Ein beißender Geruch von ungewaschener Schafwolle und Tran hing in der feuchten Luft der Leidener Werkstätten, als William Bradford die Entscheidung traf, die sein Leben und die Weltgeschichte verändern sollte. Jahrelang hatten er und seine Glaubensgenossen in den Niederlanden unter harten Bedingungen geschuftet. Sie reinigten Wolle und verrichteten schwere körperliche Arbeit, nur um ihren puritanischen Glauben frei von den Zwängen der englischen Staatskirche leben zu können. Doch der wirtschaftliche Druck wuchs und die Angst vor einem erneuten Krieg mit Spanien nahm zu. In dieser Enge reifte der Entschluss: Die Gemeinde würde den Ozean überqueren, um in der Wildnis Nordamerikas ein „geistiges Jerusalem“ zu errichten.
Ein Schiff für den Neuanfang
Die Wahl für das riskante Unterfangen fiel auf die Mayflower, ein etwa 180 Tonnen schweres Handelsschiff, das zuvor meist Wein zwischen England und Frankreich transportiert hatte. Gemeinsam mit der kleineren Speedwell sollte sie die Auswanderer von Southampton aus über den Atlantik bringen. Doch das Unternehmen stand unter keinem guten Stern. Zweimal kehrten die Schiffe um, weil die Speedwell gefährliche Lecks schlug. Schließlich blieb den Pilgervätern keine Wahl: Sie ließen das beschädigte Begleitschiff zurück und pferchten die verbliebenen Vorräte sowie die entschlossensten Passagiere auf die ohnehin schon überfüllte Mayflower.
Am 16. September 1620 lichtete Kapitän Christopher Jones im englischen Plymouth die Anker. An Bord befanden sich 102 Passagiere – etwa ein Drittel von ihnen religiöse Separatisten, der Rest Handwerker und Bauern, die von den Londoner Geldgebern angeworben worden waren.
Die Agonie der Überfahrt

Die ersten Wochen auf See verliefen überraschend ruhig, doch im Oktober wandelte sich der Nordatlantik in ein Schlachtfeld aus Wind und Wasser. Schwere Stürme aus Nordosten peitschten gegen den hölzernen Rumpf. Die Passagiere harrten in fast völliger Dunkelheit auf dem sogenannten Zwischendeck aus – einem Raum von etwa 90 Quadratmetern nutzbarer Fläche und einer Deckenhöhe von oft weniger als anderthalb Metern.
Inmitten eines dieser Stürme geschah das Unglück: Ein tragender Decksbalken des Schiffes bog sich unter dem Druck der Wellen und drohte zu brechen. Das Schicksal der Expedition hing an einem seidenen Faden, bis einer der Siedler eine schwere eiserne Hebeschraube hervorholte, die er für den Hausbau in der neuen Welt eingepackt hatte. Mit diesem Werkzeug stabilisierte die Besatzung den Balken und rettete die Seetüchtigkeit der Mayflower. Während die Wellen über das Oberdeck rollten, wurde unter Deck ein Kind geboren, das den Namen Oceanus erhielt. Ein anderer Passagier, John Howland, wurde von einer Welle über Bord gespült, klammerte sich jedoch an ein Seil und überlebte.
Ankunft in der Kälte
Nach 66 Tagen auf See sichteten die Männer am 19. November Land: Cape Cod. Da sie weit nördlich ihres eigentlichen Zielgebiets in Virginia gelandet waren und die Vorräte zur Neige gingen, ankerten sie in der Gegend des heutigen Provincetown Harbor. Doch bevor sie den Fuß auf festen Boden setzten, entfachte ein Streit über die künftige Führung. Die Nicht-Separatisten an Bord stellten die Macht der Anführer infrage, da die offiziellen Patente für dieses Gebiet nicht galten.
Um das Überleben zu sichern, verfassten die männlichen Passagiere noch an Bord den Mayflower Compact. In diesem Dokument gelobten sie, sich zu einer bürgerlichen Gemeinschaft zusammenzuschließen und gemeinsamen Gesetzen zu gehorchen. Es war ein entscheidender Moment: Die Gruppe schuf sich eigene Regeln für das Zusammenleben, unabhängig von einem fernen Monarchen.
Der tödliche Winter
Die Landung im Dezember 1620 markierte den Beginn einer Katastrophe. Die Siedler trafen auf die unerbittliche Härte des neuenglischen Winters. Der gefrorene Boden machte den Anbau von Nahrung unmöglich und die Männer besaßen keine geeignete Ausrüstung für den Fischfang an dieser Küste. Während sie mühsam erste Hütten errichteten, blieb das Schiff ihr primärer Zufluchtsort. Doch dort breitete sich der Tod rasend schnell aus.
Skorbut und Lungenentzündungen forderten einen hohen Tribut. In der schlimmsten Phase im Februar und März starben zeitweise zwei bis drei Menschen an einem einzigen Tag. Als der Frühling 1621 endlich Einzug hielt, waren nur noch 53 der ursprünglichen Passagiere am Leben. Auch Kapitän Jones verlor etwa die Hälfte seiner Besatzung. Er wartete mit der Rückreise bis zum April, um sicherzustellen, dass die überlebenden Seeleute die Segel überhaupt bedienen konnten.
Ein hart erkämpfter Anfang

Die Überlebenden verdankten ihr Fortbestehen letztlich der Hilfe der lokalen Wampanoag-Indigenen. Diese zeigten ihnen, wie man Mais mit Fisch als Dünger anbaute. Im Herbst 1621 feierten die Siedler gemeinsam mit 90 Wampanoag ein Erntefest – ein Ereignis, das Jahrhunderte später zum Gründungsmythos des amerikanischen Erntedankfestes wurde.
Die Mayflower selbst kehrte nach London zurück und verschwand kurz nach dem Tod von Kapitän Jones im Jahr 1622 aus den Registern. Es wird vermutet, dass sie 1624 als Wrack verkauft und ihre Balken für den Bau einer Scheune in Buckinghamshire verwendet wurden.
Zum Weiterlesen
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Hugh Brogan (2001): The Penguin History of the United States of America.*
Hermann Wellenreuther, Hans R. Guggisberg (2002): Geschichte der USA.*
Bildnachweis
Titel: Mayflower in Plymouth Harbor, William Halsall,1882.
Alle Bilder gemeinfrei.




