Am Abend des 12. Oktober 1986 verlassen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow das Höfði-Haus in Reykjavík ohne Vertrag. Zwei Tage lang haben der amerikanische Präsident und der sowjetische Generalsekretär über eine drastische Verringerung ihrer Atomwaffen gesprochen. Zeitweise steht sogar der Abbau aller strategischen Nuklearwaffen innerhalb von zehn Jahren im Raum. Am Ende scheitert die Einigung an Reagans Strategic Defense Initiative. Gorbatschow verlangt, die Arbeit an dem geplanten Abwehrsystem auf Labore zu beschränken. Reagan lehnt das ab.
Das Treffen wirkt zunächst wie ein Fehlschlag. Tatsächlich zeigt es, wie weit sich die Positionen binnen weniger Monate verschoben haben. Noch 1983 hatten beide Regierungen einen Atomkrieg für möglich gehalten und ihre Streitkräfte auf eine gefährliche Konfrontation vorbereitet. Nun sprechen ihre Staatschefs darüber, einen großen Teil der Waffen zu beseitigen, auf denen dieses gegenseitige Drohsystem beruht.
Reykjavík beendet den Kalten Krieg nicht. Das Gipfeltreffen öffnet jedoch den Weg zu Vereinbarungen, die zuvor unerreichbar schienen. Der Wandel beginnt im Kreml, wo ein neuer Generalsekretär versucht, die Sowjetunion zu reformieren und dafür die jahrzehntelange Konfrontation mit dem Westen zurückdrängen muss.
Ein Reformer übernimmt den Kreml
Michail Gorbatschow wird am 11. März 1985 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt. Seine Kollegen im Politbüro erwarten von dem Vierundfünfzigjährigen vor allem neue Energie für ein erstarrtes System. Sie ahnen nicht, dass er dessen Grundlagen verändern wird. Gorbatschow selbst besitzt zunächst ebenfalls keinen fertigen Plan. Er will die sowjetische Wirtschaft beleben und den Lebensstandard heben. Dafür braucht er niedrigere Rüstungsausgaben und verlässlichere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten.

Der wirtschaftliche Druck erklärt die Dringlichkeit seiner Politik, aber nicht ihren Verlauf. Frühere sowjetische Führungen hatten auf Krisen mit stärkerer Kontrolle reagiert. Gorbatschow schlägt einen anderen Weg ein. Unter dem Schlagwort Perestroika kündigt er den Umbau von Wirtschaft und Staat an. Glasnost soll öffentliche Kritik ermöglichen und die Geheimhaltung lockern.
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 zeigt, wie schwer sich der Staatsapparat mit dieser Öffnung tut. Funktionäre verschweigen zunächst das Ausmaß des Unglücks. Während radioaktive Stoffe über Europa ziehen, informiert die sowjetische Führung die eigene Bevölkerung nur zögerlich. Die Katastrophe macht sichtbar, dass Vertuschung und die Angst vor Verantwortung selbst die Reformen behindern.
Gorbatschow verändert zugleich die Führungsspitze. Er ersetzt den langjährigen Außenminister Andrei Gromyko durch Eduard Schewardnadse und fördert Berater wie Alexander Jakowlew. In diesem Kreis entsteht das „Neue Denken“. Sicherheit soll nicht länger darauf beruhen, den Gegner fortwährend zu schwächen. Absprachen müssen beiden Seiten einen Vorteil bieten, wenn sie Bestand haben sollen.
Damit stellt Gorbatschow einen Grundsatz infrage, der die sowjetische Außenpolitik über Jahrzehnte geprägt hat. Der weltweite Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialismus soll nicht mehr jede regionale Krise bestimmen. Auch ein militärisches Übergewicht erscheint ihm nicht länger als zuverlässiger Schutz. In einem Atomkrieg, so die neue Überzeugung, kann es keinen Sieger geben.
Der Wandel trifft in Washington auf einen Präsidenten, dessen Politik ebenfalls nicht mehr jener der frühen achtziger Jahre entspricht. Reagan hält an SDI fest und setzt seine militärischen Programme fort. Seit 1984 sucht er jedoch zugleich das Gespräch mit Moskau. Beim ersten Gipfel in Genf im November 1985 vereinbaren beide Staatschefs noch keine Abrüstung. Sie erklären aber gemeinsam, ein Atomkrieg könne nicht gewonnen werden und dürfe niemals geführt werden.
