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Tertry 687 – Pippin besiegt den König

König Theuderich III. und sein Hausmeier Berchar mussten fliehen. Bei Tertry, nahe Saint-Quentin im heutigen Nordfrankreich, hatten ihre Gegner im Jahr 687 die Schlacht gewonnen. Angeführt wurden die Sieger von Pippin, einem mächtigen Adeligen aus dem östlichen Frankenreich. Mit dem Rückzug des königlichen Heeres verlor Berchar die Möglichkeit, seinem Rivalen aus eigener Kraft den Willen aufzuzwingen.

Für Pippins Familie wurde Tertry später zu einem entscheidenden Datum ihrer Geschichte. Der Sieger war der Urgroßvater Karls des Großen. Doch zunächst musste er eine unmittelbarere Aufgabe lösen: Wie ließ sich der gewonnene Krieg in dauerhafte Herrschaft verwandeln?

Ein König, mehrere Machtzentren

Das Frankenreich bestand aus mehreren Landschaften mit eigenen politischen Schwerpunkten. Im Osten lag Austrasien, zu dessen Kerngebieten die Räume an Maas, Mosel und Rhein gehörten. Neustrien erstreckte sich weiter westlich, mit bedeutenden Zentren im Seinegebiet. Burgund bildete einen weiteren Reichsteil. Die Grenzen hatten sich durch Erbteilungen und Kriege wiederholt verschoben.

Über diesen Gebieten herrschten Könige aus der Familie der Merowinger, der auch Chlodwig angehört hatte. Theuderich III. beanspruchte seit 679 das Königtum über das gesamte Frankenreich. Die Großen Austrasiens und Neustriens besaßen dennoch unterschiedliche Interessen und konkurrierten um ihren Einfluss am Hof.

Dabei spielte der Hausmeier eine Schlüsselrolle. Sein lateinischer Titel maior domus verwies auf den königlichen Haushalt. Aus der Leitung des Hofes waren jedoch weitreichende Aufgaben erwachsen: Hausmeier wirkten an der Besetzung von Ämtern mit, führten Heere und konnten den König bei Regierungsgeschäften vertreten. Wer dieses Amt bekleidete und genügend Unterstützer besaß, stand an einer entscheidenden Stelle zwischen Herrscher und Adel.

Pippins Rückhalt an der Maas

Pippin – zur Unterscheidung von seinem Großvater und seinem Enkel oft „der Mittlere“ genannt – stammte aus einer Familie mit Verbindungen zum Königshof. Seine Mutter Begga war die Tochter Pippins des Älteren, der bereits als Hausmeier in Austrasien gewirkt hatte. Sein Vater Ansegisel stammte von Arnulf, dem Bischof von Metz, ab. In Pippin verbanden sich damit zwei einflussreiche Familien.

Trotz seiner einflussreichen Herkunft musste Pippin seine Stellung erst gegen mächtige Gegner behaupten. Sein Onkel Grimoald war gestürzt worden; sein Vater wurde erschlagen. Pippin baute den politischen Rückhalt seiner Familie neu auf.

Der Legende nach: Plektrud und Pipin, Groß St. Martin, Köln

Besonders wichtig wurde dafür seine um 670 geschlossene Ehe mit Plektrud. Sie gehörte selbst zu einer führenden austrasischen Familie. Die Verbindung erschloss Pippin zusätzliche Beziehungen und stärkte seine Stellung gegenüber konkurrierenden Adeligen.

Plektrud, die Mutter seiner Söhne Drogo und Grimoald, blieb auch später an Pippins Herrschaft beteiligt. In seinen überlieferten Urkunden erscheint sie als Mitausstellerin; gemeinsam förderten sie kirchliche Einrichtungen und verfügten über Besitz. Als Pippin nach Westen zog, konnte er sich auf diesen familiären Rückhalt stützen.

Zunächst siegten die Gegner

Pippins erster großer Zusammenstoß mit dem Westen endete jedoch mit einer Niederlage. Um 680 kämpfte er gemeinsam mit dem austrasischen Großen Martin gegen Ebroin, den mächtigen neustrischen Hausmeier. Bei Lucofao, unweit von Laon, unterlagen die Austrasier. Pippin entkam; Martin wurde im Zusammenhang mit den folgenden Ereignissen getötet.

Wenig später fiel Ebroin selbst einem Mordanschlag zum Opfer. Sein Nachfolger Waratto suchte einen Ausgleich mit Pippin. Damit erhielt dieser Gelegenheit, seine Stellung im Osten zu behaupten.

Nach Warattos Tod 686 übernahm dessen Schwiegersohn Berchar das Hausmeieramt. Gegen ihn bildete sich Widerstand unter neustrischen Adeligen. Einige wandten sich an Pippin. Dieser zog daher mit Unterstützern aus beiden Reichsteilen in den bevorstehenden Krieg.

