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Arabische Heere vor Byzanz

Im März 630 zieht Kaiser Herakleios durch die Straßen Jerusalems. Der Überlieferung nach legt er vor dem Stadttor Krone und Purpurgewand ab und trägt das Heilige Kreuz, das er den Persern abgerungen hat, zu Fuß zur Grabeskirche. Die Menge feiert den Herrscher als Retter der Christenheit, denn nach dem Ende des langjährigen Perserkrieges und dem Sturz des Großkönigs Chosrau II. fallen die alten Ostprovinzen wieder an das Imperium zurück. Kaum acht Jahre später wird dieselbe Stadt einem neuen Eroberer die Tore öffnen.

Die zurückgewonnenen Gebiete sind tief erschöpft. Syrische Städte litten jahrelang unter persischer Besatzung, weshalb der Kaiserhof die Verwaltung und die Steuereintreibung in Palästina erst wieder mühsam aufbauen muss. Zugleich drängt der Kaiserhof darauf, dass Ägypten die gewohnten Getreidelieferungen wieder aufnimmt, von denen die Versorgung der Hauptstadt jahrhundertelang abhing. Der Sieg über die Sassaniden verschafft Byzanz eine Atempause, doch die tiefen Wunden des jahrzehntelangen Krieges bleiben offen. In diese prekäre Lage stoßen die arabischen Heere vor.

Der neue Gegner

Seit 634 dringen arabische Truppen in die östlichen Provinzen ein. Für Herakleios bedeutet dieser Einmarsch eine Bedrohung des gesamten Ostens. Die Angreifer bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit durch die ungeschützten Grenzräume – und sie treffen auf einen Staat, dessen Ressourcen der persische Krieg aufgezehrt hat.

Byzanz besitzt reichlich Erfahrung mit starken Gegnern. Das Sassanidenreich war seit Jahrhunderten ein vertrauter Feind, dessen militärische Strategien und diplomatische Gepflogenheiten man in Konstantinopel genau studierte. Die arabischen Verbände stellen den Kaiserhof vor eine andere Aufgabe: Sie besetzen Räume, die Byzanz eben erst wieder in Besitz genommen hat, und zwingen den Kaiser zu schnellen Entscheidungen. Herakleios muss unter dem Druck des Augenblicks reagieren; ihm fehlt die Zeit für jene jahrelangen Vorbereitungen, die seinem großen Gegenschlag gegen Persien vorausgingen. Die Provinzen verlangen Schutz, und der Hof in Konstantinopel fürchtet die politischen Folgen einer Niederlage im Osten.

Die Entscheidung am Jarmuk

Ort der Schlacht am Jarmuk

Im August 636 kommt es zur entscheidenden Feldschlacht. Am Jarmuk, einem Nebenfluss des Jordan, stellt sich ein großes kaiserliches Heer den arabischen Verbänden entgegen, die der Feldherr Chalid ibn al-Walid koordiniert. Nach tagelangen Kämpfen bricht die byzantinische Front zusammen, und mit ihr endet die kaiserliche Herrschaft über Syrien.

Herakleios, der den Feldzug von Antiochia aus verfolgt hat, zieht sich nach Kleinasien zurück. Spätere arabische Quellen legen ihm beim Abschied die Worte in den Mund: „Friede sei mit dir, Syrien – welch schönes Land überlasse ich dem Feind.“ Ob der Kaiser tatsächlich so sprach, bleibt ungewiss, da die Überlieferung erst Generationen später einsetzt. Die Szene zeigt jedoch, wie endgültig schon die Zeitgenossen diesen Verlust empfanden: Nach dem Jarmuk verteidigt kein kaiserliches Feldheer mehr die syrischen Städte.

Jerusalem geht erneut verloren

Nach der Niederlage liegen die Städte Palästinas offen, und die arabischen Heere gewinnen rasch an Boden. Jerusalem hält sich noch monatelang hinter seinen Mauern, dann verhandelt Patriarch Sophronios über die Kapitulation. Er verweigert die Übergabe an einen Unterhändler und besteht darauf, die Stadt dem Kalifen persönlich auszuhändigen. Im Frühjahr 638 reist Umar ibn al-Chattab deshalb selbst nach Jerusalem. Der Kalif besichtigt die Grabeskirche, wählt für sein rituelles Gebet jedoch gezielt einen Platz außerhalb des Gebäudes. Damit verhindert er, dass seine Anhänger später einen exklusiven islamischen Anspruch auf das christliche Gotteshaus ableiten. Diese Szene stammt aus späteren Quellen, doch der Kern der Vereinbarung gilt in der Forschung als plausibel: Die Christen behalten ihre Kirchen und zahlen dafür eine Kopfsteuer.

Der Verlust trifft Herakleios in einem empfindlichen Moment, denn der eben noch gefeierte Bezwinger Persiens muss erleben, wie ihm die gerade erst gesicherten Räume entgleiten. Der Hof hatte den Krieg gegen Persien als heiligen Kampf für den christlichen Glauben inszeniert; nun muss er den Untertanen erklären, warum die zentralen Orte der Christenheit an einen neuen Gegner fallen, während sich die militärische Lage weiter verschlechtert.