Diese Aussage beseitigt das Misstrauen nicht. Amerikanische Regierungsmitglieder bezweifeln weiterhin, dass Gorbatschow die sowjetische Außenpolitik dauerhaft verändern will. Im Kreml wiederum gilt SDI als Versuch, die sowjetische Zweitschlagsfähigkeit auszuschalten. Doch Reagan und Gorbatschow setzen ihre Gespräche fort. Ohne diese Annäherung wäre das Wagnis von Reykjavík kaum denkbar gewesen.
Vom Wettrüsten zur Abrüstung
Nach Reykjavík trennt beide Regierungen weiterhin der Streit über SDI. Die weitreichenden Vorschläge des Gipfeltreffens verschwinden jedoch nicht wieder in den Akten. Amerikanische und sowjetische Unterhändler greifen jene Punkte auf, bei denen eine Verständigung möglich erscheint. Im Dezember 1987 reist Gorbatschow nach Washington. Dort unterzeichnen er und Reagan den INF-Vertrag.

Zum ersten Mal vereinbaren die Supermächte nicht nur eine Begrenzung ihrer Atomwaffen, sondern die vollständige Beseitigung einer ganzen Waffenkategorie. Alle landgestützten Raketen mit Reichweiten zwischen 500 und 5.500 Kilometern sollen zerstört werden. Dazu gehören die sowjetischen SS-20 ebenso wie die amerikanischen Pershing-II-Raketen. Auch die neu stationierten amerikanischen Marschflugkörper fallen unter den Vertrag.
Beide Seiten erlauben Kontrollen auf ihrem Gebiet. Inspektoren sollen überprüfen, ob die vereinbarten Waffen tatsächlich verschwinden. Bis 1991 werden insgesamt 2.692 Flugkörper vernichtet. Für die Menschen in Europa sinkt damit die Zahl jener Raketen, die ihre Ziele innerhalb weniger Minuten erreichen können.
Der Vertrag beendet den Streit über die Raketenstationierungen in Europa nicht rückwirkend. Er zeigt aber, dass die Stationierungen nicht zwangsläufig zu einem immer neuen Rüstungszyklus führen müssen. Seit den vierziger Jahren hatten amerikanische und sowjetische Regierungen Rüstungskontrolle meist als Mittel verstanden, um das bestehende Gleichgewicht zu stabilisieren. Nun rüsten sie erstmals eine vollständige Waffengruppe ab.
Reagan trägt zu diesem Durchbruch nicht allein durch militärischen Druck bei. Er ist auch bereit, seine frühere Darstellung der Sowjetunion zu korrigieren. Während seines Besuchs in Moskau im Mai 1988 erklärt er, die Bezeichnung des Landes als „Reich des Bösen“ gehöre einer anderen Zeit an. Gorbatschow akzeptiert seinerseits Kontrollen, die frühere sowjetische Führungen als Eingriff in ihre Souveränität abgelehnt hatten. Das persönliche Vertrauen ersetzt die politischen Gegensätze nicht. Es erleichtert aber Vereinbarungen, die jahrelang blockiert gewesen waren.
Der Rückzug aus Afghanistan
Parallel zu den Abrüstungsverhandlungen beendet Moskau einen Krieg, der die Grenzen sowjetischer Macht offengelegt hat. Seit dem Einmarsch vom Dezember 1979 kämpft die Rote Armee in Afghanistan gegen bewaffnete Widerstandsgruppen. Die sowjetischen Soldaten können Städte und wichtige Verkehrswege sichern, aber große Teile des Landes nicht dauerhaft kontrollieren. Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten erhöhen die Kampfkraft der Mudschaheddin.

Gorbatschow bezeichnet Afghanistan intern als eine „blutende Wunde“. Ein militärischer Sieg ist nicht absehbar, während der Krieg immer neue Soldaten und Material verlangt. Im April 1988 unterzeichnen Afghanistan und Pakistan in Genf Vereinbarungen, die den sowjetischen Abzug ermöglichen. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion übernehmen Garantien.
Der Rückzug beginnt im Mai. Am 15. Februar 1989 überquert General Boris Gromow als letzter sowjetischer Soldat die Brücke über den Amudarja. Fast zehn Jahre nach dem Einmarsch verlässt die Rote Armee Afghanistan, ohne das Land befriedet oder die Herrschaft der verbündeten Regierung dauerhaft gesichert zu haben.
Gorbatschow zieht damit eine weitere Konsequenz aus dem „Neuen Denken“. Die Sowjetunion soll verbündete Regierungen nicht mehr um jeden Preis militärisch schützen. Diese Entscheidung betrifft bald nicht nur Afghanistan. Sie verändert auch die Lage in den Staaten Ostmitteleuropas, deren kommunistische Führungen ihre Macht seit Jahrzehnten mit sowjetischer Unterstützung behaupten.