Die Entscheidung bei Tertry

Als die Heere schließlich bei Tertry aufeinandertrafen, ging es für beide Seiten um viel. Auf der einen Seite standen Pippin und seine Verbündeten, auf der anderen König Theuderich und Berchar. Für den Hausmeier ging es um die Behauptung seiner Stellung; für den König um die Machtverhältnisse am eigenen Hof.

Über den Verlauf der Schlacht wissen wir wenig. Die zeitnahen Berichte nennen den Ort und den Ausgang, beschreiben das Kampfgeschehen jedoch nur knapp. Wie viele Kämpfer auf dem Feld standen und wie die Angriffe genau verliefen, lässt sich daraus nicht zuverlässig rekonstruieren. Der genaue Tag der Schlacht bleibt unbekannt.

Fest steht der Sieg Pippins. Theuderich und Berchar zogen sich zurück, während ihr Gegner die militärische Oberhand gewann. Aus dem austrasischen Rivalen war ein Mann geworden, den auch die Großen des Westens bei ihren Entscheidungen berücksichtigen mussten.

Der König blieb

Pipin der Mittlere, Gemälde von Louis Gallait, 1872-1878

Theuderich behielt nach seiner Niederlage den Thron. Das merowingische Königtum bestand weiter, während sich Pippin Einfluss auf den Herrscher und dessen Umgebung verschaffte.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Die Merowinger verfügten über einen über Generationen gewachsenen Anspruch auf das Königtum. Auch in dieser späten Phase blieben königliche Rechtsprechung und Regierungstätigkeit bedeutsam. Das verbreitete Bild einer Reihe völlig untätiger Könige verdeckt, dass Herrscher wie Theuderich III. weiterhin mit Rechtsfragen und den Interessen der Großen befasst waren. Pippins Überlegenheit schränkte den politischen Spielraum des Königs ein; sie machte dessen Amt aber nicht überflüssig.

Sogar Berchar blieb zunächst Hausmeier. Erst nach seiner Ermordung, wahrscheinlich Ende 688, übernahm Pippin auch förmlich die führende Stellung nach dem König.

Herrschaft durch Verwandte und Verbündete

Pippin kehrte nach Austrasien zurück und ließ seine Interessen im Westen durch Vertraute vertreten. Seine Macht hing nun davon ab, dass diese Männer vor Ort Unterstützung fanden und den Zugang zum König kontrollieren konnten.

Dabei halfen Verbindungen zu den bisherigen Gegnern. Sein Sohn Drogo heiratete Adaltrud aus Berchars Familie. Eine solche Ehe band die Sieger an einen einflussreichen neustrischen Familienverband. Trotz der Niederlage verfügte Berchars Familie weiterhin über Besitz und einflussreiche Beziehungen.

In den folgenden Jahren erhielten Pippins Söhne bedeutende Aufgaben. Drogo wirkte als Herzog, Grimoald übernahm das Hausmeieramt in Neustrien. Pippin konnte dadurch aus seinem austrasischen Heimatgebiet heraus auf die Politik im Westen einwirken. Seine Familie gewann an mehreren Höfen und in verschiedenen Landschaften festen Rückhalt.

Der Weg zu Karl blieb offen

Zwischen Tertry und der Übernahme des Königtums durch Pippins Enkel lagen noch mehr als sechs Jahrzehnte. Erst 751 wurde Pippin der Jüngere König. Sein Sohn Karl sollte später das Reich erweitern und die Kaiserwürde erlangen. Aus der Rückschau erscheinen diese Schritte leicht als zusammenhängender Aufstieg einer bereits fest umrissenen Dynastie. Die Zeitgenossen von 687 konnten diesen Ausgang nicht kennen.

Wie wackelig das Erreichte blieb, zeigte Pippins Tod im Jahr 714. Plektrud wollte die Nachfolge für ihre Nachkommen sichern; Karl, Pippins Sohn aus einer anderen Verbindung, erhob ebenfalls Anspruch auf die Macht. Zugleich nutzten Gegner im Westen die Gelegenheit, sich gegen die Familie zu stellen.

Tertry hatte Pippin die Möglichkeit eröffnet, über Austrasien hinaus zu herrschen. Seine Nachfolger mussten erst beweisen, dass sie diese Stellung halten konnten.


Zum Weiterlesen

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Jussen, B. (2024): Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur.*

Rudolf Schieffer (2024): Die Karolinger.*

Karl Ubl (2024): Die Karolinger: Herrscher und Reich.*

Scholz, S. (2015): Die Merowinger.*

Bildnachweis

Titel: Pippin von Herstal nach der Schlacht bei Tertry im Jahr 687. Jean Michel Moreau, 1790.

Groß St. Martin: Wikimedia Commons, Elke Wetzig (Elya). CC BY-SA 3.0.

Karte: Wikimedia Commons, Sémhur. CC BY-SA 3.0.

Alle Bilder gemeinfrei.

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