen waren 1561 vollendet; erst 1588 kam eine zehnte Kapelle über dem Grab des Heiligen Basilius hinzu, die dem Komplex seinen populären Namen gab.

Dieser radikale Bruch mit der Architekturtradition folgte einem himmlischen Bauplan: Die acht Kapellen bilden einen achtzackigen Stern, das Symbol für das „himmlische Jerusalem“ und die Ewigkeit. Gleichzeitig wurde die Kathedrale zur politischen Bühne. Indem Iwan sie im Viertel der einfachen Leute errichten ließ, setzte er ein klares Zeichen gegen die Macht der Bojaren, des alteingesessenen Hochadels. Das Gebäude inszenierte sich als „irdisches Jerusalem“ – Schauplatz der jährlichen Palmsonntagsprozession, bei der der Zar den Patriarchen auf einem Esel zur Kathedrale führte. So legitimierte er Moskau als das „Dritte Rom“, den rechtmäßigen Erben des untergegangenen Konstantinopels.

Von der Zerstörung zur Ikone

Die Architektur war die Basis, doch ihr heutiges Gesicht erhielt die Kathedrale erst durch spätere Eingriffe. Ursprünglich war das Gebäude schlichter, geprägt von rotem Backstein und weißem Kalkstein. Die charakteristischen bunten Bemalungen der Zwiebeltürme kamen schrittweise zwischen 1670 und 1780 hinzu. Erst im 17. Jahrhundert, als man die bis dahin getrennten Kapellen durch Galerien und Treppenhäuser verband, verschmolz dieser Kapellenkranz zum monolithischen Denkmal.

Mehrfach stand dieses Symbol russischer Identität vor dem Untergang. 1812 befahl Napoleon Bonaparte die Sprengung der Kathedrale, doch die französische Armee scheiterte an der Umsetzung. In den 1930er Jahren planten sowjetische Stadtplaner erneut den Abriss, um Platz für Militärparaden zu schaffen. Der Legende nach rettete Stalin das Gebäude persönlich, als er Lasar Kaganowitsch anwies, das Modell der Kirche auf dem Stadtplan stehenzulassen. Eine andere Erzählung schreibt die Rettung dem Denkmalschützer Pjotr Baranowski zu, der sich weigerte, den Abriss vorzubereiten, und dafür eine Lagerhaft in Kauf nahm.

Das Erbe des Zaren

Heute wird die Kathedrale sowohl als Museum als auch für Gottesdienste genutzt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden 1991 die liturgischen Feiern wieder aufgenommen; seit 1997 finden sie jeden Sonntag um 10 Uhr statt. Die Frage, ob die Architekten nach der Fertigstellung tatsächlich vom Zaren geblendet wurden, damit sie nie wieder ein schöneres Werk schaffen konnten, bleibt ein historischer Mythos – Postnik Jakowlew wirkte nachweislich noch Jahre später am Bau des Kasaner Kreml mit.

Welche Rolle die Basilius-Kathedrale in der modernen russischen Identität spielt, bleibt eine Beobachtung wert. Als Symbol hat sie die Zarenzeit und die Sowjetunion überdauert und verbindet bis heute die sakrale Tradition mit der staatlichen Selbstdarstellung Russlands.


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Stökl, G. (2018): Russische Geschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart.*

Bildnachweis

Alles eigene Aufnahmen.

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