Moskau verweigert den Schutz durch Panzer
Seit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956 und des Prager Frühlings 1968 wissen die kommunistischen Regierungen Ostmitteleuropas, dass sowjetische Panzer ihre Herrschaft im Notfall schützen. Diese Drohung hat den Ostblock militärisch zusammengehalten. Sie begrenzt zugleich jeden Versuch, das politische System eines Mitgliedstaates grundlegend zu verändern.
Gorbatschow rückt schrittweise von dieser Praxis ab. Im Dezember 1988 kündigt er vor den Vereinten Nationen an, die sowjetischen Streitkräfte um 500.000 Soldaten zu verkleinern. Tausende Panzer sollen abgezogen werden. Zugleich betont er das Recht jedes Volkes, seinen politischen Weg selbst zu wählen.
Die Regierungen in Ost-Berlin und Prag hören daraus eine beunruhigende Botschaft: Moskau wird ihre Herrschaft nicht mehr um jeden Preis retten. Gorbatschow erwartet nun, dass sich die kommunistischen Parteien durch eigene Reformen behaupten.
Die außenpolitische Entlastung löst allerdings Gorbatschows Ausgangsproblem nicht. 1989 fehlen in sowjetischen Geschäften weiterhin viele Waren, während die Staatsfinanzen unter Druck geraten. Die Reformen haben die Wirtschaft bis dahin nicht belebt.
Dieser Kurs beendet die kommunistische Herrschaft noch nicht. Den Gegnern der Regime eröffnet er aber einen Handlungsspielraum, den sie seit Jahrzehnten nicht besessen haben. Am deutlichsten zeigt sich das zunächst in Polen.
Dort hat das Verbot der Solidarność die Opposition nicht beseitigt. Die unabhängige Gewerkschaft arbeitet im Untergrund weiter. Neue Streiks und die anhaltende Wirtschaftskrise zwingen die Regierung schließlich zu Verhandlungen. Im Februar 1989 nehmen Vertreter des Regimes und der Opposition am Runden Tisch in Warschau Platz.
Nach wochenlangen Gesprächen einigen sie sich auf teilweise freie Wahlen. Die Kommunisten sichern sich vorab eine Mehrheit der Sitze im Sejm, während die Wahlen zum neu eingerichteten Senat weitgehend offenbleiben. Sie rechnen damit, ihre Macht trotz begrenzter Zugeständnisse bewahren zu können.
Die Abstimmung vom 4. Juni 1989 wird jedoch zum politischen Erdrutsch. Die Kandidaten der Solidarność gewinnen nahezu alle Mandate, um die sie sich bewerben dürfen. Das Ergebnis zeigt, wie wenig Rückhalt die kommunistische Führung noch besitzt. Im August wird Tadeusz Mazowiecki Ministerpräsident. Er bildet die erste nichtkommunistisch geführte Regierung in einem Mitgliedstaat des Warschauer Pakts.
Am selben Tag, an dem die Polen wählen, lässt die chinesische Führung die Proteste auf dem Tian’anmen-Platz in Peking gewaltsam niederschlagen. Der Kontrast ist unübersehbar. Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwingen eine kommunistische Führung nicht zwangsläufig zum Rückzug. In China entscheidet sich die Parteispitze für den Einsatz der Armee. Gorbatschow verweigert den kommunistischen Regierungen Ostmitteleuropas eine solche militärische Absicherung.
Die offene Grenze in Ungarn
Auch in Ungarn beginnt die politische Führung, ihre Bindung an die sowjetisch geprägte Vergangenheit zu lockern. Am 2. Mai 1989 entfernen Grenzsoldaten die ersten Teile des Stacheldrahtzauns zu Österreich. Die Anlage ist veraltet, ihre Erneuerung wäre teuer. Doch der Abbau erhält rasch eine Bedeutung, die weit über technische Fragen hinausgeht.
Im Sommer reisen Tausende Bürger der DDR nach Ungarn. Innerhalb des Ostblocks dürfen sie sich vergleichsweise frei bewegen. Nun hoffen sie, über Österreich in die Bundesrepublik zu gelangen. Die ungarische Regierung gerät dadurch in einen Konflikt mit der DDR-Führung, die von ihren Verbündeten verlangt, jede Flucht zu verhindern.
