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Ötzi – der letzte Weg des Mannes aus dem Eis

Am 19. September 1991 stießen Erika und Helmut Simon beim Abstieg vom Tisenjoch auf einen menschlichen Körper. Hinterkopf und Rücken ragten aus dem schmelzenden Eis, der übrige Leib lag in einer Felsmulde. Zunächst hielten die Beteiligten den Toten für einen verunglückten Bergsteiger. Erst nach der Bergung erkannte der Innsbrucker Prähistoriker Konrad Spindler das kupferzeitliche Beil und damit das wahre Alter des Fundes.

Der Mann war zwischen 3368 und 3108 vor Christus gestorben. Mehr als fünf Jahrtausende später erlaubten sein Körper und seine Ausrüstung einen ungewöhnlich genauen Blick auf das Leben in den Alpen am Ende der Jungsteinzeit.

Eine Bergung mit Folgen

Weil niemand die Bedeutung des Fundes erkannt hatte, versuchten Helfer zunächst, den festgefrorenen Körper mit Skistöcken und Eispickeln zu lösen. Später kam auch ein Druckluftgerät zum Einsatz. Dabei beschädigten sie Ötzis Hüfte. Auch Kleidungsstücke und Teile der Ausrüstung nahmen bei der unsachgemäßen Bergung Schaden. Beim anschließenden Einsargen wurde außerdem ein Arm der Mumie gebrochen.

Rekonstruktion im Prähistorischen Museum der Verdonschluchten

Der Fundort führte ebenfalls zu Unklarheiten. Er lag nahe der Grenze zwischen Österreich und Italien. Eine Vermessung ergab schließlich, dass sich die Felsmulde 92,55 Meter innerhalb des italienischen Staatsgebiets befand. Ötzi kam deshalb nach Südtirol und wird heute im Archäologiemuseum in Bozen aufbewahrt.

Der heiße Sommer des Jahres 1991 hatte ihn freigegeben. Lange nahm man an, der Körper sei unmittelbar nach dem Tod dauerhaft im Eis eingeschlossen worden. Neuere Untersuchungen zeichnen ein komplizierteres Bild: Die Mumie lag zeitweise in Schmelzwasser und taute während warmer Sommer vermutlich mehrfach auf. Die geschützte Mulde bewahrte sie dennoch vor dem Druck eines fließenden Gletschers.

Ein Mann für das Hochgebirge

Rekonstruktion der Kleidung

Ötzi war bei seinem Tod wahrscheinlich etwa 45 Jahre alt und ungefähr 1,60 Meter groß. Seine Kleidung war sorgfältig an das Gebirge angepasst. Er trug Beinlinge aus Ziegenfell und einen Lendenschurz. Darüber lag eine Felljacke. Seine Schuhe bestanden aus einer ledernen Außenschicht und einem Geflecht, das mit trockenem Gras ausgestopft war. Eine Mütze aus Braunbärenfell schützte den Kopf.

Zu seiner Ausrüstung gehörten ein Dolch aus Feuerstein und ein noch nicht fertiggestellter Bogen. In seinem Köcher lagen vierzehn Pfeile, von denen jedoch nur zwei gebrauchsfertig waren. Besonders wertvoll war das vollständig erhaltene Kupferbeil. Seine Klinge bestand fast vollständig aus Kupfer, dessen Erz vermutlich aus der südlichen Toskana stammte. Der Feuerstein des Dolches kam dagegen aus den Monti Lessini östlich des Gardasees. Diese Gegenstände zeigen, über welche Entfernungen Materialien bereits in der Kupferzeit weitergegeben wurden.

Ötzi führte außerdem Geräte zum Entfachen eines Feuers mit sich. In einem Behälter aus Birkenrinde transportierte er wahrscheinlich glühende Holzkohle. Zwei Birkenporlinge könnten als Heilmittel gedient haben. Der Mann war also nicht unvorbereitet in das Hochgebirge aufgebrochen.

Die letzten Stunden

Pollen und Speisereste geben Hinweise auf Ötzis letzten Weg. In den Tagen vor seinem Tod bewegte er sich zwischen verschiedenen Höhenlagen. Zunächst hielt er sich nahe der damaligen Baumgrenze auf. Danach stieg er in ein tiefer gelegenes Tal ab und kehrte anschließend in Richtung Tisenjoch zurück. Wenige Stunden vor seinem Tod erreichte er erneut das Hochgebirge.

Etwa eine Stunde vor seinem Ende nahm er eine reichhaltige Mahlzeit zu sich. In seinem Magen fanden Forscher unter anderem Fleisch vom Alpensteinbock. Dieser Befund passt nicht zu der älteren Vorstellung, Ötzi sei ohne Unterbrechung vor Verfolgern geflohen. Offenbar fühlte er sich sicher genug für eine Rast.

Ganz ohne vorausgehende Gewalt verlief sein letzter Weg jedoch nicht. Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand klaffte eine tiefe, noch nicht verheilte Wunde. Sie war zu Lebzeiten entstanden, wahrscheinlich wenige Tage vor seinem Tod. Möglicherweise hatte Ötzi sie in einem Nahkampf erlitten; aber eindeutig als Abwehrverletzung bestimmen lässt sie sich nicht.

Eine ähnliche Pfeilspitze durchbohrte Ötzis Schulterblatt

Dann traf ihn von hinten ein Pfeil in die linke Schulter. Die Spitze blieb zwischen Brustkorb und Schulterblatt stecken. Untersuchungen weisen auf eine Verletzung der linken Schlüsselbeinarterie hin. Auch eine Beschädigung des Schulterblatts lässt sich mit der rekonstruierten Flugbahn vereinbaren. Der Schaft fehlte, während die Spitze im Körper zurückblieb.

Wie schnell Ötzi an dieser Verletzung starb, ist inzwischen wieder umstritten. Lange galt ein rascher Tod durch starken Blutverlust als wahrscheinlich. Neuere Rekonstruktionen lassen jedoch auch eine Überlebenszeit von mehreren Stunden zu. Ob zusätzlich eine schwere Kopfverletzung zu seinem Tod beitrug, bleibt ebenfalls unsicher.

Ein gewöhnlicher Raubüberfall erscheint zumindest fraglich: Das kostbare Kupferbeil blieb bei dem Toten. Der Mann aus dem Eis erzählt daher keine vollständig rekonstruierbare Mordgeschichte. Sein Körper bewahrt einzelne Spuren eines Weges, dessen Ausgang feststeht, während Anlass und Beteiligte nach mehr als fünftausend Jahren verborgen bleiben.


Zum Weiterlesen

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Scharl, S. (2021): Jungsteinzeit: Wie die Menschen sesshaft wurden.*

Fleckinger, A. (2018): Ötzi, der Mann aus dem Eis: Alles Wissenswerte zum Nachschlagen und Staunen.*

Bildnachweis

Titel: Fundstelle Ötzi. Wikimedia Commons, Mai-Sachme. CC BY-SA 4.0.

Rekonstruktion Ötzi: Wikimedia Commons, 120. CC BY-SA 3.0.

Rekonstruktion Kleidung. Wikimedia Commons, Wolfgang Sauber. CC BY-SA 3.0.

Pfeilspitze: Wikimedia Commons, Traitor. CC BY-SA 3.0.

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