Ägypten fällt

Noch schwerer wiegt der Verlust Ägyptens, das zu den reichsten Teilen des Imperiums zählt. Seine Agrarüberschüsse sichern die Versorgung der Hauptstadt, und die regionalen Steuereinnahmen finanzieren den Staatsapparat.

Ende 639 überschreitet der Feldherr Amr ibn al-As mit wenigen tausend Reitern die Grenze am Sinai. Die byzantinische Verteidigung zerfällt Stück für Stück: 641 fällt die Festung Babylon am Nil, im Jahr darauf räumen die kaiserlichen Truppen Alexandria. Mit ihrem Abzug im September 642 verliert Konstantinopel seine wichtigste Kornkammer, und dem Kaiserhof brechen jene Einnahmen weg, die er für den Wiederaufbau dringend benötigt hätte.

Herakleios erlebt das Ende dieser Entwicklung nicht mehr. Er stirbt im Februar 641 in Konstantinopel, während der Abwehrkampf im Nildelta noch andauert und sich die Niederlage bereits abzeichnet. Sein Sieg über Persien überdauert als Erinnerung, doch neben sie tritt nun ein territorialer Einschnitt, der das Reich dauerhaft verkleinert.

Kleinasien wird zur Schutzwand

Nach dem Verlust der Ostprovinzen rückt Kleinasien in den Mittelpunkt der kaiserlichen Strategie. Hier entscheidet sich das Überleben des Restreiches. Über die Pässe des Taurusgebirges vorstoßend, attackieren arabische Truppen schon früh kleinasiatisches Gebiet und erkunden an den befestigten Städten die Wege ins Innere des Landes.

Kaiserhof und Heer konzentrieren sich darauf, den Durchbruch des Gegners zur Hauptstadt zu verhindern. Über Jahrzehnte hinweg verlegen die Kaiser Truppen dauerhaft an die bedrohten Abschnitte und lassen die Soldaten dort ansässig werden. Aus dieser Praxis wachsen die späteren Themen heran – Militärbezirke, in denen ein Stratege das Kommando führt und mit der Zeit auch die zivile Verwaltung an sich zieht. Wann genau diese Ordnung entstand, ist in der Forschung umstritten; gesichert ist, dass die kleinasiatischen Verbände den wiederkehrenden Einfällen zunehmend eigenständig standhalten.

Konstantinopel hält stand

Konstantin IV., Mosaik in der Basilica di Sant’Apollinare in Classe

Die Kalifen richten ihre Angriffe schließlich gegen das politische Zentrum des Reiches selbst, denn wer Konstantinopel einnimmt, trifft den Kaiserhof am verwundbarsten Punkt. Nach traditioneller Datierung bedrängen arabische Flotten die Metropole zwischen 674 und 678 Jahr für Jahr. Kaiser Konstantin IV. organisiert die Verteidigung: Das Zusammenspiel der im 5. Jahrhundert errichteten theodosianischen Landmauer mit der geschützten Lage am Bosporus sichert die Residenz, während auf dem Wasser eine neue Waffe den Ausschlag gibt. Der Ingenieur Kallinikos, ein Flüchtling aus Syrien, soll das Griechische Feuer entwickelt haben – ein brennbares Gemisch, das byzantinische Schiffe durch Rohre auf die gegnerische Flotte schleudern und das selbst auf dem Wasser weiterbrennt.

Die Angreifer ziehen ab, und der Kaiserhof gewinnt Zeit, Heer und Steuerwesen neu zu ordnen. Der Verlust der Ostprovinzen erweist sich als unumkehrbar, doch das Reich rettet seine Existenz. Aus dem spätantiken Großreich Justinians entsteht ein kompakterer, mittelalterlicher Staat, der sich auf Konstantinopel und die kleinasiatischen Militärbezirke stützt.

Der nächste Ansturm

Die Abwehr von 678 beendet die Ambitionen des Kalifats nicht. Bereits 717 erscheint ein noch größeres Heer vor den Mauern der Hauptstadt, und wieder halten die Befestigungen stand, während das Griechische Feuer die feindliche Flotte im Bosporus zurückschlägt – diesmal unter Kaiser Leo III., der aus dem kleinasiatischen Grenzkampf hervorgegangen ist. Für die Generationen nach Herakleios wird dieser Abwehrkampf zur prägenden Erfahrung: Sie verteidigen die verbliebenen Grenzen eines Reiches, dessen Alltag die jährlichen Einfälle über die Taurus-Pässe noch für Jahrhunderte bestimmen werden.


Zum Weiterlesen

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Peter Schreiner (2011): Byzanz. 565–1453 – Standardwerk zur politischen Geschichte des Byzantinischen Reiches von Justinian bis zum Fall Konstantinopels, mit klarer Chronologie und nüchterner Einordnung*.

Bildnachweis

Titel: Altstadt von Jerusalem, 2007.

Ort der Schacht bei Jarmuk: Wikimedia Commons, Mohammad adil. CC BY-SA 3.0.

Konstantin IV.: Wikimedia Commons, Sailko. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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