Beim Paneuropäischen Picknick nahe Sopron wird die Grenze am 19. August für einige Stunden symbolisch geöffnet. Mehrere Hundert DDR-Bürger nutzen die Gelegenheit und laufen nach Österreich. Die ungarischen Grenzer schießen nicht. Am 11. September lässt die Regierung schließlich alle ausreisewilligen DDR-Bürger passieren.
Damit verliert die SED-Führung die Kontrolle über eine ihrer wichtigsten Herrschaftstechniken. Seit dem Mauerbau hat sie die Bevölkerung daran gehindert, sich durch Ausreise dem Staat zu entziehen. Nun können DDR-Bürger das Land über einen verbündeten Staat verlassen. Andere besetzen bundesdeutsche Botschaften in Prag und Warschau.
Gleichzeitig wächst innerhalb der DDR eine Bewegung, die nicht fliehen, sondern das Land verändern will. In Leipzig versammeln sich nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche immer mehr Menschen zu Montagsdemonstrationen. Sie fordern Reisefreiheit und politische Veränderungen.
Am 9. Oktober ziehen etwa 70.000 Demonstranten durch die Stadt. Viele fürchten, dass die Sicherheitskräfte wie wenige Monate zuvor in Peking schießen könnten. Einheiten der Volkspolizei stehen bereit, Krankenhäuser bereiten sich auf Verletzte vor. Doch der befürchtete Gewalteinsatz bleibt aus.
Eine Woche später demonstrieren bereits weit mehr als 100.000 Menschen. Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ bestreiten sie der Sozialistischen Einheitspartei das Recht, im Namen der Bevölkerung zu sprechen. Der Protest greift auf weitere Städte über.
Erich Honecker hatte noch im Januar erklärt, die Berliner Mauer werde auch in 50 oder 100 Jahren bestehen, wenn ihre Ursachen nicht beseitigt würden. Am 18. Oktober zwingt ihn die eigene Parteiführung zum Rücktritt. Sein Nachfolger Egon Krenz verspricht Veränderungen, besitzt aber kaum noch Glaubwürdigkeit. Am 4. November versammeln sich Hunderttausende Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz. Vertreter des Staatsapparats müssen sich dort dem offenen Widerspruch der Bevölkerung stellen.
Die Nacht des 9. November
Am Abend des 9. November 1989 sitzt Günter Schabowski vor den Kameras einer internationalen Pressekonferenz. Kurz vor Beginn hat er ein Papier mit neuen Reisebestimmungen erhalten. DDR-Bürger sollen künftig Anträge auf Privatreisen stellen dürfen. Eigentlich sollen die Regelungen erst nach einer geordneten Vorbereitung bekannt gemacht werden.

Auf die Frage eines Journalisten, wann die Bestimmungen gelten, blickt Schabowski in seine Unterlagen. Dann antwortet er: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Nachrichtenagenturen verbreiten die Meldung. Westdeutsche Fernsehsender berichten, die DDR habe ihre Grenzen geöffnet.
Noch am selben Abend strömen Berliner zu den Übergängen. Die dort eingesetzten Beamten besitzen keine klaren Befehle. Am Grenzübergang Bornholmer Straße wächst die Menge stündlich. Die Menschen berufen sich auf Schabowskis Worte und verlangen, passieren zu dürfen.
Kurz vor Mitternacht lässt der verantwortliche Offizier Harald Jäger die Kontrollen einstellen. Tausende Menschen gehen über die Brücke nach West-Berlin. Weitere Grenzübergänge folgen. Fremde umarmen sich, Menschen steigen auf die Mauer. Die Bilder verbreiten sich in derselben Nacht um die Welt.
Die Mauer fällt nicht aufgrund eines ausgearbeiteten Beschlusses der DDR-Führung. Eine unklare Presseerklärung trifft auf den Druck einer Bevölkerung, die sich nicht mehr abweisen lässt. Entscheidend ist auch, was ausbleibt: Die Nationale Volksarmee greift nicht ein. Die sowjetischen Truppen bleiben ebenfalls in ihren Kasernen.
Gorbatschow hält an seinem Gewaltverzicht fest. Damit unterscheidet sich der 9. November 1989 fundamental von den sowjetischen Interventionen früherer Jahrzehnte in Ungarn oder der Tschechoslowakei.
Der Umbruch erreicht Prag
Der Fall der Mauer beschleunigt die Proteste in den übrigen Staaten Ostmitteleuropas. In der Tschechoslowakei löst die gewaltsame Auflösung einer Studentendemonstration am 17. November neue Kundgebungen aus. In Prag füllt sich der Wenzelsplatz mit Zehntausenden Menschen. Bald nehmen mehrere Hunderttausend an den Protesten teil.
Das Bürgerforum unter dem Dramatiker Václav Havel übernimmt eine führende Rolle. Havel hat wegen seiner Kritik am Regime wiederholt im Gefängnis gesessen. Nun verhandelt er mit Ministerpräsident Ladislav Adamec über die Ablösung der kommunistischen Führung.
Die Partei verliert innerhalb weniger Wochen ihre Machtstellung. Am 29. Dezember wählt das Parlament Havel zum Präsidenten. Alexander Dubček, der 1968 für einen reformierten Sozialismus gestanden hatte, wird Präsident der Föderalversammlung. Die Samtene Revolution verläuft weitgehend friedlich, weil die Sicherheitskräfte keinen umfassenden Versuch unternehmen, die alte Führung zu retten.
Auch in Bulgarien endet die jahrzehntelange Herrschaft Todor Schiwkows. Bereits am 10. November zwingt ihn die eigene Parteiführung zum Rücktritt. Der Wechsel wird zunächst innerhalb des Machtapparats organisiert. Doch auch dort entstehen oppositionelle Gruppen, die weitergehende Veränderungen verlangen.
Gewalt in Rumänien

In Rumänien nimmt der Umbruch einen anderen Verlauf. Nicolae Ceaușescu hat einen besonders repressiven Staatsapparat aufgebaut und lehnt die Reformen aus Moskau ab. Am 16. Dezember beginnen in Timișoara Proteste, nachdem die Behörden den reformierten ungarischstämmigen Pfarrer László Tőkés versetzen wollen. Sicherheitskräfte schießen auf Demonstranten.
Ceaușescu glaubt weiterhin, die Bevölkerung durch eine öffentliche Machtdemonstration einschüchtern zu können. Am 21. Dezember lässt er vor dem Gebäude des Zentralkomitees in Bukarest eine Kundgebung abhalten. Während seiner Rede werden aus der Menge plötzlich Buhrufe laut. Die Fernsehübertragung zeigt für wenige Augenblicke die Verwirrung des Diktators.
Am folgenden Tag dringen Demonstranten in das Zentrum der Hauptstadt vor. Ceaușescu und seine Frau Elena fliehen mit einem Hubschrauber vom Dach des Parteigebäudes. Teile der Armee wechseln die Seite. Nach Kämpfen in Bukarest werden beide festgenommen und am 25. Dezember von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wird unmittelbar danach vollstreckt.
Der blutige Verlauf in Rumänien zeigt erneut, dass die kommunistischen Regime nicht allein an wirtschaftlichen Problemen zerbrechen. Ceaușescu versucht, seine Herrschaft mit Waffengewalt zu verteidigen. Er scheitert, weil ihm schließlich auch Teile des eigenen Staatsapparats die Gefolgschaft verweigern. Aus Moskau erhält er keine Hilfe.
Am Ende des Jahres 1989 haben die kommunistischen Parteien in weiten Teilen Ostmitteleuropas ihre Macht verloren. Doch der Fall der Mauer beantwortet noch nicht, was aus den beiden deutschen Staaten werden soll. In der DDR stehen weiterhin Hunderttausende sowjetische Soldaten, während die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs besondere Rechte über Deutschland besitzen.
Die Grenze in Berlin ist offen. Über die Zukunft des geteilten Landes hat jedoch noch niemand entschieden. Aus dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft entsteht damit eine Frage, die Gorbatschow bei seinem Amtsantritt vermeiden wollte: Muss die Sowjetunion nun auch die DDR preisgeben – und ein vereinigtes Deutschland im westlichen Bündnis akzeptieren?
Zum Weiterlesen
Stöver, B. (2024): Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991.
Leffler, M. P. / Westad, O. A. (Hrsg.) (2010): The Cambridge History of the Cold War. Volume III: Endings.
Brown, A. (1996): The Gorbachev Factor.
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Stöver, B. (2024): Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991.*
Leffler, M. P. / Westad, O. A. (Hrsg.) (2012): The Cambridge History of the Cold War. Volume 1: Origins.*
Gaddis, J. L. (2008): Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte.*
Bildnachweis
Titel: Reagan und Gorbatschow, November 1985.
Michail Gorbatschow: RIA Novosti archive, image #850809 / Vladimir Vyatkin / CC-BY-SA 3.0.
Russischer Abzug: RIA Novosti archive, image #644461 / Yuriy Somov / CC-BY-SA 3.0.
Abbau der Mauer: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1222-016 / Grimm, Peer / CC-BY-SA 3.0.
Ceaușescu: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-1988-1117-026 / CC-BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.




